Angelika Sauerer Ohne Rand

nr. sieben: Ostern 2017

Hahn ist Trumpf, Hahn ist Trump

Die Welt war schon immer eine Art Hühnerstall mit Hackordnung, einer Menge Mist – und rivalisierenden Streithähnen.

Wenn man über einen Mann sagt, er sei ein Gockel, dann ist das nicht unbedingt ein Kompliment. Gleichwohl darf er sich bei dieser Zuschreibung darüber freuen, dass man ihm Manneskraft und Kampfgeist zutraut sowie ein gewisses Gespür für das Anbrechen eines neuen Tages – was man in der Menschenwelt vielleicht mit dem Instinkt für künftige Tendenzen übersetzen könnte. Dennoch überwiegt das Lächerliche. Da stolziert er auf seinem Misthaufen herum, kräht sein in Zeiten digitaler Weckrufe herzlich nutzloses Kikeriki und umgarnt die Hühnerschar, sofern sie ihn lässt. Denn bekanntlich haben dabei die mächtigen Althennen auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Auch im Arbeitsalltag soll es sie geben.

Gockel gibt es wirklich überall. Nicht nur am Strand oder im Schwimmbad, wo Muskelfleisch und Bräunungsfaktor beinahe eine so wichtige Rolle spielen wie auf dem Gockerlgrill. Man begegnet ihnen in Clubs und Bars, langweilt sich bei ihren selbstverliebten Mannologen zu Tode und verdreht angesichts prahlerischer Kavalierstarts die Augen. Und ja: Auch im Arbeitsalltag soll es sie geben.

Ein Blick in die Vergangenheit beweist: Neu ist das nicht. Die Welt war schon immer eine Art Hühnerstall mit Hackordnung, einer Menge Mist, gackerndem Fußvolk und rivalisierenden Streithähnen. Gekrönte Häupter – ein Schelm, wer angesichts der Zacken ihrer Kronen an einen Hahnenkamm denkt – fielen quer durch die Geschichte durch narzisstisches, sexistisches, machthungriges, arrogantes, angeberisches und ausschweifendes Verhalten auf. 

Heinrich Viii  Kopie Nach Einem Gemaelde Von Hans Holbein Chatsworth House England
Der englische König Heinrich VIII. nach einem Gemälde von Hans Holbein d. J.

Unerreichte Maßstäbe setzte etwa der englische König Heinrich VIII. (1491-1547), anfangs noch ein hübscher Pfau und Schöngeist, später ein Fettwanst, der sechs Frauen ehelichte, von denen er zwei in die Wüste schickte und zwei köpfen ließ. 

Oder Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. (1638-1715), der als Ziel seiner Herrschaft nicht etwa das Wohl seines Volkes im Sinn hatte, sondern das „Verlangen nach Ruhm“. Und freilich auch nach Frauen und Mätressen: Er hatte sechs legitime Kinder mit Königin Maria Theresia, vier illegitime Kinder mit Mademoiselle de La Vallière, sechs mit Madame de Montespan sowie einen Sohn mit Mademoiselle de Fontanges.

Mätressen und Hermelin wie ein kostbares Gefieder

Ludwig Xiv Im Kroenungsornat Portraet Von Hyacinthe Rigaud 1701
Der französische König Ludwig XIV. im Krönungsornat auf einem Gemälde von Hyacinthe Rigaud

Auf dem berühmten Porträt des Malers Hyacinthe Rigaud ist sein Hermelinmantel wie ein kostbares Gefieder um ihn drapiert, Absätze an den Schnallenschuhen lassen ihn größer wirken und die hoch auffrisierte Perücke – eine Art Fake-Hahnenkamm – verdeckt den haarlosen Schädel.
Man kann monarchische und demokratische Potentaten natürlich nicht über einen Kamm scheren. Die einen wurden in die Machtfülle mehr oder weniger hineingeboren, und wenn nicht, haben sie sich, nicht selten mit roher Gewalt, hineinintrigiert. Die anderen brauchen zumindest zu Beginn ihrer Karriere ein Volk, das ihnen zur Macht verhilft. Obwohl es fraglos von fragwürdigem Renommée ist, ausgerechnet einem selbstverliebten Typen, der schneidig mit seinen sichelförmigen Schwanzfedern wippt und den sorgsam toupierten Kamm aufstellt, hinterherzulaufen, gibt es sie, die Fans des Gockels. Was wäre der Gockel ohne seine Groupies – Männlein wie Weiblein? Auch nicht besser als ein Suppenhuhn. Dank deren Verblendung schaffen es in der geopolitischen Landschaft immer wieder mal Hähne in freien Wahlen ans Ruder.

Die tolle Tolle als Hahnenkamm und das Kleingedruckte

Aktuelle Kandidaten wie Putin, Trump, Erdogan oder auch Orban sind neben den absolutistischen Herrschern der Vergangenheit (noch) Waisenknaben – Verfassungsänderungen und Dekrete hin oder her. Aber frisurtechnisch hält zumindest der US-amerikanische Präsident locker mit den historischen Hähnen mit. Obwohl die tolle Tolle wie ein angegilbter Mottenfiffi aussieht, soll die Haarpracht tatsächlich echt sein. Leibarzt Dr. Harold Bornstein verriet der „New York Times“, dass Donald Trump täglich Finasterid zu sich nehme. Das Mittel wirke gegen genetisch bedingten Haarausfall. Im Kleingedruckten erfährt man, dass es als Nebenwirkung die Libido mindern und die Potenz stören könne. Das ist keine gute Nachricht für einen aktiven Hahn, der sich gerne seiner Frauengeschichten rühmt. Umso mehr muss er krähen.

Das Erstaunliche ist der Erfolg, den er bisher damit hat. Dem Journalisten und Autor Timothy O’Brien sagte er: „Alle lieben sie mich, alle küssen meinen A… Und dann gehen sie alle und sagen: ‚Ist er nicht schrecklich?‘ Aber ich bin der König.“ Einer, der sich jede Art von Geschmacklosigkeit leisten kann. Seine Kontrahentin Hillary Clinton hat er in einem blutig geführten Hahnenkampf, einer Schlammschlacht sondergleichen, besiegt. Im April 2015 ließ er seine Leute die Partie um den obersten Posten der Vereinigten Staaten mit einem unsäglichen Tweet eröffnen: „Wenn Hillary nicht mal ihren Mann befriedigen kann – wie soll sie dann Amerika befriedigen?“ Kritik perlt an ihm ab, wie der Regen an einem gut gepflegten Gefieder. „Dieses Land hat das Problem, dass es politisch korrekt ist. Ich habe keine Zeit für totale politische Korrektheit.“

Trump Karikatur von Lagerfeld
Modeschöpfer Karl Lagerfeld zeichnete im April 2016 diese Karikatur für das Frankfurter Allgemeine Magazin. Sie zeigt Donald Trump, die deutsche AfD-Vorsitzende Frauke Petry und Trumps Ehefrau Melania Trump. Foto: dpa

Narzissmus lautet an dieser Stelle gern die Ferndiagnose von Psychologen. In der Tat schadet eine gewisse Portion Selbstliebe nicht, egal, ob man nun eine Hühnerschar unter sich beglücken oder ein Land führen möchte. Damit einem andere etwas zutrauen, muss man es sich erst mal selbst zutrauen. Ist die Dosis an Egozentrizität, Eigensucht, Empfindlichkeit, Empathiemangel und Entwertung anderer hingegen zu hoch, spricht man von einer Störung. In welche Richtung sich Trump auf dieser Skala bewegen werde, sei noch nicht ganz klar, meint der Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe Reinhard Haller in der SZ. Er schreibt allerdings: „Narzisstisches Gehabe gilt heute nicht mehr als krank. Oft ist es ärgerlich und lächerlich, aber nicht wirklich gefährlich.“ In Bezug auf Trump trifft das hoffentlich zu. 

„Ausgeprägte Narzissten wie Trump können sehr charismatisch sein, aber früher oder später verlieren die Menschen an ihnen das Interesse.“ Dan P. McAdams, Psychologe und Autor

In seinem Stall bremst immer noch eine wehrhafte Demokratie despotische Ambitionen – anders als vielleicht in der Türkei oder in Russland. Hallers US-Kollege Dan P. McAdams meint: „Ausgeprägte Narzissten wie Trump können sehr charismatisch sein, aber früher oder später verlieren die Menschen an ihnen das Interesse.“

Ein paar Federn hat Donald Trump ja schon gelassen im Kampf um sein restriktives Einwanderungsgesetz. Die Mühlen des Jobs sind halt nicht sein Ding, er liebt die Jagd: Zeit, seine Sporen anderswo einzusetzen. Die aus der Hüfte geschossene Strafaktion gegen Assads Giftgasangriff wurde von politischen Gegnern beklatscht – Balsam auf die Seele eines empfindlich großen Egos. Die eigene Schar war freilich düpiert, sie möchte die USA lieber abschotten, als draußen den Revolverhelden zu spielen. Insofern macht sich Ernüchterung und Entzauberung breit – und die Erkenntnis, dass Trumps Kikeriki „America first“ eigentlich schon immer ein „Me first“ war.

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Die Autorin hat ein gewisses Faible für zwei ganz bestimmte Hähne. Den Gallischen Hahn – Frankreichs Wappentier – mag sie wegen seiner revolutionären Gesinnung. Den Gallo Nero hingegen schätzt sie als Allegorie des Chianti Classico – und als Riserva im Glas.

Illustration: Barbara Stefan // Fotos: dpa, Wikipedia 

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