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Ehrenamtlich ins Mittelalter

Alfred Wolf aus Bärnau hat den Geschichtspark in seiner Heimatstadt initiiert. Seither gehen Hunderte mit ihm auf Zeitreise.

Alfred Wolf ist seit 37 Jahren mit Leib und Seele Polizist, außerdem dritter Bürgermeister von Bärnau und dreifacher Familienvater. Als Kind hat er, wie fast alle Bärnauer, „geknopfert“, also in Heimarbeit Knöpfe auf Karton genäht. Er kann aber auch mittelalterliche Dächer zimmern, Menschen auf Zeitreise schicken und Grenzen verschwinden lassen. Er ist ein Fan von Kaiser Karl IV. und ein Freund seiner tschechischen Nachbarn. Vor allem aber hatte er eine Vision. So ist es passiert, dass die kleine Stadt nordöstlich von Weiden das größte archäologisch begleitete mittelalterliche Freilandmuseum Deutschlands beherbergt. Bärnau ist seither nicht nur berühmt als früheres Zentrum der Knopfproduktion. Bärnau ist jetzt der deutsche Hotspot der ernsthaften Mittelalterszene. Und auf der Spielwiese des kleinen Alfred hat alles begonnen.

Wolfs Elternhaus liegt direkt an der Goldenen Straße, einer mittelalterlichen Verbindungstrasse zwischen Nürnberg und Prag. „Der Hohlweg da drüben war mein Spielplatz“, sagt der 54-Jährige und deutet hinüber zum Ortsrand. Vor über 600 Jahren zogen hier Ochsenkarren, Planwägen und die Karawane des Kaisers durch. In den 60er Jahren verlief der Pfad im Niemandsland. Ein paar Kilometer hinter Bärnau trennte der Eiserne Vorhang hüben von drüben. Aber Grenzen und Widerstände haben Alfred Wolf noch nie aufgehalten, im Gegenteil: Er fragte den Erwachsenen Löcher in den Bauch. Was ist das für ein Weg, wo kommt er her, wo führt er hin? Und so wandelte er schon als Kind auf der Goldenen Straße durch die Geschichte seines Ortes. Und später, als die Grenze offen war, knüpfte er sofort Kontakte zu den Tschechen.

Nie wieder Krieg, nie wieder Feindbilder

Anders als in vielen Familien wurde beim Schmiedeler daheim – so der Hofname – der Krieg nicht totgeschwiegen. Das ging gar nicht, denn die Mutter war ein „halberter Böhm“, sagt der Sohn, und die Vertreibung ein allgegenwärtiges Thema. Der Krieg war auch täglich sichtbar, denn dem Vater musste nach einer schweren Verletzung der Arm amputiert werden. Verarbeitet hat der nun 93-Jährige den Verlust durch Erzählen und Beschwören: Nie wieder Krieg, nie wieder Feindbilder, lautete die Botschaft des Versehrten an die drei Kinder.

So etwas prägt und ging freilich auch dem jungen Polizisten durch den Kopf, als er damals in der heißen Phase in Wackersdorf – mit innerer Pein und großen Zweifeln – den Bauzaun verteidigen musste. Alfred Wolf ist jetzt Gruppenführer beim Einsatzzug Weiden. Hätte er Karriere gemacht, meint er, gäbe es den Geschichtspark nicht. Er sagt: „Ich bin ein ganz kleiner Polizist.“ Volksfeste, Rauschgift-Razzien, Fußballspiele, Demos, Weltwirtschaftsgipfel – er wird eingesetzt, wo’s gerade brennt. Der Job ist hart und kostet Energie. Seine Akkus lädt Wolf mit dem ehrenamtlichen Engagement. Daraus zieht er Kraft.

  • Was Alfred Wolf in die Hand nimmt, daraus wird etwas
    Was Alfred Wolf in die Hand nimmt, daraus wird etwas. Im Bärnauer Geschichtspark hat er vor allem an den Dächern gebaut. Foto: Sabine Franzl
  • Holger aus Bayreuth hat seine Hütte winterfest gemacht
    Holger aus Bayreuth hat seine Hütte winterfest gemacht. „Das ist nicht mein Park“, sagt Alfred Wolf, „das ist unser Park.“ Foto: Sabine Franzl
  • Die Schmiede ist noch nicht ganz fertig
    Die Schmiede ist noch nicht ganz fertig. Die Esse unterm Vordach muss noch aufgemauert werden. Foto: Sabine Franzl

Schwungvoll öffnet Alfred Wolf die schwere Dachluke der hölzernen Wehrburg. Die massiven Eichenbalken knarzen. Mit ihrem hohen Turm thront die sogenannte Motte mitten in dem slawischen Dorf, dessen Bauten nach archäologischen Funden aus dem neunten bis zum 13. Jahrhundert rekonstruiert wurden. Schaut man vom Wehrgang aus nach Süden, sieht man nur Felder und Mittelalter.

Alfred Wolf steht da oben wie ein Bärnauer Ackerbürger nach getaner Arbeit, die Arme verschränkt, in sich hineinlächelnd, den Blick ins Weite gerichtet. Unter ihm spiegelt sich der Turm im Hammerweiher, gruppieren sich auf 6,5 Hektar renaturiertem Gelände 23 Hütten, gebaut mit authentischem Werkzeug und Material. Stolz wäre der falsche Ausdruck für seine Haltung, und zufrieden ist Alfred Wolf eigentlich immer nur für den Moment, denn neue Ideen warten schon in der Schublade. Er steht eher da wie einer, der sich ab und zu vergewissern muss, dass er das Ding nicht an die Wand gefahren hat: ein bisschen ungläubig, froh, erleichtert, dankbar. „Ich krieg’ Gänsehaut, wenn ich da runterschau’“, sagt er und denkt an sein Team. Einer müsse zwar vorausgehen, und das war halt mal er. Aber wenn keiner mitkommt, hilft alles nichts.

Es gab Widerstände, aber auch viele Mitstreiter

Neben der eigenen Familie und dem harten Kern von etwa 20 Leuten aus dem Trägerverein Via Carolina e. V. sind das vor allem der Archäologe und Museumsleiter Stefan Wolters und der Vorsitzende des tschechischen Partnervereins Terra Tachovia, Roman Soukup. Dem hochkarätigen Wissenschaftlichen Beirat gehören unter anderem Archäologen der Universität Bamberg an, aber auch Dr. Silvia Codreanu-Windauer, die Leiterin der Außenstelle Regensburg des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege.

Jetzt, wo alles so dasteht, kann man sich kaum vorstellen, dass es anders hätte kommen können. Und doch gab es Hürden. 2007 haben sich die Bärnauer in einem Bürgerentscheid mehrheitlich gegen eine Beteiligung der Stadt am Geschichtspark ausgesprochen. Träger ist deshalb der Verein Via Carolina, gefördert wird er von der EU, dem Kulturfonds Bayern, der Bayerischen Landesstiftung, dem Bezirk Oberpfalz, dem Landkreis Tirschenreuth, der Stadt Bärnau und der Bayerischen Sparkassenstiftung.

"Das ist kein Disneyland hier."

Leben verleihen ihm aber die „Darsteller“. So werden die freiwilligen Helfer genannt, die mit Kind und Kegel, Opa und Oma, Freunden und Verwandten anreisen, um an den Häusern zu bauen und zeitweise auch im Mittelalterdorf zu leben. „Das ist kein Disneyland hier“, sagt Alfred Wolf. „Das ist eine eigene kleine Welt in der großen.“ Und nicht selten ist sie auch ein Fluchtpunkt aus der Tretmühle Alltag.

Da unten ist Holger aus Bayreuth. Alfred Wolf deutet über die Balustrade der Motte hinunter auf das einzige Häuschen mit leuchtend weißem Anstrich. Ein junger Mann rührt in einem Bottich Kalkfarbe an. Aus Arbeitsschutzgründen trägt Holger Kämpf ausnahmsweise eine Hose und ein langärmliges Shirt statt Mittelaltergewand. Im März 2013 hat er mit zwei Kollegen angefangen, an dem Haus zu bauen. Heuer wird es winterfest, dann wird er erleben, wie sich das Mittelalter bei Schnee und Kälte anfühlt. „Vor dem Holger zieh’ ich den Hut“, sagt Alfred Wolf. Er ist einer von über 160, die seit Baubeginn 2010 Hand anlegten. „Das ist nicht mein Park“, sagt Alfred Wolf, „das ist unser Park.“ Offiziell eröffnet wurde er 2011, da wurde an allen Ecken und Enden gewerkelt. Jetzt sieht alles fertig aus. Sogar ein schmuckes Museum und ein Wirtshaus sind entstanden.

Aber die Bäckerei neben der Herberge ist noch im Rohbau, ein Brunnen fehlt und vor der Schmiede die Esse. „Da will ich unbedingt mitbauen“, sagt Alfred Wolf, dessen Vorfahren Schmiede waren. Die Bärnauer waren ja immer alles gleichzeitig, weil’s hinten und vorne nicht gereicht hat: Bauern, Handwerker, Zoiglbrauer, Taglöhner – aber mit Bürgerrecht, also Ackerbürger. Das Stadtrecht hat der kleine Ort mit heute rund 3300 Einwohnern Kaiser Karl IV. (1316-1378) zu verdanken. Der Reisekaiser kam auf seinen Fahrten auf der Goldenen Straße immer wieder hier durch.

Bärnau liegt ungefähr in der Mitte der Trasse, die nächste Stadt im Osten ist das tschechische Tachov. Genau da landete auch Alfred Wolf, als er seine Fühler entlang des Hohlwegs nach Böhmen ausstreckte. Er band die Tschechen in die Bayerisch-Böhmischen Festspiele ein. Und weil halbe Sachen nicht sein Ding sind, schmiegt sich in Bärnau eine schmucke Open-Air-Bühne an den Hang, auf der seit 2002 alle zwei Jahre ein deutsch-tschechisches Stück Premiere feiert. Auch beim Geschichtspark sitzen die Tachover mit im Boot. Ihr Projekt ist die Wiederbelebung der Goldenen Straße.

Manchmal verschmelzen Gegenwart und Vergangenheit

Zuletzt wirft Alfred Wolf sich in sein G’wand. Er setzt die Brille ab und die wollene Kappe auf. Den gefilzten, am Ausschnitt bestickten Überwurf hält ein Ledergürtel, daran baumeln das Etui fürs Messer und ein Beutel. Gut sieht er aus, irgendwie so, als wäre er im Karohemd verkleidet gewesen und jetzt nicht mehr. Er erzählt, wie er an einem Wintertag ganz früh im Dorf war. Aus dem Nebel tauchte eine mittelalterlich gekleidete Frau mit einem Kind an der Hand auf – und Gegenwart und Vergangenheit wurden eins. Dann klingelt’s im Beutel: das Smartphone. Da muss er ran. Vielleicht das Ministerium, wegen der neuen Pläne.

Alfred Wolf aus Bärnau hatte die Idee, in seiner Heimatstadt ein Dorf nach originalen Plänen zu rekonstruieren
Alfred Wolf aus Bärnau hatte die Idee, in seiner Heimatstadt ein Dorf nach originalen Plänen zu rekonstruieren. Jetzt ist es fast fertig. Das G’wand zieht er nur zu besonderen Anlässen an. Foto: Sabine Franzl

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