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Franz Graf und seine Tiere

Der Biobauer vom Kollerhof in Schwaighausen ist zufrieden, wenn sein Vieh zufrieden ist - und dafür sorgt er.

Morgens kurz nach sechs deutet nichts darauf hin, was für ein schöner Tag das noch werden wird. Kalter, feuchter Dunst liegt über den Wiesen, dahinter zeichnet sich grau die Silhouette des Waldes ab. Der Regen vom Vortag hat die Wege aufgeweicht. Franz Graf schlüpft in seine Gummistiefel, zieht die Wollmütze über die Locken und stapft hinüber in den Stall. 13 Kühe, rund 100 Schafe und 50 Ziegen müssen gemolken werden. Dann wird gefüttert und ausgemistet. Anschließend der Weidezaun fertiggestellt. Und endlich kommt der Moment, auf den sich der Biobauer aus Schwaighausen jedes Jahr ganz besonders freut.

Nicht nur er. Es ist, als ob die Rinder es ahnten: Heute geht es zum ersten Mal nach dem Winter raus auf die Weide. Ungeduld macht sich breit. Die Kühe und Kälber muhen, dass der Stall dröhnt. Nebenan stimmen die Schafe blökend ein, die Ziegen meckern und die Schweine grunzen. Und wahrscheinlich gackern auch die Hühner draußen rund um ihr Hühnermobil. Morgenkonzert auf dem Kollerhof.

„Wie du sie behandelst, kriegst du es zurück“ Franz Graf
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Franz Graf Foto: Sabine Franzl

Franz Graf (49) hört am Geschrei, was los ist. Hunger, Durst, Ungeduld, Schmerz, Streit, Stress. Aber er hat nicht nur seine Ohren beim Vieh, sondern auch sein Herz. Rinder mag er besonders gern. „Ich bin ein Kuhmensch“, sagt er von sich. Als er nach dem Melken und Füttern frisches Heu einstreut, stellt er immer wieder die Mistgabel beiseite, um hier ein Allgäuer Braunvieh zu kraulen oder dort einem Roten Höhenvieh einen freundschaftlichen Klaps zu geben. „Für mich ist das eine zweiseitige Beziehung. Wie du sie behandelst, kriegst du es zurück.“ Stier Igor, schwarzbraun meliert, trottet schwerfällig herbei, um sich einen Tätschler abzuholen. Und selbst die giftige Almut wirkt sanft, wenn Franz Graf ihre Stirn streichelt. Nur Emma, eine beigefarbene Murnau Werdenfelserin, bleibt stolz auf ihrem Heubett liegen. Sie ist die Chefin auf dem Hof, eine Respektsperson unter den Rindern. Die Alterspräsidentin ist mit 18 Jahren die dienstälteste Kuh hier. Sie war schon da, als Graf den Kollerhof und seine Frau Ruth noch gar nicht kannte.

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    Ziegentrio Foto: Sabine Franzl
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    Charakterschafe Foto: Sabine Franzl
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    Zweimal am Tag wird gemolken. Foto: Sabine Franzl
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    Aus der Milch macht Ruth Graf vor allem Käse. Foto: Sabine Franzl
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    Bunte Bentheimer sind robust und kümmern sich gut um den Nachwuchs. Foto: Sabine Franzl

Die Kollers, Ruth Grafs Eltern, kauften 2001 den Einödhof in Sichtweite von Schwaighausen bei Lappersdorf. Es gab anfangs eine Kuh – die Emma –, sechs Waldschafe und zwei Ziegen. Jetzt leben 46 Rinder, 150 Mutterschafe und je 50 Jährlinge und 150 Lämmer, 50 Ziegen, 300 Hühner sowie knapp 70 Schweine in den luftigen Ställen. Das Futter – Ackerbohnen, Erbsen, Hafer, Gerste, Mais – baut Graf auf den verstreuten Feldern überwiegend selbst an. Der Mist kommt wieder zurück auf die Felder. Den Großteil des Jahres verbringen die Tiere auf der Weide. Und die Schweine sind ganz scharf auf die Molke, die in der hofeigenen Käserei der Ruth Graf anfällt. Auch da schließt sich der Kreis. „Wir beuten die Natur nicht aus. Wir leben mit ihr.“

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    Mensch und Kuh - eine zweiseitige Beziehung Foto: Sabine Franzl
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    Stier Igor gehört zur alten heimischen Rasse Rotes Höhenvieh. Foto: Sabine Franzl
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    Franz Graf könnte sich nicht vorstellen, eines seiner Rinder anzubinden. Foto: Sabine Franzl
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    Die Jährlinge warten schon auf ihr Futter. Jetzt ist es so weit. Foto: Sabine Franzl
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    Emma ist die dienstälteste Kuh im Stall. In ihrem Schlepptau finden auch die ortsunkundigen Rinder den Weg. Foto: Sabine Franzl

Franz Graf ist Biobauer aus Berufung und ein Bär von einem Mann, der auf eine ernste Weise freundlich ist und eigentlich nicht viel redet. Aber wenn er was sagt, ist es ihm wichtig. „Ich habe früher nur die Anbindehaltung gekannt. Jetzt könnte ich kein Tier mehr so halten.“ Aufgewachsen ist er mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof in Hemau. Sie hatten zwölf Kühe. Der Vater war Brandmetzger, da ist der kleine Franz schon immer mit zum Schlachten auf die Höfe. Bauer wollte er werden, aber dann lernte er doch Heizungsbauer, denn wer glaubte schon an die Zukunft der Landwirtschaft? Nach der Lehre war klar, „das ist nichts für mich“. Er holte das Fachabitur nach und studierte in Weihenstephan bei Freising Agrarwissenschaften. Sein Praktikum absolvierte er auf einem großen Biohof in Thüringen. Da erlebte er, dass es auch ohne Anbinden geht. Nach dem Abschluss 1995 wurde er Betriebsleiter in einem konventionellen Erdbeerbetrieb, stressig und einseitig sei das gewesen. Als er das Angebot bekam, wieder ins Ökozentrum nach Thüringen zu gehen, war er froh. 1999 kehrte er zurück in die Heimat. Er begleitete die Umstellung auf ökologischen Landbau auf dem Gut des Grafen Walderdorff in Hauzenstein und war dort bis 2006 Verwalter. Ruth Koller lernte er kennen, als sie 2002 ein Praktikum auf dem Gut absolvierte. Das Paar hat vier Kinder zwischen zwei und neun Jahren, drei weitere Kinder von Graf leben nicht auf dem Kollerhof.

„Wir beuten die Natur nicht aus. Wir leben mit ihr.“ Franz Graf

„Wir müssen alles hochwertig veredeln, weil wir klein sind.“ Das ist die Marktlücke, in der sich der Hof bewegt. Und die wirkliche Zukunft der Landwirtschaft, wenn es nach Franz Graf geht. Käse, Joghurt, Milch, Fleisch, Wurst, Eier, Brot verkaufen die Grafs auf Märkten in der Nähe und in ihrem Hofladen „Die grüne Ecke“ in Kareth. Am Wochenende, wenn auf spezialisierten Betrieben die Arbeit ein bisschen weniger wird, ist es bei Franz Graf mehr: Die Mitarbeiter – Landwirt Thomas, Stallarbeiter Istvan, Lehrling Max, zwei Praktikantinnen sowie zwei geringfügig beschäftigte Helfer – haben frei, aber das Vieh muss trotzdem versorgt werden und dann sind da auch noch die Märkte. „Aber ich mag’s gern.“

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    Am Samstagvormittag steht der Verkaufswagen der Grafs auf dem Markt in Lappersdorf. Foto: Sabine Franzl
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    Der kleine Bio-Betrieb muss seine Produkte möglichst hochwertig veredeln und selbst vermarkten. Käse vom Kollerhof ist für seine Qualität bekannt. Foto: Sabine Franzl

Der Verkaufswagen ist ein betagter Citroën in Silber, ein Unikat mit Charakter: Die Grafs nehmen gerne die eine oder andere Macke und Unbequemlichkeit in Kauf, wenn die Dinge, mit denen sie sich umgeben, eine Geschichte zu erzählen haben. Sie handelt von Bodenständigkeit und Naturverbundenheit, aber auch von einem freien Geist. Ein renovierter Bauwagen dient als Lager. „Der stammt, glaube ich, von einer Hippie-Kommune.“ Ein paar Graffiti sind noch übrig geblieben. An dem Wagen vorbei führt der Feldweg zu den Weiden, wo Graf, Lehrling Max und Stallarbeiter Istvan nun den Elektrozaun spannen. Oben auf dem Hof reckt eine Kuh ihren Hals übers Stalltor. Sie kann’s kaum erwarten.

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    Die Bunten Bentheimer haben echt Schwein gehabt: Sie dürfen raus, wann immer sie wollen. Foto: Sabine Franzl
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    Franz Graf stellt den Zaun um die Weide fertig. Foto: Sabine Franzl
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    Der Zaun ist fast fertig. Bald können die Rinder kommen. Foto: Sabine Franzl
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    Emma (links vorne) stellt klar, wer hier der Chef auf der Weide ist. Foto: Sabine Franzl

Auf dem Acker nebenan suhlen sich bereits die Bunten Bentheimer in ihren feuchten Kuhlen. Die Schweine haben einen eigenen Weg nach draußen. Unter ihren Klappohren blinzeln sie klug und vorwitzig in die Sonne, die sich mittlerweile durch Nebel und Wolken gekämpft hat. Ab und zu sprengt eins der Tiere im Schweinsgalopp übers holprige Feld. Die gescheckte Rasse wächst langsamer als Mastschweine. Dafür schmeckt das Fleisch besser und die Mütter kümmern sich hingebungsvoll um ihre Ferkel. Franz Graf hat ihnen einen Eber gegönnt. „Die Sauen rauschen besser und ich spare mir den Stress, einen Besamer im richtigen Moment zu bestellen.“ Der Eber macht seine Sache gut, die Herde wächst. Jede Woche werden ein bis zwei Schweine geschlachtet. Franz Graf fährt sie selbst zum Metzger. Er streut Streu auf den Weg und lässt sie zu zweit gehen, „das reduziert den Stress“.

"Das muss man mal gesehen haben, wie gestandene Kühe Luftsprünge machen." Franz Graf

Der Zaun ist fertig. Weil einige Rinder den Weg noch nicht kennen, muss Emma helfen. An der lockeren Leine läuft Franz Graf mit ihr voraus. So haben sie schon mal für einen Bauern drei entlaufene Kühe eingefangen. Der Emma folgen sie alle. Im Galopp um die Kurve und hinein in die Weide. Franz Graf steht eine Weile da und schaut einfach nur zu. Das müsse man mal gesehen haben, wie gestandene Kühe Luftsprünge machen, sagt er.

Im Video von Sabine Franzl sagt Franz Graf unter anderem, was Kühe für ihn so besonders macht:

Text von Angelika Sauerer
Fotos & Film von Sabine Franzl

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