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Für den Fußball gibt sie alles

Lisa Schöppl aus Regensburg spielte beim Jahn mit Jungs und wechselt jetzt nach Wolfsburg. Ein neues Spiel beginnt.

Selbst wenn Lisa lächelt, ist klar, mit ihr ist nicht zu spaßen. Das rechte Bein steht auf dem Ball, die linke Hand hat sie in die Hüfte gestemmt, die rechte stützt sich aufs Knie. Kinn hoch, Schultern gerade, Blick herausfordernd, kompromisslos. Körpersprache nennt man das: An mir kommst du nicht vorbei. Der Knirps im Fußball-Trikot auf dem leicht verschossenen Foto auf Lisa Schöppls Facebook-Seite ist mittlerweile 16 Jahre alt, war Spielführerin der deutschen U16-Nationalmannschaft, ist jetzt Stammspielerin in der U17 und läuft nächste Saison für die Frauen II des Bundesligisten VfL Wolfsburg auf. Sie hat mit den C-Junioren des SSV Jahn Regensburg letztes Jahr den Aufstieg in die höchste Liga geschafft und sich dort mit den Jungs von Trainer Christian Martin heuer auch gehalten.

Lisa will immer gewinnen

Lisa Schöppl ist Abwehrspielerin und war beim Jahn Leistungsträgerin in einem Team mit lauter Jungs – ein typischer Sechser. Die blonden Haare glatt nach hinten gekämmt, gespannter Körper, konzentrierter Blick – so straff wie sie aussieht, ist auch ihr Abwehrspiel. An ihr kommt immer noch keiner vorbei, egal, ob Junge oder Mädchen. Jedenfalls nicht so leicht. „Ich will eigentlich immer gewinnen“, sagt sie, „und ab und zu spüren die Gegner das auch“. Und da ist es wieder, ihr herausforderndes Lächeln.

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Endlich wieder Ballkontakt: Fühlt sich gut an. Foto: Sabine Franzl

Fast wäre es ihr in den zurückliegenden Wochen vergangen. Der Ball, um den sich bei ihr das ganze Leben dreht, rollte ohne die Schülerin des Von-Müller-Gymnasiums, denn der Tritt einer Österreicherin beim EM-Qualifikationsspiel in Wien bescherte ihr eine unangenehme Verletzung: Riss des Syndesmosebands am linken Knöchel, weitere Bänder lädiert. Ein unnötiges Foul weitab vom Strafraum, das der Schiedsrichter nicht mal bemerkte. Lisa biss die Zähne zusammen und spielte weiter. So läuft das bei ihr: Fußball ist nicht nur ein Spiel, sondern ein Kampf, auch gegen sich selbst. Und der Wille ist immer stärker als der Schmerz. Und zum Glück auch als der Frust. An der EM in Weißrussland konnte sie nicht teilnehmen. Das war hart. „Aber es bringt ja nichts, sich zu bemitleiden“, sagt sie an dem Tag, an dem endlich der Stützschuh wegkommt.

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Andreas Gehlen coacht Lisa bei ihrem Rehaprogramm nach der Verletzung. Foto: Sabine Franzl

Eine Woche später, Reha-Training zusammen mit zwei Rekonvaleszenten der 1. und 2. Mannschaft des SSV Jahn Regensburg, Fabian Raithel und Sven Kopp, Andreas Gehlen leitet die Einheit. Der Ton ist kameradschaftlich und locker, die Übungen sind knallhart: Stabilität für Rücken und Rumpf, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit. Bei einer Übung steht Lisa mit einem Bein auf einem mit Luft nicht ganz prall gefüllten Wackelkissen, wirft und fängt kleine Bälle, spielt einen Fußball mit dem anderen Bein aus der Luft zurück. Nur kurz wird ihr Blick unsicher, als sie auf den verletzten Fuß wechselt. Dann gibt ihre Miene erleichtert Entwarnung. Geht doch. Konzentriert macht sie weiter und je länger man zuschaut, desto klarer wird: Professioneller könnte kein Profi sein.

Steile Karriere und nüchterne Statistik

Lisa Schöppl nahm den Fußball von Anfang an richtig ernst. Ihr Bruder Tim, der zwei Jahre jünger ist, sollte bei Adidas in Herzogenaurach Fußballschuhe bekommen. „Ich will auch welche“, sagte Lisa. „Dann musst du aber auch spielen“, entgegnete Vater Bernd. So fing es an. Und wie sie spielte. Erst mit sechs Jahren an ihrem Wohnort beim FC Oberhinkofen, dann wechselte sie zum SC Regensburg und anschließend zum SV Burgweinting. Seit 2014 läuft sie im Jahn-Trikot auf. Auf Vereinsebene spielte Lisa bisher nur mit und gegen Jungs. „Körperbetonter und schneller“ sei deren Spiel im Vergleich zu den Mädchen. Genau das liegt ihr.

Parallel dazu verlief ihre Karriere bei den Juniorinnen des DFB stetig und steil nach oben, über Ostbayern- und Bayernauswahl bis zur Nationalmannschaft. 18 Länderspiele hat sie schon absolviert. Die Datei, in der Vater Bernd in einer nüchternen Statistik ihre Stationen und Erfolge festhält, ist mittlerweile auf vier Seiten angewachsen. Und dass sie zu Ostbayerns Nachwuchssportlerin des Jahres gewählt wurde, freute Lisa Schöppl ziemlich. Doch Pokale und Urkunden sucht man vergeblich in ihrem Zimmer. Lisa nimmt den Fußball wichtig und nicht sich selbst. So unaufgeregt, fokussiert und schnörkellos wie sie redet, spielt sie schließlich auch.

Nächste Übung: Am Gummiseil vor- und zurücklaufen, dazwischen Ball annehmen, passen, Kopfball. Nur wer sie gut kennt, sieht vielleicht, dass sie im Moment aus der Übung ist. Die Pässe sitzen, die Kopfbälle kommen mit Gefühl, die Torschüsse mit Schmackes. Übersicht und ihr überragendes Passspiel loben die Trainer an ihr. „Stabil, zweikampfstark, gute Dynamik, gute Präsenz“ und „druckvolles Passspiel“ – damit hat sie auch ihren neuen Trainer in Wolfsburg, Sascha Glass, überzeugt.

„Dann kriegt halt der Tim die ganze Liebe ab.“ Lisa Schöppl, Fußballerin

Umgekehrt hat Lisa in Wolfsburg das Gesamtpaket aus Betreuung, Schule, Unterkunft und Entwicklungsmöglichkeiten gefallen – denn sie hatte die Qual der Wahl: Mehr als fünf Bundesligisten waren an dem Nachwuchstalent aus Regensburg interessiert. Generalstabsmäßig hat sie alle zusammen mit ihrem Vater besucht, darunter den FC Bayern, Jena, Frankfurt, Freiburg. Aber entschieden hat sie „aus dem Bauch“ heraus. Jetzt sitzt sie auf gepackten Koffern und wird bald mit gerade mal 16 Jahren auf eigenen Beinen stehen, ziemlich weit weg von daheim. „Dann kriegt halt der Tim die ganze Liebe ab“, scherzt Lisa.

Lisa entscheidet – und Team Schöppl unterstützt

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Team Schöppl: Mutter Katja, Bruder Tim und Vater Bernd an Lisas Seite Foto: Sabine Franzl

Apropos Liebe: Familie Schöppl steht wie ein Team hinter Lisa. „Na ja, der Tim musste schon manchmal zurückstecken. Da bin ich ihm ziemlich dankbar“, sagt sie. So viele Wochenenden auf dem Fußballplatz, tägliches Bringen und Holen zum Training, zu Spielen... Nicht nur Lisas Leben drehte sich um Fußball, sondern auch das ihrer Eltern. Und trotzdem schafften sie etwas, das selten ist: Sie ließen der Tochter das Sagen. Es ist ihre Karriere, nicht die von Mutter oder Vater. „Lisa entscheidet“, sagt Bernd Schöppl.

Und sie hat beschlossen, dass Fußball jetzt und in den nächsten Jahren das Wichtigste für sie ist. „Ich würde alles für den Fußball geben, alles“, sagte sie, als sie im Januar bei der MZ-Sportler-Gala auf der Bühne ihre Auszeichnung entgegennahm. Selbst in der Schule ist sie gut, damit kein Problem ihren Sport behindert. Bald wird auch die Verletzung abgehakt sein. Vor ihr liegt ein neuer Abschnitt und viele, viele Spiele, von denen keins sein wird wie das andere. „Fußball ist immer wieder neu. Nichts ist vorhersagbar. Das fasziniert mich so daran.“

Zum Abschluss spielen sie Fußball-Tennis, zwei gegen zwei. Der Rasen unter den Fußballschuhen fühlt sich gut an, Lisas Pferdeschwanz wippt und flattert im Wind. Sie streift die Haare glatt, fixiert den Ball, lächelt – und macht nicht weniger Punkte als die Jungs

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