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Der Meister im Untergrund

Seit 30 Jahren steht Schwimmmeister Jürgen Jaenke im Westbad am Beckenrand. Nun ist der Regensburger in den Keller abgetaucht.

Oben der Himmel, unten die Unterwelt. So kann man sich das vorstellen. Vom blitzeblanken Badeparadies, in dem sich die Gäste in lauwarm wogenden Wellen entspannen, sind es nur ein paar Stufen in die Katakomben hinunter. Hinter einer dicken Stahltür brüllt ein Ungeheuer mit zwei Lungen aus vollem Hals. Solange es wach ist, darf man die Tür nicht öffnen, sonst bläst’s einem die Ohren weg. Jürgen Jaenke setzt ein verschmitztes Lächeln auf. Das ist sein Baby, die Wellenmaschine, ein Monstrum aus Stahl, das Wasser mit Druckluft in die Kammern drückt. „Achtung, die Welle kommt“, sagt der Kollege oben durch den Lautsprecher.

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Schwimmmeister Jürgen Jaenke Foto: Sabine Franzl

Jürgen Jaenke ist jetzt der Kollege unten. Er hat ja durchaus ein Faible für schwere Maschinen. In der Freizeit steuert der 51-Jährige eine PS-starke Harley-Davidson. „Aber ich bin kein Raser mehr“, sagt er, und man weiß Bescheid. An seinen Ohrläppchen baumeln rechts und links kleine Ringe. Breiter Brustkorb, Muskeln, gegerbtes Gesicht und entschlossener Blick. Jetzt noch Lederkluft statt kurzer Hose und Poloshirt – und der Easy Rider wäre perfekt. Ganz gewiss ist auch irgendwo noch eine Tätowierung versteckt.

Sauberkeit und Sicherheit – das ist sein Job

In der Arbeit steuert er schwerpunktmäßig die Technik des Regensburger Westbads. Meistens hat er Frühschicht. Er beginnt um fünf Uhr und bleibt bis 14.30 Uhr. In den Morgenstunden kontrolliert er die Verkehrssicherheit des Westbads. Das heißt vor allem, das Wasser muss Trinkwasserqualität haben, alle Bereiche müssen sauber und sicher sein. Bei seinem Rundgang rüttelt er an jedem Geländer. Später reinigt er dann Filter, stöpselt mit einem Kollegen – „da muss man immer zu zweit sein“ – einen Chlorgas-Tank um, bespricht sich mit Handwerkern, die gerade das Saunaparadies runderneuern, führt Buch über die aktuellen Werte.

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    Jürgen Jaenke entnimmt Wasser für den Labortest. Foto: Sabine Franzl
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    Im Westbad-Labor wird laufend die Wasserqualität getestet. Foto: Sabine Franzl
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    Am Wasserkreislauf eines jeden Beckens sind automatisch arbeitende Messgeräte angebracht. Foto: Sabine Franzl
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    Das Anschließen eines Chlorgastanks ist eine heikle Sache. Foto: Sabine Franzl

Während er flott durch das düstere, feuchtwarme Labyrinth saust, an kilometerlangen Bündeln von Rohren, an den riesigen Tanks der Kombifilter und den kleineren Ultrafiltrationsanlagen vorbei, wirft er routinierte Blicke auf die Anzeigen der Schaltschränke und Messgeräte. Ab und zu klopft er mit der flachen Hand auf eine narbige Betonwand. „Das ist das Sportbecken. Und hier haben wir das Springerbecken.“ Jeder einzelne Kreislauf, auch die Rutsche oder das Kinderplanschbecken, hat eine eigene Filteranlage und eine Messstation, die laufend den pH-Wert und den Chlorgehalt misst. Zusätzlich entnimmt Jürgen Jaenke regelmäßig selbst Proben aus den Becken und testet sie in einem kleinen Labor. Wenn ihm etwas entgeht, kann das fatale Folgen haben.

„Haare sind kein Problem, die kann man leicht rausfiltern. Hauptsache, die Leute duschen vorm Baden.“ Jürgen Jaenke

Die Eckdaten rattert der Schwimmmeister wie aus dem Effeff herunter: In den 14 Beckenkreisläufen werden pro Stunde 2500 Kubikmeter Wasser umgewälzt – das entspricht in etwa dem Inhalt des Sportbeckens; täglich werden 350 Kubikmeter Frischwasser nachgespeist; der pH-Wert soll zwischen 6,5 und 7,2 liegen, die Redox-Spannung (gibt die Keimtötungsgeschwindigkeit an) über 750 mV, der Gehalt an freiem Chlor zwischen 0,3 und 0,6 mg/l. Übrigens: Der typische Schwimmbadgeruch kommt vom verbrauchten Chlor. Je stärker er ist, desto mehr musste das Chlor schon leisten. „Haare sind kein Problem, die kann man leicht rausfiltern. Hauptsache, die Leute duschen vorm Baden“, sagt der Schwimmmeister. Ob chemische Werte oder computergesteuerte Technik, Lüftungs-, Heizungs- oder Filteranlagen, kaputte Schlösser, gesprungene Fliesen, sprießendes Unkraut, Erste Hilfe – Jürgen Jaenke hat alles im Griff. „Schwimmmeister ist mein Traumjob“, sagt er. „Er ist so vielseitig.“

"Schwimmmeister ist mein Traumjob." Jürgen Jaenke

Und dann sind da ja auch noch die Badegäste. Die hat er übrigens auch im Griff – so wie die Hitzköpfe in der Kreisliga, wo er als Schiri pfeift. In der Arbeit bändigt er pubertierende Jungs und unaufmerksame Eltern, die partout meinen, das Kleinkind ohne Schwimmflügel laufen lassen zu können, „wir passen ja auf“. Für solche Fälle hat Jürgen Jaenke die passende Strategie: „Erst mal psychologisch reden, nicht gleich auf stur schalten. Regeln und Gefahren erklären.“ Im äußersten Fall kann er vom Hausrecht Gebrauch machen. „Kommt aber fast nie vor.“

Per Zufall vom Parkettleger zum Schwimmmeister

Angefangen hat Jürgen Jaenke als Aushilfsaufsicht vor 30 Jahren. Er hat sich quasi von oben nach unten hochgearbeitet: vom Beckenrand in den Untergrund. Gelernt hatte er ursprünglich Parkettleger. Aber dann gefiel es ihm im Schwimmbad so gut, dass er erst die Ausbildung zum Schwimmmeister-Gesellen, dann zum Meister absolvierte. Jetzt ist der Vater von drei Buben der dienstälteste Schwimmmeister, der zwischendurch auch noch im Schwimmbetrieb die Aufsicht übernimmt. 

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    Von der Plattform aus hat der Schwimmmeister das ganze Bad im Blick. Foto: Sabine Franzl
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    Die Technik lässt sich vom Computer aus steuern. Monitore liefern auch Unterwasserbilder. Foto: Sabine Franzl
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    Mit dem Dampfstrahler werden auch die letzten Ecken blitzblank. Foto: Sabine Franzl
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    Der Untergrund ist Im Moment Jürgen Jaenkes Lieblingsplatz im Westbad. Foto: Sabine Franzl

Fragt man ihn nach seinem Lieblingsplatz im Bad, schwankt er. Oben, auf der Plattform, von der aus alles im Blick ist? Draußen am Beckenrand, wo es menschelt und bisweilen seine natürliche Autorität gefragt ist? Oder unten, im Maschinenraum, wo sauberes Wasser, Wellen und Sprudel produziert werden, mit denen das Westbad pro Jahr um die 600 000 Besucher anlockt? „Im Moment hier unten“, sagt er nach kurzem Überlegen.

Dabei ist er am Beckenrand genauso in seinem Element. Alle zwei Jahre absolviert er, wie vorgeschrieben, den Rettungsschwimmer in Silber. Und vom Zehner springt er freilich, ohne mit der Wimper zu zucken. Klar, meint der Außenstehende, fit sein und ansonsten gechillt in der Sonne rumstehen ist nicht das Schlimmste. Und trotzdem kann es jeden Moment das Schlimmste sein. Zweimal ist Jürgen Jaenke während seines Dienstes bereits in so eine Situation gekommen: Ein Kind ist untergegangen.

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In Notfällen, sagt Jürgen Jaenke, weiß jeder was zu tun ist. Die Rettungskette ist eingeübt. Foto: Sabine Franzl

In diesem Moment wird das Paradies zur Hölle. Wenn der zentrale Notkopf gedrückt wird, weiß zwar jeder Diensthabende im Bad, was zu tun ist. Doch die Sekunden ziehen sich wie Stunden, bis das aus dem Wasser gefischte Kind wieder einen Schnauferer tut. „Es ist furchtbar. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich das kann. Andere sind da wie gelähmt. Aber ich funktioniere. Aber danach dauert es schon, bis man das verarbeitet hat.“

Jürgen Jaenkes Arbeit ist sehr vielseitig - deshalb ist Schwimmmeister sein Traumjob. Im Film erklärt er, was alles dazugehört. 

Text von Angelika Sauerer, MZ
Fotos & Film von Sabine Franzl

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