Hein Klein Ohne Rand

nr. sieben: Ostern 2017

Der Chef auf dem Mist hat Stress

Auch Hähne haben’s schwer, seit die Hühner dauernd Eier legen müssen: Sie müssen immerzu gockeln. Das Psychogramm eines Machos

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Weckruf am Morgen: Mit dem ersten Strahl der Morgensonne krähen die Hähne aus Leibeskräften. Foto: dpa

Das waren vielleicht noch Zeiten, damals, als man bis etwa 600 vor Christus noch in Ruhe ausschlafen konnte. Doch dann brachten reisende Händler die Hühner über die Alpen und ab sofort war Schluss mit der Ruhe nach Sonnenaufgang. Mit dem ersten Strahl der Morgensonne krähten nun die Hähne aus Leibeskräften. Dafür gab es nun immerhin Hühnereier – und davon immer mehr, weil man den Hühnern ständig klaute, was sie gerade gelegt hatten. Die Ärmsten mussten ein Nachgelege nach dem anderen produzieren, was für das Huhn ein Riesenstress ist. Für den Hahn aber auch, wie uns Dr. Hansjörg Wunderer, der Chef des Naturkundemuseums und wissenschaftliche Berater für diese Geschichte, verriet.

Die Wildform unserer Haushühner ist das Bankiva Huhn, das seit jeher in den tropischen Wäldern Südostasiens herumgackerte, bis der Mensch ab etwa 6000 vor Christus begann, diesen Vogel zu domestizieren. Etwa 4000 Jahre später kamen die Hühner über die Seidenstraße in den Orient und zur Eisenzeit waren sie schließlich bei uns.

Der Mensch und das Huhn – das ist also eine Jahrtausende Jahre alte Erfolgsgeschichte, die uns energiespendendes Eiweiß und womöglich erhöhte Cholesterinwerte einbrachte und dem Huhn ein überwiegend erbärmliches Leben in industrieller Massentierhaltung. Aber vielleicht wird ja doch noch alles gut.

​Nach der Balzerei zog sich der Hahn ein Ruhekleid an

Die Zeiten werden einfach immer stressiger. Bei den Hennen ist das schon lange so. Früher waren sie mit einem Gelege von fünf bis zwölf Eiern durchaus zufrieden, brüteten diese aus und passten alleinerziehend auf ihre Kükenschar auf, weil der Hahn sich um Wichtigeres kümmern muss. Er hat als Chef eines Harems von bis zu drei Dutzend Hühnern der Schönste, Größte und Stärkste zu sein, sonst wirft ihn womöglich ein Nebenbuhler vom Misthaufen.

Was tut man da nicht alles? Man lässt sich bunte und möglichst lange Federn wachsen, bläst und plustert sich auf, was das Zeug hält und lässt als Kopfschmuck den Kamm und den Kehlsack schwellen. Dazu muss viel Blut in diese Balzorgane gepumpt werden, was sie so beeindruckend schön rot färbt.

„Seit der permanenten Eierlegerei kommt der Hahn gar nicht mehr aus seinem Balzgwandl raus." Dr. Hansjörg Wunderer, Ornithologe und Leiter des Naturkundemuseums Ostbayern

So kennen wir den Hahn, doch eigentlich ginge es auch anders. Wenn bei den Bankiva-Hühnern die Eier gelegt waren und die Balzerei eine Ende hatte, zog sich der Hahn nach der Mauser (dem Wechsel des Federkleids) ein unspektakuläres Ruhekleid an und ließ die ganze Protzerei sein. Das machte ihn farblich weniger auffällig und erhöhte damit seine Überlebenschancen in freier Wildbahn. Doch seit wir Menschen den Hennen fortwährend die Eier klauen und die ständig neue legen müssen, hört auch für den Hahn der Balzstress nicht mehr auf. „Seit der permanenten Eierlegerei kommt der Hahn gar nicht mehr aus seinem Balzgwandl raus“, bedauert Dr. Wunderer mit einer Spur von Mitgefühl. Der Gute muss das ganze Jahr über weitergockeln und würde den Kraftverschleiß am Ende mit einem früheren Tod bezahlen, wenn man es dazu kommen ließe. Doch beim modernen Gockel ist ja ohnehin nach 30 Tagen Schluss. Dann verwandelt sich das Masthähnchen in ein Brathähnchen oder schlimmstenfalls in einen panierten, formlosen und anonymen Fleischklumpen, der sich Chicken Nugget nennt.

​Der Chicken-CEO macht Eindruck

Als Chef am althergebrachten Hühnerhof musste der Hahn schon in aller Herrgottsfrüh aus Gründen der Revierverteidigung klarstellen, dass er der Höchste ist – sozusagen der CCEO (Chicken Chief Executive Officer). Dazu stieg der Hahn auf den höchsten verfügbaren Punkt des Hofs (in der Regel der Misthaufen), schlug mit den Flügeln, hüpfte mit einem Flugsprung sogar noch in die Höhe und ließ ein kräftiges Kikeriki erschallen.

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Der höchste verfügbare Punkt des Hof (meistens der Misthaufen) gehört dem Chef. Foto: dpa

Damit war alles gesagt, pardon, gekräht. Die Menschen des Mittelalters reichten dagegen keine Klage wegen Ruhestörung bei Gericht ein, wie das heutzutage der Fall ist. Ihnen war früher das Krähen sogar ganz recht. Denn sie waren abergläubisch und hatten Bammel vor Geistern, die nachts ihr Unwesen trieben und erst verschwanden, wenn der Tag anbrach. Somit galt der Hahn schon bei den alten Persern als heiliges Tier, das die Dämonen vertreibt und auch hierzulande ist er ein Wappentier, das Unglück fern hält und als Wetterhahn das Haus schützt. Die alten Römer verehrten den Hahn sogar als heiliges Tier der Göttin Minerva, die zuständig für Licht und Sonne war. Andererseits ging es dem Hahn an den Kragen, wenn die Römer überlegten, ob sie mal wieder Krieg anzetteln sollten. Bevor sie in die Schlacht zogen, wurde nämlich das Hühnerorakel befragt. Man glaubte, dass sich aus dem Gedärm eines Hahns lesen ließe, wie das Kriegstreiben ausgehen würde. Für den Hahn ging es jedenfalls immer schlecht aus.

Wenn am Hühnerhof die Küken geschlüpft sind, wachsen etwa gleich viele Hennen und Hähne heran. Solange die Jungs noch in ihrem Jugendkleid stecken, ist alles bestens. Wenn sie später dann die Erwachsenenfedern tragen, gibt es Zoff mit dem Chef. Die Junghähne müssen sich entweder aus dem Staub machen oder sich einem Schaukampf stellen.

Mit Köpfchen abhauen oder mit geschwollenem Kamm kämpfen

Es ist ein ritualisierter Kommentkampf, der berührungslos nach festgelegten Regeln abläuft. Beide Streithähne plustern sich auf, spreizen die sichelförmigen Oberschwanzfedern (und denken wahrscheinlich: „Ach wäre ich doch ein Pfau“). Man macht sich halt so groß, wie man kann und mit ein bisschen Köpfchen erkennt der Kleinere, dass der andere der Größere ist und macht auf der Kralle kehrt. Falls diese Einsicht ausbleibt, muss die Geschichte mit Schnabel und Sporn ausgetragen werden, was durchaus Verletzungen zur Folge haben kann. Bevor es so weit kommt, greift aber in der Regel der Mensch ein, nimmt die überzähligen und überflüssigen Hähne aus dem Rennen und verwandelt sie in Brathendl.

Inzwischen sind die Aussichten für Hähnchen, sofern sie einer Zucht von Turbo-Legehennen entstammen, aber völlig aussichtslos geworden. Sie sterben, als männliches Küken identifiziert und damit als nicht sachdienliches Leben gebrandmarkt, gleich nach dem Schlüpfen den Tod im Gas. Da könnte einem doch sogar als Mensch vor Empörung der Kamm schwellen.

Was nun das Gegockel betrifft, muss man einräumen, dass sich die Menschenmännchen durchaus einiges vom Hahn abschauen. Schließlich sind sie ja auch am liebsten ein „Hahn im Korb“ und plustern sich dann bedeutungsvoll auf. Nur der Misthaufen als Ort der Erhöhung muss beim menschlichen Gockeln ersetzt werden – am liebsten durch einen flotten Schlitten oder ein Cabrio. Und mal ganz ehrlich: Hat die derzeitige Männerfrisur, der Undercut – seitlich rasiert, oben buschig, nicht echt was von einem geschwollenen Kamm?

Heinz Klein

Der Autor Heinz Klein liebt Hühner – zugegebenermaßen am liebsten mit Kapern und Anchovis in Tomatensugo. Was er aber nicht liebt, ist Massentierhaltung – und gockelhaftes Machogehabe. So ist er hin- und hergerissen zwischen Unverständnis, Mitgefühl und Appetit.

Illustration: Barbara Stefan // Fotos: dpa

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Ruhe nach der Balz Der Chicken-CEO Abhauen oder kämpfen
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