Nahaufnahme

Nicht mal Fliegen ist schöner

Chris Pfanner (32) aus Nürnberg ist Skateboard-Profi und Familienvater. Über die Balance und den Sprung seines Lebens.

Manchmal ist es besser, nicht so viel zu denken. 15 Stufen abwärts, dazwischen ein breiter Absatz. Es geht etwa drei Meter runter und mindestens fünf Meter weit. Eine Bierflasche markiert den Absprung. Chris Pfanner (32) rennt los, wirft das Board vor sich auf den Boden, springt drauf. Die Rollen klackern über die Betonplatten. Aus manchen Fugen sprießt Gras. Es ist Tag drei in Split und der Sprung ist noch nicht im Kasten. Nur Stürze und immer wieder: „Fuck!“ Chris hat eine Münze geworfen: dreimal nein. Er hat ein mulmiges Gefühl. Trotzdem läuft er jetzt an. Warum? Weil. Die milde Abendsonne wirft einen langen Schatten hinter den Profi-Skateboarder. Klack-klack, klack-klack. Er geht in die Hocke. Der rechte Fuß steht vorn quer über dem Truck, der linke lauert auf dem kurzen, nach oben geknickten Tail auf den richtigen Moment.

Nie erwachsen und immer auf dem Sprung

Spektakuläre Sprünge sind Chris Pfanners Markenzeichen. Sein Terrain findet er überall – in Nürnberg, wo er mit seiner Familie lebt, oder irgendwo auf der Welt. Oft sind es Orte, die ihre beste Zeit hinter sich haben, betonierte Brachen, Rampen mit rostigen Geländern, bröckelnde Treppen, schummrige Passagen neben verlassenen Geschäften. Das Skateboard ist da zu Hause, wo Vorstadtkids ihre Zeit totschlagen. Wo die Eltern meinen, da sollte man sich besser nicht rumtreiben. Anders als andere Jugendkulturen wurde die Skaterszene nie wirklich erwachsen. Das ist ihr Geheimnis, deshalb ist sie seit über 50 Jahren in. Chris ist skeptisch, wenn Skateboarden jetzt olympisch wird. „Die wirklich coolen Typen werden nicht kommen“, meint er. Sie lieben raues Gelände ohne Netz und doppelten Boden. Angesagt ist der, der sich am meisten traut. Im Normalfall ist das Chris.

Zum Warmlaufen ein paar Sprünge im Nürnberger Skatepark Foto: Sabine Franzl

Schneller und weiter lautet der Anspruch, die Haltung ist lässig und kraftvoll, kompromisslos und schmerzfrei. Sein Vorbild heißt nicht umsonst John Cardiel. Die Skateboardlegende war berühmt für ihren furchtlosen, aggressiven Hochgeschwindigkeitsstil, „the fast and fearless“ nannten sie ihn. 2003 erlitt er bei einem Unfall ein Wirbelsäulentrauma. Glück im Unglück muss man haben: Cardiels Gefühl in den Beinen kehrte fast ganz zurück. Vor einem Jahr kurvte er wieder auf einem Board den Innenrand eines Pools entlang. Das Video ist Teil der „Propeller“-Dokumentation, mit der die Skate-Kultmarke Vans ihr 50-Jähriges begeht. Auch Chris Pfanner, „the Pfannman“, ist darin zu sehen.

Klack-klack, klack-klack, klack – kurz vor der Treppe gibt er dem Boardende mit dem linken Fuß einen leichten Kick, reißt wie ein flügger Vogel die Arme nach hinten, schnellt zeitgleich mit dem Körper in die Höhe, um gleich wieder wie ein Taschenmesser in die Flughocke zu klappen. Unter seinen Füßen dreht sich das Brett um die eigene Achse. Die bunte Unterseite blitzt für einen Moment hervor. Vor zehn Jahren war Chris schon mal hier auf den Treppen des tristen Einkaufszentrums in der Peripherie der kroatischen Küstenstadt. Er hat den Sprung gestanden – allerdings ohne Flip-Trick, nur mit einem Spin, also einer Körperdrehung um sich selbst. Das Board blieb unter den Füßen. Das hier ist jetzt viel schwieriger. Aber wer mit Skateboarden sein Geld verdient, muss liefern. Chris ist einer von elf „Pros“ im 25-köpfigen Global Team von Vans. Unter anderem listet der Skateschuh-Hersteller aus Kalifornien Cardiel und Tony Alva unter seinen Legenden auf.

  • 250 0008 29327398 Chrispfanner Sw7230
    Erste Schritte: Chris Pfanners Tochter auf dem Skateboard Foto: Sabine Franzl
  • 250 0008 29350224 Chris Pfanner7267
    Der Sprung: Damit schaffte er es aufs Thrasher-Cover und in die Vans-Doku. Foto: Sabine Franzl
  • 250 0008 29327394 Chrispfanner Sw7009
    Christ studiert nebenbei Wirtschaftspsychologie. Er möchte gut vorbereitet sein auf die Zeit nach dem Skateboarden. Foto: Sabine Franzl

„Es gibt nichts Besseres als einen geglückten Trick“

Pfanners Talent wird 1998 in Österreich entdeckt, da ist er 14. 2003 kommt er ins Europateam von Vans. 2007 ins Global Team. Seither kann er davon leben, und das nicht mal schlecht. „Ich habe vor jedem Riesenrespekt, der einen nine-to-five-Job macht“, sagt er, und dass er froh ist, selbst keinen solchen Alltag zu haben. Nebenbei studiert er jedoch Wirtschaftspsychologie. Er muss an die Zukunft denken. Seine Sponsoren binden ihn längst in Kampagnenplanung und Produktdesign ein. Mit 32 Jahren gehört er zu den älteren. „Körperlich ist alles okay. Von mir aus geht’s noch weiter.“

250 0008 29350227 Chris Pfanner73062
„Man ist eine wandelnde Werbetafel.“ Sponsoren bezahlen dafür, dass Chris mit coolen Clips von sich reden macht. Und er tut nichts lieber als das. Foto: Sabine Franzl

Die Verträge laufen bis 2018. Die Füße stecken in Vans. Seine Kleidung stammt von Volcom. Das Board von Anti-Hero, die Achsen sind Thunder Trucks, die Rollen von Spitfire, die Uhr von Nixon und der Rucksack von Eastpak. „Man ist eine wandelnde Werbetafel.“ Sie bezahlen dafür, dass Chris mit coolen Clips von sich reden macht. Und er tut nichts lieber als das. „Es gibt nichts Besseres als einen geglückten Trick.“ Unbeschreiblich. Nicht mal Fliegen ist schöner.

Auch missglückte Versuche werden gefilmt: Zigmal stolpert er vom Board, knallt auf den Boden, schrappt mit nackter Haut über körnigen Asphalt. Oder kracht mit dem Brustkorb ans Geländer. Blutige Hände, verstauchte Knöchel, geprellte Rippen. Wie oft er sich was gebrochen hat? Egal. Einmal, noch als Jugendlicher, war es schlimm: alle Mittelfußknochen. Muss man vergessen. Ein Skateboarder muss fallen können. Und dann wieder aufstehen.

Ein Skateboarder muss fallen können. Und dann wieder aufstehen.

Alles Kopfsache. „Ich lernte früh, auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt Chris. Er wird am 17. Juli 1984 in Lagos in Nigeria geboren. Sein Vater ist Österreicher, seine Mutter Nigerianerin. Zur Grundschule geht er noch in Lagos. „Eine wunderschöne, tolle Zeit. Ich hatte viele Freunde. Wir haben Fußball gespielt, waren am Meer.“ Dann wird die politische Lage immer schlimmer. „Die haben uns als Weiße gesehen. Wir wurden angefeindet.“ Deshalb schicken ihn seine Eltern mit zehn Jahren nach Bregenz. „Geh’ schon mal vor, wir kommen nach“, heißt es.

Vier Jahre allein in Österreich. „Vielleicht seh’ ich sie nie wieder“, denkt sich der Bub. Auf dem Katholischen Internat Marianum beginnt er mit dem Skateboarden, zufällig: Es gibt einen BMX-Park für die Schüler. Aber der wird dauernd von Kindern aus der Umgebung zum Skaten „missbraucht“. Pfanne, so sein Spitzname, mit großer Klappe: „Hey, kann doch gar nicht so schwer sein, was ihr da macht.“ Klar, dass er es dann ausprobieren muss. Nach einem halben Tag Üben schafft er den kleinen Sprung und merkt: Skaten macht mehr Spaß als BMX. Zur Firmung wünscht er sich ein Board. Nach drei Monaten ist es gebrochen. So geht das weiter. Erst mit alten Brettern von einem Skateshop. Ab und zu gibt’s ein neues. Und freilich sind die Schuhe auch ständig hin. „Teures Hobby.“

Im Gleichgewicht zwischen Familie und Fun

Nach der Schule jobbt er eineinhalb Jahre in Wien beim Messebau. Dann geht er nach Barcelona, dem Mekka der Skater. „Wer die Stadt gebaut hat, muss ein Skater gewesen sein“, scherzt Chris. Ideales Terrain also, auch in anderer Hinsicht: Er begegnet Anja, die dort Spanisch lernt und aus Schwaig bei Nürnberg stammt. Während seine Karriere Fahrt aufnimmt – 2009 kommt er zum Beispiel aufs Cover von Thrasher, der Skaterbibel, das sei „wie ein Orden“ – bleibt sein Leben im Gleichgewicht: Hier das Nomadenleben mit viel Adrenalin, Feiern, Spaß all over the world. „Ja, das Klischee stimmt schon“, sagt Chris, grinst und wuschelt die Dreadlocks. Und dort eine Partnerschaft, die hält. Mittlerweile haben Anja und Chris zwei Kinder, Max ist vier Jahre alt, Marlena eineinhalb. Wenn’s geht, nimmt er alle mit. Heuer im Sommer haben sie sich einen Camper ausgeliehen und sind zu einem Wettbewerb nach Kopenhagen gefahren. „Den Kids taugt’s voll.“ Und ja: Beide stehen bereits auf dem Board. „Die Familie ist meine Balance.“

Nur kurz ist er in der Luft. Wie von unsichtbarer Hand gelenkt hat sich das Brett nach dem Flip brav unter die Füße gelegt. Irgendwann im Bruchteil dieser Sekunde weiß Pfanne, dass diesmal alles passt, das Tempo, die Flugbahn, der Winkel. Klack. Gelandet, gestanden, Stille. Es dauert einen Moment, bis der erlösende Schrei kommt.

Ein Youtube-Video mit Chris Pfanner in Aktion:

Teilen