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Er kann auch kellnern

Daniel Gawlowski aus Furth im Wald hat gerade eine der besten Schauspielschulen absolviert. Und jetzt?

Kurz ist es wieder so wie immer. Die Otto-Falckenberg-Straße entlang, links in den Hof hinter den Münchner Kammerspielen, vorbei an der Kantine, den ausrangierten Sitzmöbeln für die Raucher, eine Außentreppe hoch und durch die schwere Holztür ins Haus hinein. Es ist Mitte Januar, vier Jahre ging er hier ein und aus, einer von zwölf Schauspielschülern in seinem Jahrgang, die es von um die tausend Bewerbern geschafft hatten. Und dann ist da doch so ein komisches Gefühl: Es ist vorbei.

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Erinnerungen im Studentenzimmer der Schauspielschule: Vier intensive Jahre verbrachte er hier. Foto: Sabine Franzl

Daniel Gawlowski streift mit einem flüchtigen Blick die Wall of Fame vergilbter Fotos im Studentenzimmer. Axel Milberg, Edgar Selge, Sunnyi Melles, Katja Riemann, Joachim Meyerhoff, Tobias Moretti... so viele bekannte Gesichter aus 70 Jahren Schulgeschichte. Die Otto-Falckenberg-Schule ist ein Mythos und jeder, der sie besucht hat, ist ein Teil davon. Auch wenn er nicht, noch nicht, gerahmt an dieser Wand hängt, sondern daneben mit Tesa klebt, jederzeit abnehmbar. Hassan gehört schon zum Ensemble der Kammerspiele. Merlin und Irina haben ein Engagement am Wiener Burgtheater. Jonathan dreht, Philipp und Daniel gehen ans Theater Bonn, andere haben sich noch nicht entschieden. Daniels erste Station vor Bonn ist eine Rolle am Theater Regensburg. Er wird in „Krach im Hause Gottes“ den Heiligen Geist spielen.

Ein guter Jahrgang, wie es aussieht. Aber was zählt, ist das Leben danach. Und es beginnt mit dem Ivo.

Anfang November, Kammer 2 – die Spielhalle der Münchner Kammerspiele –, eine Stunde vor der Vorstellung. Daniel Gawlowski geht die Bühne ab, das ist eine Gewohnheit: den Raum und die Rolle vorfühlen. Ein offenes Geviert, rechts und links flankiert von zwei Reihen Stühlen, vorne ein paar Schreibtische für Damen und Herren Intendanten oder Chefdramaturgen. Zum ersten Mal wird das Intendantenvorsprechen, das Ivo, öffentlich sein. Regisseur Boris Nikitin hat mit der Klasse eine Castingshow, ein Best of der Besten, inszeniert: „Das Vorsprechen“. Daniel wird tanzen und singen, eine Improvisation, sexy Slapstick, einstudiert mit der Diseuse Georgette Dee. Geil, richtig geil, lautet die Regieanweisung. Kein Problem. Gawlowski ist Gallinowski ist Geilowski ist Gallo ist Geilo. Die Spitznamen stammen noch aus der Schulzeit. Irgendwie stimmt so was ja immer.

Und mittendrin wird es kippen. Erst fast unmerklich, dann rasant geht es in die Hölle hinab und mündet in den Monolog des Kinderschänders aus Franz Xaver Kroetz’ Stück „Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind“, vorgetragen in Unterhose, hellblau glänzender Synthetik-Trainingsjacke und mit zusammengezwickten Pobacken und harmlos treuherzigen Augen. Schockstarre im Publikum, dann donnernder Applaus.


„Das Vorsprechen“ noch – und dann Schluss

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Schauspiel lebt in der begründeten Behauptung, ein anderer zu sein. „Der gute Schauspieler macht’s niemandem recht“, sagt Daniel Gawlowski. Foto: Sabine Franzl

Tags darauf schreiben die Kritiker vor allem über Gawlowskis Auftritt, von Süddeutscher über FAZ bis hin zu Spiegel online. Die Blicke seiner Mitschüler fühlen sich anders als sonst an. Und Daniel beschließt, doch bei der Schauspielerei zu bleiben.

Nach vier Jahren Selbststudium – denn nichts anders macht man ja an einer Schauspielschule: Kreisen ums eigene Ich und Formen des eigenen Körpers, um kurzzeitig behaupten zu können, ein ganz anderer zu sein – hatte er befürchtet, dass das alles für ihn doch nur sinnloses Theater wäre. „Schauspiel – was ist das?“ fragen sich die Schüler in den Videos zwischen den Szenen. „Raus, raus, raus!“ schleudert Gawlowski den Zuschauern entgegen. Er denkt sich: „Das Vorsprechen“ noch – und dann Schluss.

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Leben aus dem Koffer und zwischen zwei Wohnungen: Der PC muss mit nach Regensburg. Daniel will Videos von sich schneiden. Foto: Sabine Franzl

Typisch Daniel, der Bub schaut lieber rechts und links, sieht hier eine Schnecke, der er über die Straße hilft und dort einen verirrten Käfer, den er aus der Pfütze fischt. Als Daniel in seinem Heimatort Furth im Wald zur Schule stapfte, ist er immer rechtzeitig losgegangen. Aber selten pünktlich angekommen. Er sagt, etwas von dem verträumten Kind auf Sinnsuche steckt immer noch in ihm. Als er letztes Jahr als freiwilliger Helfer auf dem Münchner Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) Essen, Trinken und Kleider an Flüchtlinge austeilt, fühlt sich das nicht an wie ein kurzer Abstecher, sondern wie ein neuer Sinn in seinem Leben. Kurz vorm Ivo fährt er mit zwölf Leuten Hilfsgüter nach Serbien an die Balkanroute und kehrt zurück mit der Freiheit eines Menschen, der sich von hochfliegenden Plänen verabschiedet hat, um etwas Normales zu werden: Sozialpädagoge. Oder Lehrer.

So betritt er die Bühne beim „Vorsprechen“. Es geht ihm um nichts mehr und er gibt alles. „Ich spiele das wie einer, der ich noch nicht bin.“ Ach, Gawlowski, diese ewigen Selbstzweifel, er wischt sie mit seinem charmant linkslastigen Lächeln weg, das ein Jude Law nicht besser hinkriegt. Kevin Spacey, Robert De Niro, Al Pacino, Alexander Scheer, Steven Scharf, Shenja Lacher, Wolfram Koch – solche Vorbilder verraten, wohin einer eigentlich will.

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Schon halb ein anderer: Daniel Gawlowski schlüpft in Regensburg in die Rolle des Heiligen Geistes. Foto: Sabine Franzl

Woher er kommt: Jedenfalls nicht zufällig aus Furth. Geboren wurde Daniel Gawlowski 1988 in Mikolow/Polen (Schlesien), das liegt etwa zehn Kilometer südwestlich von Kattowitz und hat knapp 40 000 Einwohner. Fährt man sechs Stunden schnurstracks nach Westen durch die Tschechische Republik, landet man in Furth im Wald. Dahin sind Daniels Eltern 1989 als Spätaussiedler – der Uropa war Deutscher – gezogen: an den der Heimat nächstgelegenen deutschen Ort. Sie waren Anfang 20, fanden schnell Arbeit, sprachen bald perfekt Deutsch. „Vollgas-integriert“, sagt Daniel. Während andere Jungs ins Freibad gehen, hilft er dem Papa die Hecke schneiden. Familie, christliche Werte, gute Erziehung, Bildung, Arbeit und Fleiß – so wachsen er und seine kleine Schwester (11) auf. Nach der Realschule besucht Daniel die Fachoberschule in Cham. Das allgemeine Abitur legt er an der Berufsoberschule in Schwandorf ab (okay, nach einem verlotterten Versuch in Augsburg).

Vielleicht hätte das Theater nie eine Rolle in seinem Leben gespielt – wären da nicht Bruce Lee und die asiatische Kampfkunst gewesen. Um für acht Monate in ein Shaolin-Kloster im chinesischen Dengfeng gehen zu können, braucht er nicht nur Geld, das er sich als Würstlbrater und Reifenstapler verdient, sondern nach dem Einberufungsbescheid auch eine Stelle als Zivi. Ein Nachbar bringt den handwerklich begabten Daniel auf die Idee, es beim Jungen Landestheater Bayern in Mühldorf am Inn zu versuchen.

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Lernen und nebenbei essen in der Kantine der Münchner Kammerspiele: Daniel merkt sich den Text über Bilder im Kopf. Foto: Sabine Franzl

An einem heißen Sommertag tritt er die Stelle im Bereich Ton, Bühne und Technik an. Frisch aus China zurück, durchtrainiert bis in die kleinste Faser, abgehärtet durch Kälte, mangelhafte Hygiene, harte Betten und mit dem Stolz eines ganzen Kerls stolpert er Oberkörper-frei auf die Bühne, um sich beim Leiter Matthias Fischer zu melden. Das Sakrale eines Bühnenraums ist ihm völlig fremd. Fischer wird es ihm erklären, wieder und wieder. Ein halbes Jahr später gehört Daniel zum Ensemble. Er spielt in „Harald und Maude“ am Hohenbogen, in „Rico, Oskar und die Tieferschatten“, in „Kasimir und Karoline“. Er geht zum ersten Mal als Zuschauer ins Theater – „Der Prozess“ von Kafka an den Kammerspielen – und ist überwältigt. Er wird nie mehr eine Bühne ohne Wertschätzung betreten.

Ein Spätzünder, der nur den Bühneneingang kennt

Als er sich bei fast 20 deutschsprachigen Schauspielschulen vorstellt, ist Daniel 23 Jahre alt, ein Spätzünder, unterwegs in einem alten Ford Fiesta, im Kofferraum die Requisiten – Lederhose, Holzpflock, Axt. An einigen Schulen kommt er von Runde zu Runde weiter. In Bochum sagen sie ihm: Du schaust zu sehr darauf, ob du gefällst. Das stimmt und das merkt er sich, bis heute: Der gute Schauspieler macht’s niemandem recht.

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„Und da bin ich“: Alle aktuellen Jahrgänge der Otto-Falckenberg-Schule auf einem Haufen. Foto: Sabine Franzl

In Runde drei an der Otto-Falckenberg-Schule ist ihm schon alles wurscht. Sein Hund hat an dem Tag eine Scherbe verschluckt und muss operiert werden. Daniels Lippe ist entzündet. Und die wollen jetzt ausgerechnet eine Kussszene sehen.

Es war an diesem Tisch, auf dem sich jetzt die Baguettekörbe, die Platten mit Frischkäse-Dips und Sauren Gurken, die Sektgläser und Suppenschalen türmen. Direktor Jochen Noch feiert 60. Geburtstag, alle sind da. Daniel gratuliert ihm, Noch umarmt ihn herzlich. Es ist tatsächlich wie in einer Familie. Hier haben sie ihm gesagt, dass er dazugehört.

Und jetzt? Ein paar Tage später bläst Daniel Gawlowski auf der Probebühne des Regensburger Theaters eine Feder in die Luft, wie der Heilige Geist im Stück. Sie tanzt durch den Raum, segelt langsam zu Boden, kriegt wieder Aufwind, wirbelt durch die Tür nach draußen, irgendwo wird sie landen. Nach Regensburg kommen also zwei Jahre Bonn. Er freut sich drauf und hat ein wenig Bammel vor dem Gebundensein. Sicherheit braucht er nicht unbedingt. Er kann auch kellnern.

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