Die Erdmännchen interessieren sich sehr für Vanessa Fischls Schuhe. Weil sie von Stall zu Stall geht, haften daran außerordentlich interessante Gerüche.
Die Erdmännchen interessieren sich sehr für Vanessa Fischls Schuhe. Weil sie von Stall zu Stall geht, haften daran außerordentlich interessante Gerüche. Foto: Sabine Franzl

Nahaufnahme

Vanessa im Reich der Tiere

Alle im Straubinger Zoo haben vor der Tierpflegerin Vanessa Fischl Respekt – nur die Raubkatzen nicht. Und Franz Joseph.

Der Eddi ist ein frecher Kerl, neugierig und selbstbewusst – wie junge Männer halt so sind. Paley, die stattliche Dame, hat dafür nur ein mildes Höckerzucken übrig. Ihr Augenmerk gilt vor allem der kleinen Malika, die mit ihren vier Monaten schon recht groß ist. Vanessa Fischl (22) ist nicht sehr groß, und das könnte ein Problem sein, wäre die Tierpflegerin im Straubinger Tiergarten nicht gleichzeitig auf liebenswerte Weise ziemlich resolut. Die Trampeltiere jedenfalls haben Respekt vor ihr, und nicht nur die.

Collin, der Esel, der die Damenwelt gerne in den Hintern zwickt, kuscht brav, als Vanessa Fischl auf dem Weg zu den Zebras und Alpakas sein Gehege passiert. „Die Tiere müssen uns als Chef ansehen. Sonst funktioniert das nicht“, erklärt die geborene Bayerwäldlerin. Der Bursche wurde von den Artgenossinnen separiert, als erzieherische Maßnahme: „Weil der beißt die Weiber so her.“ Das geht freilich nicht. Da sind der Fons und die Karla schon besser zu haben: Die Zebras wollen eigentlich bloß schmusen und fressen. Kuscheln mag jetzt auch Vanessa ein bisschen, und zwar mit Raffaela, dem watteweichen, weißen Alpakamädchen, das mit staksigen Beinen hinter der Mutter durch ihr Gehege streunt. Vanessa fängt es flink ein und schmiegt sich ans Fell. „Schaut doch aus, wie diese Süßigkeit, Raffaello, gell? Deshalb habe ich es so genannt“, sagt die Taufpatin.

Der Park schlägt eine Brücke zwischen der heimischen und der internationalen Tierwelt

Genug gekuschelt, jetzt wird gearbeitet. Und das heißt in einem Zoo: Futter herrichten, schnipseln, mischen und verteilen. Jedes Revier hat seine eigenen Küche und seinen eigenen Essensplan. Im Tigerhaus zum Beispiel wärmt eine rote Lampe den riesigen Fleischberg auf Körpertemperatur – so mag Männchen Claudius sein Steak. Neugierig lugt er durchs Stahlgitter, als Vanessa die Schließanlage kontrolliert. Neben dem Füttern frisst das Säubern der Gehege und Ställe die meiste Zeit der Tierpfleger: Kot zusammenkehren, ausmisten. „Die Alpakas sind da brav“, sagt Vanessa, während sie Rechen, Schaufel und Schubkarre holt, „die legen alles schön auf einen Haufen.“ Eine löbliche Ausnahme. Als Springerin kennt die Tierpflegerin schließlich auch die weniger ordentlichen Bewohner des Tiergartens.

  • Eddi ist unglaublich neugierig. Typisch für einen jungen Kerl, findet Vanessa.
    Eddi ist unglaublich neugierig. Typisch für einen jungen Kerl, findet Vanessa. Foto: Sabine Franzl
  • Ausmisten, kehren, füttern – das ist die Hauptarbeit der Tierpfleger.
    Ausmisten, kehren, füttern – das ist die Hauptarbeit der Tierpfleger. Foto: Sabine Franzl
  • Die Erdmännchen interessieren sich sehr für Vanessa Fischls Schuhe. Weil sie von Stall zu Stall geht, haften daran außerordentlich interessante Gerüche.
    Die Erdmännchen interessieren sich sehr für Vanessa Fischls Schuhe. Weil sie von Stall zu Stall geht, haften daran außerordentlich interessante Gerüche. Foto: Sabine Franzl

Im Vergleich zu Hellabrunn in München oder Hagenbeck in Hamburg ist der Park natürlich klein. Aber er verwirklicht den Anspruch, eine Brücke zu schlagen zwischen der heimischen Tierwelt – den Eulen, Luchsen, Hirschen, Bibern, Ottern oder den Fischen im Danubium – und der internationalen, allen voran mit den stattlichen Löwen- und Tigerpaaren. Das macht neben der engagierten Zoopädagogik und der Attraktivität der Anlage in einem Waldstück im Westen Straubings den Reiz dieses Tiergartens aus. Und zwar nicht nur für die Besucher, sondern auch für die Tierpfleger

Mit Tieren aufgewachsen

Ihr erstes offizielles Praktikum hat Vanessa Fischl im Wildpark Schloss Ortenburg zwischen Passau und Vilshofen gemacht. Aber eigentlich praktiziert sie ja schon von Kindesbeinen an. Die Großeltern führen den Kirchenwirt Zacher in Kirchberg vorm Wald (Gemeinde Tiefenbach) als Wirtshaus mit Metzgerei und Pension sowie einem kleinen Bauernhof mit Streichelzoo. Die ganze Familie arbeitet mit. „Ich bin da mit Tieren aufgewachsen, ich kann mir das gar nicht anders vorstellen“, sagt sie. Hotelfach wäre auch eine Option gewesen. Doch Vanessa entschied sich für die Tiere. 2010 bis 2013 machte sie ihre Ausbildung in Straubing. Dass sie dann danach tatsächlich übernommen werden konnte, nennt sie ihr größtes Glück: „Ich arbeite in meinem Traumberuf – und musste dafür nicht weit von zu Hause wegziehen.“ Jedes freie Wochenende und die Urlaube verbringt sie daheim.

„Viecher miassn ausse. Sie brauchen ihren Freiraum.“

In Straubing wohnt sie in einer kleinen Wohnung – ohne Tiere. Da sei zu wenig Platz und Vanessa findet: „Viecher miassn ausse. Sie brauchen ihren Freiraum.“ Der neugeborene, elternlose Spatz, den sie gerade aufzieht, wohnt also auch im Tierpark auf dem Gelände des Wirtschaftshofs. Alle paar Stunden schaut sie bei ihm vorbei. Dann bettet sie ihn in ihre Hand, der Spatz reißt den grell gelb markierten Schnabel auf – sperren nennt man das Signal für die Eltern – und Vanessa füttert ihn mit abgebrühten Grillen. Drei, vier, fünf, die sechste mag er nicht mehr, der Schnabel bleibt zu. Drüben kräht Eichelhäher Willi, der wird von einer Kollegin aufgepäppelt. Wenn es den Sorgenkindern wieder gut geht, kommen sie frei. Aber die Elster Leslie im Käfig daneben wird wohl dableiben. Wackelnd steigt sie von einem Bein aufs andere. Mit ihren Gleichgewichtsstörungen und dem blinden Auge wäre sie nicht fit für die Freiheit.

Zum Glück nicht gut erwischt

Die Kattas hingegen wären sehr interessiert an einem Ausflug nach draußen. Hören sie den Schlüssel im Schloss, hängen sie schon am Gitter. „Deshalb gibt es hier einen kleinen Vorkäfig“, sagt Vanessa lachend, „die wären sonst draußen wie nix.“ Während sie noch spricht, klaubt sich ein Weibchen mit seiner kleinen Hand geschickt ein frisches Löwenzahnblatt aus dem Bündel. „Hey, nicht so gierig.“ Was aussieht wie grundloses Spiel, hat einen tieferen Sinn: Tierbeschäftigung. Ein Häuschen weiter haben aus dem gleichen Grund Vanessas Kollegen Fruchtmus eingefroren und dann an Zweige gehängt. Die Weißgesichtsseidenäffchen lecken begeistert daran, während das Faultier daneben seinem Namen alle Ehre macht. Es riskiert nicht mehr als einen müden Blick.

Apropos riskieren: Vanessa hat vor Schlangen keine Scheu, sie krault Bert, die Bartagame, am faltigen Hals und vor einer Box mit sich windenden Mehlwürmern empfindet sie keinen Ekel – da greift sie lächelnd mittenrein. Der einzige Typ, dem sie gar nicht mehr über den Weg traut, heißt Franz Joseph. Er ist der Gefährte von Sissi und Helene und gehört zur Gattung der Vögel. Während der Ausbildung hätte er sie einmal beinahe umgebracht. „Wenn ein Strauß zutritt und dich gut erwischt, dann ist es aus.“ Zum Glück hat er Vanessa nicht gut erwischt. Aber es hat gereicht: Der ganze Rücken war grün und blau. Vor Franz Joseph hat sie seither mehr Respekt als er vor ihr. Das hat er mit den Löwen und Tigern gemeinsam.

Vanessa Fischl kann sich keinen schöneren Beruf als Tierpflegerin vorstellen. Manchmal bleibt sogar Zeit zum Kuscheln mit Raffaela, dem weißen Alpakamädchen.
Vanessa Fischl kann sich keinen schöneren Beruf als Tierpflegerin vorstellen. Manchmal bleibt sogar Zeit zum Kuscheln mit Raffaela, dem weißen Alpakamädchen. Foto: Sabine Franzl

Alle Teile der MZ-Serie „Nahaufnahme“ finden Sie hier

Teilen