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Starke Frau an starker Maschine

Ramona Gantner aus Eichendorf in Niederbayern fährt Lkw. Sie hat ihren Paule im Griff – und nicht nur den.

Jedes Einsteigen ist ein Aufstieg. Ramona Gantner erklimmt drei hohe Trittstufen, zieht sich hoch und schwingt sich auf den Fahrersitz. Sie startet den Motor, bereitwillig beginnt der Paule mit seinen 440 Pferdestärken zu brummen. Geübt steuert sie den rund 20 Meter langen Sattelzug rückwärts durch die schmale Halleneinfahrt, schlägt das große, flach vor ihrem Schoß liegende Lenkrad ein, rangiert – und dann geht’s nicht mehr weiter. Drei andere Lkw verstopfen die Ausfahrt, da ist absolut kein Durchkommen. Wie kann man sich nur so hinstellen? Sie sagt es nicht. Aber es ist klar: Wenn sie so parken würde, dann hieße es gleich: Frau am Steuer.

Es ist nicht selbstverständlich, dass sie hier sitzt – eine junge Frau im 40-Tonner, allein unterwegs, die alles im Griff hat, vom Be- und Entladen mit der Ameise – das ist ein Handhubwagen – bis hin zum Vertäuen der Ladung, An- und Abkoppeln des Aufliegers, sicherem Rangieren an Engstellen und so weiter. Harte Arbeit selbst für harte Kerle. Frauen als Lkw-Fahrer sind etwas Besonderes. Auf Ramona aus Eichendorf bei Landau an der Isar, 31 Jahre alt, Mutter eines 16-jährigen Sohnes, trifft das doppelt zu.

„Komm Paule, fahr’ma los"

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Auf Achse im fahrenden Wohnzimmer Foto: Sabine Franzl

Endlich fährt einer weg. Sanft schaukelnd wie ein behäbiger Elefant macht sich der Paule auf den Weg. Der Paule: ein schneeweiß leuchtender, kraftstrotzender MAN TGX 18.440 und Ramonas Traummaschine. Vor Jahren hat sie das Modell mal auf einem Truckertreffen gesehen. Paule stand drauf, der Fahrer hatte ihn so getauft. Als ihr Chef Anton Hasreiter genau so einen Lkw anschaffte und ihn ihr übergab, machte ihr Herz einen Sprung. „Komm Paule, fahr’ma los, hab’ ich gesagt.“ Sie schaut auf den Tacho. „Von den 734 000 Kilometern hab’ ich mindestens 600 000 draufgefahren.“ Ramonas Welt ist seither eine andere.

Das Truckerdasein liegt in der Familie

So war sie vorher: Christian, ihr Ein und Alles, kam zur Welt, als sie 15 war. Die Beziehung zu seinem Vater ging in die Brüche. Eine Lehre als Hauswirtschafterin passte nicht zu ihr, sie warf hin. Sie arbeitete als Verkäuferin, ging Putzen, trug Zeitungen aus – alles nur Minijobs. Dann kam der Zufall ins Spiel. Mit ihrem damaligen Freund besuchte sie ein Truckertreffen. Dort konnte man das Lkw-Fahren mit Showtrucks ausprobieren. „Los“, drängte ihr Freund. „Nein, das kann ich doch nicht.“ „Doch, auf geht’s!“

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Lkw-Fahrer müssen zupacken können – kein Problem für Ramona. Foto: Sabine Franzl

Ramona ließ sich überreden. Gleich nach dem ersten Versuch war klar: „Das mag ich machen.“ Das Truckerdasein scheint in der Familie zu liegen. „Wir haben Benzin im Blut“, sagt Ramona. Oder besser Diesel: Zwei ihrer Onkel fahren Lkw, der Cousin fährt auch und Ramonas Sohn Christian träumt bereits davon.

„Ich bin dem Chef und der Chefin sehr dankbar, dass sie Vertrauen in mich gesetzt haben.“ Ramona Gantner

Manchmal darf er mit. Sein Namensschild liegt auf der Beifahrerseite im Fenster, neben seinem Teddy. In der Mitte fluoresziert Ramonas Name in Pink auf Plexiglas, daneben umzüngeln Flammen ihren Spitznamen „Monal“. Monal hatte Glück: Das Arbeitsamt finanzierte die Ausbildung zum qualifizierten Berufskraftfahrer, weil ihr jetziger Chef, der „Toni“, zusagte, sie einzustellen. Das war vor fünf Jahren. „Ich bin dem Chef und der Chefin sehr dankbar, dass sie Vertrauen in mich gesetzt haben.“ In der linken Ecke der Frontscheibe ragt die Schnauze von Scrat, dem Säbelzahneichhörnchen aus „Ice Age“, hervor. Scrat tut alles für seine kostbare Eichel. Er hält sie fest, egal, was passiert. Wie Ramona ihre Chance. „Ich habe mich von jetzt auf gleich um 180 Grad gedreht.“

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Frühmorgens: Paule wartet schon. Foto: Sabine Franzl

„Toni, was gibt’s noch?"

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Be- und Entladen ist harte Arbeit. Foto: Sabine Franzl

Pfarrkirchen, nächste Station: Abladen von Gitterboxen mit Gussteilen, die sie zuvor in Neumarkt-St. Veit abgeholt hatte. Es ist Freitagnachmittag, die Sonne brennt, eine ganze Woche steckt in den Knochen. Ramona ruft ihren Chef an. Vielleicht ist ja schon Feierabend. Meistens fährt sie bereits um halb vier Uhr morgens los, ab und zu noch früher. Und manchmal erst um sechs – wie an diesem Tag. Erste Station: Landshut, dort Kartonagen abladen – alleine mit dem Hubwagen. Dann Fahrt nach Pfarrkirchen. Den ganzen Zug mit leeren Gitterboxen beladen. Fahrt nach Neumarkt-St. Veit, abladen. Beladen mit Seiltrommeln, Fahrt nach Töging am Inn, dort abladen, sandgestrahlte Seiltrommeln aufnehmen, Fahrt zurück nach Neumarkt-St. Veit – und jetzt Pfarrkirchen. „Toni, was gibt’s noch?“ Okay, Felgen holen in Ranshofen bei Braunau am Inn. Ramona fingert ihr Kalenderbuch aus der Ablage und trägt mit ihrer gestochen schönen Handschrift Kilometer, Ziele und Aufgaben ein. Zwar wird alles elektronisch aufgezeichnet. Aber man weiß ja nie.

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Natürlich stimmen ihre Papiere. Foto: Sabine Franzl

Bevor es weitergeht, noch ein Anruf bei der Mutter: „Eine Fahrt hab’ ich noch. Dann bis später. Ja, ja, ich pass’ schon auf.“ Die Mutter hat immer Angst um ihr Monal. Es gibt doch so viele Lkw-Unfälle. Umgekehrt sorgt sich die Tochter um die Mama. Ramonas Eltern sind gesundheitlich nicht mehr besonders fit. Aber die Familie hält zusammen. An Ramonas rechtem Bein rankt sich ein Stammbaum hoch, alle sind in diesem Tattoo verewigt: Mama – sie war die erste – Papa, die Schwester, zwei Brüder, der Sohn. Jeder kümmert sich um jeden. Davon hat auch Ramona profitiert, als Christian klein war. Und jetzt steht für sie ihr Bub an erster Stelle – unübersehbar in geschwungener Schrift auf ihren rechten Unterarm tätowiert.

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Ramona ist ein Familienmensch. Ihr Sohn Christian stehtfür sie an erster Stelle – unübersehbar in geschwungener Schrift auf ihren rechten Unterarm tätowiert. Foto: Sabine Franzl

„Tut nicht weh, hat bloß ein bissl gekitzelt“, sagt sie mit ihrem typisch schelmischen Lächeln. Man darf halt nicht zimperlich sein. Kann man übrigens lernen. „Am Anfang habe ich manchmal sensibel reagiert, wenn Lagerarbeiter ruppig zu mir waren.“ Da kamen auch schon mal Tränen. Jetzt nicht mehr. Männer. Es gibt solche und solche. Manche sagten zu Ramona: „Geh’ doch heim zum Putzen.“ Andere wiederum halfen ihr mehr als anderen Lkw-Fahrern. „Meine Erfahrung ist, dass die, die am größten daherreden, es selber nicht bringen. Ich mach’ ja die gleiche Arbeit wie die Männer. Ich kann ja nichts dafür, dass ich eine Frau bin.“ Nachts im Paule, da hat sie auch manchmal ein unsicheres Gefühl. „Den Männern kann man nicht allen trauen.“ Da hilft es gar nichts, wenn sie die Türen verriegelt, ihre roten Vorhänge mit den hübschen Troddeln zuzieht und sich auf der bequemen Matratze ausstreckt. Sie kann einfach im Wagen nicht gut schlafen.

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Aus dem Fahrerhaus schaut die Welt anders aus

Und dann hat es aber auch Vorteile, eine Frau zu sein. Während der Paule mit seiner schweren Fracht die letzten Hügel vor Eichendorf hinaufschnauft, erzählt Ramona, dass manche nun sagen, sie sei ein bisschen eingebildet geworden. „Aber ich bin einfach nur stolz auf mich. Ich mache die Arbeit eines Mannes, obwohl ich eine Frau bin.“ Oben auf der letzten Anhöhe stoppt sie kurz. „Da unten bin ich daheim.“ Aus der Höhe des Fahrerhauses geht der Blick doppelt weit in die Landschaft.

„Kämpfe um das, was dich glücklich macht, akzeptiere das, was Du nicht ändern kannst und trenne Dich von dem, was Dich traurig macht!“ – das ist Ramonas Wahlspruch. Obwohl sie fast jeden Abend wieder an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt, kommt sie mit jedem Kilometer, den sie mit Paule fährt, damit ein Stück weiter.

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