Nahaufnahme

Michi Kilger und das echte Leder

Der 27-jährige Viechtacher sieht aus wie ein Hipster und könnte bodenständiger kaum sein. Auf seine Gürtel gibt er lebenslange Garantie.

Es ist kein Zufall, dass Michael Kilger zuerst in die gute Stube geht. Sie ist aus dem Holz, aus dem er auch geschnitzt ist: Der Fußboden besteht aus Latten vom Dachboden der alten Firma, in der seit 160 Jahren nunmehr in sechster Generation Häute zu Leder gegerbt werden. Die Tischplatten sind aus Gerbfässern gezimmert. Bis vor 15 Jahren drehten sie sich mitten in Viechtach. Die Familie wohnte gegenüber und der Michi wuchs quasi im Betrieb auf. Wenn er die Augen schließt, hat er wieder den Geruch in der Nase, der früher viel schärfer war als jetzt, da man beim Neubau das Entfleischen und Enthaaren der Häute an einen Dienstleister vergeben hat. Und er sieht sich als Ferienjobber an der Maschine arbeiten und Schuhsohlen stanzen – damals das Hauptprodukt der Firma. Um zwölf durfte er als kleines Kind manchmal den Knopf für die laute Glocke drücken, die durch den Ort schallte. „Ich hab’ die Mittagspause für die ganze Stadt eingeläutet.“

250 0008 32236494 Mkilger U1 2 Mit Rahmen

Jetzt liegt die Gebr. Kilger Lederfabrik an der Ausfallstraße Richtung Sankt Englmar. Innen halten historische Fotos und die gute Stube die Erinnerung wach. In der modern mit viel Holz gebauten Halle schlägt ein Herz aus Tradition, Naturverbundenheit und Innovationsgeist. So steht auch der Michi (27) vor einem: Ein Baum von einem Mann in Baumwoll-T-Shirt, Bermuda-Shorts, Turnschuhen. Die Hornbrille rutscht ihm beim Reden gern über die Nase und die blonden Haare sind einerseits gescheitelt, andererseits verwuschelt. Ein Hipster mit kurzem Bart, der im tiefen Bayerwald-Bass über sein Leder philosophiert.

Klein, aber fein: Kilger gerbt ausschließlich chromfrei

Es stammt zum Großteil von bayerischen Kühen, die in ihrem Leben viel frische Luft bekommen haben. Es wird pflanzlich gegerbt und mit natürlichen Fetten, Farben und Wachsen ausgerüstet. Im Vergleich zu großen Chromgerbereien ist die Fabrik klein. Aber sie ist die größte in Deutschland, die rein ökologisch arbeitet.

Die Gerberei gehört dem Vater, Michael ist Teilhaber. Sein Bruder geht einen eigenen Weg, er hat nicht so den Draht zum Leder. Michi aber war von klein auf fasziniert von der Metamorphose einer Tierhaut – eigentlich ein Abfallprodukt beim Schlachten – in ein widerstandsfähiges und extrem vielseitiges Gebrauchsmaterial. 

Die Metamorphose einer Tierhaut in hochwertiges Leder

Im Lager stapeln sich auf Paletten die unterschiedlichsten Leder: naturfarbenes, braunes oder schwarzes Blankleder, hart oder zäh; geschmeidig narbiges Schrumpfleder, das sich anfasst wie ein knautschiges Sofakissen; biegsames Wachsleder, das sich am Knick hell verfärbt; schweres Zaumleder, das Michi und seine Kollegen immer wieder mit einer Fettmischung eingerieben haben, sodass es sich quasi selbst pflegt. „Nach einer Weile scheinen weiße Ränder auf. Man poliert sie ein und das Leder ist wieder wie neu“, erklärt Michael Kilger, während er das Fett in kreisenden Bewegungen mit dem Schwamm einmassiert. In Asien ist das sogenannte Bridle-Leder so beliebt, dass daraus auch luxuriöse Taschen gefertigt werden. Aber normalerweise wird es für Zaumzeug und Pferdegeschirre verwendet.

  • Kl 0577
    Michi Kilger massiert eine Fett-Wachs-Mischung in ein Stück Bridle-Leder. Foto: Sabine Franzl
  • Mkilger Ol0433
    Ein mit Bienenwachs behandeltes Lederstück wird in der Heißmangel gebügelt. Foto: Sabine Franzl
  • Kl 0537
    Manche Lederstücke färbt Michi Kilger von Hand. Foto: Sabine Franzl
  • Mkilger Ol 8871
    Im Lager stapeln sich palettenweise hochwertige Leder. Foto: Sabine Franzl

Seit 15 Jahren setzt die Lederfabrik Kilger vor allem aufs Pferd: Sie stellt Leder für hochwertige Sättel her und liefert es hauptsächlich nach England. „Wir sind Weltmarktführer in diesem Nischenprodukt“, sagt Michi und schiebt mit dem Finger seine Brille zurück. „Wir fühlen uns wohl in dieser Nische.“ Sie ist ihnen ja auch quasi auf den Leib geschneidert. In Bayern, also direkt vor der Haustür, gibt es noch viele Kühe, die draußen auf der Weide stehen und dadurch eine richtig dicke Haut bekommen. Die braucht man fürs Sattelleder. „Wir kaufen nur die schwersten Häute“, sagt Michi Kilger.

Gerade eben ist wieder ein Schwung angekommen. Vor dem Gerben müssen die bereits haar- und fleischlosen Häute in einer meterdicken, hölzernen Waschtrommel mit klarem Wasser gewaschen werden. Das Abwasser enthält keine Schadstoffe, wird aber gesammelt und geklärt. Mit einem satten Platsch landen die weißen Häute in einem Bottich. Zwei Angestellte hängen die rund 2,50 Meter langen Lappen nun an Holzlatten in Rahmen, je 65 Stück pro Einheit. Ein Kran hievt das Gatter hinauf über eine der vier Gruben und taucht die Häute in die rotbraune Brühe. Sechs bis zehn Wochen ziehen sie nun darin, ab und an sanft geschaukelt. 

  • Mkilger Ol0985
    Eine Ladung Kuhhäute schwappt nach dem Waschen aus der Trommel. Foto: Sabine Franzl
  • Mkilger Ol0947
    Weiß und labbrig - noch sehen die Häute gar nicht nach Leder aus. Foto: Sabine Franzl
  • Mkilger Ol1036
    Die Häute werden in Rahmen gehängt und anschließend in die Gerbgrube getaucht. Foto: Sabine Franzl
  • Kl 1058
    Michi Kilger kontrolliert regelmäßig den Gerbungsprozess. Foto: Sabine Franzl

Die vegetabile Grubengerbung ist im Vergleich zur schnellen Fassgerbung, die nur zwei Tage dauert, viel schonender. Außerdem spart sie Wasser – die Brühe wird nie weggeschüttet, nur aufgefüllt. Je länger sie in der Grube steht, desto besser wird die mit Kastanien-, Eichen- und Mimosarinden angesetzte Suppe. „Seit wir an diesem Standort sind, haben wir sie noch nicht ausgetauscht“, sagt Michi Kilger. Ab und zu zieht er während des Gerbvorgangs eine Probe. Er fährt den Rahmen hoch, holt sein Taschenmesser aus der Hosentasche und ritzt eine Haut ein. „Ist noch nicht ganz durch“, sagt er. „Da sieht man den hellen, rohen Kern.“

Raum und Zeit zum Handwerken

Nach dem Gerben wird das Leder gepresst, gespannt, getrocknet, entweder in Walkfässern oder von Hand gefärbt, gefettet, gewachst, heiß gemangelt – je nachdem, welche Eigenschaften es nachher haben soll. Hier ist Michi Kilger in seinem Element. Beim Tüfteln vergisst er alles um sich herum. „Ich kann mir jedes Leder so herrichten, wie ich es brauche“, sagt er. Dabei hat er das Handwerk weder gelernt noch Ledertechnik studiert. Den Hochschulabschluss legte er im Fach BWL-Marketing ab. Aber so lange ihm der Vater den Raum und die Zeit zum Handwerken gönnt, wird er sie nutzen.

„Einen guten Gürtel erkennt man an der perfekten Kante.“ Michi Kilger

Am Ende der Fabrikhalle liegt sein Reich. Unterm Fenster ein schmaler Tisch zum Zuschneiden, in der Mitte eine Werkbank, daneben die Kiste mit den Werkzeugen. In der Ecke der Sitzplatz, an dem er mit einem aufgespießten Schwämmchen und viel innerer Ruhe die Kanten färbt. „Einen guten Gürtel erkennt man an der perfekten Kante“, sagt Michi. Und eine gute Nähmaschine an ihrem Alter: sieht aus wie ein Museumsstück und kann Nähte wie mit dem Lineal gezogen. In leuchtendem Rot, Blau, Grün, Gelb oder schlichtem Beige und Braun zieren sie Michis Unikate. MK Ledermanufaktur taufte Michael Kilger seinen Betrieb, in dem er seit sieben Jahren Ledergürtel fertigt. Inzwischen ist die Nachfrage so groß, dass er zwei Angestellte beschäftigt. Bestellen kann man die Gürtel über seine Homepage im Internet. Michi garantiert, dass sie lebenslang halten. „Unkaputtbar“ nennt er sie.

  • Kl 0652
    Michi Kilger schneidet ein Stück Leder ab. Foto: Sabine Franzl
  • Kl 0669
    Schritt für Schritt entsteht daraus ein Gürtel. Foto: Sabine Franzl
  • Kl 0688
    Hier wird die Kante nachbearbeitet. Foto: Sabine Franzl
  • Kl 9053
    Michi Kilger stanzt Löcher ins Leder. Foto: Sabine Franzl
  • Kl Mkilger 9056 Hoch
    Die Gürtelschnalle wird befestigt. Foto: Sabine Franzl

Michi versteht das auch als Hommage ans Tier, dem er mit der Qualität seiner Arbeit die Ehre erweist. Im Urlaub geht er gern in den Bergen wandern. Da begegnet er so mancher glücklichen Kuh auf der Almwiese. Er mag die Vorstellung, dass das Stück Leder, an dem er gerade die Schnalle festnietet von so einer Kuh stammen könnte. Als letzten Schritt prägt Michi Kilger sein Logo ins Leder. Fertig.

Michael Kilger fertigt in Handarbeit Gürtel aus dem Leder, das im Betrieb der Familie in Viechtach chromfrei gegerbt wird. Im Video erzählt er unter anderem, wie es dazu kam.

Text von Angelika Sauerer, MZ
Fotos & Film von Sabine Franzl

Teilen