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Der Sozialmann

Reinhard Kellner kümmert sich seit Jahrzehnten um die Schwachen und Abgehängten in Regensburg. Das gute soziale Klima in der Stadt hat viel damit zu tun.

Reinhard Kellner, geboren 1950, erinnert sich genau an das erste Mal, als er dieses Gefühl hatte. Er ging noch zur Kreuzschule in der Regensburger Westnerwacht. Die Häuser waren marode und aus den Hinterhöfen drang der Arbeitslärm. Hier wohnten Handwerker und Arbeiter. Sein Vater war Sattler, sie lebten in einfachen Verhältnissen in der Wollwirkergasse. Kiez würde man das heute nennen. Es gab die stillen Dominikanerinnen im Kloster Hl. Kreuz, die Waisen im Leonhardiheim, einen Park. Und es gab auch zerrüttete, arme Familien, in denen die Kinder nicht geliebt wurden, anders als er und seine drei jüngeren Geschwister. Als hätte er ein Sinnesorgan für soziale Not, wurde ihm plötzlich diese Ungerechtigkeit bewusst, die das eine Leben behütet und stärkt, das andere schwächt und seiner Chancen beraubt. Schon als Grundschüler war klar, Reinhard Kellner würde einmal seine Stärke für die Schwachen einsetzen.

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Reinhard Kellner Foto: Sabine Franzl

Ein Ruhestand, der keiner ist, und ein Sofa, auf dem man nicht sitzt

So ist es gekommen. Im Gunde hat er das ganze Leben nichts anderes gemacht. Er arbeitete als Betreuer, Bewährungshelfer, Sozialarbeiter. Seit zwei Jahren ist er zwar Rentner. Aber er leitet als Geschäftsführender Vorsitzender nach wie vor, seit 20 Jahren, die Regensburger Sozialen Initiativen. Er hilft in der Familienwerkstatt, engagiert sich in der AG Wohnungsnot, will mit anderen Akteuren der Altenarbeit alte, einkommensschwache Menschen aus der Einsamkeit holen, hat das Obdachlosenmagazin „Donaustrudel“ aufgebaut – um nur ein paar Dinge zu nennen. Und er stellte das Sofa auf die Beine.

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Zum Frühstückstreff in der Ostengasse 22 kann jeder kommen, der ein Problem hat. Foto: Sabine Franzl

Man kann sich nicht hineinsetzen, aber es fängt einen trotzdem auf. Sofa steht für „Sozial & offen für alle“. Jeden Mittwoch ab zehn ist Frühstückstreff in der Ostengasse 22. Ein kulanter Vermieter und ein Sponsor für die Miete machen es möglich. Auch für gemeinsame Ausflüge und den Kurzurlaub am Gardasee braucht das Projekt Spenden. Die Mitarbeiter engagieren sich ehrenamtlich. Bei einigen ist es so: Sie kamen mal wegen eines Problems – und jetzt helfen sie mit. Wer gerade wo steht, ist nicht gleich erkennbar. Um den Tisch sitzen unauffällige Leute, bärtige Männer, Damen mit Lippenstift. Schöne Punkerinnen mit Piercings und bunten Haaren. Geschminkte Mädchen in kurzen Röcken. Tätowierte Rocker mit langen Haaren. Und Reinhard Kellner.

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Ehrenamtliche im Sofa-Treff: Kellner, Norbert Gerner und Andreas Will (r.) Foto: Sabine Franzl

Er trägt, wie fast immer, ein Hemd, nicht elitär weiß, sondern praktisch blau. Der Kragen ist offen, der Schnitt weit und bequem. Die Ärmel sind bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. Die Hitze. Und doch auch eine Botschaft: Kellner packt an. Seine Arme sind stark, die Hände kräftig. Damit kann man Menschen aus dem Sumpf ziehen.

Den Mane zum Beispiel, jedenfalls behauptet der das. Kellner winkt ab, da waren auch andere beteiligt. Und überhaupt: „Retten kannst du dich nur selber.“ Kellner setzt auf die ersten Schubser, die manche brauchen, um sich selbst helfen zu können. Dafür steht das Sofa. Und dafür hat er seit den 70er Jahren den Boden bereitet.

Unter dem Dach der Sozialen Initiativen (SI) bündelten er und Mitstreiter die unterschiedlichen Hilfs- und Fördervereine in Regensburg. Mittlerweile gehören 29 Institutionen den SI an, von Retex über die Aidshilfe, Campus Asyl und die Tafel bis hin zu Drug Stop. Hinzu kommen unter dem Mantel von KISS, der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe, um die 400 Selbsthilfegruppen jeder Couleur. Wer in Regensburg Hilfe braucht, landet über kurz oder lang in einem Rettungsnetz, an dem Reinhard Kellner gestrickt hat. Das soziale Klima in Regensburg wäre trotz aller Baustellen, die es nach wie vor gibt, ohne ihn nicht so gut, wie es ist.

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    Im Garten der Danz, dem Mietshäuser-Syndikat in der Danziger Freiheit 5, trifft sich dieses Mal die AG Wohnungsnot. Foto: Sabine Franzl
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    Reinhard Kellner hängt mit der Kneitinger-Brauerin Gisela Regn das Logo der Sozialen Initiativen auf. Die Hilfsorganisation ist auf Spenden und den Erlös von Festen angewiesen. Foto: Sabine Franzl
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    Festaufbau: Reinhard Kellner und der Mane packen an. Foto: Sabine Franzl
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    Ob beim Jazzweekend, beim Bismarckplatzfest oder beim selbst organisierten Ostengassenfest - Reinhard Kellner ist mit den Sozialen Initiativen vor Ort. Foto: Sabine Franzl
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    Einnahmen und Spenden sind für den guten Zweck. Foto: Sabine Franzl

Der Kaffee dampft. Semmeln und Gebäck sind eine Spende der Bäckerin von gegenüber. Käse, Butter und Obst kommen von der Tafel. Eine junge Mutter mit Punkvergangenheit und blauen Strähnen ärgert sich über einen Dreier im Zeugnis. Sie macht eine Ausbildung zur Friseurin. Ihre zwei Begleiterinnen erzählen von einem Freund, der Mietschulden hat und vor dem Rauswurf steht. Eine gehbehinderte Frau ist zum ersten Mal hier. Sie berichtet vom Schimmel in ihrer Wohnung. Der Vermieter kümmere sich nicht. Kellner rät ihr, sich um ein Appartement der Hegenauer-Stiftung zu bewerben. Mane bietet gleich Hilfe beim Umzug an und erzählt: Fast immer habe er sich jetzt gut im Griff. „Aber dann mach’ ich halt doch mal wieder einen Schmarrn“, sagt er und lugt entschuldigend unter dem Schirm seiner Baseballkappe hervor.

„Man muss die Vorgeschichten einblenden. Keiner dieser Leute von unten hat eine gesunde Familie erlebt.“ Reinhard Kellner

Keiner kann aus seiner Haut. Jeder ist seines Glückes Schmied. Doch nicht alle haben die gleichen Chancen. Das sind die einfachen Wahrheiten, mit denen Reinhard Kellner täglich konfrontiert ist. „Man muss die Vorgeschichten einblenden. Keiner dieser Leute von unten hat eine gesunde Familie erlebt“, sagt der Diplompädagoge. Manche schaffen es trotzdem. Einige erst nach Anläufen. Etliche nie. Manchmal macht ihm das sehr zu schaffen.

„Ohne den Zölibat wäre ich vielleicht Pfarrer geworden.“ Reinhard Kellner

Dann hilft entweder der Fußball – „nach eineinhalb Stunden Spielen siehst du die Welt im Rechteck“. Oder seine Frau, die zuhört. Mit Beate Reichert, von Beruf Sonderschul-Konrektorin, ist er seit 1987 verheiratet. Das Paar hat eine Tochter (28) und einen Sohn (26). „Er hat als erstes Papa gesagt.“ Als Moritz auf die Welt kam, wurde der Vater für vier Jahre Hausmann. Es ist nämlich so: Kellner kann sich auch aus dem Rennen nehmen. Er verabschiedete sich von der politischen Bühne – er saß für die Grünen von 1984 an einige Jahre im Stadtrat –, weil er keine Kompromisse und wieder an die Basis wollte. Und auch aus der Kirche trat er aus, obwohl er Ministrant war, aus der kirchlichen Jugendarbeit kam und vier Semester Theologie studierte. „Ohne den Zölibat wäre ich vielleicht Pfarrer geworden“, sagt er. Den Austritt begründet er so: „Es heißt, die Welt sei eine Schöpfung – also jemand hat das so gewollt. Warum gibt es dann so viel Leid? Weil Gott die Menschen liebt?“

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Kellner stellt den Flyer vor, in dem das Projekt Sofa erklärt wird. Foto: Sabine Franzl

Stattdessen, sagt Reinhard Kellner, glaube er „an die mitmenschliche Solidarität“. Seine Berufung zum Sozialarbeiter versteht er auch philosophisch. Am Albertus-Magnus-Gymnasium lernte er Altgriechisch und Latein. Ciceros Satz, „bene de re publica mereri“ – sich um das Gemeinwesen verdient zu machen – sei „rühmlich“, prägte ihn ebenso wie Kennedys Antrittsrede von 1961: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann“ und so weiter. Kellner fragt nicht lange, sondern tut. Als nächstes möchte er mehr Sofas in weiteren Stadtteilen.

Sabine Franzl hat Reinhard Kellner den Tag über auch im Video begleitet:

Weitere Informationen zu den Sozialen Initiativen, ihren Projekten, den Spendenmöglichkeiten und Mitgliedsorganisationen finden Sie auf deren Homepage:

www.soziale-initiativen.de

Text von Angelika Sauerer
Fotos & Film von Sabine Franzl

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