Nahaufnahme

Eva Sixt und ihre anderen Leben

Als Sängerin, Schauspielerin und Autorin taucht die Regensburgerin ins Innere fremder Existenzen ein. Ihr Eigenes behütet sie sorgsam.

Eva Sixt sitzt auf ihrem Stuhl, Rücken gerade, Schultern nach hinten, die Beine parallel nebeneinander. Die Füße stehen auf Zehenspitzen in den flachen Ballerinas, jederzeit bereit, aufzuspringen. Spannung, dieser Schwebezustand zwischen Anspannung und Entspannung, beschreibt ihre Haltung am besten. Begleitet man Eva Sixt durch einen Arbeitstag, ist diese Spannung jede Sekunde so präsent wie ihre offenen Sinne und ihr Charme.

Es ist spät am Abend, das Scheinwerferlicht taucht den Proberaum des Regensburger Theaters in ein erbarmungsloses Licht. Eva Sixt blinzelt nicht mal, während die Schauspieler eine Szene von „Hoffnung Havanna“ (Premiere am 8. Juli im Regensburger Velodrom) üben, die sie geschrieben hat: Simon Oberdorfer, um dessen Leben, Flucht und Tod es in dem Stück gehen wird, lässt sich schlüpfrige Passagen aus dem „Weibsteufel“ vorspielen. Der jüdische Kaufmann und Kunstradfahrer will das Schauspiel in seinem Velodrom unzensiert auf die Bühne bringen – und hat auch eine Idee, wie. Eva Sixt springt immer wieder auf, zeigt mal dem Weib, wie es bezirzen, mal der Ehefrau, wie sie den Kragen recken, mal dem Oberdorfer, wie er kämpferisch auftrumpfen soll. Eva Sixt ist sie alle. Sie weiß, dass ihr Oberdorfer gern schäkert und der Weibsteufel gern reizt, die Gattin eifersüchtig dazwischen – neugierig, unsicher und gutgläubig. Die Szene endet mit einem Lieblingsausdruck von Eva Sixt: „A gmahde Wiesn.“

Wasserdichte Charaktere für den Oberdorfer-Stoff

A gmahde Wiesn, das ist, wenn alles läuft wie von selbst – scheinbar, denn das ist ja eine Utopie. A gmahde Wiesn ist vielmehr das Resultat harter Arbeit. Es ist das, was man erntet, wenn man gesät hat und fleißig war, nach Stunden im Lesesaal der Staatlichen Bibliothek, am Fenster neben dem Regal mit dem Handapparat zum Nationalsozialismus. Die Charaktere „wasserdicht machen“, nennt es Eva Sixt. Sie reifen zu Hause am Schreibtisch, Blick durch Zigarettennebel auf Hinterhofgärten am Oberen Wöhrd, und in endlos langen Gesprächen mit Joseph Berlinger, mit dem die 50-Jährige im Auftrag des Bürgertheaters den Oberdorfer-Stoff konzipiert hat und der federführend Regie führt.

Eva Sixt2 3530 Cbs
Eva Sixt bei einer Probe zu "Hoffnung Havanna". Das Stück thematisiert das Leben des jüdischen Velodrom-Erbauers Simon Oberdorfer. Sie hat es sie zusammen mit Joseph Berlinger (im Hintergrund zu sehen) geschrieben. Foto: Sabine Franzl

Eva Sixt kennt man vor allem als Interpretin: als Schauspielerin, etwa in ihrer Glanzrolle in „Mei Fähr Lady“ am Turmtheater als Chinesin, die Fährfrau werden und Bayerisch lernen will. Als Chansonnette mit Sepp Frank und Rainer J. Hofmann im Trio Trikolore. Als Vorleserin. Weniger öffentlich wirksam tritt sie als Autorin und Dramaturgin in Erscheinung. Dabei nimmt Schreiben und Regie führen längst einen größeren Raum in ihrem 2006 mit dem Regensburger Kulturförderpreis dekorierten Künstlerleben ein als das Spielen.

Die Arbeitsweise aber gleicht sich: Egal ob sie singt, spielt, schreibt oder liest, taucht Eva Sixt in fremde Leben ein, so tief wie nur irgend möglich. Wenn man es genau nimmt, ist das ihre Passion: mit den Geschichten der anderen auf eine innere Reise zu gehen. „Im Kopf kann ich überall sein. Deshalb bin ich wohl in Regensburg geblieben.“ Sie nennt es ein Privileg und eine Bereicherung: „Ich lebe immer wieder neue Biografien. Was ist schon mein eigenes, schmales Leben dagegen?“ Tatsächlich besteht ihre Kunst darin, die echte Eva Sixt, das zähzarte Mädel aus dem Dorfwirtshaus bei Kelheim und die kluge, gründlich argumentierende Intellektuelle mit Philosophie- und Literaturstudium, vergessen zu lassen, sobald sie eine Bühne betritt.

  • Eva Sixt Bs6031
    Eva Sixt im Studio mit Sepp Frank und Rainer J. Hofmann. Foto: Sabine Franzl
  • Eva Sixt5505 Bs
    Eva Sixt spielt vor, wie sie sich die Szene von "Hoffnung Havanna" vorstellt. Foto: Sabine Franzl
  • Eva Sixt5346 Bs
    Eva Sixt sinniert über ihr nächstes Projekt, eine tief gespaltene Figur. Foto: Sabine Franzl
  • Eva Sixt5378 2 Bs
    Zeitunglesen in der Stadtbücherei Regensburg Foto: Sabine Franzl

Eva Sixt und ihr Stimmabdruck auf Klassikern des Chansons

Übt sie als Mei Ding Bayerisch, ist sie tatsächlich die chinesische Putzfrau, die von der Fähre träumt. Singt sie Chansons, ist sie der Inbegriff der koketten Pariserin, deren lebenssatte, wissende Stimme nicht nur aus der rauen Kehle, sondern aus dem ganzen Körper zu kommen scheint. „Les Sixties“ lautet der Arbeits- und vielleicht auch endgültige Titel eines Albums, an dem Sixt, Frank und Hofmann gerade arbeiten. Wie immer covern sie dabei Klassiker, etwa von Juliette Gréco und Gilbert Bécaud. Warum nicht mal was Eigenes? Diese Frage begegne ihr oft, Eva Sixt streicht sich kopfschüttelnd die schwarzen Haare aus dem Gesicht. „Aber das tu ich doch!“ Sie macht immer etwas Eigenes aus dem der anderen. „Da ist mein Fingerabdruck drauf“, sagt sie, und er stammt nicht nur von ihrer Stimme.

Eva Sixt5316 2 Bs
Recherche für das neue Projekt "Die Richterin" in der Staatlichen Bibliothek Foto: Sabine Franzl

Während die Musik im Trio Trikolore langsam reift – „Wir lassen uns Zeit“ – und „Hoffnung Havanna“ in die Zielgerade einbiegt, liegt bereits ein neuer Stoff vor ihr. Im Auftrag des Turmtheaters erarbeiten Sixt und Berlinger eine Bühnenfassung des Romans „Die Richterin“ des Regensburger Schriftstellers Benno Hurt. Eva Sixt ist mitten in den Vorrecherchen. Das heißt auch, dass eine zutiefst gespaltene Frau Besitz von ihrem Denken ergreift. Wie tickt die Richterin? Warum ist sie so, wie sie ist? Was empfindet sie hinter ihrer künstlichen Fassade? Eva Sixt macht sich an diesem Vormittag auf den Weg in die Bibliothek. Sie will sich Bildbände anschauen. In den Fotografien des Autors, Fotografen und früheren Richters Benno Hurt sucht sie nach Anhaltspunkten, um seine Romanfigur besser zu verstehen.

In dem Moment, in dem die Tür zu der von der Sonne gefluteten Wohnung hinter ihr ins Schloss fällt, wird auch sie in gewisser Weise eine andere. Das Drinnen ist ihr heilig. Dem Draußen gibt sie nur so viel von sich preis, wie nötig ist – im Alltag also nicht viel. Mit dem Rad fährt sie über den Eisernen Steg. Unter der Brücke kräuselt sich glitzernd die Donau. Am Aufgang zur Stadtbücherei am Haidplatz wirft sie einen kurzen Blick in den Innenhof des Thon-Dittmer-Palais. Wie oft ist sie da schon aufgetreten? Einen Packen Zeitungen in der Hand lässt sie sich zwischen zwei deckenhohen Buchregalen an einem der hohen Fenster auf einen Stuhl gleiten. Tisch braucht sie keinen, die Zeitungen liegen auf dem Schoß. Schon als Studentin liebte sie die stille Atmosphäre zwischen Büchern, die Bände sprechen.

Eva Sixt5290 Bs
Eva Sixt auf ihrem Weg vom Oberen Wöhrd in die Stadt Foto: Sabine Franzl

Sie ist hier, um ihr Hirn mit ziellosem Lesen aufzufüllen. Nur so könne man später Assoziationen aus dem Vollen schöpfen. Sätze, die ihr gefallen, notiert sie mit Bleistift in ein kleines, schwarzes Buch. Manche Artikel kopiert und archiviert sie. Als nächstes radelt sie in die Staatliche Bibliothek in der Gesandtenstraße. Das Rad habe auch den Vorteil, sagt sie, dass man schnell an den Leuten vorbeiradeln könne, wenn man grad nicht reden mag. Wobei sie eigentlich ja gerne redet, am liebsten in Zwiegesprächen, in denen es ans Eingemachte geht. Diskussionen versteht sie als Wettbewerbe ums bessere Argument. Reden, das sei harte Arbeit, zumeist im Team mit Joseph Berlinger: „Das Verfertigen der Gedanken durch möglichst genaue Sprache“ – so nennt sie es. Von Smalltalk hält sie sich fern.

Dorthin, wo der Dialekt nicht hinreicht

Wenn es genau werden muss, dann lässt die Niederbayerin das Bayerische hinter sich. So viele Facetten der Dialekt auch habe, sagt sie mit ihrem an Literatur und Philosophie geschärftem Sinn, sei er doch als Ausdrucksmittel beschränkt.

An Schimpfwörtern reich, aber für die Liebe fehlten ihm beispielsweise die Worte, seltsam plump höre sich das dann an. „Der Dialekt reicht fürs Alltägliche, aber er reicht nicht woandershin“, sagt Eva Sixt. Und woandershin will sie eigentlich immer, zumindest in ihrer Phantasie.

Eva Sixt taucht ins Innere fremder Existenzen ein. Im Video erleben Sie Eva Sixt bei ihrer Arbeit:

Text von Angelika Sauerer
Fotos & Film von Sabine Franzl

Teilen