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Josefa Singer und ihre Heimat

Hinter dem Bayerischen Häusl steht der Wald so dicht wie ein Wall. Die Grenzwirtin von Daberg bei Furth im Wald ist am Ende der Welt geboren und ging nie von dort weg. Heimweh hat sie trotzdem.

Das Bayerische Häusl steht da, wo der Weg aufhört. Zwischen dem Holzschuppen und dem Austragshäusl hindurch trifft er auf einen L-förmigen Riegel, rot bedacht, weiß getüncht, die Fenster und Ecken ockerbraun umrandet. Auf der sonnenbeschienenen Gred – so nennt man im Bayerischen Wald die erhöhte Veranda zwischen Haus und Stalltür – gehen die Hühner spazieren. Die Tür öffnet sich in einen langen, breiten Gang, mannshoch lindgrün getüncht, als hätten sich das dunkle Grün vom Wald und das frische, helle der Wiesen ringsum mit der Wandfarbe vermischt und das Haus inwendig einverleibt. Auf der anderen Seite des Flurs geht der Blick durch die Hintertür ins Freie. Da draußen lag mehr als das halbe Leben der Josefa lang das Ende der Welt. „Koan Schritt ume!“ Josefa Singer ist mit dem drohenden Verbot groß geworden. Die Hühner, die es nicht kannten, bezahlten ihre Unwissenheit regelmäßig mit dem Leben.

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Der Wald hinter Josefa Singer gehörte früher zu ihrem Hof. Foto: Sabine Franzl
„Heimweh ist noch tiefer als das Meer, kein Last auf Erden drückt so schwer.“ Aus einem Gedicht von Josefa Singer

Das Schild mit der Aufschrift „Landesgrenze“ steckt hinten im Biergarten ein wenig windschief im Boden. Wer einen Pass dabei hat, kann längst nach Belieben hinüber und herüber. Doch die Tafel hält, dekoriert mit sorgsam gepflegten Topfblumen, die Stellung. Das hat sie mit der Josefa gemeinsam. „Hoamat we bist du schöe, ich mecht net von dir geah.“ Die Grenzwirtin schreibt Gedichte, am liebsten über die Heimat, die für sie nicht nur ein Ort ist, sondern auch ein ewiges Sehnen nach dem Vergangenen. Ihren Posten hat sie nie verlassen. Und trotzdem spürt sie das Heimweh, als wäre sie weit, weit fort. „Heimweh ist noch tiefer als das Meer, kein Last auf Erden drückt so schwer.“

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    Manchmal setzt sich Josefa zum Stammtisch dazu. Foto: Sabine Franzl
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    Am Sonntag zum Frühschoppen ist am meisten los. Foto: Sabine Franzl
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    Am Nachmittag kehren oft Wanderer ein. Am Tisch sitzen sie dann mit den Stammgästen beisammen. Foto: Sabine Franzl
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    Am Stammtisch sagen sie, sie kommen wegen der Ruhe her. Die kann man in Gesellschaft anscheinend am besten genießen. Foto: Sabine Franzl

Am besten, man liest eins ihrer fünf Büchlein, um zu erfahren, was sie bewegt. Denn Josefa Singer ist auf eine wissende, leise in sich hineinlächelnde Weise wortkarg. So ist der Menschenschlag überhaupt hier im hintersten Bayerischen Wald. Am Stammtisch sagen sie, sie kommen wegen der Ruhe her. Manche lockt wohl auch der gute Kuchen von Josefa. Warmes Essen bietet sie nicht an. Es ist Sonntag, Frühschoppenzeit. „Erst die Mess’, dann die Maß.“ Um die zusammengestellten Gartentische unter dem mächtigen Nussbaum sitzen acht Männer. Viel reden sie nicht, manch einer gar nicht. Laut ist nur der Gockel, sein Kikeriki schallt hinüber ins Böhmische. Josefa bringt ungefragt dem einen ein Weizen, dem anderen ein Helles. „Unser Wirtin woaß, wos a jeda braucht.“ Ein kurzer Blick, ein Nicken, oane geht no.

Wilde Geschichten hinterm Eisernen Vorhang

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    Die Wirtin weiß, was ihre Stammgäste trinken. Foto: Sabine Franzl
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    Die große Gaststube, in der der Ausschank steht, wird kaum mehr benutzt. Im Winter ist sie nicht geheizt. Foto: Sabine Franzl

„Die helle Freude“ leuchtet neonkalt über dem Ausschank, daneben hängt der Herrgott am Kreuz. Die Wanduhr tickt stur vor sich hin, als ob die Zeit an diesem Ort nicht längst innegehalten hätte, um ein wenig zu verschnaufen. Der Gastraum liegt im Halbdunkel. Im Winter wird er nicht geheizt, da sitzen die Gäste bei Josefa in der „wachalwarmen“ Küche. Manchmal setzt sie sich dazu, verschränkt die Hände unter der Brust und hört, „wos’s Neis gibt“. Mag sein, dass das zu Zeiten des Eisernen Vorhangs spannender war. Wilde Geschichten der Grenzer wanderten über den Wirtshaustisch. Josefas Mutter Beppi und ihre Tochter spitzten die Ohren und hielten dicht.

Josefa Singer kam 1954 im Bayerischen Häusl zur Welt, irgendwo „da drin“, sagt sie und deutet zu einem Gaubenfenster. „Und jetz’ bin i a olte Schachtl.“ Als sie ein Jahr war, starb ihr Vater mit 41 Jahren. Da stand die Mutter allein da, mit zwei Töchtern, dem Wirtshaus und der Landwirtschaft: zehn Kühe, ein paar Kälber, zehn Hühner, zwei Gockel, 18 Tagwerk Wiesen, zwölf Tagwerk Felder. Ihre sieben Tagwerk Wald hat die Familie 1945 an die Tschechen verloren. Das verbotene Gehölz hinterm Haus gehörte einst zum Hof. Seit 1802 ist das Wirtshaus der Familie Singer belegt. Das Haus wurde, so wie es jetzt dasteht, 1912 gebaut. Die dicken Mauern halten im Sommer kühl und im Winter warm. „A kloas Fleckal vo da groß’n Welt, zohl’n kann mas net mit Geld“, schreibt Josefa Singer.

"Mit an Wirtshaus is's a so a Sach, dös is eps, wo's net a neata vokraft'." Aus dem Gedicht "A Wirtshaus" von Josefa Singer

Das Dorfschulhaus von Daberg, in dem heute die Feuerwehr untergebracht ist, liegt vier Kilometer entfernt. Im Winter stapfte Josefa durch den hohen Schnee – nicht selten waren sie hier eingeschneit –, im Sommer fuhr sie mit dem Rad. Geteert wurde die Straße 1966. Josefa wäre gern länger als acht Jahre in die Schule gegangen. „I war net dumm in da Schul’.“ Doch die Mutter brauchte Hilfe. Josefa, stark und geschickt, robust und kräftig, stand ihren Bauern. Sie kümmerte sich fortan um die Landwirtschaft, die Mutter ums Wirtshaus – und die Schwester hat geheiratet. Hat sich ein Bursch’ für die Josefa interessiert, schickte die Mutter ihr Mädel aus dem Zimmer. So ist sie dageblieben. Das letzte Mal weiter weg war Josefa beim Ausflug mit der Schule. In Garmisch, das ist lang her. Reisen mag sie nicht. Wie soll man weg, wenn einen schon daheim das Heimweh plagt? Und sie könnte auch gar nicht, die Arbeit und die Mutter halten sie fest. Vor acht Jahren hat sich Beppi Singer den Oberschenkelhals gebrochen. Josefa gab die Landwirtschaft auf, verpachtete das Land und kümmert sich seither um die bettlägerige, mittlerweile 95-jährige Mutter. Kochen, waschen, umlagern, aufpassen, dass sie genug trinkt – Josefa macht alles selber.

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    An ihrem Platz in der Küche blättert sie in einem ihrer fünf Bücher. Hier schreibt sie auch. Foto: Sabine Franzl
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    Dreimal war Josefa Singer bereits im Bayerischen Fernsehen. "Schön langsam bin ich es gewohnt", sagt sie. Foto: Sabine Franzl
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    Ein paar ihrer Hühner legen grüne Eier. Der Dotter ist besonders gelb. Josefa Singer backt daraus wunderbare Kuchen. Foto: Sabine Franzl

Ist die Arbeit getan, setzt sie sich in die Küche an den kleinen Tisch mit rot-weiß kariertem Tischtuch und zwei Holzstühlen. Ein blühender Kaktus streckt pinkfarbene Blüten in alle Richtungen. Links blickt Josefa aus dem Fenster auf Obstbäume und hinter sich hat sie den neuen Küchenschrank, den sie sich gegönnt hat, darüber das Bord mit dem Fernseher. Dreimal hat das Bayerische Fernsehen schon was über sie gebracht: 2010 acht Minuten, 2015 und 2018 jeweils drei Minuten. Will Josefa das anschauen, muss sie den Hals verdrehen, so ungünstig hat sie das Gerät aufgestellt. Fernsehen ist nicht das Ihre. Sie hört lieber in sich hinein. Still und friedlich muss es sein. Und dann kommt manchmal ein Vers daher, den schreibt sie auf einen Zettel. Und dann kommt vielleicht noch einer und noch einer. Später überträgt sie die Reime in gestochen schöner Schrift in ein Heft.

Mit einem Weihnachtsgedicht fing alles an

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Im Reden ist sie wortkarg, aber das Schreiben kommt von selbst, wenn die Stimmung passt. Foto: Sabine Franzl

Fünf Büchlein mit Heimatgedichten, Sprüchen, Rezepten und Wirtshausanekdoten hat sie drucken lassen. Das erste erschien 2009 – nachdem alles mit einem Weihnachtsgedicht begonnen hatte. „Schick’s fort“, riet ein Gast und es wurde tatsächlich unter 300 Einsendungen als eines von 15 abgedruckt. Sie gewann einen Fahrradüberzug, einen Schlüsselanhänger, ein Badetuch und ein Kochbuch. „So schlecht konn’s net sei“, dachte sich Josefa und schrieb weiter. Als nächstes kommt ein Mordfall.

Im Video von Sabine Franzl zeigt die Grenzwirtin vom "Bayerischen Häusl" ihre dichterische Ader. Josefa Singer liest darin einige ihrer Gedichte vor.

Text von Angelika Sauerer
Fotos & Film von Sabine Franzl

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