Nahaufnahme

Das Leben hinter den Nachrichten

Seit Joséphine Bonduka aus Regensburg Flüchtlingen hilft, fragt sie sich: „Was habe ich nur davor mit meiner Zeit gemacht?“

Es ist früh am Morgen, das Radio läuft. Die glatte, geschulte Stimme der Nachrichtensprecherin berichtet von Flüchtlingen, die im griechischen Idomeni an der Grenze zu Mazedonien festsitzen. Dann ein O-Ton. Heisere Männerrufe, verzweifelte Frauenstimmen. Joséphine Bonduka bittet ihre Mutter, das Radio leiser zu machen. Sie mag keine Nachrichten mehr hören, seit sie Menschen kennt, die tatsächlich erleben, was da mit professioneller Mediendistanz berichtet wird.

Die Nachrichten gelangen auf anderen Kanälen zu der 23-jährigen Regensburgerin, manchmal mitten in der Nacht. Ein Foto auf dem Smartphone, das eine riesige Lagerhalle zeigt, in der Menschen Körper an Körper ausharren, dazu der Kommentar „Da irgendwo sind meine Verwandten gerade“, abgeschickt von einem befreundeten Flüchtling, der es bereits nach Regensburg geschafft hat. Wann wird er seine Eltern, Schwestern und Brüder wiedersehen? Wird er sie jemals wiedersehen? Das ist, was bei Joséphine ankommt, während Regierungschefs erleichtert vermelden: „Die Balkanroute ist dicht.“

Image001

Man muss das aushalten können. Joséphines Devise lautet: emotional auf sich aufpassen; akzeptieren, was nicht zu ändern ist; ändern, was man ändern kann. Aber ihr Herz kann und will sie nicht ausschalten. Seit über einem Jahr engagiert sich Joséphine Bonduka nach der Arbeit – sie ist Mediengestalterin – für Flüchtlinge.

„Ich war noch nie so oft traurig. Und ich habe noch nie so viel gelacht wie in dieser Zeit“, sagt sie, während sie am Spätnachmittag in der Regensburger Zeißstraße vor der Erstaufnahmeeinrichtung nach einem langen Arbeitstag ihr Fahrrad zusperrt. Gleich beginnt ihr Dienst in der Kleiderkammer, die von CampusAsyl, dem Regensburger Netzwerk von Hochschulen und Zivilgesellschaft für Menschen in Not, aufgebaut wurde und betreut wird. Die tief stehende Sonne taucht den betonierten ehemaligen Kasernenhof in goldenes Licht. Kinder lachen. Jugendliche spielen Fußball. Ein paar alte Männer und Frauen sitzen auf Plastikstühlen in der Sonne. Es ist, als ob die Krise hier kurz innehält und vor sich hindöst.

Koffer und Kapuzenpullis für Menschen auf der Flucht

Vor einer Tür ins Untergeschoss hat sich eine kleine Schlange gebildet. Es sind vor allem junge Männer in zusammengewürfelter Kleidung. Manche Füße stecken samt Socken in Flip Flops. Einige der Jungs vergraben ihre Köpfe unter den Hauben ihrer Kapuzenpullis. Ein Hoodie ist Tarnkappe, Schutzschild und fast schon so was wie eine Behausung für unterwegs. Wer noch keinen hat, hofft bestimmt, da unten im Keller gleich einen zu ergattern. Mittwoch ist Männertag in der Kleiderkammer.

Noch beliebter sind Koffer. Wer kein Daheim mehr hat, will wenigstens aus seinem Koffer leben können. „Habt ihr heute Koffer? Morgen ist mein Transfer.“ Joséphine seufzt, das ewige Kofferproblem. Nein, keine Koffer. Koffer gibt es nur am Freitag. Und auch da nur für jemanden, der noch keinen Koffervermerk in seinem gelben Flüchtlingsdokument hat. Shreef übersetzt geduldig. Er ist vor eineinhalb Jahren aus Syrien geflohen und lebt mittlerweile in einer Wohnung. Vor kurzem kam auch seine Familie nach Regensburg. Sein Deutsch ist super. Ohne Shreef wären Joséphine und ihre Kolleginnen von CampusAsyl bei der Kleiderausgabe aufgeschmissen. Er ist auch das Bindeglied zu weiteren arabisch und kurdisch sprechenden Vermittlern, die den Flüchtlingen zwischen den Kleiderstapeln weiterhelfen. Und er ist längst ein Freund.

Aber sie verbindet noch etwas: die Flucht.

„Du weißt schon, dass ich auch ein Flüchtling bin, oder?“, fragt der Vater. „Es war einfach normal.“ Joséphine Bonduka

Auch wenn Joséphine selbst nie fliehen musste, ist ihre Biografie davon geprägt, dass ihr Vater seine Heimat im Kongo hinter sich lassen musste. Nach einer langen Odyssee unter anderem durch den Sudan und Ägypten kam er Anfang der 90er Jahre nach Regensburg. Er lernte Joséphines Mutter kennen. José hätte ihr Baby heißen sollen, nach dem Großvater in Kinshasa. Aber es wurde ein Mädchen. Der Name verbindet Joséphine mit einer Familie, von der sie nichts weiß. Mittlerweile haben sich ihre Eltern getrennt. Aber der Kontakt zum Vater ist nach wie vor gut. Sie erinnert sich an Nachmittage in der damaligen Flüchtlingsunterkunft gegenüber der Zuckerfabrik, wo sie Bekannte besuchten. Frauen flochten der kleinen Joséphine Zöpfe. Dort spielte sie erstmals auch mit Kindern, deren Haut dunkler war als ihre. Sie merkte freilich auch, dass es dem Vater nicht so leicht fiel, sich zu öffnen. Fast, als ob es ein Verlust von Identität bedeutete, in die neue Sprache und in das neue Leben voll einzutauchen. Vor ein paar Wochen hat er die Tochter gefragt: „Du weißt schon, dass ich auch ein Flüchtling bin, oder?“ Die Flucht des Vaters war nie ein Thema zu Hause. „Es war einfach normal“, sagt Joséphine.

Das Thema Flüchtlinge traf ganz plötzlich einen Nerv

Und dann dieser Zufall. Joséphine ging mit einer Freundin auf eine Silvesterfeier, 2014 auf 2015. Dort traf sie Eva König, die dem Vorstand von CampusAsyl angehört. König erzählte, dass sie ehrenamtliche Helfer brauchen, vor allem für Sprachkurse. Joséphine wurde hellhörig. Das Thema Flüchtlinge traf bei ihr ganz plötzlich einen Nerv. Sie meldete sich, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie man jemandem Deutsch beibringt. Learning by doing: „Wir setzten uns im Team zusammen und erarbeiteten einen Leitfaden“, erzählt sie. Im Büro der Erstaufnahmeeinrichtung steht das Resultat abgeheftet in Ordnern im Schrank. Nach ein paar Monaten Sprachkurse wechselte Joséphine in die Kleiderkammer.

Ein schmaler Gang, fünf Kellerräume, die Decken sind niedrig, so dass die große Joséphine unwillkürlich den Kopf einzieht. Immer nur zehn Personen auf einmal dürfen rein. Ihre Dokumente werden eingesammelt und gestempelt. Was auffällt: Zwischen den echten und den bleich geblitzten, erschrockenen Gesichtern auf den oft erst wenige Tage alten Fotos in den Papieren liegen Welten. Wer noch keinen Kleiderstempel hat, ist erst angekommen und trägt meist alles, was er hat, auf dem Leib. Da sind die Stillen mit den unruhigen Augen. Sie schleichen sich aus dem hellen Gang ins Halbdunkel des Depots und füllen ruckzuck ihre Tüten. Andere genießen die Abwechslung. Knallrot glänzende Boxershorts machen auf Köpfen mit coolen Fußballerfrisuren die Runde, alle lachen. Und immer wieder Seitenblicke auf Joséphine, die selbst im fahlen Kellerlicht auf eine so freundliche und warmherzige Art gut aussieht, dass alle Respekt haben und gleichzeitig Vertrauen schöpfen. Später steckt ein verträumter Teenager die tolle Unter Hose verstohlen in seine Tasche.

Nach der Kleiderkammer ist noch lange nicht Schluss

Nach eineinhalb Stunden wird es ruhiger. Man merkt, dass zur Zeit nicht mehr so viele Flüchtlinge ankommen. Das war vor ein paar Wochen noch ganz anders. Da hätte Joséphine nebenbei keine Zeit gehabt, an ihren Smartphone Dinge zu erledigen: Für eine Spende soll Unterwäsche gekauft werden, die dringend benötigt wird. Einsatzpläne müssen koordiniert werden.

Image003
Die Helfer sind längst miteinander befreundet. Foto: Sabine Franzl

Ein mit Shreef befreundeter Flüchtling aus Syrien braucht Hilfe beim Formulieren eines Lebenslaufs. Sie wird ihn am Wochenende besuchen, kein Thema. Einmal verbrachte sie mit einem Verletzten die halbe Nacht in der Notaufnahme, auch kein Thema. Oft besucht sie einen anderen Flüchtling, der im Kirchenasyl Schutz gefunden hat. Gerade erholt er sich von einer Operation. Die Ärzte haben ihm acht Kugeln aus dem Körper geholt. „Ich weiß gar nicht, was ich früher nach der Arbeit gemacht habe. Das war leer und unwichtig. Jetzt hat es Sinn“, sagt sie.

Schluss für heute, der Sicherheitsmann sperrt zu. Joséphine Bonduka sagt, dass sie sich wünsche, dass das, was sie und ihre Freunde von CampusAsyl hier machen, nicht mehr so notwendig ist. Dass alle, die herkommen, ihren Frieden finden und da sein können. Dass sich die Menschen keine Angst einjagen lassen von rechten Demagogen. Dass mehr Leute die wahren Geschichten hinter den Nachrichten suchen. Dass die Hilfe nicht aufhört.

Sie wird jedenfalls nicht damit aufhören. Sie verabschiedet sich von Shreef, klappt die Kapuze ihrer Jacke hoch und radelt heim.

Teilen