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Die Dame vom Autoscooter

Hanneliese Lindner ist eine Respektsperson. Sie weiß, wo der Spaß anfängt und wo er aufhört.

Der Laden brummt. Das sagt man so, wenn die Geschäfte rundlaufen. Aber dieser Laden brummt wirklich. Er wummert und hupt, er kreischt und plärrt, er rumpelt und kracht. Schon auf der Brücke hört man, wie der Autoscooter das Leben und die Liebe feiert, die junge ebenso wie die alte. Während einen andere Fahrgeschäfte auf festen Umlaufbahnen im Kreis herumschicken, verknoten sich die Wagen hier regelmäßig zu einem Knäuel. Autoscooter ist Chaos mit System. Mutige fahren auch mal gegen den Strich.

Autoscooter ist Chaos mit System

Ungeahndet bleibt das freilich nicht. „Anständig fahren, nicht so wild, es sind Kinder dabei.“ Wer einmal seine Runden in Lindners Autoscooter gedreht hat, erinnert sich an diese Stimme: rauchiger Charme mit mütterlich-resolutem Unterton. Hanneliese Lindner sitzt wie eine Königin auf ihrem grünen Drehstuhl im Kassenhäuschen, die mondäne Brille auf der Nase und gekleidet in ein Seidenshirt. Mit der Eleganz einer Dame und dem Herz einer Patronin steuert sie ihr Reich. Wenn’s arg zugeht, hilft ihr Brigitte Römer. „Die Gilli war die Freundin meines Bruders.“ Der Chefin zu Füßen liegt Donna. Die Hündin hebt nicht mal ein Ohr, wenn Frauchen mit links auf die Hupe tritt und mit rechts das Strompedal betätigt.

Seit 135 Jahren auf der Regensburger Dult

Im Herbst ist es 50 Jahre her, dass Hanneliese Lindner mit genau diesem Fahrgeschäft zum ersten Mal auf der Regensburger Dult Station gemacht hat. Stoßauto hat man das damals genannt. Davor war sie bereits mit einem anderen Autoscooter unterwegs. „Seit 135 Jahren steht die Familie Lindner auf der Dult in Regensburg und Passau, seit über 100 Jahren auf dem Oktoberfest.“ Ihre Großmutter hieß Johanna, ihre Mutter Hannerle. Sie selbst ist auf den Namen Elisabeth getauft. Aber weil die „Hanne“ Familientradition ist, genau wie die Schaustellerei, wurde sie Hanneliese gerufen.

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Gutes Team: Hanneliese Lindners Hündin Donna ist vom Trubel am Autoscooter völlig unbeeindruckt. Foto: Sabine Franzl

Als ihr Bruder 1962 bei einem Motorradunfall ums Leben kam, musste Hanneliese einspringen. „Eigentlich wollte ich ja Stewardess werden“, sagt sie. Gerade mal 23 Jahre alt und jung verheiratet stieg sie ins Geschäft ihrer Eltern ein. Die Liebe zum Autoscooter blieb, die zu ihrem Mann nicht. Ihre zwei Kinder – ein Mädchen und ein Junge – sowie ihren Adoptivsohn, den sie von der Tochter angenommen hat, zog sie allein groß. Aber was heißt allein: In einer Schaustellerfamilie ist man nie allein. Der Autoscooter hielt sie auch fest, als ihr langjähriger Lebensgefährte 1991 zurück in seine Heimat USA ging. „Ach, mein John. Wir telefonieren einmal im Monat.“

In Regensburg daheim

Hanneliese Lindner ist vor 78 Jahren in Regensburg auf die Welt gekommen. Aufgewachsen ist sie überall, wo die Eltern gastierten. Zur Schule ging sie in ein Internat bei Mühldorf – „ein strenges Kloster“ – und später in Regensburg. Da wohnte sie bei Zieheltern in Stadtamhof. In München hat sie eine Wohnung für die Zeit zwischen den Engagements und für den Winter, in dem sie Jahr für Jahr den Sommer herbeisehnt (wenn sie nicht gerade auf dem Christkindlmarkt in Regensburg Feuerzangenbowle verkauft). Im Garten blühen gerade ihre Lieblingsblumen, die Pfingstrosen. „Wenn ich wieder zurück bin, sind sie verblüht.“ Dafür steht im Wohnzimmer ihres Wohnwagens ein Strauß mit prachtvollen rosa Köpfen. Heimkommen, wo ist das? Sie zögert nicht. „Regensburg. Da sind meine Freunde.“

"Wenn ich wieder zurück bin, sind meine Pfingstrosen verblüht." Hanneliese Lindner

Immer wieder streckt einer den Kopf durchs Fenster. Küsschen für die Tochter einer Freundin, Plausch mit dem Mann einer Bekannten, Händeschütteln mit Pater Paul, dem Schaustellerseelsorger. Es reißt nicht ab. Daheim, das ist vor allem dieser Wagen, der seitlich das Kassenhäuschen wie einen Bauchladen vor sich herträgt. Das Chrom glänzt, die Fenster wölben sich blank um die Ecken wie die Scheiben eines Straßenkreuzers und die Markise flattert im Wind. Links ragt das Mikrofon herein, rechts das Preisschild, „1 Chip 3 Euro“. Es gibt Mengenrabatt. Mitfahren können zwei – ein Vergnügen für jeden Geldbeutel. Unter den Augen von Hanneliese Lindner öffnen sich dicke und dünne Börsen. Einer zahlt mit einem 500er-Schein. Den legt sie unters Prüfgerät. Ein anderer krümelt Kleingeld auf die Ladenbudel. „Stimmt?“ „Passt“, sagt die Chefin, in diesem Fall ohne weitere Prüfung. Der Tisch ist dort, wo Hanneliese Lindner ein Häuflein Chips und abgezählte Münzen bereitlegt, dunkel abgewetzt. Die Patina aus 50 Jahren.

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    Am Abend herrscht immer großer Andrang. "Früher hat man nicht so viele Dirndl gesehen wie heutzutage", sagt Hanneliese Lindner. Foto: Sabine Franzl
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    Hanneliese Lindner ist bekannt für ihre klaren Ansagen: „Bitte nicht so wild, es fahren Kinder mit.“ Foto: Sabine Franzl

Mittags, wenn die Opas mit ihren Enkeln kommen, swingt der Autoscooter mit Frank Sinatra und Louis Prima: „Buonasera Signorina“. Am Abend ist er Tummelplatz für die Coolen. Brandneue Musik dröhnt auf die Fahrbahn. Lässig hängen die Jungs auf den Chromgeländern ab und tun so, als bemerkten sie die Mädchen gar nicht. „Aber ich seh’ das gleich, wenn was läuft. Auf einmal sitzen’s miteinand’ in einem Auto. Dann halten’s Händchen. Und Jahre später kommen sie mit ihren Kindern und erzählen mir, dass sie sich hier kennengelernt haben. Und ich sag’: Kinder, das weiß ich doch.“

Ausguck auf eine Welt im Kleinen

Es gibt wenig, was Hanneliese Lindner nicht weiß. Ihr Platz ist ein Ausguck auf eine Welt im Kleinen – mit allem, was in der großen Welt so vorkommt. Beim Oktoberfest-Attentat von 1980 sah sie Dinge, die sie gern vergessen würde. Ihr Standplatz lag unweit vom Eingang, wo die Bombe explodierte. Grausame Szenen spielten sich ab und Betrunkene torkelten am Unglücksort vorbei. Doch fast immer ist ihre Welt heil und sie schaut in lachende Gesichter. „Es kommen auch viele Menschen mit ausländischer Herkunft. Das tut Deutschland gut.“

„Brave Leute, allesamt." Hanneliese Lindner lässt auf ihre Mitarbeiter nichts kommen.

Selten gibt es Probleme. Wenn doch, stellt sie sich, eskortiert von Adi, Giovanni, Raffa, Pavel oder Christian, vor die Randalierer. „Schamt’s eich ned, sich so aufzuführen!“ Meist folgt eine kleinlaute Entschuldigung. Auf ihre Mitarbeiter lässt sie nichts kommen. „Brave Leute, allesamt.“ Sie stammen aus Polen und Rumänien und wohnen im rot lackierten Mannschaftswagen direkt hinter Hanneliese Lindners Wohnzimmerfenster mit den blütenweißen Spitzenvorhängen.

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    Jeden Mittag wird gekocht, bald brutzeln Cordon bleus in der Pfanne. Die Küche im Wohnwagen ist funktional und gemütlich zugleich. Foto: Sabine Franzl
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    Auf ihre Enkelin Vanessa ist Hanneliese Lindner sehr stolz. Sie verkauft in ihrem Stand Mini-Pfannkuchen und bringt der Oma gerne welche vorbei. Foto: Sabine Franzl

Gegen Mitternacht, nach letzten Anweisungen – „bitte Geländer polieren, da sind lauter Fingerdapper drauf“ –, zieht sie sich in ihr Reich zurück. Flauschiger Teppich, Samtsofa, Obstschale, Porzellan, Blumendekor. „Ich hab’ alles so gelassen, wie meine Mutter es 1967 eingerichtet hat. Mittlerweile gefällt es mir.“ Das Sideboard in dunkelgrünem Schleiflack verbirgt den Fernseher. Das Bad ist ein verspielter Traum aus blumiger Eleganz, die Küche ein passgenaues Muster an Funktionalität und Oma-Gemütlichkeit. Gekocht wird täglich. Diesen Mittag gab es Cordon bleu mit Kartoffeln und Gurkensalat. Und abends Mini-Pfannkuchen mit Erdbeeren. Die verkauft Enkelin Vanessa, auch ein echtes Schaustellergewächs, ein paar Stände weiter. Bezahlt hat die stolze Oma mit einem herzlichen Kuss.

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Endlich Feierabend. Hanneliese Lindner schließt das Fenster. Foto: Sabine Franzl

Hanneliese Lindner klappt das Bett auf und legt sich wieder einmal mit dem Gedanken hin, wer ihr Geschäft mal übernehmen wird. Bis sie das weiß, macht sie weiter. Donna schmiegt sich hundewarm an ihre Füße. Morgen geht es wieder rund.

Im Film erzählt Hanneliese Lindner vom Schaustellerleben – und von besonderen Männern und Frauen: 

Text von Angelika Sauerer
Fotos & Film von Sabine Franzl

Hier geht es zu weiteren Nahaufnahmen aus unserem Wochenendmagazin "nr. sieben".

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