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Der Uhu und sein Team

Mann für schwierige Fälle: Als Jugendtrainer begegnet der Hagelstädter Steffen Uhlig im Radsport nun wieder alten Erinnerungen.

Steffen Uhlig hat die wichtigste Chance in seinem Leben verpasst.
Steffen Uhlig hat die wichtigste Chance in seinem Leben verpasst. Aber vielleicht hat er genau deshalb noch so viel Lust auf den Radsport. Foto: Sabine Franzl

Das Rennrad gehörte ihm nicht. Wer in der DDR Talent hatte, bekam ein Leihrad. Wer aussortiert wurde, musste es wieder hergeben. Einmal sollten sie mit geputztem Gefährt zum Training antreten. Und wie er geputzt hat, bis das Chrom glänzte, Kette und Ritzel funkelten. Der Vater hat dann noch geölt, das war ein Fehler. Nach fünf Kilometern blitzte nichts mehr. Schwarze Schmiere überzog Kette und Streben. Trainer Donnerhans fuhr mit dem Finger drüber und schüttelte den Kopf. Es gab keinen Punkt, sondern einen Anpfiff. Und der Bub heulte.

Zehn Jahre war Steffen Uhlig da alt, ein drahtiger Junge aus dem Umland von Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), der eigentlich nur eins wollte: Radrennfahrer werden. Jetzt ist er 50 und repariert seit 2003 Renn- und andere Räder beim Zweirad-Center Stadler in Regensburg. Er ist der Tüftler für die schwierigen Fälle, unter dessen Händen Ketten wieder surren und Gänge mit willigem Knacken einrasten. Früher fuhr er auch Rennen. Wenn er zurückdenkt, kommen ihm eher die schwierigen Momente in den Sinn. „Die haben mich geprägt.“ Die Tränen, weil das Rad nicht blank war. Die Enttäuschung, als er es hergeben musste. Die Wut. Die Schmerzen. Mit 16 ist er mal mehrfach in einem Rennen gestürzt. Er hat sich beide Seiten geschrammt, so dass er auf keiner mehr schlafen konnte. Solche harten Etappen bleiben im Gedächtnis, sie zeichnen Spuren ins hagere Gesicht und Narben auf die Knie, werden gespeichert von Muskeln und Sehnen.

„Papa, wo ist mein Team?“

Zehn Jahre war auch Henri alt, als er fragte: „Papa, wo ist mein Team? Ich will Rennfahrer werden!“ Und Papa suchte für Henri (jetzt 13) und dessen größeren Bruder Oscar (15) ein Team. Aber er fand keins. Also selber machen. Er fragte sich: Wer teilt meine Leidenschaft? Und wer ist unkompliziert? Denn eins war klar: Steffen Uhlig wollte sein Training unter dem Dach eines Clubs, aber trotzdem vereinsübergreifend anbieten. Beim Kelheimer RSC wurde er fündig.

Die Gruppe wuchs: Julius Strobl (16) stieß aus Burgweinting dazu, Linus Rosner (14), ein Freund von Oscar, Christoph Setescak (16), im Schlepptau zwei Nachbarn, Max (16) und Clara Hamberger (14), sowie Philipp Hohlfeld (18) und Phil Gith (15). Uhlig organisierte Räder, schob sie den Kindern unter den Hintern, fuhr mit ihnen kleine und größere Runden, meist in der Gegend zwischen Kelheim und Bad Abbach. Dann haben sie sich festgebissen. Henri und Oscar hatten ihr Team und der Uhu tauchte wieder in den Radsport ein.

„Das Aussortieren kannten die nicht. Mir isses gelernt worden. Das ist ein Vorteil, noch heute.“

Uhu ist Steffen Uhligs Spitzname. „Du guckst wie ein Uhu“, sagte mal ein Teamkollege. Das gefiel ihm. Und das stimmt auch irgendwie, obwohl er dem Vogel gar nicht gleich sieht. Aber da ist dieser ernste Blick. Ein Lachen kommt ihm selten aus, wobei er gar nicht unfreundlich wirkt. Eher wie einer, der ganz viel mit sich selber ausmacht, allein auf dem Rad, aber auch sonst so. An der Wand seiner Werkstattbox beim Stadler markiert ein aus Stroh gebastelter Uhu das Revier, am Boden bildet ein aufgeklebter Teppich die Grenze. Betreten verboten.

Prinzipiell ist er ja kein Nostalgiker. Aber jetzt, wo er mit den Jugendlichen wieder in der Szene unterwegs ist, kommt vieles zurück. Vor einer Woche zum Beispiel war er mit Julius, Oscar und Henri in Köln bei der Deutschen Omnium-Meisterschaft mit verschiedenen Bahnrad-Disziplinen. Alle strampelten sich trotz harter Konkurrenz ins Hauptfeld. Henri belegte am Ende den dritten Platz in der U15. Bereits im Januar wurde der 13-Jährige Deutscher Vizemeister im Cross.

Die wichtigste Chance versemmelt

Als Vater Uhlig so alt wie Henri war, stand seine Karriere hingegen auf der Kippe. Es gab eine Chance, um sich für die Sportschule zu qualifizieren – die wichtigste Weichenstellung im DDR-Leistungssport. Ausgerechnet die hat er versemmelt: Kurz vor dem Rennen brach sich Uhlig den Arm. Das war bitter. Er musste ja auch das Rad abgeben. Im Bus ist es still geworden. Die alten Geschichten erzählt Uhu nicht oft. Die Gruppe ist unterwegs nach Augsburg zu einem Trainingsrennen auf der Holzbahn. Im Stauraum stapeln sich ziemlich coole Bahnräder, die keiner mehr hergeben muss, auch wenn er Letzter wird (was aber nicht passiert).

„Rennfahrer wirste also nimmer“, sagte der Trainer. Wer weiß, wofür es gut war, meint Uhu. „In der Sportschule biste so gezüchtet worden, dass du die Lust an deinem Sport verloren hast. Das haben die hingekriegt. Aber ich hab die Lust nie verloren.“ Uhu kämpfte weiter um die Nähe zum Radsport. Als Teenager jobbte er in einem Fahrradladen in Karl-Marx-Stadt, für drei Mark die Stunde. Den Lohn hat er in Material umgesetzt. Mit 16 Jahren begann er eine Lehre als Zerspanungsmechaniker. Er musste arbeiten, während die anderen auf der Sportschule nach Stundenplan trainierten. Aber sie wurden weiter aussortiert. „Das kannten die prinzipiell nicht. Mir isses gelernt worden. Das ist ein Vorteil, noch heute.“ Über die Betriebssportgemeinschaft fuhr er trotzdem weiter Rennen. Weil die Leistung stimmte, durfte er bei Rundfahrten starten.


Teambesprechung mit Oscar (li.), Henri (re.) und Linus. Fotos: Sabine Franzl
Oscar bekommt eine Startnummer.
Straßentraining bei Poikam: Uhu (re:) feuert seine Truppe an.
Henri Uhlig (li.) fährt sich auf der Rolle ein.

Auch auf der Bahn wird jetzt aussortiert. Nach Zeitfahren steht in Augsburg ein Ausscheidungsrennen an. Alle paar Runden läutet die Glocke und der Letzte muss raus. Als es Oscar trifft, ist es eine krasse Fehlentscheidung. Der Junge ist außer sich. Aber Trost braucht er keinen. Uhu erklärt ihm lieber, was er taktisch verbessern kann: „Einmal hast du dich fast abhängen lassen. Ein unnötiger Sprint kostet Körner. Und wenn du oben fährst, sieht der Richter nur dich – und nicht den langsameren unter dir.“ So macht der Stützpunkttrainer Ost im Bayerischen Radsportverband es bei allen: ruhige, intensive Einzelgespräche vorher und nachher. Während der Rennen folgen Uhus Augen den rundum flitzenden Rädern. Lautstärke ist nicht sein Stil. „Ich setze um, was ich früher erlebt habe. Ich hatte Leute um mich, die mich warmherzig behandelt haben“, sagt er. Um neun sind die Rennen aus. Matt und hungrig schleppen die Teenager Räder, Rollen, Taschen zum Auto. Langsam leert sich der Parkplatz. „Wochenende!“ ruft Uhu. „Wochenende!“ antworten die anderen Teams. Es ist Mittwoch

„Wuchenende“ und „Griiiße“

Man schreibt „Wuchenende“, sagt Uhu. Und zur Begrüßung heißt es in seinem sächsischen Dialekt „Griiiße“, mit drei i. Das „Wuchenende“ kommt aus der Zeit, als er in der Fahrradfabrik Diamant in Karl-Marx-Stadt geschafft hat. Da durfte er als Radsportler am Dienstag und Donnerstag trainieren. Bereits am Montag verabschiedete er sich wie am Wochenende. Uhu hat das beibehalten. Und jetzt sagen es alle.

Als nach der Wende seine Abteilung dicht machte, ging er in den Westen. Bei der Thüringen-Rundfahrt hatte er Kontakte nach Regensburg geknüpft. Er sollte für ein Bundesliga-Team fahren, aber das wurde erst mal nichts. „Der Westen und seine Luftschlösser.“ Er jobbte halbtags, fuhr schließlich eine Saison für den Veloclub, ein Jahr für Gera, ein Jahr für Chemnitz, dann hatte er genug. Die Arbeit als Mechaniker in einem kleinen Fahrradladen machte so viel Spaß, dass er große Rennen sein ließ. Leider ging es mit dem Geschäft bergab. „Ich bin bodenständig. Mir wird himmelangst, wenn der Lohn nicht sicher ist.“ Familie hatte er ja auch mittlerweile – seine Frau Biggi, Tochter Anna (19), Oscar und Henri. Die Familie ist ihm heilig, sagt er. Zwei Monate ohne Arbeit können eine harte Etappe sein. Dann ergab sich der Job bei Stadler.

Täglich fährt Uhu gut 20 Kilometer von seinem Wohnort Hagelstadt mit dem Rad zur Arbeit. An Regentagen nimmt er die „Dreckkarre“. An die hat er Schutzbleche montiert. An schönen Tagen schwingt er sich auf sein Scott-Karbonrad, Schaltung Campagnolo, Kette und Ritzel glänzen. Bei Trainer Donnerhans gäb’s dafür Punkte.

Steffen Uhlig
Steffen Uhlig Foto: Sabine Franzl

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