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Zwischen Krippe und Bühne

Christine und Raimund Pöllmann aus Schwandorf gestalten für ihre Marionetten und Krippenfiguren Szenen, in denen Sein und Schein verschwimmen. Sie zieht die Körper an, er schnitzt ihre Köpfe und baut die Bühnen.

Neben dem Guckkasten ein Schild mit Schnörkelschrift: „Bitte beachten Sie die Krippe. Künstlerische Gestaltung: Herr und Frau Pöllmann.“ Herr Pöllmann, in Röhrenjeans, dickem Pulli, Schal, mit fransigen Haaren und Charakternase, schüttelt den Kopf. Er hätte das nie aufgehängt. Aber es ist halt mal da. Seit Jahrzehnten. Daumen auf den Schalter, klack, das Licht geht an. Warm umspielt es Marias Gesicht, wandert über ihren gedehnten Nacken, streift den Josef, der sterbend auf seinem Lager liegt und verharrt in den weit geöffneten Augen des Jesus. Zart berühren Marias Finger die Hände des Joseph und der Hintergrund versinkt im Schatten. Klack, das Licht geht aus.

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Christine und Raimund Pöllmann Foto: Sabine Franzl

Unter einer Krippe verstehen die meisten Maria und Joseph mit dem Jesuskind im Stall. Doch es gibt übers Jahr verteilt zahlreiche Motive aus dem Leben der Heiligen Familie, die in Jahreskrippen dargestellt werden. Das ist die Welt von Christine und Raimund Pöllmann aus Schwandorf. Eine Welt im Guckkasten, in der alles möglich ist zwischen Tod und Geburt. Er ist der Regisseur, sie die Kostümbildnerin. Ihre Krippen sind Bühnen – nicht viel anders als ihr Marionettentheater in der Schwandorfer Kebbel-Villa, 2015 mit dem Oberpfälzer Kulturpreis ausgezeichnet. Hier liefert die Bibel den Stoff, dort sind es Turrini, Preußler, Shakespeare, Pocci, Molière und so weiter.

Klappe, die erste, in der Kirche. Die schwere Holztür fällt ins Schloss, Frater Martin dreht den Schlüssel rum. So machen sie es immer, seit 1975. Beim Aufstellen wollen sie ihre Ruhe. Christine Pöllmann: „Wir kommen in der Nacht und gehen in der Nacht.“ Still und kalt ist es im Vorraum der Karmelitenkirche St. Joseph am Regensburger Kornmarkt. 

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    Hinter den Kulissen der Krippe in der Regensburger Karmelitenkirche St. Joseph Foto: Sabine Franzl
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    Krippenpersonalwechsel in St. Joseph Foto: Sabine Franzl
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    Auf dieser Kirchenbank wurden schon die Kinder der Pöllmanns gewickelt. Foto: Sabine Franzl
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    Frater Martin bringt Duplos zum Naschen. Foto: Sabine Franzl
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    Die Maria sperrt sich und der Jesus wackelt. Aber Raimund Pöllmann gibt nicht auf. Foto: Sabine Franzl

Raimund Pöllmann öffnet die Tür-hohe Front der Krippe, während seine Frau auf der Kirchenbank die Kisten auspackt. „Da sind schon unsere Buben gewickelt worden.“ Hinter der Abdeckung herrscht ein Durcheinander: Kabel, Schachteln, Werkzeuge. Die Technik stammt aus den 70ern. Unverwüstlich. Raimund Pöllmann räumt die Krippe aus. Den Bau trägt er hinunter ins Materiallager, vorbei am Nachwasser-Tank vom Karmelitengeist, hinunter in die Katakomben. Zielsicher wählt er aus dem riesigen Fundus neue Teile aus. „Da muss man sich auskennen, wenn’s uns nimmer gibt.“

Ein Advent wie eine Rallye

Raimund Pöllmann ist 79, seine Frau 66. Sie waren kaum ein Jahr verheiratet, als Frater Martin, jetzt 89, sie fragte, ob sie sich um die Krippe in St. Joseph kümmern würden. Es kamen weitere hinzu: Karmelitenkloster Kreuzberg in Schwandorf, seit 1979, erst nur Weihnachten, dann Jahreskrippe. Fast zeitgleich übernahmen sie die Betreuung der Krippe der Karmeliter in Reisach, einfache Fahrt: 250 Kilometer. Dargestellt wird nur der Weihnachtskreis. Die Barockfiguren haben die Pöllmanns restauriert. Vor 2000 begannen sie mit der Weihnachtskrippe in der Ettmannsdorfer Kirche St. Konrad und nach 2000 in der Regensburger Neupfarrkirche mit schlichten, „protestantischen“ Pöllmann-Figuren. Advent ist für das Paar wie eine Rallye. Von Krippe zu Krippe, von Vorstellung zu Vorstellung. Vier-, fünfmal fahren sie allein die weite Strecke nach Reisach. Und erinnern sich: „Da haben unsere Buben das Treppensteigen gelernt.“ Hinzu kommt das Marionettenspiel, jedes Jahr ein Kinder- und ein Erwachsenenstück, seit 40 Jahren. Aber es hilft nichts. Im Advent sind die Leute empfänglich für das Theater der Pöllmanns, egal ob auf der Bühne oder in der Krippe.

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„Da muss man sich auskennen, wenn’s uns nimmer gibt", sagt Raimund Pöllmann in den Katakomben der Karmelitenkirche. Foto: Sabine Franzl

Klappe, die zweite, vor der Krippe. „Wenn der Bau steht, ist es geschafft. Die Figuren sind nicht schlimm“, sagt Raimund Pöllmann, während er die Wände aufstellt. So kann man sich täuschen. Die Maria sperrt sich, der Jesus wackelt und der Pöllmann hadert. Er steckt mit Kopf und Händen in der Krippe. Hinter ihm seine Frau, abwartender Blick über den Brillenrand. Sie langt in die Schachtel und reicht dem Chef das Klebwachs – „was Besseres gibt’s nicht“ – , wie immer noch bevor er es bestellt. Erhobener Zeigefinger. „Bleibst du jetzt stehen! Ach, die Maria ist heut’ aber störrisch.“ Krippenkunde: Man darf sie nicht alle von vorn zeigen, Anfängerfehler. Und sie brauchen einen Bezug, einen Kontakt zueinander. Als ob sie sich unterhalten. Solange das fehlt, macht er weiter. Biegt ein Bein, eine Hand, rückt hier, rückt dort. Innen sind die Figuren nach neapolitanischer Tradition aus Draht und Werg. Alle Kleider hat Christine Pöllmann „an der Figur genäht“, entworfen frei nach ihren vielen Mode- und Kostümbüchern. Sie nimmt keine Kunstfasern, weil sonst der Stoff aufspringt. „Schaut dann aus wie eine Teepuppe.“ Apropos Tee: Das Neue ist nicht immer schön und man will ja eine Stimmung in der Krippe haben. Also werden weiße Stoffe durch den Tee gezogen, damit sie nicht herausleuchten. Eine Sprühflasche mit bräunlichem Wasser steht griffbereit. Damit befeuchtet Pöllmann den Faltenwurf von Marias Rock. Endlich sitzt sie richtig. Er drückt sein Kreuz durch und papierlt das Duplo aus, das Frater Martin spendiert hat. Kunstpause.

„Wir gehören zur Gruppe der Jäger und Sammler.“

Theater, das ist in ihm drin, von klein auf. Raimund Pöllmann ist in Regensburg am Ölberg aufgewachsen. Die Eltern hatten zwar keine künstlerischen Berufe. „Aber bei uns im Haus haben Schauspieler und Sänger gewohnt. Ich hab’ oft Freikarten bekommen.“ Er war 17, als er im Domkreuzgang eine Krippenausstellung gesehen hat. Da war’s um ihn geschehen. Die Krippe in St. Emmeram wurde seine erste Bühne. Nach einem Umweg ins normale Berufsleben studierte er in Nürnberg Kunst, obwohl er auch gern Schauspieler geworden wäre. Der Professor urteilte: „Du malst lauter Bühnenbilder.“ Es stimmte ja. 1974 hat er Christine geheiratet, auch eine Regensburgerin, Tochter eines Musiklehrers. „Bist du nicht ein Götz-Deandl?“, wird sie noch heute gefragt. 1974 zogen sie nach Schwandorf, wegen der Arbeit. Raimund Pöllmann gab Kunst und Werken an der Höflinger-Schule, Christine Pöllmann „alles außer Handarbeiten“ an der Volksschule Dachelhofen. Sie haben zwei Söhne: Sebastian, geboren 1979, Absolvent der Kunstakademie München, lebt dort als Künstler. Michael, geboren 1982, ist Schauspieler und Regisseur in Wien. Sie konnten gar nichts anderes werden, sagen die Eltern.

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    Die Krippe für zuhause strahlt in barocker Pracht. Raimund Pöllmann hat sie in den alten Geschirrschrank seiner Mutter hineingebaut. Foto: Sabine Franzl
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    Raimund Pöllmann beim Aufstellen der Weihnachtskrippe in der Regensburger Neupfarrkirche Foto: Sabine Franzl
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    Während der Vorstellung im Schwandorfer Marionettentheater: Christine Pöllmann steuert die Technik. Foto: Sabine Franzl
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    Raimund Pöllmann wartet auf den nächsten Kulissenwechsel. Foto: Sabine Franzl

Klappe, die dritte, zu Hause in Schwandorf. Durchs Musikzimmer – ein Klavier und viele Bücher, „keine Romane“ – geht es ins Atelier. Das Fenster ist ein Ausguck auf den Stadtteil Ettmannsdorf. An einem großen Tisch schneidet Christine Pöllmann Stoff zu und näht ihn im Stehen ein. Raimund Pöllmann sitzt an der Werkbank, wo er schnitzt, hobelt, malt, modelliert. Am Tag vor der Premiere im Marionettentheater macht der Marchese von Forlinpoli aus dem Turrini-Stück „Die Wirtin“ Zicken. Er soll den Kopf senken, damit er der Mirandolina in den Ausschnitt luren kann. Aber er ist halsstarrig. Herr Pöllmann knöpft ihn sich vor. Raumhoch ragt hinter ihm ein Schrank bis zur Decke, in Schönschrift steht auf den kleinen Schubladen: Köpfe, Hände, Füße, Federn, Fransen, Bänder, Drahtkörper... „Wir gehören zur Gruppe der Jäger und Sammler“, erklärt Frau Pöllmann. Und zur Gruppe der Nachtlichter. Dann arbeiten sie unter der blendfreien Lampe, die ihnen eine Fußpflegerin überließ, still nebeneinander. Sie vergessen die Zeit nicht. Aber sie merken gar nicht, wie sie vergeht.

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    Christine Pöllmann näht im Stehen. Foto: Sabine Franzl
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    Wer schnitzt, der sitzt. Foto: Sabine Franzl

Eigentlich halten sie die Zeit an. Mit jedem Nadelstich und Pinselstrich bewahren sie eine Volkskunst vor dem Vergessen. Krippen erlebten ihre erste Blüte im Barock. Sie übersetzen seit Jahrhunderten biblisches Geschehen in Bilder, die ans Herz gehen. An der Grenze zwischen Sein und Schein, Irdischem und Himmlischem bewegt sich die Idee des Barocks. Pöllmann sagt: „Ich bin ein Barockmensch.“

„Wenn ich’s in mir drin hab’, dann kommt’s auch raus.“ Raimund Pöllmann

Wenn Pöllmann sich eine neue Figur oder eine neue Szene ausdenkt, geht er in sich, bis er ihre Hauptstimmung spürt. Dann fängt er an. „Wenn ich’s in mir drin hab’, dann kommt’s auch raus.“ Seine Lehrmeister sind berühmt, Rubens und Rembrandt heißen sie. An Rubens mag er die Formen, an Rembrandt das delikate Spiel von Hell und Dunkel. So beleuchtet er auch seine Krippen. Klare Birnen mag er nicht. Das Licht sei zu hart.

Klappe, die vierte, im Wohnzimmer. Der Riese Lüppl hängt als schlechtes Gewissen neben dem Lehnstuhl: eine stille Erinnerung für alles Unerledigte. Hinten im Eck baumelt der Mephisto, weiß der Teufel, warum. Die eigene Krippe der Pöllmanns ist im ehemaligen Geschirrschrank von Raimunds Eltern eingebaut. Er hat ihn bemalt und ausgestattet. Die Maria ist auf ein weiches Lager gebettet, vor sich das Jesuskind – nackert, wie es sich für eine Pöllmann-Krippe gehört, denn als er klein war, hat Raimund gedacht, das Christkind sei ein Mädl, weil das Geschlecht immer verdeckt war. Die Putten in den Medaillons, das weiß er noch ganz genau, hat er gemalt, während seine Frau im Sessel eingeschlafen war. Und irgendwo, ganz bestimmt, gibt es auch einen Hund, der vielleicht so aussieht wie Rocco, Pöllmanns Labrador.

"Wie geht's euch?"

Klappe, die fünfte, im Marionettenfundus. Raimund Pöllmann öffnet eine Tür neben der Probebühne und knipst das Licht an. „Wie geht’s euch?“, fragt er in die Marionettenmenge hinein. So um die 600 Persönlichkeiten drängen sich auf engem Raum. Keine Antwort. Aber die Stille klingt irgendwie ertappt.

Das Video von Sabine Franzl zeigt Christine und Raimund Pöllmanns Welt der Krippen und Marionetten.

Text von Angelika Sauerer, MZ
Fotos & Film von Sabine Franzl

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