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Pragmatikerin mit Herz

Ihre Vorgänger als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Regensburg waren Charismatiker, Ilse Danziger agiert eher sachlich. Das ist gut, schließlich muss sie den Neubau der Synagoge stemmen.

Mildes Licht dringt durch die hohen Sprossenfenster des Betsaals und zeichnet die Konturen des hellen Holzgestühls weich. Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, sitzt hinten bei den Frauen, nur ein dünner Vorhang trennt sie vom Männerbereich, wo ihr Mann David in der ersten Bank immer wieder Besuch von zwei quirligen, dreijährigen Enkelkindern bekommt. Ilse Danziger mag die Wohnzimmeratmosphäre sehr, in der die Regensburger Juden zum Gebet zusammenrücken. „Das ist mein liebster Ort“, sagt sie.

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Ilse Danziger sagt, sie war das "Ziehkind" von Otto Schwerdt und Hans Rosengold. Foto: Sabine Franzl

Das Morgengebet an Rosch Haschana, dem Jüdischen Neujahrsfest, dauert gut vier Stunden. Der kehlige Bass des Rabbiners hüllt die Betenden in wiederkehrende Melodiewellen, manche Oberkörper wiegen sich darin vor und zurück. Höhepunkt ist das Schofarblasen. Rabbiner Josef Chaim Bloch setzt das Widderhorn an. Die rohen Tonfolgen hallen durch die meditative Stille. Und selbst die Kinder, die zwischen den Frauen herumwuseln, halten still, als der Weckruf ertönt.

Der Gebetsraum weckt Erinnerungen. Er liegt in dem Gebäudeteil, der 1938 nicht zerstört wurde und jetzt im Zuge der Baumaßnahmen saniert wird. Hier ist die Zeit gespeichert, in der das Judentum in Regensburg vorsichtig wieder Fuß fasste und sich von Neuem entfaltete. Aufstehen, zuhören, hinsetzen. Unter den Füßen der Gläubigen knarzt das schöne Parkett von 1912, das Ilse Danziger und Hans Rosengold vor Jahren zufällig unter einem abgewetzten Teppich entdeckt hatten, als sie den Belag erneuern wollten.

„Du musst das jetzt für uns zu Ende führen“

Man kann nicht von Ilse Danziger erzählen, ohne zwei große Männer zu erwähnen: Hans Rosengold (1923-2011) und Otto Schwerdt (1923-2007). Sie wirkten nach außen, Ilse Danziger nach innen. Seit 30 Jahren gehört die 65-Jährige dem Vorstand an, nach Rosengolds Tod wurde sie Vorsitzende. „Mein Mädchen“ nannte Otto Schwerdt die geborene Passauerin, die mit acht nach Regensburg kam und hier mit 16 ihrer großen Liebe begegnete, dem Pelzhändler-Spross David Danziger aus dem Geschäft in der Wahlenstraße. „Du musst das jetzt für uns zu Ende führen“, sagte Hans Rosengold zu ihr, als er schon sehr krank war und der Bau der neuen Synagoge geplant wurde.

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Ilse Danziger blättert in der Zukunft. Die Pläne für die neue Synagoge nehmen auf der Baustelle bereits Gestalt an. An den Wänden hängt die Vergangenheit: Erinnerungsfotos. Foto: Sabine Franzl

Die beiden waren auf unterschiedliche Art charismatische Symbolfiguren des Regensburger Judentums. Hier Otto Schwerdt, der zutiefst liebenswerte, aber rastlos-hektische Überlebende des Lagers Theresienstadt – „alle Leute, die im KZ waren und die ich kenne, tragen diese Nervosität in sich“, sagt Ilse Danziger. Ihre Schwiegermutter Genia überstand Bergen-Belsen, ihr Schwiegervater Isaak Buchenwald. Schwerdt erzählte ihr oft von seinem Alptraum: Er steht an der Rampe und muss entscheiden, welches Kind gibt er her, welches behält er. 1998 schrieb er seine Erinnerungen nieder. „Danach schlief er etwas besser“, meint Ilse Danziger. „Aber jedes Mal hat er geweint, wenn er aus seinem Buch vorgelesen hat.“ Das tat er oft, besonders vor Schulklassen. 

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Florian Nusser vom Architekturbüro Staab erklärt die Kuppelverkleidung. Foto: Sabine Franzl

Und andererseits der ruhige, weltläufig an seiner Gitanes ziehende Grandseigneur Hans Rosengold, dem die Flucht vor den Nazis nach Buenos Aires gelang und für den das Leben doch mehr Abenteuer als Schrecken bereithielt. „Hans Rosengold hat sich nach dem Tod von Otto Schwerdt verändert. Vorher erledigte er viel übers Telefon. Dann war er auf einmal präsenter in der Gemeinde“, erzählt Ilse Danziger. „Und ich war quasi das Ziehkind der beiden.“ Sie vertrauten ihr an, wofür sie gelebt haben: das Erbe und die Zukunft jüdischen Lebens in Regensburg.

Für beides steht die neue Synagoge, die genau an der Stelle aus dem Boden wächst, wo die Nazis am 9. November 1938 die alte niedergebrannt hatten. Nächste Woche ist Richtfest. Eröffnet wird sie 2019, 500 Jahre nach der ersten Vertreibung der Juden aus Regensburg, bei der die Synagoge am Neupfarrplatz und das jüdische Viertel dem Erdboden gleichgemacht wurden.

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Der Förderverein Neue Regensburger Synagoge unterstützt das Bauvorhaben mit Spendengeldern. Damit wird der Neubau zum Projekt aller Regensburger. Foto: Sabine Franzl

Ilse Danziger ist nicht der Typ, der die Dinge überhöht, sich selbst schon gleich gar nicht. Sie zieht an manchen Stellen ihrer Biographie eine Linie – bis hierher, weiter nur im persönlichen Gespräch – und fragt: „Was ist denn an mir interessant? Ich übe ein Ehrenamt aus, in das ich gewählt worden bin.“ Sie ist die Erste an der Spitze der Regensburger Gemeinde, die den Holocaust nicht erlebt hat. Auch diese Besonderheit kontert sie elegant: „Das ist ein Generationswechsel, der überall in jüdischen Gemeinden ansteht oder bereits vollzogen wurde.“

Rundes Brot, „damit das neue Jahr auch rund wird“

Viel mehr beschäftigt sie die Frage, wie das Gemeindeleben auf der Baustelle weitergeht. Nach dem Gottesdienst erklimmen die Besucher die Treppe in den ersten Stock, für manche ist das sehr beschwerlich. Dort sind die Tische für den Kiddusch gedeckt – das ist ein gemeinsamer Imbiss, dem ein feierlicher Segensspruch vorausgeht. Köchin Ludmilla hat in ihrer winzigen Küche in einer angemieteten Wohnung im Haus gegenüber rundes Brot gebacken, „rund, damit das neue Jahr auch rund wird“. Rechts vom orthodoxen Rabbiner sitzen die Männer, links die Frauen, ihm gegenüber in der Mitte die Vorsitzende. Es ist eng, aber dadurch wird es wenigstens etwas warm in dem ungeheizten Raum. An den Wänden hängen die Pläne für den Neubau. Ludmilla wird eine große Küche bekommen, die Gemeinde einen schönen Saal.

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    Gemeindeköchin Ludmilla hat in ihrer kleinen Ausweichküche Salate für den Kiddusch vorbereitet. Foto: Sabine Franzl
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    Rabbiner Josef Chaim Bloch sieht manches etwas strenger. Die Chemie zwischen ihm und der Vorsitzenden stimmt dennoch. Foto: Sabine Franzl

Bis dahin wartet noch viel Arbeit auf Ilse Danziger. Mit dem gleichen unaufgeregten, aber herzlichen Pragmatismus, mit dem sie auch das Familienleben organisiert, widmet sie sich gemeinsam mit den Vorstandskolleginnen Dorina Kuzenko und Lia Bugl der millionen- und bedeutungsschweren Baustelle. Frauen in Führungspositionen sind übrigens nicht untypisch im Judentum, siehe Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. In traditionellen jüdischen Familien ist es schließlich auch die Frau, die den nicht unkomplizierten Alltag managt.

„Ich mag die Leute. Und ich glaube, sie mögen mich.“ Ilse Danziger

Als es für ihre zwei Kinder in den 80er Jahren keinen festen Religionslehrer in der Gemeinde gab, setzte sie alle Hebel in Bewegung, um einen zu bekommen. „Mach du das bitte“, hatten die Vorstände Schwerdt und Rosengold sie gebeten. Von da an kümmerte sie sich um Schule und Kindergarten der Gemeinde. Ab 1994 kamen Kontingentflüchtlinge aus Russland nach Regensburg. Ilse Danziger organisierte für sie Deutschkurse, die weit über das hinausgingen, was staatlicherseits gefördert wurde. Rund 40 Aktive in der Jüdischen Gemeinde schafften es, über die Jahre Hunderte einzugliedern. „Darauf können wir echt stolz sein.“ Die Gemeinde wuchs von 200 Mitgliedern (1951) auf aktuell knapp unter 1000. „Unsere Leute“ sagt Ilse Danziger. Sie kennt jeden einzelnen, ihre Kinder sind mit deren Kindern aufgewachsen. „Ich mag die Leute. Und ich glaube, sie mögen mich.“

„Wir sind in Deutschland geboren und fühlen uns hier zu Hause. Aber ohne Israel wären wir heimatlos“ Ilse Danziger
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Die Ruhe der Toten ist heilig: Stein darf verwittern. Doch ein Sturm ist höhere Gewalt. Ilse Danziger kontrolliert Schäden auf dem Jüdischen Friedhof an der Schillerstraße. Foto: Sabine Franzl

Als die ersten 60 Personen eintrafen, fuhren Otto Schwerdt und Ilse Danziger zum Wohnheim in der Holzgartenstraße. Die Szene hat sich ihr tief eingeprägt: Mühsam kletterten die Menschen aus dem Bus, ihr ganzes Hab und Gut trugen sie in ein paar Taschen und Koffern mit sich und ihr Zuhause nur mehr im Herzen. „Wir waren traurig und ergriffen“, erinnert sich Ilse Danziger. Es ist das Bild von gepackten Koffern, ein Trauma, das die Juden begleitet, und das nur erträglich ist, weil es Israel gibt, als letzten Zufluchtsort. „Wir sind in Deutschland geboren und fühlen uns hier zu Hause. Aber ohne Israel wären wir heimatlos“, sagt Ilse Danziger. Überall, wo Juden sich niederlassen, begleitet sie dieses Fragezeichen: Wie lange können wir bleiben, bis uns antisemitische Ressentiments vertreiben? „Man wird immer hellhörig sein.“

Ein Erbe mit Zukunft: „Es wird wieder aufgebaut“

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Ilse Danziger im Dialog mit Regensburgern am Tag des offenen Denkmals Foto: Sabine Franzl

Den Rechtsruck in Deutschland nennt Danziger eine „Katastrophe“. Er widerspreche all den positiven Erfahrungen, die sie im offenen Dialog mit den Menschen in Regensburg gemacht hat. Am Tag des offenen Denkmals stehen sie zum Beispiel Schlange vor der Baustelle. Die Regensburger interessieren sich nicht nur für die Pläne, sondern fragen auch nach der Vergangenheit.

Ilse Danziger antwortet, es gehe heute nicht mehr nur um die Erinnerung. Es ist etwas zerstört worden, „aber jetzt wird es wieder aufgebaut.“ Und das hat Zukunft. Übrigens auch der alte Betsaal: Er bleibt erhalten.

Neuer Raum für jüdisches Leben in Regensburg: Ilse Danziger zeigt Baupläne und beantwortet Fragen zum Alltagsleben. Film: Sabine Franzl

Text von Angelika Sauerer, MZ
Fotos & Film von Sabine Franzl

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