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Mickey hat jetzt einen Job

Mickey sperrt für Hansi die Augen auf. Eva Rehm aus Abensberg bildete den Blindenhund aus. Erste Schritte in ein neues Leben

Mickey ist ’ne coole Socke. Biegt sportlich um die Ecke, sagt charmant und unaufdringlich Hallo, nimmt lässig Platz und mustert völlig entspannt die Welt um sich herum: die Wohnküche, in der er jeden Winkel, jedes Detail in und auswendig kennt, das Grün vor den Fenstern, den Duft der Gewürze und Teesorten, das Brummen und Zischen des Kaffeeautomaten. Er spürt den groben Natursteinboden unter seinem flach ausgestreckten Körper, die angenehme Kühle, die er viel lieber mag als die bequeme Wärme einer Decke. Von draußen hört er Lotta, seine Schwester. „Kommst du? Was ist los?“ Ronja und Leni, seine Nichten, wollen spielen.

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Ruhepause: Mickey liegt am liebsten auf dem kühlen Steinboden. Foto: Sabine Franzl

Mickey hebt kurz die Brauen. Keine Zeit, bald ruft die Arbeit. Das hat er im Gefühl. Und er weiß noch viel mehr. Er sieht es in den Augen von Eva, die schon leise Servus sagen: Er wird von hier fortgehen, wie vor ihm der Bruno, Papa seiner Freundin Wanda. Und nach ihm die Wanda. Denn Mickey hat jetzt einen Job.

Johnny No Look und Mickey, der Coole

Hansi Mühlbauer alias Johnny No Look ist erst recht ’ne coole Socke. Drahtiger Körper, braun gebrannt, lange, von der Sonne blond gesträhnte Haare, T-Shirt mit Aufdruck, beige Chinos, Sneakers. Singt in einer Punkrock-Band, den „Dehydrators“. Surft. Klettert. Betreibt mit Gleichgesinnten eine Abenteuer- und Wildnisschule. Arbeitet als Physiotherapeut. Und ist blind seit seinem zweiten Lebensjahr. Er hatte einen Tumor hinter den Augen, dessen Entfernung ihn das Augenlicht kostete. Hansi stammt aus Ried bei Gleißenberg, das ist nicht weit von Furth im Wald. In die Blindenschule und ins Internat ging er in Nürnberg. Dort lebt er seither.

Hansi kennt die Stufen und Stolperstellen, die Kurven und Kreuzungen, die Gerüche und Geräusche auf seinen üblichen Wegen. Er streckt seinen Fühler, den weißen Langstock, aus und tastet sich durch seine Welt. Auch seine Welt wird sich ändern. Denn er kriegt jetzt einen, der sie für ihn sieht.

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Eva Rehm begleitet und korrigiert die ersten gemeinsamen Gehversuche von Hansi und Mickey in der Regensburger Fußgängerzone. Foto: Sabine Franzl

„Coole Socke“, der Ausdruck stammt von Eva Rehm. Seit 1988 bildet die 51-Jährige Blindenhunde aus, seit zehn Jahren ist sie selbstständig. Sie kommt aus dem Münchner Raum, dort hat sie früher Pferde gezüchtet. Dann arbeitete sie in einer Blindenführhundschule in der Nähe von Ingolstadt. Und seit zwei Jahren lebt sie hier, in der Nähe von Abensberg, in einem alten Bahnhof von 1877 mitten im Wald. Eva und ihr Partner Michael Spakowski, ein freier Fotograf, haben das Haus renoviert und um ein Gästehaus ergänzt. Seit sie hier wohnt, züchtet Eva ihre Hunde auch selbst.

„Intelligenz, Freude am Lernen, Neugier, Offenheit, keine Ängstlichkeit, Ausgeglichenheit, null Aggressivität, Unerschrockenheit, Ruhe“ Eva Rehm über den Charakter von Blindenhunden

Derzeit wuseln sieben große und kleine Hunde samt zehn neugeborener Welpen über 10 000 Quadratmeter eingezäunten Grund. Großpudel und Labradoodle – eine Mischung aus Großpudel und Labrador – sind für den Job als Blindenhund am besten geeignet. Er stellt hohe Ansprüche an den Charakter. Eva Rehm zählt auf: „Intelligenz, Freude am Lernen, Neugier, Offenheit, keine Ängstlichkeit, Ausgeglichenheit, null Aggressivität, Unerschrockenheit, Ruhe.“ Das alles müssen sie von Natur aus mitbringen. Den Rest lernen sie bei Eva. Sie geht schon mit den Welpen ins Einkaufszentrum, fährt Bus, läuft laute Straßen lang, um sie vorzubereiten – und zu testen: Nur Hunde, die wirklich mit Spaß bei der Sache sind, bildet sie aus.

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Ein Blindenhund wie Mickey ist eine Vertrauensperson. Deshalb darf er auch überall frei laufen. Foto: Sabine Franzl

So Typen wie Mickey. Mit leisem Stolz hält er seinen Kopf. Er ist etwas Besonderes. Um Aufmerksamkeit muss er nicht betteln oder bellen, sie fliegt ihm zu, wie den richtig guten Lehrern in der Schule. Ein Blindenhund wie Mickey ist eine Vertrauensperson. Deshalb darf er auch überall frei laufen und seinen Menschen überallhin begleiten, sogar in Krankenhäuser und Metzgereien. Aber der Chef ist der Mensch. Der muss dem Hund sagen, wo’s langgeht. Deshalb können auch nur Blinde, die fit sind, ihre Wege kennen und allein mit Stock laufen, einen Blindenhund bekommen.

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Fühlkontakt statt Blickkontakt: Mickey und Hansi sind auf einer Wellenlänge. Foto: Sabine Franzl

Mickey, der zweijährige Labradoodle, und Hansi, der 37-jährige Naturbursch, sind auf einer Wellenlänge. Ein gutes Team müssen sie erst noch werden. Drei Wochen bleiben ihnen dafür, dann nimmt ein Prüfer das Gespann ab. Eine Woche üben sie bei Eva in und um Abensberg. Hansi wohnt in der Ferienwohnung und Mickey lebt schon bei ihm. Dann folgen zwei Wochen an Hansis Wohnort. Auch da ist Eva als Trainerin mit dabei. Ein Blindenführhund wird zu 100 Prozent von der Krankenkasse finanziert. Sie zahlt für Hund und Unterhalt. Inbegriffen sind auch die Fahrtkosten, das Hotel, der Aufenthalt bei Eva und ihrer dort.

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Im Arbeitsanzug wird Mickey ein ganz anderer

Training in Regensburg. Mickey sieht, wie Hansi das weiße Führhundgeschirr von der Schulter nimmt – seine Arbeitskleidung. Ein Ruck geht durch den Hund. Er schaltet um von Freizeit auf Job. Aus Mickey, dem Lebhaften und Neugierigen, wird Mickey, der Konzentrierte, auf den man sich verlassen kann. Ab sofort wird ihn nichts mehr ablenken. Er wird keine Artgenossen begrüßen, nicht am Wegrand schnüffeln, nur im absoluten Notfall bellen, nicht trödeln. Hansi nimmt den strubbeligen Hundekopf tastend zwischen die Hände, wuschelt ihn und redet lobend auf ihn ein. Dann streift er ihm das Führgeschirr über den Kopf, schließt die Schnalle unterm Bauch, klappt seinen Stock zusammen und greift mit der Linken den Haltebügel, während er in der Rechten locker die Leine hält. Hansi fühlt sich noch komisch ohne Stock. Wie ausgesetzt im Nichts, man könnte fast sagen: wie blind. Er sagt „Voran!“. Und Mickey läuft.

Rechts, links, rechts, links – Mickeys Augen scannen die Umgebung. In gleichmäßig schneidigem Trab weicht er Hindernissen und Unebenheiten aus und findet den besten Weg durchs Gewusel der Wartenden an einer Bushaltestelle. Hansi spürt jeden kleinen Schwenk, jedes Innehalten des Hundes. Das Vertrauen wächst. Mickey achtet sogar auf Autos, die aus Einfahrten kommen könnten. An jedem Bordstein stoppt er, Hansi ertastet mit dem Fuß die Schwelle, setzt mit „Weiter“ oder „Voran“ den Weg über die Straße fort. Um die 40 Hörzeichen hat Mickey im letzten Jahr gelernt. Er weiß auch, wann er den Befehl unbedingt verweigern muss: am Bahnsteigabgrund und an der Rolltreppe.

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Mickey hat Hansi gezeigt, wo die Ampel ist. Hunde können rot und grün nicht unterscheiden. Bei Ampeln ohne Blindensignal überqueren die beiden die Straße, sobald sie kein Auto hören. Foto: Sabine Franzl

„Such Ampel!“ Mickey legt die Schnauze unterhalb des Drückers an den Mast, Hansi folgt mit der Hand über den Hundekopf zur Taste. „Fein gemacht.“ Hansi kramt ein Leckerli aus der Hosentasche. Sie warten, bis sie Grün hören. Brummt oder piepst eine Ampel nicht, gibt Hansi das Signal zum Gehen, sobald er kein Auto hört – denn Grün und Rot können Hunde nicht unterscheiden. Dafür kann Mickey viele weitere Nahziele wie Zebrastreifen, Türen, Briefkästen oder Verkaufstheken auf Kommando anzeigen. Bisweilen auch ohne Kommando: Vor einem Café stoppt er kurz. Mal sehen, ob auch der Hansi Lust auf Pause hat. Hat er. Kaffee schwarz und eine Schale Wasser für den Gefährten.

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