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Peter Engel, der Bildermacher

Der Regensburger Buchillustrator, Bühnenbildner und Karikaturist beherrscht die Kunst, zwischen den Zeilen zu zeichnen.

Regensburg im Januar. Peter Engel setzt sich an seinen Arbeitstisch, vor ihm die mit Zetteln, Zeichnungen, Fotos und Schnipseln bepinnte Wand. Noch während er „Die Küchenuhr“ von Wolfgang Borchert erneut liest, nimmt er den Stift in die linke Hand, die rechte liegt stumm daneben. Der Mann und seine Küchenuhr. „Innerlich ist sie kaputt, das steht fest. Aber sie sieht noch aus wie immer.“ Da hat er die Idee. Der Mann ist die Uhr, äußerlich in Ordnung, dem Augenschein nach, aber innen drin entzwei, das Paradies verloren. Peter Engel setzt den Stift an und es ist, als ob die Linien aus der Spitze fließen und sich verdichten. Es schwallt aus ihm raus aufs Papier, so empfindet er es selbst.

Der Mann und sein Stift. Mit dem Daumen umarmt er ihn, gebettet auf den Ringfinger lenkt er ihn mit Zeige- und Mittelfinger übers Blatt. Immer beginnt es bei ihm mit dem Stift, ob er nun Bücher illustriert oder Bühnenbilder entwirft.

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Egal, was Peter Engel entwirft - er beginnt fast immer zeichnend an seinem Schreibtisch. Foto: Sabine Franzl

Es ist nicht einfach, das alles, was Peter Engel so macht, unter einen Hut zu bringen, aber er sagt: „Das Zeichnen ist die Klammer.“ Er entwirft Bühnenbilder für viele Theater, darunter für das in Regensburg, zuletzt „The Producers“. Er illustriert zauberhafte Bilderbücher für die edition bunte hunde, an deren Graphic-Novel-Stil auch Erwachsene eine Freude haben. Er malt Wimmelbücher, in denen die Welt immer ein bisschen windschiefer aussieht als in echt. Er steht – oder besser: sitzt – als Simultanzeichner beim Kinderkonzert „Bilder einer Ausstellung“ im Neuhaussaal im Theater Regensburg auch mal selbst auf der Bühne. Er zeichnet Skizzen für Theaterprogramme, gestaltet Plakate, etwa das zum Bürgerfest 2015. Er hat schon einige Preise bekommen, darunter den Kulturförderpreis der Stadt Regensburg und den E.on-Kulturpreis Bayern (beide 2009). Mit der Küchenuhr-Illustration bewirbt er sich „auf den letzten Drücker“ für den renommierten Otto-Ditscher-Preis für Buchillustration, der nur alle vier Jahre vergeben wird.

Freilich ist er auch ein Künstler, der ganz für sich und ohne Auftrag bei einem Glas Wein Blöcke mit Skizzen und Karikaturen füllt. Doch meistens macht Peter Engel die Bilder zu den Geschichten der anderen. Das Besondere ist, dass seine Bilder das Unsichtbare sichtbar machen. Das, was zwischen den Zeilen steht, und was man – um es mit dem „Kleinen Prinzen“ zu sagen – nur mit dem Herzen sieht.

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    Peter Engels Skizzen zur Illustration der Kurzgeschichte "Die Küchenuhr" von Wolfgang Borchert Foto: Sabine Franzl
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    Peter Engel gefällt der entschiedene, harte Strich einer Federzeichnung. Sein Lieblingspapier kauft er in Nürnberg. Foto: Sabine Franzl

Das gute Papier aus Nürnberg schluckt das Kratzen der Tuschfeder. Peter Engel gefällt der entschiedene, harte Strich des Metalls, das Zwingende, das er bisweilen mit Wasserfarben ins Vage und Bunte mildert. Doch die Küchenuhr verträgt nicht viel Farbe. Schwarz, filigran, luftig und sparsam setzt er die Vorskizzen auf einem abgerissenen, in Würde patinierten Blatt in die Tat um. Als er fertig ist, weiß er schon, dass es stimmt. Ob es reichen wird, weiß er noch nicht.

Peter Engel ist 1969 in Arzberg im Fichtelgebirge geboren. In seiner Grundschulzeit zog die Familie nach Coburg um. Sein Vater war Modelleur in der Porzellanbranche. Von ihm hat er wohl das gestalterische Talent geerbt. Nach dem Abitur absolvierte er den Zivildienst als Sanitäter. Davon blieb die Erinnerung an „das gute Gefühl, das man hat, konkret einem Menschen geholfen zu haben“. 1991 bis 1995 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Er wählte Grafikdesign und gab damit der angewandten Kunst den Vorrang vor der freischaffenden.

Auf den ersten Blick war es die falsche Wahl. Die Fakultät befand sich im Umbruch. Ein Jahr hatten sie gar keinen Professor, danach einen sehr unsympathischen. Und dann war es doch die richtige Entscheidung. Zurückgeworfen auf sich selbst lernten die Studenten etwas Unbezahlbares. „Man muss aus sich selber schöpfen – und wenn man muss, kann man es auch“, sagt Peter Engel.

Unter den Fenstern seiner Wohnung im dritten Stock murmelt der Haidplatz seinen vielstimmigen Klangteppich, und das stille Kämmerlein des Künstlers Peter Engel wird das Tor zur Welt um ihn herum, abgeschieden und zugleich mittendrin.

Während des Studiums absolvierte er ein Praktikum am Theater in Coburg. Er gestaltete Plakate, arbeitete in der Werkstatt und stellte sein erstes Bühnenbild auf die Beine. Bei einer späteren Arbeit am Theater Erlangen lernte er dort auf den Theatertagen Michael Bleiziffer kennen, den damaligen Oberspielleiter des Regensburger Theaters. So kam der Kontakt zur Domstadt zustande. 2003 zog er hierher. Mit seiner Frau und den beiden Kindern – die Tochter ist neun, der Sohn vier Jahre alt – lebt er im Herzen der Altstadt. Im Schrebergarten in der Margaretenau lässt er die Seele baumeln. Unter den Fenstern seiner Wohnung im dritten Stock murmelt der Haidplatz seinen vielstimmigen Klangteppich, und das stille Kämmerlein des Künstlers Peter Engel wird das Tor zur Welt um ihn herum, abgeschieden und zugleich mittendrin.

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Peter Engel sortiert Entwürfe für ein Bühnenbild. Foto: Sabine Franzl

Auch ein Bühnenbild beginnt er mit dem Stift in der Hand. Er sammelt Ideen in seinem Kopf, pflanzt sie auf ein Stück Papier und schaut zu, was draus wächst, einfach so, ins Blaue hinein, noch bevor der Regisseur, die Regisseurin ihm gesagt hat, was gewünscht wird. Erst später gibt es Treffen. Dann schauen sie, was ist da, was bleibt, was muss weg, was kommt hinzu. Skizzen konkretisieren sich zu technischen Zeichnungen, zwei Dimensionen entfalten sich in Modellen zu drei, Muster reifen zu raumgreifenden Kulissen. Am Ende bestätigt sich jedes Mal von Neuem die Erkenntnis: „Was im Kleinen stimmt, stimmt auch im Großen“, sagt Peter Engel.

Immer im Wechsel zwischen dem Team und dem stillen Kämmerlein

Er mag das Hin- und Herswitchen zwischen dem Alleinsein und der Teamarbeit. Nachher hat er ein Treffen mit der Regisseurin Jimena Echeverri Ramírez. Sie inszeniert im November „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler am Salzburger Landestheater, und Peter Engel zeigt ihr seine Entwürfe. Bereits ein Stück weiter ist er mit dem Bühnenbild für „Die Pfingstorgel“, die im Juni bei den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel Premiere feiert. Der fertige Plan liegt ausgerollt auf dem Tisch.

Und dann spielt er ja auch noch sich selbst, den Zeichner, einen schmalen, freundlichen Mann mit Witz und Selbstironie. 

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    Im Kinderkonzert zeichnet Peter Engel simultan zu "Bilder einer Ausstellung". Weil die grüne Gnomfarbe so stinkt, hat er sich die Nase zugeklammert. Foto: Sabine Franzl
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    ...und dann lässt der Gnom auch noch einen Pups. Foto: Sabine Franzl
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    Während Peter Engel zeichnet, werden die Bilder auf eine Leinwand übertragen. Die jungen Zuhörer im Theater Regensburg können live zuschauen. Foto: Sabine Franzl
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    Während Mussorgskys Musik drohend anschwillt, klappert im Kellergewölbe das Skelett. Foto: Sabine Franzl

Peter Engel als eine Art Peter Lustig: die Brille verrutscht, die Fliege schief, die Weste zu eng, die kurzen Haare zerrauft, das Hemd hängt aus der Hose. Während sich das Orchester für Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ (voraussichtlich erst wieder in der nächsten Spielzeit im Programm) einspielt, zeichnet er sich mit feierlichem Ernst ein. Seinen Arbeitsplatz – also das Bühnenbild – hat er selbst entworfen. Es ist ein wilder, bekleckster Aufbau behängt mit Pinseln, Farbeimern, Klorolle. Eine Kamera überträgt jeden Strich, den Peter Engel zeichnet, auf eine Leinwand. Atemlos schauen die Kinder zu, wie mit der Musik Figuren aufkeimen, Gewölbe und Burgen aus dem Boden schießen, Skelette klappern. Ein Ochsengespann zieht vorbei und ein scheußlich grüner Gnom lässt einen Pups – so viel Spaß macht klassische Musik selten.

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Manchmal, sagt Peter Engel, fließen die Bilder einfach so aus ihm heraus. Foto: Sabine Franzl

Bei aller Schnelligkeit sind die Figuren in den Bildern zart und hintergründig, der unglücklich verliebte Ritter wirkt so zerbrechlich wie der Mann in der Küchenuhr. Für den bekommt Peter Engel übrigens am 14. Mai den Otto-Ditscher-Preis verliehen.

In diesem Film schauen wir Peter Engel beim Zeichnen zu:

Text von Angelika Sauerer
Fotos & Film von Sabine Franzl

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