Wolfgang Ziegler Ohne Rand

nr. sieben: Ostern 2017

Auf Leben und Tod

Hahnenkampf in der kubanischen Provinz: Immer sonntags schlägt die Stunde der „Gladiatoren“. Dann müssen auch die Campesinos Federn lassen.

Auch die Grausamkeit entbehrt nicht einer gewissen Ästhetik. Hoch erhobenen Hauptes und aufgeblasen ist er gerade noch durch die Arena stolziert, hat sich selbstsicher mit geschwollenem Kamm den grölenden Campesinos gezeigt und dabei die Klingen an seinen Füßen blitzen lassen. Keine 40 Sekunden später liegt er zusammengesackt in seinem eigenen Blut wie ein in die Ecke geworfener Putzlappen. Der Kampfhahn von Miguel, dem er den Namen „Fidelito“ gegeben hatte, ist jetzt gar nicht mehr fidel. Miguel schüttelt ungläubig den Kopf, als der Schiedsrichter den Hahn noch einmal in die Höhe hebt, ihn schüttelt, um seinen Tod festzustellen und ihn wieder fallen lässt. „Roto“, sagt er – kaputt.

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Es sieht brutal aus - und es ist es auch: Der Kampf liegt dem Hahn im Blut. Foto: dpa

Hier in der kubanischen Provinz Pinar del Río, 200 Kilometer westlich der Hauptstadt Havanna, wo der beste Tabak der Welt wächst, die Landarbeiter ein karges Leben führen und außer Rum und Rauch nur wenig Ablenkung haben, hat auf den Fincas der Hahnenkampf überlebt – obwohl er offiziell verboten ist. Immer sonntags, wenn man der Arbeit noch gemächlicher nachgeht als sonst, trifft man sich – nachmittags, mit seinen Hähnen, jedes Mal auf einem anderen Bauernhof, um die Obrigkeit nicht unnötig auf sich aufmerksam zu machen.

Heute ist wieder einmal das Anwesen eines landesweit bekannten Tabakpflanzers in dem Dörfchen Alquízar der Schauplatz der „pelea de gallos“, der „Keilerei der Hähne“. Dort ist man auf das Spektakel bestens vorbereitet: Es gibt eine kleine, von allen Seiten geschlossene Manege, um die herum drei Bankreihen unterschiedlicher Höhe gezimmert wurden, die von jedem Platz aus beste Sicht gewähren sollen und die der Szenerie noch mehr Arena-Charakter verleihen.

​Wie Kampfhähne die Witterung des Kontrahenten aufnehmen

Die ersten Besucher haben bereits Platz genommen, als die Galleros, die mindestens ebenso stolz sind wie ihre Hähne, die gefiederten „Gladiatoren“ präsentieren, auf den Kampf vorbereiten und ihre Angriffslust stimulieren. Das geschieht dadurch, dass die Tiere mit zwei Händen gefasst und wiederholt mit Schwung bis auf Schnabelabstand an den Kopf des gegnerischen Hahns herangeführt werden, als sollten sie die Witterung dessen aufnehmen, den sie wenig später töten sollen.

Juanito fungiert derweil als Buchmacher und nimmt Wetten entgegen. Die Campesinos setzen in bescheidenem Rahmen, wenige Pesos gehen von Hand zu Hand. Schließlich verdienen sie nicht mehr als umgerechnet 15 Euro pro Monat, was ohnehin zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben ist. Aber vielleicht hat man heute „buena suerte“, etwas Glück also, und holt wenigstens ein bisschen mehr als seinen Einsatz raus. „Vamos a ver, cruza los dedos“, sagt Rodolfo und schaut flehentlich – „wir werden sehen, drück mir die Daumen“.

„Beleidigst Du die Freundin eines Kubaners, droht er Dir Prügel an. Krümmst Du seinem Hahn nur eine Feder, bringt er Dich sofort um.“

Die Wetten in den Arenen sind nicht so alt wie der Hahnenkampf selbst, inzwischen aber weltweit fester Bestandteil des Rituals. Das geht angeblich bis auf das Jahr 1000 v. Chr. zurück, als der Brauch, Hähne aufeinander loszulassen, über Indien nach Europa kam. In seinem 50 v. Chr. verfassten Bericht „De Bello Gallico“ (dt. „Über den Gallischen Krieg“) schreibt Julius Cäsar jedenfalls gesichert von Hähnen, die den römischen überlegen sind. Britische Kolonisten machten die „Cockfights“ später zu einem beliebten Wettsport, bei dem in der Vergangenheit nicht nur Monatslöhne, sondern sogar Häuser und ganze Ländereien verspielt wurden.

Von den Wetteinsätzen profitieren natürlich auch die Züchter. Zumindest wenn ihre Hähne das Feld siegreich verlassen, lohnt sich für sie das Geschäft. Auch deshalb werden die „Gallos“ in Kuba von ihren Besitzern gehegt und gepflegt. Und auch deshalb sagt man: „Beleidigst Du die Freundin eines Kubaners, droht er Dir Prügel an. Krümmst Du seinem Hahn nur eine Feder, bringt er Dich sofort um.“

Der Kampfinstinkt ist ein Urtrieb

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Für den Kampf werden dem Hahn die Sporen angelegt. Foto: dpa

Mit keinem großen Aufwand ist die Haltung der Hähne verbunden. Sie werden zwar einzeln unter mobile Mini-Volieren gesteckt, die an große, umgedrehte Wäschekörbe erinnern, und bekommen spezielles Kraftfutter, das das Muskelwachstum fördert und die Fettbildung verhindert, aber darüber hinaus brauchen selbst die besten Kämpfer wenig Zuwendung. Auch ein Training ist überflüssig, weil der Kampfinstinkt eines Hahns ein Urtrieb ist. Bringt man zwei Hähne aus unterschiedlichen Ställen zusammen, werden sie sich sofort anspringen.
Nur kurz bevor im Staub der Arena das Lied vom Tod gespielt wird, haben die Galleros, wie sie in Kuba genannt werden, noch einmal Arbeit mit dem Federvieh – wenn es seine Sporen bekommt und an Beinen, Bauch und Rücken geschoren wird.

Ziegler

Bei den Recherchen zu seinen Reisebüchern über Kuba ist der Autor Wolfgang Ziegler in der westlichen Provinz Pinar del Río zufällig über einen Hahnenkampf gestolpert, als er eine Tabak-Plantage besuchte. Er blieb stehen und erlebte eine Mischung aus Schauder, Abscheu und Mitleid.

Illustration: Barbara Stefan // Fotos: dpa

Kapitel
Witterung aufnehmen Den Kampf im Blut
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