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Mit Haut und Haaren

Karl Nidermayer aus Neumarkt, der Circus Sambesi und die Uhren, die in Afrika ganz anders gehen

Der Moment, als der Zirkus begann, kam aus heiterem Himmel. Karl Nidermayer fuhr wie schon oft Mitte der 80er Jahre auf der A7 von Genua Richtung Norden. Kurz nach dem Autobahnkreuz Tortona sah er wieder mal den Schriftzug Canobbio. Bisher ist er immer vorbeigefahren. Karl Nidermayer aus Neumarkt in der Oberpfalz, geboren 1949, von Beruf Uhrmacher, Optiker, Feinmechaniker und Hörgeräteakustikermeister, hatte noch die Bilder Afrikas im Kopf und den Sand der Sahara in den Schuhen, als er auf die Bremse trat und die Ausfahrt nahm. Das würde sein Leben verändern.

Die Firma Canobbio, muss man wissen, stellt Zirkuszelte her. Und Karl Nidermayer hatte 30 000 Mark gespart. Davon wollte er sich eigentlich einen Doppeldecker kaufen, die Welt und sein Afrika künftig von oben betrachten. Der Flieger stand schon parat. Doch über den Wolken lernt man die Welt nicht kennen. Und unter den Wolken wachsen die Probleme weiter, der Hunger, die Not, die fehlende Bildung, die schlechte medizinische Versorgung. Karl Nidermayer entschied auf dem Rückweg von Afrika ganz spontan, dass es besser ist, auf dem Boden zu bleiben. Er kaufte ein blaues Zweimast-Zirkuszelt. Er wusste nicht, wie man es aufstellt. Er hatte noch keine Jongleure, Trapezkünstler, Magier oder Clowns und keine Ahnung, ob er ein Publikum finden würde. Er hatte nur die Idee.

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Der Uhrmacher Karl Nidermayer hat vor über 30 Jahren den Circus Sambesi erfunden, weil er den Menschen in Afrika helfen wollte. Das hat auch sein Leben komplett verändert. Foto: Sabine Franzl

Und einen Grund. Im Mai 1981 wettete Karlheinz Böhm bei Wetten, dass..?, dass nicht mal ein Drittel der Zuschauer eine Mark für die Hungernden der Sahelzone spenden würde. Böhm verlor, aber es kamen 1,2 Millionen Mark zusammen, worauf er die Organisation Menschen für Menschen gründete. Nidermayer saß damals vorm Fernseher und Böhm sprach ihm aus der Seele. Hilfe zur Selbstentwicklung – das überzeugte ihn. Auch er wollte sich für den Kontinent, den er immer wieder bereiste, engagieren. Der erste Gedanke war, wie ein Schausteller herumzutingeln und Geld für Böhms Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“ zu sammeln. Dann ist das Ganze doch etwas größer geworden.

„Da hast jetzt einen Fehler gemacht. Und das Geld ist auch weg.“ Karl Nidermayer

„Sambesi“ wie der Fluss in Afrika, ein Name wie Musik – so nannte er seinen Circus mit „C“. 1987 feierte er im mittelfränkischen Selingstadt bei Heideck Premiere. Nidermayer und seine Freunde brauchten drei Tage, um das Hauptzelt aufzustellen. Ohne die Beratung durch den Zeltmeister des Circus Krone hätten sie es wohl nie geschafft. „Da hast jetzt einen Fehler gemacht“, dachte sich Nidermayer. „Und das Geld ist auch weg.“

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    Karl Nidermayer hoch unterm Zirkuszelt Foto: Sabine Franzl
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    Es gibt kein Teil am Circus Sambesi, das nicht durch die Hände von Karl Nidermayer geht. Foto: Sabine Franzl
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    Im Bauwagen lagert die Ausstattung des Zirkus. Rechts daneben steht der Unimog, mit dem Nidermayer schon oft in Afrika war. Foto: Sabine Franzl
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    Der Wegweiser zur Toilette ist in einer Kloschüssel einzementiert. Foto: Sabine Franzl

Über 30 Jahre und an die 200 Zeltaufbauten später kraxelt Karl Nidermayer wie ein Akrobat im Gestänge. Er trägt eine dünne Hose und Arbeitsschuhe. Der Oberkörper ist frei, an den Armen spielen die Muskeln. Das Gesicht umrahmt eine grau gelockte Bart- und Haarwolke, in der sich der Wüstenwind für immer verfangen hat, ’68 forever. Karl Nidermayer, das ist ein Mann, der seinem Zirkus so offensichtlich mit Haut und Haar verfallen ist, dass er vor diesem Hintergrund keiner Frau eine feste Beziehung zumuten will. Brigitte Simbeck sagt: „Ich bin die Freundin.“ Sie gehört zu den rund 80 Leuten, die jedes Jahr an mindestens vier Orten rund um Neumarkt in ihrer Freizeit den Zirkus am Laufen halten.

„Der Unterschied zwischen dem Zirkus und der Uhrmacherei ist gar nicht so groß, bloß die Teile sind halt größer.“ Karl Nidermayer

Wenn die Anker gesetzt sind, dauert der Zeltaufbau nur mehr drei Stunden. „Der Unterschied zwischen dem Zirkus und der Uhrmacherei ist gar nicht so groß“, sagt Karl Nidermayer. „Bloß die Teile sind halt größer.“ Während nach und nach die Akrobaten eintrudeln – allesamt beeindruckend talentierte Amateure und bisweilen auch ein richtiger Profi – hakt Nidermayer Vorhänge ein, hängt Lampen auf, verkabelt die Elektrik. „Jed’s Trumm selbergmacht“, brummelt er in den Bart. In seiner Werkstatt in einer Halle in Neumarkt repariert, baut, streicht er, was gerade anfällt. Es gibt dort neben viel Platz für seinen Fuhrpark eine Schmiede, eine Drehbank, ein Schweißgerät, eine Kreissäge, eine Hobelbank. Er sieht das so: „Man kann es irgendwie machen. Oder man kann es schön machen.“ Und Karl Nidermayer hat seinen kleinen Zirkus sehr schön gemacht, Stil Roncalli. Die opulenten Bilder am Eingang steuerte der Kirchenmaler Martin Neufert aus Parsberg bei, der Wegweiser zum Klo steckt einzementiert in einer Kloschüssel. Neben dem eleganten Saharabeige leuchten die Farben in Rot, Blau, Grün und Gold, viel Gold, denn Kitsch gehört nun mal zum Zirkus.

„Jed’s Trumm selbergmacht.“

Unter der blauen Plane staut sich die Hitze. In Afrika kann es kaum heißer sein als an diesem Samstag im August in Berg bei Neumarkt. Der Platz ist eine Brache am Ortsrand. Sandiger Aushub türmt sich wie eine Düne hinterm Mannschaftswagen, einem ausrangierten Gelenkbus. Ab und zu wirbelt eine Brise den Staub auf. High Noon. Wird jemand kommen? Der Eintritt ist kostenlos, um Spenden wird gebeten. Jeder Cent fließt nach Afrika, alle Kosten, Versicherungen, Steuern, Reparaturen und so weiter, trägt Karl Nidermayer. Er sagt, wenn nur einer der Zirkusbesucher etwas gibt, hat es sich rentiert. Aber es kommen und spenden viele. Kurz vor der Vorstellung taucht Nidermayer seinen Kopf in einen Kübel Wasser, seift sich ein, wäscht sich ab. Brigitte hilft ihm ins Kostüm. Er wird als Carlos Tango auftreten und in einer poetischen Nummer zur Musik eine Zeitungsseite zerreißen. Und am Ende wird er als Zirkusdirektor für die Spenden danken.

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    Die ersten Minuten der Vorstellung laufen. Foto: Sabine Franzl
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    Kurz vor dem Auftritt wäscht sich Karl Nidermayer. Foto: Sabine Franzl
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    Mit Clown Pipo checkt Karl Nidermayer das Programm. Foto: Sabine Franzl
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    Den ausrangierten Gelenkbus hat Karl Nidermayer zum Mannschaftsquartier ausgebaut. Foto: Sabine Franzl
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    Brigitte hilf Karl in sein Kostüm. Foto: Sabine Franzl

Es heißt immer wieder, er habe schon als Junge davon geträumt, Zirkusdirektor zu werden. „Ein Märchen“, sagt Karl Nidermayer. Vater Fritz und Mutter Elisabeth haben nach dem Krieg ihr Uhrmachergeschäft aufgebaut – aus dem Nichts, denn die Familie stammt aus einem Bauernhof. „Eigentlich wäre ich ein Bauer.“ Etwas anderes als daheim einzusteigen, stand nie zur Debatte. Nidermayer hat eine jüngere Schwester und einen älteren Bruder, der schon verstorben ist. Das Geschäft führt jetzt einer seiner Neffen. Wenn nötig, ist Nidermayer da. Aber es ist immer weniger nötig, „Gott sei Dank“.

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    Antonia führt durchs Programm, Karl Nidermayer bereitet seinen Auftritt als Carlos Tango vor. Foto: Sabine Franzl
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    Carlos Tango bei seinem Auftritt Foto: Sabine Franzl
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    Karl Nidermayer sagt, es stimme nicht, dass er als Kind davon träumte Zirkusdirektor zu werden. Seit mehr als 30 Jahren ist er es dennoch. Foto: Sabine Franzl

Nicht, dass es ihm nicht gefallen würde. Sein Reich ist die Werkstatt, gekühlt von einer Klimaanlage und bespielt von klassischer Musik und dem Ticken alter Uhren. Antiquarische Pendeluhren und historische Uhrwerke sind Nidermayers Spezialgebiet. Jede hat ihr Eigenleben und in einem gewissen Rahmen auch ihren eigenen Takt. Das gefällt dem Nostalgiker in ihm. „Ich habe ein besonderes Verhältnis zu Zeit. Aber ich bin nicht komplett rückwärtsgewandt.“

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    In der Werkstatt des Uhrmachergeschäfts Foto: Sabine Franzl
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    Karl Nidermayers Arbeitsplatz Foto: Sabine Franzl
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    Alte Uhren ticken anders. Foto: Sabine Franzl
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    Historische Fotos in der Werkstatt zeigen, wie viele Leute früher in der Werkstatt beschäftigt waren. Foto: Sabine Franzl

In Afrika, seinem Sehnsuchtsland, gehen die Uhren auch anders. Dort gibt es Zeit im Überfluss. Die Menschen haben zum Leben und zum Tod eine nähere Beziehung, sagt Nidermayer. Deshalb gehen sie auch mit ihrer Zeit anders um. Im November 2019 fährt er wieder hin. Von Tunis aus wird er mit seinem sandfarbenen Unimog in die Zentralsahara starten. Die Karte von Afrika liegt immer auf seinem Schreibtisch.

Die nächsten Vorstellungen des Circus Sambesi sind am 1. September um 15 und 19 Uhr in Neumarkt.

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Afrika ist überall präsent, wo Karl Nidermayer ist. Im November 2019 fährt er wieder hin. Foto: Sabine Franzl

Die verschiedenen Facetten des Karl Nidermayer im Video von Sabine Franzl:

Text von Angelika Sauerer

Fotos & Film von Sabine Franzl

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