Nahaufnahme

Auf Tuchfühlung

Der Tuchmacher Paulus Mehler aus Tirschenreuth und die Stoffe, aus denen sein Leben ist

Paulus Mehler blättert die Stoffe auf, als wären sie die Seiten eines Buches, in dem er lesen kann. Hier ein feiner Loden, weich und anschmiegsam, als wäre er gar nicht verwandt mit seinem rupfernen Bruder daneben. Er streicht mit der flachen Hand über den zarten Flaum, lässt das Gewebe zwischen Daumen und Zeigefinger hindurchgleiten. Verwoben ist feinste Merinowolle aus Australien. Verwoben ist auch die Geschichte seiner Familie und die einer ganzen Region. Tirschenreuth, die Stadt der Tuchmacher und Fischzüchter. Was davon noch übrig ist, steckt auch in den Genen von Paulus Mehler.

250 0008 33292299 Mehler Fuer U1
Foto: Sabine Franzl

Er ist aufgewachsen als Sohn eines Fischzüchters und Neffe eines Tuchmachers. Als Kind stand er im Teich und half dem Vater beim Fischen. Und als 15-Jähriger sagte sein Großvater, der Tuchmacher, zu ihm: „Du übernimmst das einmal.“ Ein Ritterschlag, den pro Generation zwei Mehlers erhalten, als Erben der beiden Familienlinien. Paulus und sein Cousin Ludwig Mehler leiten aktuell die Firma. Die anderen müssen verzichten. „Das ist ein Grund“, sagt Paulus Mehler, Vater von fünf Kindern, „warum es uns noch gibt“ – seit 1644, mehr als 350 Jahre. „Wir besitzen keine Immobilien, keine Ferienhäuser. Wir haben keine Gesellschafter, die bedient werden wollen. Alles Kapital bleibt im Betrieb“, sagt der 56-Jährige. 

„Loden ist immer eine Melange.“ Paulus Mehler

Die Tuchfabrik Mehler ist die älteste Deutschlands und zählt zu den 30 ältesten Industrieunternehmen hierzulande. Mehler hat als einziger von einst 70 Tuchmachern in Tirschenreuth überlebt. Die Fabrik überstand auch den letzten, brutalen Strukturwandel der Branche. Vor 30, 40 Jahren arbeiteten noch 750 000 Beschäftigte in deutschen Spinnereien und Webereien. Nun sind es nur noch 60 000. Aber das Überleben ist kein Wunder.

Streichgarn wird zu Loden, Kammgarn zu Tuch

Nächstes Kapitel, Paulus Mehler tastet sich durch die Stoffmuster, blind könnte er ihren Code lesen. Er hält bei einem weichen Loden inne, komponiert aus grünen, gelben, orangefarbenen und braunen Sprenkeln, insgesamt 16 Farben. „Loden ist immer eine Melange“, sagt er. Die Wollflocken werden partienweise gefärbt. Die Endfarbe des Stoffes entsteht im Wolf, wo die verschiedenfarbigen Fasern zerfetzt werden. Die Krempelmaschine walzt sie anschließend zu einem drei Meter breiten Vlies. Das wiederum wird in schmale Bänder geschnitten: das Vorgarn. Es wird gesponnen, gewebt, der Stoff gewalkt, getrocknet, karbonisiert, ausgerüstet.

  • Paulus Mehler Kl 6298
    Das Garn wird auf die Walze des Kettbaums gewickelt. Foto: Sabine Franzl
  • Paulus Mehler Kl 6040
    In der Walkmühle schnurren die Wollstoffe zu einem dichten Gewebe zusammen. Foto: Sabine Franzl
  • Paulus Mehler Kl 6091
    Uniformen sind aus Tuch genäht, das aus Kammgarn gewebt wurde. Paulus Mehler fühlt die Qualität und weiß sofort, welchen Stoff der Kunde braucht. Foto: Sabine Franzl

Weil Streichgarn unterschiedlich lange und wirre Fasern besitzt, kann es gut filzen. Das lockere Gewebe schnurrt in der Walkmühle zu einem wärmenden, dichten Stoff zusammen. Kammgarn hingegen, aus dem Tuch gewebt wird, ist aus langen, gleich ausgerichteten Fasern gesponnen. Das ist der Stoff, aus dem etwa die Uniformen für Flugpersonal genäht werden. Paulus Mehlers Finger streifen über glattes, dezent glänzendes Tuch. Er murmelt Zahlenkombination und Buchstaben. Ein Griff und er kennt sich aus. Mehler ist kein Schreibtischtäter. Wenn eine Maschine steht, ist er es, der sie wieder zum Laufen bringt. Doch es geht ihm nicht nur darum, dass die Webstühle, die Krempelmaschinen, die Walkmühlen laufen, wie geschmiert. 

  • Paulus Mehler Kl 1512
    Der junge Syrer hat sich am Webstuhl gut eingearbeitet. Foto: Sabine Franzl
  • Paulus Mehler Kl 6255
    Paulus Mehler hilft, eine Stoffbahn in die Färbemaschine zu füllen. Foto: Sabine Franzl
  • Paulus Mehler Kl 5963
    Stoffkontrolle: Jede Kleinigkeit fällt auf. Foto: Sabine Franzl

Während seines Rundgangs durch die Produktion redet er freundschaftlich mit den Mitarbeitern. Sie sind eine Betriebsfamilie, rund 80 Leute in Tirschenreuth, 40 am zweiten Standort in der Lausitz. „Ich sag’ immer, das Beste ist, wenn ihr mich in der Produktion nicht seht. Denn dann läuft’s.“ Paulus Mehler selbst hat in einer Tuchfabrik Produktveredler gelernt, eine Zusatzausbildung als Färber absolviert und nach vier Semestern den Techniker gemacht. Sechs Jahre lang arbeitete er auswärts in der Branche. „Ich hatte eine gute Position.“ Dann kam der Ruf. Er sollte in die Fußstapfen von Paul Mehler, seinem Onkel treten.

Im Haus, in dem die Verwaltung sitzt, scheint auf den ersten Blick die Zeit stehengeblieben zu sein: 1922. Ein Jahr später wurde die erste Dampfmaschine angeschafft, die zeitweise den ganzen Ort mit Strom versorgte. Steinböden mit Intarsien, dunkle Holztüren mit kassettierten Fenstern – schlicht, aber nicht schmucklos. Längst zu klein und manchmal unpraktisch. Aber beim Mehler hält man das Geld zusammen. 

Paulus Mehler Kl 5766
Paulus Mehler vor den Porträts seiner Vorgänger: Die Tuchfabrik Mehler ist Firma und Familie, Tradition aus der Geschichte und Verpflichtung für die Zukunft. Foto: Sabine Franzl

Die Firma, die Familie, der christliche Glaube, Sparsamkeit – so lauten die Maximen. Auf dem Treppenabsatz vom Erdgeschoss zum ersten Stock begegnet Paulus Mehler tagtäglich – er wohnt oben drüber – der Familiengeschichte. Ein buntes Glasfenster zeigt Jesus als Hirten mit vier Schafen. Damit sind die vier Brüder gemeint, die damals ausnahmsweise alle miteinander das Sagen hatten (darunter sein Urgroßvater) und dem Betrieb den Namen gaben: Tuchfabrik Gebrüder Mehler. Ihr Vorgänger Ignaz Mehler hatte den Übergang vom Handwerk zum Industrieunternehmen gemeistert. Man stellte Stoffe für den Klerus und das Militär her und freute sich über den Ehrentitel „Päpstlicher Hoflieferant“. Und nun sollten Paulus und Ludwig Mehler den Strukturwandel meistern. „Es ist gut, dass du da bist. Aber verändert wird nichts“, sagte der Onkel zu Paulus Mehler, als der 1990 in die Firma einstieg. Es waren schwierige Zeiten. Die Umsätze brachen ein. Paulus und Ludwig Mehler wussten, dass es ohne Veränderungen nicht gehen würde. Ihnen musste etwas einfallen.

"Uns ist nichts zu klein und nichts zu groß." Paulus Mehler

Paulus Mehler machte sich auf die Reise zu den Kunden. Was genau wollen sie? Er fand heraus, dass es für seine Tuchmacherei keine einzige Nische gibt, die er besetzen könnte. Sondern viele. „Uns ist nichts zu klein und nichts zu groß.“ Sie weben Stoffe für die Ausgehuniformen des Militärs und für die Blaskapelle im Dorf, dicken Loden für den Nackenschutz französischer Feuerwehrhelme, mit Flammschutz versehene Bezugsstoffe für die Möbelindustrie, feinen Loden für die Tracht – und für den Film: Als „The Grand Budapest Hotel“ (2014) von Wes Anderson einen Oscar fürs beste Kostümdesign erhielt, ging der auch nach Tirschenreuth: Mehler lieferte die Stoffe.

Paulus Mehler Kl 5854
Die Tuchfabrik Mehler produziert für jede Art von Nische, ob klein oder groß Foto: Sabine Franzl

Paulus und Ludwig Mehler erkannten noch etwas: „Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen.“ Deshalb das große Lager, die Fertigungstiefe bis hin zur Spinnerei und der enge, partnerschaftliche Kontakt zu den Kunden. Ab 2002 ging es aufwärts. Aber auch dann lautete ihre Philosophie: investieren ja, sich verschulden nein. Statt in neue Büros floss das Geld 2005 in den Kauf der hochmodernen Streichgarnspinnerei in Forst in der Lausitz – für die ist hauptsächlich Ludwig Mehler zuständig. Und 2011 in den Neubau des vollautomatisierten Hochregallagers für die zig Stoffballen, die immer vorrätig sind.

Paulus Mehler streift ein letztes Mal den Stoff glatt, schlägt das Buch mit den Mustern zu und schiebt seine Brille auf die Stirn. Er wird einen kleinen Spaziergang durch die Stadt machen. „Ich muss ein bisschen Abstand gewinnen“, sagt er. Groß wird er nicht sein.

Das Video von Sabine Franzl zeigt Paulus Mehler beim Rundgang durch die Produktion.

Text von Angelika Sauerer
Fotos & Film von Sabine Franzl

Teilen