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Lothar Mai und die Freiheit über den Wolken

Auf dem Flugplatz Straubing-Wallmühle entgeht dem Chef nichts. Doch einmal traute er seinen Augen kaum.

Wind von Ost, Startbahn 09. Gutmütig brummen die Motoren. Sie wankt wie ein Matrose auf See und hoppelt, die Flügel weit gespannt, zur Startbahn. Dann gibt sie Gas, hebt ab und fliegt, erstaunlich leichtfüßig. Lothar Mai (65), Leiter des Flugplatzes Straubing-Wallmühle, schaut ihr durchs Fernrohr nach und lächelt. „Das ist unsere Luftkuh“, sagt er. Auf dem Boden wirkt der Motorsegler, ein Zwitter aus Segelflugzeug und Motorflieger, unbeholfen wie ein Albatros bei der Landung. Aber in der Luft bewegt er sich elegant wie ein Falke.

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Lothar Mai Foto: Sabine Franzl

Abheben und landen. Der Flugplatz als Schnittpunkt zwischen Schub, Luftwiderstand und Schwerkraft – das ist Lothar Mais Metier. „Fliegen ist das Herbeiführen und Aufrechterhalten einer ausgeglichenen Energiebilanz“, sagt er, wenn er es nüchtern formuliert. Und von wegen grenzenloser Freiheit über den Wolken: Am Himmel herrschen klare Regeln. „Jeden anderen Verkehr kannst du anhalten oder bremsen. Das geht in der Luft nicht. Der fällt sonst runter.“ Also muss man ihn moderieren, lenken, lotsen. Und natürlich kommen sie immer alle auf einmal.

Krächzend und nasal kündigt sich ein Pilot aus Tschechien an. „Sichtflug, aha, dafür reicht es aber nicht ganz“, kommentiert Mai, als das Mikro wieder aus ist. Er hat an diesem Tag Dienst im Tower und lässt den Blick rundum durch die schrägen Fenster schweifen. Südlich vor ihm liegt die Start- und Landebahn, 1350 nutzbare Meter lang, 30 Meter breit. Von Ost nach West trägt sie die Nummer 27 – so wird bei Westwind, der hier vorherrscht, gestartet und gelandet. Von West nach Ost heißt sie 09, wie heute bei Ostwind.

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Foto: Sabine Franzl
"Von da muss er kommen."

Mai springt auf, kneift die Augen zusammen und schaut angestrengt auf die Wolken im Nordosten. Normalerweise muss man bei Sichtflug mindestens 1,5 Kilometer weit sehen können und sich von Wolken fernhalten. Aber heute reicht die Sicht nicht mal einen Kilometer. „Von da muss er kommen.“ Wieder ein Krächzen. Der schon lang angekündigte Instrumentenflug meldet sich nun auch per Funk. Mai gibt die Wetterdaten durch: Luftdruck, Wind, Wolkenhöhe, Temperatur. 

GPS-Flüge werden schon vor dem Start erfasst. Die Navigation führt den Piloten durch Wolken und schlechte Sicht. Seit 1999 ist der Flugplatz Straubing mit einem Instrumentenlandesystem auf Basis von Satellitennavigation (GPS) ausgestattet. Flieger bis zur Größe einer Fokker 50 oder eines vierstrahligen Jets mit 100 Sitzen könnten hier landen. Letzteres scheitere zwar an der Abfertigungskapazität, aber „theoretisch ginge es“. Mai bittet den Instrumentenflug auf die Warterunde. Mais Ansagen sind sachlich, seine Radiostimme klingt unaufgeregt und dialektfrei.

Am Lagerfeuer wollen sie immer „Über den Wolken“ hören

Geboren 1952 in Potsdam, mit fünf Jahren verpflanzt nach Köln, nach dem Gymnasium Bundeswehr, Ausbildung zum Fluglotsen, Stationen in Franken und Schwaben – nirgendwo färbte die Sprache ab. Schließlich landete Lothar Mai 1980 in Niederbayern, wo er hängenblieb, auch deshalb, weil er das Gefühl hatte, „hier geben sie dir eine Chance. Wenn du gut bist, gehörst du dazu.“ Egal, ob im Volleyballverein, am Stammtisch, in der Arbeit oder in der Musik. Mai ist zum zweiten Mal verheiratet, fährt im Cabrio durch den Gäuboden und genießt den Luftzug in seiner Windfrisur. Er mag seine acht Katzen, vor allem ihrer stolzen Freiheitsliebe wegen, und singt in der Gruppe „Yesterday’s Songs“, einem 40-köpfigen Chor aus Straubing. Gitarre spielt er auch. Beatles, Eagles, Stones. Aber am Lagerfeuer wollen die Freunde immer „Über den Wolken“ von Reinhard Mey hören. Hat er freilich drauf, na klar. Ihm wird nicht langweilig werden, wenn er heuer in Rente geht.

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    Als Lotse soll er informieren und empfehlen, nicht befehlen. Foto: Sabine Franzl
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    Sehr genau wird jeder Flug dokumentiert. Foto: Sabine Franzl
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    „Wir kennen unsere Pappenheimer“, sagt Lothar Mai. „Auch unter Piloten gibt es den sogenannten Mann mit Hut.“ Foto: Sabine Franzl
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    Wenn's drauf ankommt, steuert Lothar Mai auch das Feuerwehrauto des Flugplatzes in Straubing. Foto: Sabine Franzl

Ein schwarzer Punkt schält sich aus den Wolken. „Da ist er ja.“ Der Sichtflug nähert sich. Die zweimotorige Twin Star nimmt die Schleife über die Donau und schwenkt zur Landebahn, wo die PAPI, die „Präzisions-Anflug-Gleitwinkelbefeuerung“, leuchtet. Nachdem der Sichtflug gelandet ist, setzt auch der GPS-Flug auf, dann kommt die Luftkuh von ihrem Spaziergang zurück. „Der Drei-Grad-Sinkwinkel stimmt, wenn der Pilot zwei weiße und zwei rote Lichter sieht“, erklärt Mai. Er kennt sich aus, denn er fliegt selbst. Mai ist neben Lotse und Flugplatzleiter auch eine Art Luftpolizei. Dafür braucht er den Pilotenschein und muss jährlich Flugstunden nachweisen. Als Beauftragter für die Luftaufsicht kontrolliert er unter anderem Pilotenscheine und Maschinen. Einmal hat er einen Vogel kurz vorm Start aus dem Verkehr gezogen. Die Propellerspitze war gebrochen.

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    Lothar Mai im Cockpit der Piper Warrior Foto: Sabine Franzl
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    Lothar Mai überprüft den Ölstand in der Piper Warrior. Foto: Sabine Franzl

Gelernt hat Lothar Mai das Fliegen 1979 in Augsburg. Sein Lehrer war ein ehemaliger Militärpilot. Da herrschte Drill im Cockpit, mein Lieber. „Der Mai, der lernt das nie. Jetzt hat er schon wieder einen halben Meter neben der Centerline aufgesetzt“, zitiert ihn Lothar Mai und lacht. Was ist schon ein halber Meter? Da sieht er ganz andere Sachen. „Wir kennen unsere Pappenheimer. Auch unter Piloten gibt es den sogenannten Mann mit Hut.“ Er selbst hält es mit seinem Fluglehrer. „Präzision ist mein Ziel, sonst gibt es noch was zu verbessern. Aber anderen gegenüber bin ich toleranter. Ich weiß ja, wie schwer es ist.“

Als Lotse soll er informieren und empfehlen, nicht befehlen. Erst kurz bevor es kracht, dürfte er durchgreifen. Aber so weit ist es bisher noch nicht gekommen. An zwei Episoden erinnert er sich, beide trugen sich vor dem Ausbau des Flugplatzes für den Instrumentenflug zu, als es noch keinen Zaun ums Gelände gab. Einmal geriet ein Reh in den Propeller einer landenden Maschine. Es wurde regelrecht in Stücke zerteilt. Ein andermal traute Mai seinen Augen nicht: Da lagen doch glatt drei Mädchen mit Handtüchern auf der Startbahn in der Sonne. Die hatten dann aber schnell Flugtag.

„Präzision ist mein Ziel, sonst gibt es noch was zu verbessern. Aber anderen gegenüber bin ich toleranter." Lothar Mai

An Sommertagen gibt es in RBM – so das offizielle Kürzel – mittlerweile 250 bis 300 Starts und Landungen, vom Ultraleichtflieger, über Segelflieger und Kleinflugzeug bis hin zum Privatjet. Auch Franz Beckenbauer ist hier schon mal gelandet. Wartungsflüge sind das wichtigste Standbein. Am Flugplatz haben sich Betriebe angesiedelt, die alles anbieten, was kleine Flieger so brauchen. Mai und vier Kollegen teilen sich die Dienste im Tower, an Kasse und Abfertigung, als Feuerwehr, als Flugaufsicht. Und dann ist da noch das Fliegen.

Lothar Mai schiebt das Tor zum Hangar auf und zeigt auf die Nase einer Piper Warrior. Mit ihr macht er für den Fliegerclub Straubing Rundflüge. Und erinnert sich wehmütig an die Jodel, Baujahr ’69, die verkauft wurde. Mit ihren stoffbespannten Holzflügeln war sie ein Leichtgewicht, angetrieben von satten 180 PS. „Die hab’ ich mit den Gedanken gesteuert.“ Einmal bis nach Afrika und zurück. Mit ihr war die Freiheit tatsächlich wohl grenzenlos.

Das Video von Sabine Franzl zeigt Lothar Mai bei seinem Dienst im Tower des Flugplatzes Straubing-Wallmühle.

Text von Angelika Sauerer, MZ
Fotos & Film von Sabine Franzl

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