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Herrn Kammerls Gespür für Eis

Erwin Kammerl ist seit 29 Jahren Eismeister. Nicht nur das: In der Regensburger Donau-Arena ist er der Mann für alle Fälle.

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Beim Eis macht Erwin Kammerl keiner was vor. Ein Blick über die weiße Fläche und er weiß Bescheid: Wie dick das Eis ist. Welche Temperatur es hat. Wer es mit seinen Kufen bearbeitet hat. Foto: Sabine Franzl

Mit einem leisen Pffft senkt sich der Fahrersessel unter Erwin Kammerl. Wahrscheinlich ist das der einzige Luxus an seinem Arbeitsplatz: ein luftgefederter Sitz, der jeden Stoß, jede Bodenwelle absorbieren kann – wenn da so was wäre. Erwin Kammerl dreht den Zündschlüssel und die Zamboni meldet sich gutmütig brummelnd zum Dienst. Eine Hand am Steuer, die andere an einem der vielen Knüppel rangiert der Eismeister seine Maschine mit der lässigen Eleganz jahrzehntelanger Routine aufs Eis. Erst in die Mitte hinein, dann nach rechts, zweimal außenrum, längs durch die Mitte und von da in sich verlagernden Bahnen rundherum. „So hab’ ich das von meinem Vorgänger gelernt“, sagt er. Das war 1988.

Blindflug mit Weitblick und ganz viel Erfahrung

Erwin Kammerl lebt mit seiner Frau in Gebelkofen, hat zwei Kinder und eine Enkelin, und ist seit 29 Jahren in Regensburg für das Eis zuständig. Erst zehn Jahre im alten Eisstadion, dann in der Donau Arena. Er hat sich quasi sein ganzes Arbeitsleben lang auf spiegelglattem Eis im Kreis bewegt – und ist dabei ziemlich weit gekommen. Obwohl es noch dazu ein totaler Blindflug ist. Wer auf der Zamboni hockt, sieht nicht, ob er die Spur hält. Das ist fast wie manchmal im richtigen Leben, da weiß man auch nicht immer, ob der Weg stimmt. Der riesige Vorbau, in den zwei Schnecken den Schneeabrieb befördern, verdeckt jede Sicht. Da sind Weitblick gefragt, Ruhe, Augenmaß und ganz viel Erfahrung. Selten bleibt bei Erwin Kammerl ein unbearbeiteter Streifen stehen.

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    Eine Fahrt mit der Zamboni ist Übungssache. Wegen des langen Vorbaus sieht Erwin Kammerl seine Bahn nicht. Trotzdem verschätzt er sich fast nie. Foto: Sabine Franzl
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    Mit den Hebeln regelt Erwin Kammerl im Fahren unter anderem die Wasserzufuhr und den Messerdruck. Foto. Sabine Franzl

Ein kurzer Blick über die weiße Fläche und er weiß Besevcheid: Wie dick das Eis ist. Welche Temperatur es hat. Wer es vorher mit seinen Kufen bearbeitet hat. Eiskunstläufer hinterlassen tiefe Löcher, die Eishockeyspieler ritzen mit ihren Canadiern bogenförmige Rillen, der öffentliche Lauf zerkratzt es flächendeckend. Je nachdem stellt er mit einem Handgriff das Messer unter der Maschine ein, reguliert mit einem Dreh am Rad die Wasserzufuhr. Erwin Kammerl erkennt sogar am geglätteten Eis, wie der Kollege zuvor gefahren ist – in den Kurven langsam, mit weniger Druck und Wasser, wie es sich gehört. Oder ob er rumgeräubert ist. Auch die Spikes der Zamboni hinterlassen ihre Spuren im Eis, und Erwin Kammerl kann sie lesen. Er lächelt verschmitzt unter seinem gemütlichen Seehundschnurrbart und nimmt einen Schluck aus seinem Kaffeehaferl. Zwei Kaffeemaschinen im Büro der Fünf-Mann-Abteilung garantieren, dass alle hellwach sind.

„Andere geh’n zum Sporteln, ich lauf’ bei der Arbeit rum.“ Erwin Kammerl

Um sechs Uhr früh begann an diesem Tag die Frühschicht des Hallenmeisters. Denn Erwin Kammerl ist nicht nur fürs Eis zuständig, sondern für alle Gebäude und Anlagen der Donau Arena. Er sperrte auf, machte Licht, schob die Tore aufs Eis für die Jungs von der EVR-Jugend. Sie spielen in der höchsten Liga, der DNL, und trainieren vor Schulbeginn. Dann startete Erwin Kammerl seinen Rundgang: Kälteanlage, Sprinklerzentrale, Heizungsraum, Elektroraum, Batterieraum, Gasraum, mehrere Lüftungsräume, Lufttrockner.

Früh am Morgen startet sein Arbeitstag mit dem täglichen Kontrollgang durch die Katakomben der Donau-Arena. Foto: Sabine Franzl

Fiele etwa in der Halle unbemerkt die Lufttrocknung aus, würde sich am Dach Kondenswasser sammeln. „Das tropft dann aufs Eis und bildet kleine Stalagmiten“, erklärt Erwin Kammerl – eine Katastrophe. Sein Weg führt also täglich durch die ganze Halle und ihre Katakomben, hoch hinauf bis unters Dach und hinüber in den Neubau. Überall Sichtkontrolle, die aktuellen Verbrauchsstände notiert er in Schönschrift im Tagesbericht. Da kommen täglich einige Kilometer zusammen. „Ich brauch’ meine Bewegung“, sagt er, „andere geh’n zum Sporteln, ich lauf’ bei der Arbeit rum.“

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Vom Computer aus kann Erwin Kammerl die ganze Anlage steuern. Foto: Sabine Franzl

Dann muss er sich doch hinsetzen. Die Werte vom Tagesbericht werden in den Computer eingegeben. Auch das Programm hat alles im Blick. Man kann das Licht steuern, die turmhohe Soundanlage, die Kälteanlage, die Heizung. „Praktisch“, meint Erwin Kammerl. Aber das Handfeste ist dem 61-Jährigen trotzdem lieber.

„Die Kinder stehen auf, wie wenn nix gewesen wäre. Aber die älteren erwischt’s manchmal.“ Erwin Kammerl

Gelernt hat er Elektroinstallateur. Das kann er gut brauchen bei seiner vielseitigen Arbeit. Wenn ganz oben in der Halle eine Lampe ausfällt, ist das ein Klacks für ihn. Da lässt er sich mit der Hebebühne hochfahren und wechselt sie aus. Vieles andere hat er sich in Lehrgängen draufgepackt, den Eismeister freilich, diverse Führerscheine und, ganz wichtig, die Sachkunde für Veranstaltungen sowie die jährliche Ersthelferschulung. Wenn öffentlicher Lauf ist, übernimmt Kammerl oder ein Kollege die Aufsicht. Er schaut dann zu, wie die Leute herumflitzen. Und wie sie hinfliegen. Da wird’s ihm bisweilen ganz anders. „Die Kinder stehen auf, wie wenn nix gewesen wäre. Aber die älteren erwischt’s manchmal.“ Die verfrachtet er dann in sein Kammerl auf die mit ausgebessertem Kunstleder überzogene Liege und ist heilfroh, wenn’s bloß ein Kratzer oder eine Prellung ist. Im Notfall wäre der Sanka in ein paar Minuten vor Ort. „Hatten wir auch schon“, sagt er in seiner knappen Art.

Erwin Kammerl, Hallenmeister der Donau-Arena, hat sich sein ganzes Arbeitsleben lang auf spiegelglattem Eis im Kreis bewegt – und ist dabei ziemlich weit gekommen. Foto: Sabine Franzl

Schneebälle sind nicht erlaubt

Überhaupt macht er nicht viel Aufhebens. „Ich tu halt, was zu tun ist.“ Stefan Kramlinger, sein Vize-Chef, sagt: „Der Erwin Kammerl stapelt gern tief. Aber er ist unsere wichtigste Stütze.“ Der Hallenmeister kennt jeden Winkel der Donau Arena wie seine Hosentasche. Wenn in wenigen Stunden die Eishalle für ein Konzert um- und dann wieder rückgebaut werden muss, läuft alles wie am Schnürchen. Auch das gehört zu seinem Job.

Allerdings ist ihm die Arbeit mit und auf dem Eis am liebsten. Maßarbeit ist es, wenn Mitte Juli Millimeter für Millimeter das neue Eis aufgebaut wird. Spritzen, anfrieren lassen, spritzen, Werbung einbauen, spritzen, frieren, Linien ziehen, spritzen, frieren... Nach etlichen Tagen ist das Eis dann etwa dreieinhalb Zentimeter dick. Minus sechs, minus sieben Grad Eistemperatur ist optimal fürs Eishockey. Die Eiskunstläufer mögen es etwas weicher, also um ein paar Grad wärmer.

Mit Schaudern erinnert sich Erwin Kammerl an die Jahre im alten Eisstadion, ohne Dach über dem empfindlichen Eis und dem fröstelnden Eismeister. Wer mal in klirrender Kälte, mal bei Regen, Wärme oder dichtem Schneefall für optimale Bedingungen für den Kufensport sorgte, dem kann in Sachen Eismachen keiner so schnell das Wasser reichen. Aber wer schätzt das schon? Einmal haben ihm Zuschauer einen Schneeball an den Kopf geworfen, erzählt Erwin Kammerl. Da hat er die Zamboni stehenlassen, ist schnurstracks zum Mikrofon und hat durchgesagt, dass er keinen Meter mehr fährt, wenn das noch mal vorkommt. Dann wäre das Spiel aus gewesen. Der Schiri hätte ohne frisches Eis nicht wieder angepfiffen.

Alle 20 Betriebsstunden muss das Messer ausgewechselt werden, mit dem das Eis abgeschabt wird. Foto: Sabine Franzl

Perfekte Kreise in gemächlichem Tempo

Genug geredet. Erwin Kammerl stellt das Kaffeehaferl ab und macht sich auf den Weg zur Zamboni. Alle 20 Betriebsstunden muss das Messer gegen ein frisch geschärftes getauscht werden – eine schwierige, gefährliche Arbeit, für die man viel Fingerspitzengefühl braucht.

Danach geht es wieder aufs Eis, diesmal in der kleinen Halle. Erwin Kammerl setzt sich die blaue Kappe auf. „Auf dem Eis zieht es, trotz Dach“, sagt er. Der Sitz macht pffft, der Motor brummt, und Erwin Kammerl zieht in gemächlichem Tempo perfekte Kreise.

In diesem Film zeigt Erwin Kammerl, wie man mit der Eismaschine fährt:

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