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Elias baut etwas Bleibendes

Der Maurergeselle Elias Lerzer aus Regensburg hätte nach dem Abi gleich studieren können. Aber die Arbeit lässt ihn nicht los.

Elias steht auf der obersten Etage des Gerüsts. Die Sonne brennt auf ihn runter, dabei hängt noch der Regen vom frühen Morgen in der schwülen Luft. Aber egal wie es ist, der Giebel der Garage muss heute fertig gemauert werden, damit morgen die Dachdecker weitermachen können. So ist das auf dem Bau. Es könnte auch schütten wie aus Kübeln. „Nass bis auf die Unterhose bist du dann“, sagt er und grinst. Nichts für empfindliche Leute.

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Elias Lerzer, Maurergeselle Foto: Sabine Franzl

Elias Lerzer (21) aus Regensburg hätte es bequemer haben können. Nach dem Abitur erst mal verreisen, dann studieren, dann ein Job mit Klimaanlage und Aufstiegsmöglichkeiten – der Normalfall halt für einen ganz normalen Schüler wie ihn. Er aber hat sich anders entschieden: Maurerlehre, dann Geselle. Er wollte sein eigenes Geld verdienen, unabhängig von den Eltern sein, auf eigenen Beinen stehen. Später kommt vielleicht noch der Meister oder doch ein Studium, wer weiß. Alles ist offen. Aber eins ist sicher: „Ich bin Maurer, weil mir die Arbeit gefällt.“

„Ich bin halt mit diesem Maurerding aufgewachsen“

Glück kann so einfach sein. Man setzt einen Stein auf den anderen. Am Abend sieht man, was man geschafft hat – etwas Bleibendes. Ein Haus, das noch stehen wird, wenn man selbst Kinder hat, oder Enkel. Dann fährt man mit ihnen durch die Gegend spazieren und sagt: Schau mal, das hab’ ich gebaut und das da auch. Und da drüben, da hatten wir dieses Problem, das haben wir dann so und so gelöst. „Mein Opa macht das gerne“, sagt Elias. Sein Interesse für das Maurerhandwerk ist nicht vom Himmel gefallen. Es liegt in der Familie: Dem Opa Alois Scharpf gehört das Bauunternehmen in Erasbach bei Berching (Landkreis Neumarkt), für das Elias arbeitet. Aber er tut das nicht, weil er Aussichten hätte, in den Betrieb einzusteigen, stellt er gleich klar. „Da sind andere vor mit dran. Aber ich bin halt mit diesem Maurerding aufgewachsen.“ In den Ferien hat er oft mitgearbeitet. Er wusste also, was ihn erwartet: harte Arbeit, ein rauer Ton auf der Baustelle und nicht wenige Vorurteile.

„Ich mag den Beruf, weil er abwechslungsreich ist.“ Elias Lerzer

Der Maurer macht es passend – mit Maurermaß

Und Lärm: Die Schaufel knirscht laut über den Asphalt, während der Maschinist den Kies zusammenscharrt, in einen Korb füllt, den der Kran hochzieht und hinter der Garage in den Kelleraushub für einen neuen Anbau füllt. Schrill kreischt die Flex, wenn Elias einen Kalksandstein auseinandersägt. Dazwischen klingt regelmäßiges Hämmern auf Stein. Kanten müssen abgeschlagen werden, damit die Steine in die Giebelschräge passen. Bald sind Elias’ Hände, die Hose, das Shirt von feinem Steinstaub bedeckt, die dunkelblonden Haare gepudert. Routiniert bearbeitet er die Steine mit einem Maurerhammer. Der hat auf einer Seite eine glatte Schlagfläche, auf der anderen eine flache Kante ähnlich einem Meißel. Elias kontrolliert, bessert nach, kontrolliert. Dann streicht er mit der Kelle den Mörtel auf, drückt den Stein an, kneift ein Auge zu, während er die Wasserwaage anlegt – passt. 

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    Die Garage wird mit Kalksandsteinen gemauert. Foto: Sabine Franzl
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    Mit der Wasserwaage kontrolliert Elias, ob die Steine korrekt sitzen. Foto: Sabine Franzl
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    Mit der Maurerkelle bestreicht Elias einen Stein mit Mörtel. Foto: Sabine Franzl

Um den Giebel herum ist das Mauern eine ziemliche Pfriemelei. Die Steine gibt es zwar in allen möglichen Formaten ausgehend vom Maurermaß „Achtelmeter“ – 11,5 Zentimeter plus Fuge sind 12,5 Zentimeter. Aber so passgenau wie Legosteine sind sie freilich nicht. Elias stört das nicht. Er arbeitet ruhig und konzentriert. Morgen gibt es eh wieder was anderes zu tun.

Während es auf großen Baustellen für jeden Schritt Spezialfirmen gibt, ist der Maurer beim Einfamilien-Hausbau für vieles zuständig: Keller betonieren, Gerüst aufstellen, Kanalbau, Estrich, Verputzen. „Ich mag den Beruf, weil er abwechslungsreich ist“, sagt Elias. Man lernt auch, mit unterschiedlichen Maschinen umzugehen. Elias hat zum Beispiel einen Kranführerschein gemacht, obwohl er für die Ausbildung nicht zwingend notwendig gewesen wäre. „Autofahren fand ich schwieriger.“

„Ich habe in meiner Lehrzeit lauter Sachen gelernt, die ich das ganze Leben lang brauchen kann.“ Elias Lerzer

Im ersten Ausbildungsjahr standen außerdem viele handwerkliche Grundtechniken auf dem Lehrplan, vom Fliesen über einfaches Schreinern bis hin zum Aufstellen von Trockenbauwänden. An der Berufsschule in Neumarkt war er einer der besten. „Ich habe in meiner Lehrzeit lauter Sachen gelernt, die ich das ganze Leben lang brauchen kann“, sagt Elias. Vom Gymnasium könne er das nicht behaupten. „Ich weiß zwar, wie man ein Gedicht interpretiert. Aber brauchen werde ich dieses Wissen nie mehr.“

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    Es staubt und kreischt, wenn die Flex durch einen Kalksandstein sägt. Foto: Sabine Franzl
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    Elias bugsiert die Krangabel unter eine Palette mit Steinen. Foto: Sabine Franzl
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    Das Maurer-Klischee stimmt nicht (mehr): Bei der Brotzeit im Bauwagen gibt es kein Bier. Foto: Sabine Franzl
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    Elias wollte auf eigenen Beinen stehen. Auch deshalb hat er nach dem Abi lieber eine Lehre gemacht als gleich studiert. Foto: Sabine Franzl

Gar nicht poetisch bellt die Stimme des Poliers, das ist der Chef auf der Baustelle, von unten nach oben. „Braucht wer a Brotzeit?“ Nein, Elias hat was dabei. Ihn stört die ruppige Ansprache nicht. Man kennt sich, auf dem Bau muss sich keiner verstellen. Wenn einer einen schlechten Tag hat, dann ist er halt grantig. „Am Anfang hab’ ich noch immer bitte und danke gesagt. Das kriegst du nicht so schnell raus, wenn du’s so gewohnt bist“, erzählt er. Mittlerweile lässt er es auf der Baustelle weg. Es passt einfach nicht hierher. Ob er selbst so richtig hierher passt? Der Vater ist Akademiker: Er ist Arzt. Die ersten vier Jahre ging Elias  auf die Montessori-Grundschule in Regensburg Prüfening, dann aufs Goethe-Gymnasium. Er engagiert sich stark in der Jugendarbeit der Katholischen Gemeinde St. Bonifaz. Wie man mit Kindern umgeht, weiß er aus der Familie. Elias hat einen Bruder und zwei Schwestern, alle jünger als er. Gerade erst hat er das Zeltlager mit 150 Teilnehmern in Forstmühle organisiert und geleitet – und dafür seinen Urlaub geopfert. „Eine Erholung ist das nicht, sondern schon ganz schön stressig. Aber es macht auch Spaß.“ Weit wegfahren mag er sowieso nicht gern. Demnächst geht es noch zum Wandern in die Berge, mit ein paar Freunden.

„Ich will mir mal alleine ein Haus bauen.“

Wenn Elias frei hat, dann ist er auch frei

Apropos Freunde. Kopfschütteln und Unverständnis – das war ihre erste Reaktion auf Elias’ Berufswahl. Nach ein paar Semestern mit viel Prüfungsstress und langweiligen Vorlesungen wuchs das Verständnis allerdings. Und vielleicht sogar ein bisschen der Neid. Wenn Elias nach getaner Arbeit k. o., aber zufrieden heim- oder zum Fußballtraining geht – er spielt in der 1. Mannschaft des BSV Erasbach im Mittelfeld – dann hängt ihm nichts Unerledigtes nach. Wenn er frei hat, dann ist er auch frei. Das ist ein Luxus, den er im Moment noch gerne mit geringem Verdienst und einem ganz besonders ärgerlichen Klischee bezahlt. Immer wieder diese unvermeidliche Frage: „Wie viel Halbe Bier trinkt ihr denn so am Tag, fünf, sechs oder mehr?“ Das wurmt den 21-Jährigen ziemlich, „weil es einfach nicht stimmt“. Tatsächlich stehen bei der Brotzeit im kleinen Bauwagen nur Limos, Eistees und Wasserflaschen auf dem Tisch.

Aber eigentlich ist auch das dumme Vorurteil zum Aushalten, wenn man ein großes Ziel hat. „Ich will mir mal alleine ein Haus bauen“, sagt Elias Lerzer. „Das ist ein Traum von mir.“ Und zwar kein unerreichbarer.

Die Arbeit auf dem Bau ist anstrengend - wie man im Video sieht. Maurergeselle Elias Lerzer mag sie trotzdem.

Text von Angelika Sauerer, MZ
Fotos & Film von Sabine Franzl

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