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Die geborene Müllerin

Andrea Ramsauer aus Sinzing sagte als Sechsjährige zu ihren Eltern: „Keine Sorge, ich übernehm’ die Mühle mal.“ Und so ist es gekommen.

Das Herz der Mühle rotiert ratternd im ersten Stock. Neun Walzenstühle in Reih und Glied lösen zwischen stählernen Walzen das Innere des Korns von der Schale und mahlen es. In bunt gefärbten Rohren atmet die Maschine das weiße Pulver und die noch groben Reste pneumatisch zum Sichter hinauf in den 4. Stock, dann wieder nach unten zum nächsten Mahldurchgang, Passage für Passage, bis am Ende das Produkt so fein, griffig und weich ist wie gewünscht.

Andrea Ramsauer öffnet eine Klappe und taucht ihre Hand in den Mehlstrom, presst sie kurz zur Faust und lässt das Weiß zwischen den langen schlanken Fingern hindurchrieseln. Sie nickt: Fühlt sich gut an.

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Das Getreide durchläuft nacheinander neun Walzenstühle. Andrea Ramsauer kontrolliert den Produktionsvorgang. Foto: Sabine Franzl
„Manchmal vergess’ ich direkt, dass Sie kein Kerl sind“

Das Hirn der Poschenrieder Mühle bei Sinzing wuselt durch die Stockwerke. Hinunter ins Mühlenkraftwerk, unter dem die Schwarze Laaber hindurchschießt und die Turbinenwelle antreibt; hinauf unters Dach zum laut rumpelnden Steinausleser; hinüber ins Lagerhaus mit seinen 26 Zellen à 35 Tonnen Korn; hinein ins Labor, wo angeliefertes Korn und fertiges Mehl untersucht werden; zurück ins Büro, wo Kundenwünsche und Lieferantenanliegen warten.

Andrea Ramsauer beherrscht jeden einzelnen Produktionsschritt ihres Betriebes, auch die handfesten, für die man nicht zimperlich sein darf. Wenn Not am Mann ist, fährt sie mit dem Lkw das Mehl auch persönlich an die Bäckerkunden aus oder schultert 25-Kilo-Säcke beim Beladen. „Ach Frau Ramsauer, manchmal vergess’ ich direkt, dass Sie kein Kerl sind“, hat mal ein Mitarbeiter zu ihr gesagt. Sie selbst vergisst es ja auch – oder besser gesagt: Männlich oder weiblich zu sein, ist für die Mutter zweier Töchter (4 und 16 Jahre alt) in ihrem Männerberuf kein Thema. „Darüber denke ich gar nicht nach“, sagt die 49-Jährige. Es fällt ihr eigentlich nur auf, wenn sie mal wieder als einzige Frau in einer Kommission des Verbands sitzt.

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Kontrollgang durchs Mühlenkraftwerk. Die Schwarze Laber treibt die Turbine an. Foto: Sabine Franzl
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Rauf und runter: Die Mühle erstreckt sich über vier Stockwerke. Foto: Sabine Franzl

Manche werden in ein Geschäft hineingeboren, mit dem sie nichts anfangen können. Bei Andrea Ramsauer ist das anders. Schon mit sechs Jahren verkündet sie den verdutzten Eltern: „Braucht’s euch keine Sorgen machen, ich übernehm’ die Mühle mal.“ Für den Bruder käme das Müllerhandwerk nicht in Frage, das ist schon damals klar. Andrea ist ein quirliges Mädel mit einem festen Willen, klaren Vorstellungen und der Energie für drei. Ihr Lieblingsklamotten sind eine abgewetzte Lederbundhose und ein Ringelpulli. Hübsche Kleidchen trägt sie, wenn überhaupt, nur unter Protest. Sie interessiert sich früh für die technischen Details der Produktion. Als das Rohrsystem der Mühle zur besseren Unterscheidbarkeit bunt angemalt wird, ist sie begeistert bei der Sache.

Der Müller und das Sandwich

Man kann sich die Mühle wie einen Körper denken, der Gebäude und Stockwerke durchdringt. In seinen Adern pulsiert Korn und Schrot und am Ende Mehl, in seinen Organen geht es zur Sache: erst die Reinigung mit Separator (siebt Kleinteile aus), Aspirator (bläst Stroh und Staub weg), Steinausleser (entfernt Steine und Metallteilchen) und Trieur (filtert falsches Getreide und Unkrautsamen heraus), danach befeuchten, vermahlen, reifen im Silo, nochmals reinigen und zuletzt verladen in Lkw-Tanks oder verpacken. Doch damit ist es nicht getan.

Der Müller steckt wie in einem Sandwich zwischen Bauer und Bäcker. Er muss sich mit beiden Seiten arrangieren. Und er sorgt für das gewisse Etwas, das die Güteklasse des Ganzen ausmacht. Denn er stellt sicher, dass der Bäcker tagein, tagaus mit einem gleichbleibend guten und in seinen Eigenschaften verlässlichen Grundstoff arbeiten kann – und zwar unabhängig davon, wie gut oder schlecht das Korn in einem Jahr ausgefallen ist.

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    Schon beim ersten Griff ins frisch angelieferte Korn erkennt Andrea Ramsauer die Qualität. Foto: Sabine Franzl
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    Labortest: Wie elastisch ist der Teig? Foto: Sabine Franzl

Lieferanten und Kunden stammen aus der Umgebung. Kurze Wege, Regionalität, Qualität, persönliche Bekanntschaft sind Andrea Ramsauer wichtig. „Meine Bauern“ und „meine Bäcker“, sagt sie. Vor ihrer Trennung war sie mit einem Landwirt verheiratet und arbeitete 25 Jahre auf dem Bauernhof mit. Sie kennt daher die Nöte der Bauern. Manchmal muss sie ihnen sagen: „Tut mir leid, das Getreide taugt nur als Futtermittel.“ Das fällt ihr nicht leicht. Dafür zahlt sie angemessen, sobald die Qualität gut ist.

Sie arbeitet mit dem, was die Natur um die Ecke liefert. Ihre Kunst ist es, aus verschiedenen Chargen an Getreide, deren Eigenschaften exakt im Labor bestimmt werden, den Mix zu kreieren, der optimal für den Kunden ist, vom großen Bäcker bis zum Privatkunden im „Mühlenladl“ der Poschenrieder Mühle und der Regionaltheke.

Man kann sich die Mühle wie einen Körper denken, der Gebäude und Stockwerke durchdringt. In seinen Adern pulsiert Korn und Schrot und am Ende Mehl.

Am Nachmittag, wenn es ruhiger geworden ist, nimmt Andrea Ramsauer mit Schwung die Stufen auf die Laderampe, schiebt das schwere Metalltor auf und taucht in die Kühle des Lagerhauses ein. Über dem mannshohen Sprossenfenster erhellt eine nackte Birne das Schreibbord. Eine Tafel zeigt die Werte des in den 26 Zellen eingelagerten Getreides an. Hier schreibt Andrea Ramsauer die Rezepturen für den nächsten Tag. Sie bestehen aus bis zu zehn Komponenten. Was sie auf kleinen Zetteln notiert, wird nachher in den Computer eingegeben. Die Steuerungsanlage speist am nächsten Tag die Getreidezufuhr nach der Vorgabe.

„Den autoritären Führungsstil werde ich nicht übernehmen.“

Irgendwas mit Steuerungstechnik und Elektrik hätte Andrea Ramsauer gemacht, wäre ihr die Mühle nicht in die Wiege gelegt worden. So aber absolvierte sie nach der katholischen Mädchenrealschule St. Anna in Riedenburg – „die Werte dort haben mich sehr geprägt“ – eine Ausbildung zur Bankkauffrau. 1991 fing sie daheim im Betrieb an. Die Bank verließ sie mit einer klaren Ansage: „Den autoritären Führungsstil werde ich nicht übernehmen.“ Ihr Verständnis von Führung sei, dass man die Arbeit miteinander macht. Sie beschäftigt zwei Müller, drei Lkw-Fahrer, eine Laborantin, eine Bürokraft, zwei Produktionsmitarbeiterinnen, ein paar 450-Euro-Kräfte. „Und ich bin das Mädchen für alles, die ‚Mami‘ des Betriebs“, meint sie lachend. Auch die Eltern und der Lebensgefährte helfen mit. „Das Beste, was ich hab’, sind meine Familie und meine Mitarbeiter.“

Bauernsterben, Bäckersterben, Mühlensterben

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Von Lagerhausfenster aus hat Andrea Ramsauer immer alles im Blick Foto: Sabine Franzl

2004 übernahm sie die Mühle, 2009 feierte sie in sechster Generation 200-jähriges Firmenjubiläum. Der ursprüngliche Stammsitz in Bruckdorf ist seit langem stillgelegt, nur das kleine Kraftwerk liefert Strom. Bauernsterben, Bäckersterben, Mühlensterben: Vor 15 Jahren gab es in Deutschland rund 500 Mühlen, jetzt sind es noch etwas über 200, allerdings mit höherer Durchschnittskapazität als damals. Die Poschenrieder Mühle, selbst wenn sie die größte von drei, vier Betrieben in der Oberpfalz ist, läuft nicht auf Volllast. Andrea Ramsauer hat sich im Spannungsfeld zwischen Risiko und Masse einerseits und Sicherheit und regionaler Qualität andererseits für Letzteres entschieden.

Wenn sie aus ihrem Fenster im Lagerhaus schaut, hat sie alles im Blick, die Be- und Entladezone, den Eingang zum Büro, das hell erleuchtete Labor, das Mühlenhaus, in dem die Maschinen vibrieren und unter gewaltigem Energieaufwand kleinen Getreidekörnern ihr kostbares Inneres entlocken. Kann sein, dass in so einem Moment ein zufriedenes Lächeln über Andrea Ramsauers Lippen huscht.
Das Müllerhandwerk übrigens hat sie nie gelernt. Muss sie ja auch nicht, als geborene Müllerin.

Mehl ist nicht gleich Mehl - in diesem Film erklärt Andrea Ramsauer, was die Qualität ausmacht:

Text von Angelika Sauerer
Fotos & Film von Sabine Franzl

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