Nahaufnahme

Die Königin auf der Erbse

Ursula Gaisa aus Regensburg ist Kabarettistin, Sängerin, Bloggerin und Journalistin. Wenn ihr langweilig ist, denkt sie sich was Neues aus – und das ist oft der Fall.

Diese Art, wie sie manchmal leicht das Kinn vorschiebt, entschlossen, bisweilen garniert mit einem ausgeprägten Lächeln, aber vor allem bestimmt. Von da an gibt es kein Zurück mehr. Ursula Gaisa springt immer wieder ins kalte Wasser. Nicht, weil es ihr dort so gut gefällt, nein. Sie ist – das sagt sie selbst – eigentlich schüchtern. „Dich darf man ja nicht mal schief anschauen, schon weinst du“, dieser Satz ihrer Mutter prägte schon ihre Kindheit. Eine introvertierte Person, die regelmäßig ihr empfindliches Ich auf dem unsicheren Terrain einer Bühne, einer Casting-Show, einer digitalen Öffentlichkeit ausprobiert. Warum macht sie das?

Sie ist halt gut darin, aber das ist nicht die ganze Erklärung. In Regensburg, Schwandorf – wo sie aufgewachsen ist – und weit darüber hinaus kennt man Ursula Gaisa als Kabarettistin und Sängerin im Trio Gaisa, Geyer & Kreuzer und in dessen bayerischer Version, den „Bavarian Giants“. Sie ist Redakteurin der „neuen musikzeitung“ (nmz), die in Regensburg produziert wird und bundesweit erscheint. Einem breiten Fernsehpublikum ist sie als Shopping Queen und Teilnehmerin der Küchenschlacht präsent. Außerdem bloggt sie seit nunmehr sieben Jahren über Kochen und Mode, vor Kurzem kam ein weiteres Projekt hinzu: die Erbsenkönigin. Ein Tag mit ihr ist alles – außer langweilig.

250 0008 33105089 U1 Ursula Gaisa Gerahmt
Eigentlich sei sie schüchtern, sagt Ursula Gaisa. Aber sie sucht regelmäßig das Rampenlicht. Foto: Sabine Franzl

Eine Inspirationsquelle, die nie versiegt

Er beginnt mit einem starken Kaffee in ihrer Wohnung im Regensburger Stadtteil Stadtamhof, wo sie mit dem bald zwölfjährigen Sohn Paul und ihrem Mann Bernhard Kreuzer lebt. Durch die mannshohe Dachgaube geht der Blick nach Westen. An schönen Tagen füllt die Abendsonne die Küche mit warmem Licht. Auf dem Balkon steht vor dem Fenster die Gemüsekiste. Parson-Russell-Terrier Franz streift um Ursula Gaisas Füße. Ihre Nägel sind lackiert, im gleichen Rot leuchten der Pullover und die Lippen. Das ist ganz sicher kein Zufall.

Langeweile ist übrigens ein gutes Stichwort. Sie erklärt eigentlich alles. „Wenn mir langweilig ist, denke ich mir was aus und setze es in die Tat um“, sagt Ursula Gaisa. Und ihr ist oft langweilig. Dementsprechend viele Projekte hat sie am Laufen. 

  • Ursula Gaisa 4942
    Seit einem halben Jahr isst Ursula Gaisa kein Fleisch mehr. Deshalb ist ihr Anspruch an die Zubereitung des Gemüses gewachsen. Foto: Sabine Franzl
  • Ursula Gaisa 4900
    Das Kochen brachte sie sich selbst bei. Im Blog stellt sie Kochbücher und eigene Rezepte vor. Foto: Sabine Franzl

Denn Langeweile ist für sie der Motor, eine nie versiegende Inspirationsquelle. Sie streckt ihre Fühler aus, scannt ihre Umwelt – sie kann gar nicht anders –, liest Bücher, hört Musik, schmeckt Aromen, schaut sich die Leut’ auf der Straße und im Café an, stöbert durchs Netz, ständig auf der Suche und immer wieder fündig. Manchmal kommt es ihr so vor, als ob einfach alles in ihr einen Widerhall auslöst. Langeweile kann ganz schön anstrengend sein. Es ist nicht leicht, die Balance zu finden zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig. Sie steht auf und holt die Gemüsekiste rein. „Also, was haben wir denn da?“

„Es muss immer was Knackiges, was Weiches, was Crunchiges, was Frisches und was Deftiges dabei sein.“ Ursula Gaisa

Ein paar Gelbe Rüben, Rote Rüben, ein Brokkoli, eine Paprika, eine große, halbe Butterrübe rollen über den Küchentisch. Seit einem halben Jahr verzichtet Ursula Gaisa auf Fleisch. Fisch isst sie noch ab und zu. Ihre Ansprüche an die Zubereitung des Gemüses sind hoch. „Es muss immer was Knackiges, was Weiches, was Crunchiges, was Frisches und was Deftiges dabei sein.“ 

Ursula Gaisa 4884
Fast täglich arbeitet sie an den Blogs „Franz – alles mit Liebe“ und „Erbsenkönigin“. Foto: Sabine Franzl

In ihrem Kopf entsteht das Rezept: Brokkoli aus dem Ofen, dazu Rüben-Chips und Kichererbsen-Paste mit Sojasauce und frisch gepresstem Orangensaft. Ihre Follower auf Instagram und ihre Facebook-Freunde sehen das Resultat später, hübsch angerichtet auf bunten Tellern. Ihr Blog, in dem sie eigene Rezepte veröffentlicht oder welche aus neuen Kochbüchern nachkocht, heißt „Franz – alles mit Liebe“. „Der Franz-Blog ist was Persönliches.“ Begonnen hat sie ihn 2011 als eine Art Tagebuch ihrer Ideen. Jetzt sind es vor allem Rezepte, zu Beginn waren es die Sockentiere. Sie scrollt im Archiv zurück an den Anfang. Tatsächlich sind die aus Strümpfen gefertigten Kuscheltiere dem Franz wie aus dem frechen, braun gefleckten Hundegesicht geschnitten: eigen, witzig und mit dem liebenswerten Charme des Zufälligen.

Das bairische „R“ und andere Eigenheiten

Es ist genau dieser Charme, der auch ihre Auftritte begleitet. Seelenlose Perfektion ist nicht ihr Ding, dafür eher das virtuose, augenzwinkernde Spiel mit der Improvisation, das im Übrigen nicht weniger schwer zu beherrschen ist als die Vollkommenheit. „Mythos Marlene“ heißt das Programm, mit dem sie zusammen mit Annette Ebmeier (Rezitation, Gesang) und Eberhard Geyer (Klavier, Gesang) unter anderem im Turmtheater auftritt. In einer Mischung aus biografischen Texten und Gesang nähern sich die drei der Ikone an, ohne sie nachzuahmen. Eine blonde Perücke gehört nicht zum Outfit, sondern zum Bühnenbild. Und Ursula Gaisa singt nicht wie Marlene, sondern wie sie selbst: kraftvoll und schnörkellos, dabei das „R“ bairisch beherzt vorne auf der Zungenspitze rollend.

  • Ursula Gaisa 1094
    Ursula Gaisa imitiert Marlene nicht in ihrem Programm, sondern zitiert die Diva lediglich, hier mit Hut. Foto: Sabine Franzl
  • Ursula Gaisa 4340
    Probe in Ursula Gaisas Wohnzimmer: Der "Mythos Marlene" weht durch den Raum. Foto: Sabine Franzl
  • Ursula Gaisa 4299
    Ursula Gaisa und Annette Ebmeier (r.) kennen sich schon lange. Sie haben im "Orphée" zusammen gearbeitet. Ebmeier ist dort mittlerweile fürs Hotel verantwortlich. Foto: Sabine Franzl
  • Ursula Gaisa 1091
    Eberhard Geyer ist ein kongenialer Begleiter auf dem Klavier. Foto: Sabine Franzl

Am Nachmittag ist Probe im Wohnzimmer. Ein Schnelldurchlauf mit singender Säge und Leoparden-Hut und einem Ensemble, das zwischen Sofas und Bücherregalen, Abstelltischen und Stehlampen und ohne Mikro den hohen Raum mit dem Geist eines Mythos füllt. Man müsste das Publikum hierher einladen. Als es vorbei ist, verteilt Annette Ebmeier Halsbonbons. Ursula Gaisa legt die Beine auf der Couch hoch und ist die Ruhe in Person. Die Frage ist, wie es innen aussieht.

Das war schon immer die Frage in ihrem Leben. Und noch gar nicht so lange kennt sie eine Antwort. Groß geworden ist Ursula Gaisa in Schwandorf, dort kam sie im Februar 1968 zur Welt. Sie hat eine Schwester, die fünf Jahre jünger ist. Die kleine Ursula lebt in ihrer eigenen, behüteten, aber unendlichen Fantasiewelt, zu der eine einzige beste Freundin ab und zu Zutritt hat. Sie verliert sich in ihren Büchern und in Rollenspielen, will nie im Mittelpunkt stehen und fühlt sich oft unsicher im Umgang mit Gleichaltrigen.

„Was denken die über mich? Hab’ ich was Falsches gesagt? Warum schauen die mich so an?“

„Was denken die über mich? Hab’ ich was Falsches gesagt? Warum schauen die mich so an?“

Ursula Gaisa zelebriert es, augenfällig zu sein und ist doch irritiert über ihre Wirkung. Sie ist gut in der Schule, lernt Geige und Klavier, spielt Theater, singt im Chor, engagiert sich in der Schülerzeitung, macht Abitur, studiert Deutsch und Englisch, lebt ein Jahr in England. Es ist ein glatter Lebenslauf, aber im Grunde genommen muss sie an jeder neuen Klippe ihre Selbstzweifel überwinden. Mittlerweile ist sie ziemlich souverän darin.

Hochsensibel und vielbegabt

Ihr neues Projekt, das Blog-Magazin www.erbsenkoenigin.de, wendet sich an Leute, denen es geht wie ihr: die viele Sachen machen und „nichts so richtig“; die alle Sinnesreize und Gefühle – also die ganze Umwelt – wie durch einen Verstärker wahrnehmen. Dafür hat die kalifornische Psychologin Elain Aron vor mehr als 20 Jahren den Begriff Hochsensibilität geprägt. Die Theorie ist weder neu noch unumstritten, aber im Moment gerade irgendwie ziemlich in. „Das ist sicher auch eine Modeerscheinung“, sagt Ursula Gaisa. Aber für sie und viele andere liefert sie immerhin eine plausible Erklärung für ihre Eigenarten.

Ursula Gaisa 4422
Die Frage ist, wie es innen aussieht... Foto: Sabine Franzl

Am Abend kurz vor dem Auftritt im Turmtheater flattern die Nerven dann doch ein bisschen. Lampenfieber. In der winzigen Maske, nur durch einen Vorhang von den Zuschauern getrennt, spucken sich Annette und Ursula über die Schultern und flüstern sich mit dem Zungenbrecher „Star, Smile, Style“ Mut zu. Dann geht es los. Ursula Gaisa reckt das Kinn und tritt auf. Ach, so kalt ist das Wasser ja gar nicht.

Zwei Stunden später stilles Aufräumen. Nach jedem Sprung fällt sie in ein tiefes Loch – der Moment, an dem die Königin auf der Erbse aufwacht und feststellt, dass ihr alles wehtut. Wird schon wieder. Bis zum nächsten Mal.

Das Video von Sabine Franzl vermittelt einen Eindruck von der Probe zum Programm "Mythos Marlene".

Text von Angelika Sauerer
Fotos & Film von Sabine Franzl

Teilen