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Jörg Skriebeleits Gedenkenwelt

Er vermeidet den moralischen Zeigefinger und ist deshalb genau der Richtige für die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

Sein Weg zur Arbeit schlängelt sich den Berg hinauf durchs Dorf und endet gleich hinterm Ortskern vor der Kommandantur aus Granit. Es ist der Stein, aus dem Flossenbürg geschnitzt ist. Ein rauer, körniger Stein, in frischem Zustand gelb- oder bläulich-grau schimmernd, später dunkel verwitternd. Germania wollten die Nationalsozialisten daraus errichten, in Brücken und Straßen verbauten sie ihn. KZ-Häftlinge schufteten dafür unter barbarischen Bedingungen im örtlichen Steinbruch. Ein lukratives Geschäft, das die SS hier 1938-1945 betrieb, ein Geschäft mit Steinen – und dem Tod. Der Ort kann nichts dafür.

Jörg Skriebeleit sagt, er könnte auch woanders arbeiten. Und doch passt der 48-jährige Kulturwissenschaftler, der über den Erinnerungsort Flossenbürg promoviert hat, wie ein fehlender Stein in einem Mosaik hierher. Die Art, wie das Erinnern hier gestaltet ist, hat viel mit seiner Person zu tun.

Einheimischer Kosmopolit an einem internationalen Ort

Skriebeleit ist Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: ein intellektueller, aber bodenständiger Einheimischer, ein unabhängiger Geist, manchmal auch ein unbequemer. Geboren und aufgewachsen ist er in Vohenstrauß, nicht weit weg von Flossenbürg. Zivildienst, Studium in Tübingen, Prag, Berlin – er ist ein Großstadtmensch im Dorf, glühender Fan des Hamburger Kiezclubs FC St. Pauli und überzeugter Teamplayer, ausdauernd auf dem Fahrrad und mit langem Atem in der Projektarbeit. Einer, der die Sprache der Leute in der nördlichen Oberpfalz spricht und der gleichzeitig ein Kosmopolit ist. Auch deshalb ist er hier richtig. Er sagt: „Flossenbürg ist einer der internationalsten Orte in Bayern.“

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Ab und zu macht Skriebeleit Führungen. Er mag den Kontakt zu Besuchern. Hier steht er vor einem historischen Foto, auf dem der Bau des KZs zu sehen ist. Foto: Sabine Franzl

Leon Weintraub geht über den Vorplatz der Kommandantur, durchquert den Durchgang. Er ist 90 Jahre alt, ein freundlicher Herr mit Fliege, gepflegtem Schnurrbart und gerader Haltung. Als deutsch-polnischer Jude war er in mehreren Lagern inhaftiert. Flossenbürg ist für ihn kein KZ unter vielen, sondern die schrecklichste Station: Vernichtung durch Arbeit. Jörg Skriebeleit kennt den Arzt, der nach seiner Befreiung erst in Polen und dann in Stockholm lebte, seit langem gut. Denn Leon Weintraub zieht es immer wieder an den Ort des Grauens zurück.

Licht und beinahe harmlos schaut er an schönen Tagen aus: sattes Grün, dazwischen mit hellem Granitschotter gekieste Wege, zwei in frischem Gelb getünchte Bauten – ehemals Wäscherei und Küche, seit 2007 Raum für die Dauerausstellung und wechselnde Schauen. Auf einer Seite der Senke zieht sich der erhaltene Lagerzaun die bewaldete Anhöhe hinauf. Gegenüber hat sich eine 50er-Jahre-Siedlung auf terrassiertem KZ-Gelände über den Fundamenten ehemaliger Häftlingsbaracken ausgebreitet: Vergangenheitsbesiedelung. Und wo unten mittlerweile freier Raum herrscht, standen bis in die 90er Jahre Lager- und Produktionshallen eines Gewerbebetriebs. Der beklemmende Waschraum, in dem die Häftlinge ihrer Würde und Persönlichkeit beraubt wurden, ist jahrelang als Kantine benutzt worden. „Jetzt bauen’s das Lager wieder auf“, fürchteten nicht wenige, als das Gelände für die Neugestaltung frei wird.

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Vorher – nachher: Im Hintergrund sind ein Pfosten des rekonstruierten Lagereingangs und die Granitbahnen zu sehen, die heute den Standort der Baracken markieren. Die Bilder entstehen im Kopf, ohne dass das Lager wieder aufgebaut wurde. Foto: Sabine Franzl

Mit dieser Gemengelage ist Jörg Skriebeleit konfrontiert, als er Mitte der 90er Jahre seine Arbeit aufnimmt. Eine Operation am offenen Herzen: Mehr als anderswo ist das Lager nicht nur ein Teil der Geschichte, sondern ein Teil des Ortes, kein randständiger, sondern ein zentraler. Frühere Häftlinge, deren Nachfahren und die Angehörigen der Toten kommen aus aller Welt, für sie ist es ein Platz zum Trauern und Weinen. Für die Deutschen ein Symbol der Selbstvergewisserung: So darf es nie wieder sein. Dass es für die Flossenbürger gleichzeitig der Platz zum Leben – und kein ewiger Stachel im Fleisch – sein soll, ist Jörg Skriebeleit von Anfang an bewusst. Er baut das Lager nicht wieder auf. Aber er mildert den Ort auch nicht ab, wie es der parkähnliche Ehrenfriedhof tut, angelegt 1957-1960 im hinteren Lagerteil. Das von Skriebeleit und seinem Team erarbeitete Erinnerungskonzept setzt auf die Vorstellungskraft, die sie dezent lenken durch Andeutungen im Gelände und wenige, aussagekräftige Details in der Ausstellung.

Dunkle Granitstreifen markieren im Boden die SS-Unterkünfte, helle die Häftlingsbaracken. Leon Weintraubs Blick ist nach innen gerichtet, als er das aus hellen Granitquadern rekonstruierte Lagertor passiert. Die Originalpfosten haben ehemalige Häftlinge für eine erste Erinnerungsstätte umgesetzt. Sie flankieren seit 1946 den Eingang zum „Höllenschlund“, der hinter dem Ehrenfriedhof steil abfällt, hinunter zum Krematorium.

„Wir erfüllen keine Erwartungshaltungen. Es gibt keinen moralischen Zeigefinger.“ Jörg Skriebeleit

Leon Weintraub packt jedes Mal am Lagereingang die archaische Schrecklichkeit des Orts. Er senkt den Kopf. Mit langsamen Schritten nähert er sich dem Appellplatz. Man möchte nicht sehen, was er sieht, und sieht es doch: lange Holzbaracken, die Eingänge, die im abgeflachten Stein angedeutet sind, die entkräfteten Häftlinge, die in Lumpen strammstehen, während ihnen der Böhmische eiskalt in die kranken Glieder fährt. Nichts davon ist wirklich da, aber alles gegenwärtig. Die Bilder entstehen im Kopf, ohne dass eine einzige Baracke rekonstruiert wurde. „Wir erfüllen keine Erwartungshaltungen. Es gibt keinen moralischen Zeigefinger“, sagt Skriebeleit.

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Das neue Museumscafé ist ein Ort der Begegnung, der von Besuchern, aber auch von Flossenbürgern genutzt wird. Leon Weintraub (l.) kennt das Gebäude noch als SS-Casino. Foto: Sabine Franzl

„Open Space“ und „Memory Lab“ – offener Raum und Erinnerungslabor – lauten die Schlagworte einer neuen Art des Erinnerns. Später im Café wird Leon Weintraub wieder einmal sagen, dass er es gut findet, wie sich Flossenbürg entwickelt hat. Und Jörg Skriebeleit wird froh sein und vielleicht an die Worte seiner schlesischen Oma denken, die viel von dem Unrecht gesehen hat, das die Deutschen verübt haben, und daher immer warnte: „Wehe uns, wenn wir den Krieg verlieren.“

Ein neues Konzept für einen vergessenen Ort

Es ist fast ein Zufall, dass Jörg Skriebeleit an der Gedenkstätte landet. 1995, nach dem 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers, wird öffentlich Kritik laut, dass Flossenbürg „nur“ ein Friedhof sei. Es muss was passieren, hieß es. Skriebeleit hat bereits seine Doktorandenstelle in Berlin, als ihn der damalige Bürgermeister fragt, ob er nicht ein Konzept erarbeiten wolle. Skriebeleit zögert nicht lange. „Er war eine große Chance, diesen vergessenen Ort neu zu konzipieren“, sagt er.

Jörg Skriebeleits Arbeitstag beginnt meist gegen neun Uhr mit einem Kaffee in seinem Büro im ersten Stock der Kommandantur. Hier residierte der Schutzhaftlagerführer, der nach dem SS-Kommandanten der zweite Mann im KZ war. Durch drei Fenster hatte er das Gelände im Blick. Vorne wohnte die SS, dahinter standen die Häftlingsbaracken, und ganz im Eck, wo von unten der Rauch aus dem Krematorium aufstieg, der Arrestbau, in dem auch die Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und Admiral Canaris eingesperrt waren, bevor sie erhängt wurden. Mindestens 30 000 Menschen kamen im KZ Flossenbürg und seinen Außenlagern ums Leben. Skriebeleit wollte nicht in dieses Büro. Aber dann sprachen praktische Gründe dafür.

Bis auf weiteres wird er auch hierbleiben. Angebote bekommt er immer wieder, darunter auch welche, die man eigentlich nicht ausschlägt. Aber er sagt: „Ich habe mir noch an keinem Tag abends die Frage gestellt: Macht es Sinn, was ich hier tue? Im Gegenteil, hier weiß ich, wofür ich arbeite.“

Vom Büro aus hat Jörg Skriebeleit den Blick auf das ehemalige KZ-Gelände. Ursprünglich war es das Zimmer des Schutzhaftlagerführers. Foto: Sabine Franzl

Der Herz Flossenbürgs schlägt im Museumscafé

Am besten weiß er es, wenn er die Steinstufen zum ehemaligen SS-Kasino hochsteigt. Der langgestreckte Bau wurde zu einem Ort der Begegnung. Die gläserne Front gibt den Blick frei, „Aufklärung braucht Licht“. Herzstück ist das Café, das mit seiner modernen und schlichten Einrichtung genauso gut in Berlin Mitte bestehen könnte. Auch die Speisekarte würde dorthin passen: selbst gemachte Kuchen, Latte macchiato, Avocado-Couscous-Salat. Jörg Skriebeleit wird von Maria und den anderen Angestellten mit Umarmung begrüßt, er zieht die Jacke aus, lockert den Schal und schaut sich um. Fast alle Tische sind belegt: Schüler, Lehrer, ein Pärchen. Über einen Tisch in der Ecke freut er sich besonders: ein Damenkränzchen aus Flossenbürg beim Kaffeeklatsch.

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Maria bedient im Museumscafé und begrüßt Jörg Skriebeleit herzlich. Foto: Sabine Franzl

Es funktioniert. Das Museumscafé der KZ-Gedenkstätte, betrieben vom Heilpädagogischen Zentrum – Lebenshilfe für Behinderte aus Irchenrieth, ist in der Mitte von Flossenbürg angekommen. Manchmal, das merkt man an Jörg Skriebeleits Enthusiasmus, ist er schon zufrieden mit dem, wie das alles in Flossenbürg so geworden ist. Im Café aber, da ist er richtig glücklich. Er hat den Stein ins Rollen gebracht.


Jörg Skriebeleit erklärt in diesem Film vor Besuchern das Konzept der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg:

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