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Der Schuster und sein Leder

Für den Schuhmacher Jürgen Maier aus Regensburg ist Leder das Material seines Lebens. Es musste einiges aushalten.

Damit ein Schuh draus wird, braucht man Geduld. Zehn Jahre war Jürgen Maier alt, als er sich mit dem Papa sein erstes Paar gefertigt hat. Cowboystiefel, schwarz, mit weißen Intarsien am Schaft: eine Pistole und zwei stilisierte Blüten. Ein Schuh ist aufgebaut wie ein Haus, sagt der Schuhmacher aus Regensburg. Es gibt eine Basis, den Rahmen, einen Schaft, ein Innenleben und eine Außenansicht. Er schützt, wärmt, passt sich an. Und wenn er gut gebaut ist, hält er ewig. Jürgen Maier brach in handgemachten Stiefeln in den Wilden Westen seines Lebens auf, ein bisschen Revoluzzer, ein bisschen bunte Blume. Die Schuhe passten ihm bald nicht mehr. Aber drausgewachsen ist er aus ihnen eigentlich nie.

Jürgen Maier (50) stellt sie zurück an ihren Platz in der Ladenwerkstatt an der Ecke Unter den Schwibbögen/Weiße-Hahnen-Gasse. 1950 hat sein Vater Josef mit der kleinen Schuhfabrik angefangen, seit 1955 befindet sie sich hier an Ort und Stelle: die Schuh Bar Maier, eine Zeit lang die größte Schuhmacherei in Bayern. Wo früher bis zu 35 Angestellte am Fließband Zwiegenähte produzierten, repariert der Sohn heute vor allem Schuhe, fertigt Gürtel und gibt sein Wissen weiter.

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    Mit diesen Cowboystiefeln startete Jürgen Maier in sein Leben. Foto: Sabine Franzl
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    „Wer weiß, wie Schuhe gemacht werden, kann sie auch besser reparieren“, findet Jürgen Maier. Aber eigentlich würde er lieber mehr Schuhe herstellen, als sie nur zu richten. Foto: Sabine Franzl

Gregor Himmler (29) hat den Rand des Kappenleders seiner Übungsschuhe mit dem Kneif auf einer Glasplatte ausgeschärft. Nun fixiert der Lehrling es mit Nägeln, die er später wieder entfernt, an der an den Leisten aufgeklebten Brandsohle. Das Zwicken des Leders über den Leisten ist schwierig. Es dürfen keine Falten bleiben. Ab und zu wirft ihm Jürgen Maier durch die runde Nickelbrille einen Blick zu, während er selbst eine Lederjacke repariert. „Der Gregor macht das gut.“

Aber er lernt etwas, das immer weniger Zukunft hat. Während 1999 41 Schuhmacher in Deutschland die Meisterprüfung ablegten, waren es 2013 gerade mal drei, meldet der Zentralverband des Deutschen Handwerks in seiner Statistik. Die Zahl der Gesellenprüfungen halbierte sich im gleichen Zeitraum um die Hälfte auf etwa 30. Da läuft etwas sehr schief, findet Jürgen Maier. Im Jahr macht er vielleicht noch ein Paar Schuhe von Hand. 50 Meter weiter verkauft sein Bruder Josef in „Beppos Boots Store“ hochwertige Westernstiefel. Immerhin sind die Maiers bei ihren Leisten geblieben.

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Gregor Himmler, Schuhmacherlehrling, zwickt das Kappenleder über den Leisten. Foto: Sabine Franzl

Familienbande aus Leder halten, wenn’s drauf ankommt. Jürgen Maier zog es nach Lehre und Bundeswehr in die USA, ins Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten und der Harleys. Sein Onkel hat in Kalifornien eine Bäckerei – eine erste Anlaufstelle. Der junge Schuhmacher fand einen Job in einer Fabrik für Cowboystiefel und wollte bleiben. Er rief zu Hause an. Die Mutter weinte und hatte einen Nervenzusammenbruch. Und auch der Vater – „der liebevollste Vater der Welt, aber auch der strengste Chef“ – war unglücklich. „Da bin ich wieder heim. Und ich bereue es nicht.“

„Da bin ich wieder heim. Und ich bereue es nicht.“

Frei und wild kann man auch in Regensburg sein. Die Winter verbringt er jahrelang regelmäßig in Indien, in den Sommern schuftet er. Maier wird Mitglied eines Motorradclubs, fährt eine fette Harley, was sonst. Und zwar ohne Helm, dank amtlicher Helmbefreiung. Wenn er mit seiner Electra Glide namens Berthilda über die Straßen düst, umweht ihn auch heute noch nur eine locker zusammengebundene Wolke aus ergrauten Haaren. Dem Motorradclub gehört er nicht mehr an.

Auf Leder kann man sich verlassen, selbst wenn es dick kommt

In Indien hat er es damals auch mit dem Schneidern versucht. Aber Stoff liegt ihm nicht, „zu widerspenstig“. Zu dünn. Und aushalten tut er auch nichts. Leder dagegen ist was fürs Leben. Es nimmt die Form an, es verändert sich, aber es bleibt. An einem Haken vor seinem Arbeitsplatz baumelt ein Rucksack, der mal aus Stoff war. Jetzt überwuchern ihn Lederflicken in verschiedenen Farben. Bald wird nichts mehr von der Baumwolle zu sehen sein. „Mein Indienrucksack. Den hab’ ich schon ewig.“

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    Kosmos Werkstatt: Jede Maschine hat ihre Eigenheiten, die Regale bergen auch Erinnerungen und Jürgen Maiers Indienrucksack (hängt vorne am Tisch) erzählt eine ganze Biografie. Foto: Sabine Franzl
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    Lehrling Himmler (ganz im Hintergrund), Feintäschner Mosdzen (Mitte) und Schuhmacher Maier bei der Arbeit Foto: Sabine Franzl

Und mit jedem Lederstück wird er stabiler. Auf Leder kann man sich verlassen. Das hält stand, egal was kommt. Vor 13 Jahren kam es dick. Maier musste in „Zwangsurlaub“. Damalige Bekannte haben ihm übel mitgespielt. Den Besitz geringer Mengen Haschisch für den Eigenkonsum hat er eingeräumt. Angehängt wurde ihm viel mehr. Lang her und vorbei, aber es hat ihn verändert. Und vielleicht sogar stabiler gemacht.

An Maiers Platz haben Klebstoffreste eine schwarzbraune Hügellandschaft auf der Arbeitsplatte hinterlassen. Rückstände tausender Reparaturen. Jürgen Maier streift mit seinen von der Arbeit und den selbst gedrehten Zigaretten gegerbten Fingern drüber und schmunzelt. Beim Vater hätte es das nicht gegeben, sagt er.

Alles andere hat er übernommen: die riesige Registrierkasse, das Regal mit den unzähligen Leisten, den an kalten Wintertagen heillos überforderten Ölofen, die alten Tricks, die lieben Kunden, die Durchnähmaschine Marke Hardo, die es bei reinen Schustern meist gar nicht mehr gibt, genauso wie die Frobana-Doppelmaschine – Baujahr 1943, pfenniggut beieinander. Leider werden die gebogenen Nadeln nicht mehr produziert. „Acht Stück hab’ ich noch. Ich überleg’ mir jedes Mal genau, ob ich die Maschine einsetze.“

„Lange Fingernägel und das Brotzeitmesser sind die besten Werkzeuge.“ Jürgen Maier, Schuhmacher

Hinten an der Wand thront das Ungetüm von Schleifmaschine. Wenn sie rattert, hat selbst AC/DC aus dem Ghettoblaster einen schweren Stand und die mit Erinnerungen vollgestopfte Bude wackelt. In der Ladenwerkstatt sind die Eltern immer noch präsent. Im Dezember ist der Vater gestorben. Die Söhne haben ihn gepflegt, wie jetzt auch die Mutter, die im Rollstuhl sitzt. „Pfeif’ auf die Schablonen, schau dir lieber an, wie lang die Zehen sind“, sagt Jürgen Maier zu seinem Lehrling, wie früher der Vater zu ihm. Oder noch so eine Weisheit: „Lange Fingernägel und das Brotzeitmesser sind die besten Werkzeuge.“

Frieden mit der Welt und mit den Tieren

Wenn kein Kunde kommt, ist es ruhig in der Werkstatt. Gregor arbeitet konzentriert an seinem dritten Paar Übungsschuhe. Daneben sitzt Markus Mosdzen (34) an der fußbetriebenen Adler-Nähmaschine, deren leises Stakkato sich zur halblauten Rockmusik gesellt.

Der Feintäschner und Handsticker ist ein echter Künstler, sagt Jürgen Maier. Er hat für dessen außergewöhnliche Taschen ein Schaufenster leergeräumt. Sie kooperieren, ergänzen sich und harmonieren auch sonst.

Anders ginge das mit ihm auch gar nicht. Maier sagt, er sei kein „Chef“, aber er trage die Verantwortung. „Der Chef kehrt auch zusammen“, erzählt Himmler, so was sei ihm noch nie begegnet. Maier möchte seinen Frieden haben, mit den Kollegen, mit der Familie, mit den Kunden, mit der Welt.

Und mit den Tieren. Wenn sie schon für seine Produkte sterben müssen, dann sollen sie es gut gehabt haben. Deshalb verwendet er nur Leder bayerischer Bio-Rinder aus Freilandhaltung, chemiefrei gegerbt. Es kostet ihn das Doppelte. „Aber ich kann besser schlafen “, sagt er. Das ist es wert.


„Der Chef kehrt auch zusammen.“ Gregor Himmler, Schuhmacherlehrling
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