Ungelöste Mordfälle

Der Fall Sabina: Das tote Baby von Essing

Im August 2000 wird die Leiche eines Säuglings im Main-Donau-Kanal entdeckt. Der Fall ist mysteriös, die Ermittlungen sorgen für Aufsehen. Es ist eine von drei ungeklärten Kindstötungen in Ostbayern.

Essing. Es ist der 24. August 2000, ein warmer Spätsommertag, als der Angelausflug des Kelheimers Klaus T. am Ufer des Ludwig-Main-Donau-Kanals ein grauenvolles Ende nimmt. 

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Hobbyangler Klaus T. zeigt auf die Stelle, an der er das tote Baby gefunden hat. Foto: MZ-Archiv/Bachmeier-Fausten

Der 50-jährige Familienvater ist schon früh zu seinem Stammplatz südlich von Essing in der Nähe von Heidenstein aufgebrochen. Er stellt seinen Klappstuhl auf, wirft die Rute aus und wartet, dass ein Fisch anbeißt. Er lässt seinen Blick über den Fluss gleiten, als er im seichten Wasser plötzlich eine gelbe Plastiktüte aufblitzen sieht. T. ärgert sich. Wieder hat jemand hier einfach seinen Müll entsorgt, so glaubt er. Mit einem Ast stochert er ins Wasser, die Plastiktüte öffnet sich. Dem Mann stockt der Atem: Ein kleiner Kopf kommt zum Vorschein. Sofort läuft der 50-Jährige in die nahe gelegene Ortschaft und bittet einen Anwohner um Hilfe. Gemeinsam verständigen sie die Polizei. 

Wie die Obduktion später ergeben wird, handelt es sich bei der Babyleiche um ein neugeborenes Mädchen. Feststeht: Die Kleine – 54 Zentimeter groß und 2,8 Kilo schwer – hat offensichtlich nach der Geburt noch gelebt. Über die Todesursache schweigen Polizei und Staatsanwaltschaft. Die Nabelschnur wurde unfachmännisch abgetrennt. Die Ermittler gehen deshalb davon aus, dass die unbekannte Mutter das Kind möglicherweise zuhause, in jedem Fall aber ohne ärztliche Hilfe zur Welt gebracht hat. Bei ihr muss es sich um eine Mitteleuropäerin handeln. Die Gerichtsmediziner schätzen, dass der Leichnam des Säuglings etwa sieben bis zehn Tage im Wasser gelegen hat. 

Die Ermittlungen

Friedhof Altessing, 16. Januar 2017. Der Engel auf dem Grab der kleinen Sabina ist mit Schnee bedeckt. Den Namen haben ihr die Schwestern aus der Gerichtsmedizin gegeben. Irgendjemand hat vor kurzem ein frisches Grablicht für das Mädchen angezündet. Eine Woche, nachdem der Hobbyangler T. die Leiche entdeckt hat, wurde das kleine Mädchen hier auf dem kleinen Friedhof beigesetzt. Der Pfarrer sprach von einer "Tragödie, auch für die Mutter". Doch von der fehlt bis heute jede Spur. Obwohl die Ermittler mit Hochdruck und allen Mitteln nach ihr gesucht haben – dabei aber immer betonten: als möglicher Täter komme nicht nur sie in Frage. Auch nach dem Vater wurde gefahndet. Ohne Erfolg. 

Fall Sabina Tueten
Die Leiche des kleinen Mädchens war in diese Plastiktüten eingewickelt. Foto: MZ-Archiv/Polizei

Ein erster Anhaltspunkt der Ermittler sind die beiden Plastiktüten, in die der tote Säugling eingewickelt worden ist – zusammen mit zwei sechs Kilo schweren Pflastersteinen aus Beton. Die Tüten sind vom Schuhhaus Sutor und der Bekleidungskette H&M. Die Polizei veröffentlicht ein Foto. Es gehen mehrere Hinweise ein, auch auf Frauen, die heimlich schwanger gewesen sein sollen. Zeugen wollen außerdem am 23. August – einen Tag vor dem Leichenfund – eine 17- bis 20-jährige Frau auf der gegenüberliegenden Kanalseite gesehen haben. Auffällig: Sie soll an einer Hand einen rosafarbenen Gummihandschuh getragen haben. Doch auch dieser Hinweis bringt die Ermittlungen nicht weiter. 

Eine Woche nach dem Leichenfund wird die kleine Sabina auf dem Friedhof in Altessing beerdigt. Foto: MZ-Archiv/Bachmeier-Fausten

Die versteckte Kamera

Die Kripo Landshut greift schließlich zu einem ungewöhnlichen Mittel, um die Mutter der kleinen Sabina ausfindig zu machen. Wie erst später bekannt wird, lassen die Ermittler auf dem Friedhof in Altessing eine versteckte Kamera installieren. Sie hoffen, dass die Kindsmutter sich am Grab des Säuglings zeigt. Und tatsächlich liefert die Kamera im Laufe der Ermittlungen einige interessante Aufnahmen. 

Einen Monat nach dem Fund der Babyleiche veröffentlicht die Polizei ein Bild. Darauf zu sehen ist das unscharfe Profil einer jungen Frau – höchstens 16, 17 Jahre alt, dunkelblonde Haare. Auf den Videoaufnahmen soll zu sehen sein, wie sich das Mädchen an den geschwollenen Bauch greift, sich gehetzt umsieht und weint. So ist es zumindest in einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" zu lesen. Mit Plakaten wird nach der Unbekannten gefahndet. Über 50 Hinweise gehen ein. Ein Mann will seine Ex-Freundin erkannt haben. Doch auch diese Spur endet in einer Sackgasse. 

Fall Sabina Kameraaufnahme
Mit diesem unscharfen Foto suchte die Polizei nach einer unbekannten jungen Frau. Foto: MZ-Archiv/Polizei

Gut ein Jahr später liefert die versteckte Kamera wieder ein verschwommenes Bild. Wieder ist eine junge, blonde Frau darauf zu erkennen – circa 20 Jahre alt. Möglicherweise eine wichtige Zeugin, heißt es von Seiten der Polizei. Auf diesen Aufruf hin meldet sich tatsächlich eine 18-Jährige aus Dietfurt. Sie wird überprüft. Es ist nicht Sabinas Mutter.

Mögliche Zeugin
Mit diesem Foto suchte die Kripo nach einer jungen Frau, die möglicherweise wichtige Hinweise zur Klärung des Babymordes hätte geben können. Foto: MZ-Archiv/Polizei

Blaues Blut am Grab

Ein seltsamer Vorfall ereignet sich dann an Heiligabend im Jahr 2000. Die versteckte Kamera nimmt drei unbekannte Personen an Sabinas Grab auf: zwei Männer und eine Frau. Die Polizei vermutet, dass sie "in enger Verbindung mit der Mutter des toten Säuglings stehen" und bittet um Hinweise. Überraschenderweise melden sich die Gesuchten umgehend selbst bei den Ermittlern: Es handelt sich um einen Grafen aus Niederbayern, seinen Bruder und seine Lebensgefährtin. Mit der mysteriösen Kindstötung wollen sie aber nichts zu tun haben.

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    Ein Graf aus Niederbayern und seinen Lebensgefährtin werden am Heiligen Abend 2000 am Grab der kleinen Sabina fotografiert. Foto: MZ-Archiv/PD Landshut
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    Auch der Bruder war mit am Grab der kleinen Sabina. Foto: MZ-Archiv/PD Landshut

Auf dem Rückweg von einer Christmesse in Niederalteich sei das Trio zufällig an Essing vorbeigekommen "und da fiel uns plötzlich das tragische Schicksal des Mädchens ein", wird der Graf in einem Münchner Boulevardblatt zitiert. Bei ihrem "spontanen Weihnachtsbesuch" legen sie einen Plüschbären und einen Taschenrosenkranz auf das Grab und zünden 14 Kerzen an. Auf eigenen Wunsch geben er, sein Bruder und die Lebensgefährtin eine Speichelprobe ab, "um sicherstellen zu lassen, dass wir mit dem Fall nichts zu tun haben", sagt der 42-Jährige damals in einem Interview mit der MZ. Und das Ergebnis der DNA-Analyse bestätigt: Als Tatverdächtige scheiden die drei aus. 

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Im Scheidungskrieg zwischen dem Grafen und seiner Ex-Frau wird der Fall Sabina eineinhalb Jahre nach dem Vorfall am Grab noch einmal Thema: Laut Anklage hat er der Kripo einen "heißen Tipp" gegeben. Ein von ihm engagierter Privatdetektiv habe herausgefunden, dass die Gräfin etwas mit dem toten Säugling zu tun haben könnte. Im Juli 2001 soll der Graf auch gegenüber dem Landshuter Stiftsprobst behauptet haben, seine Ehefrau sei schwanger gewesen, habe das Kind heimlich bekommen und getötet. Doch ein DNA-Test beweist, dass die Gräfin nicht als Kindsmutter in Frage kommt.

In einem bis dahin einzigartigen Massen-Gentest werden Speichelproben von rund 1300 jungen Frauen genommen. Foto: MZ-Archiv/Bachmeier-Fausten

Massen-Gentest sorgt für Aufsehen

So sehr sich die Kripo Landshut auch bemüht, Sabinas Mutter kommen sie keinen Schritt näher. Im Frühjahr 2002 sieht man nur noch eine Chance, um den mysteriösen Fall abzuschließen: Es soll ein Massen-Gentest durchgeführt werden – eine Idee, die den Fall bundesweit in die Schlagzeilen bringt. 

Nachdem die Staatsanwaltschaft ihre Zustimmung gegeben hat, geben Ende April über 1200 Frauen unter 25 Jahren in den Schulen Kelheim und Riedenburg eine Speichelprobe ab. Bei deren Auswahl orientiert sich die Polizei an dem Foto der jungen Frau auf dem Fahndungsplakat. Es ist der erste Massengentest an Frauen, der in Deutschland durchgeführt wird. Der Ansturm der Medien ist groß, aber auch die Hoffnung, dass der Mord an dem kleinen Mädchen nun endlich geklärt werden kann. Mit Spannung wird die Auswertung des Landeskriminalamt in München erwartet.

Doch dann die Enttäuschung: Sabinas Mutter ist nicht unter den Frauen, die ihre Speichelprobe freiwillig abgegeben haben. Jetzt rücken diejenigen ins Visier der Ermittler, die sich nicht haben testen lassen. Nach 16 jungen Frauen, die unbekannt verzogen sind, wird gefahndet, circa 20 haben die Abgabe einer Speichelprobe verweigert. Am Ende bleiben fünf Personen übrig. Die Staatsanwaltschaft Regensburg zieht mehrfach vor Gericht, um sie zu einem Gentest zu zwingen. Im Februar 2005 sind schließlich alle Proben genetisch ausgewertet. Die Kindsmutter hat man nicht gefunden. Der "Essinger Babymord" bleibt ungeklärt.

MZ-Redakteurin Elfriede Bachmeier-Fausten hat den "Essinger Babymord" als Reporterin begleitet. Im Audio-Interview erzählt sie von ihren Erinnerungen an den Fall der kleinen Sabina.

Der Fall Dominik

Osterhofen. Es ist der 4. Juni 1998, ein warmer Sommernachmittag. Ein 67-jähriger Mann ist mit seinem Fahrrad auf einem Feldweg entlang der Staatsstraße 2115 von Osterhofen nach Hengersberg unterwegs. An einer Böschung etwa 300 Meter nordöstlich von Roßfelden sieht er einen hellblauen Müllsack liegen. Er ist neugierig. Er bremst, stellt sein Fahrrad ab und läuft zurück. Er schnürt das graue Hanfseil auf, mit dem der Plastiksack zugebunden ist, und blickt hinein. Der Mann zieht ein altes, türkisfarbenes T-Shirt heraus. Darin eingewickelt ist ein toter Säugling. Zusammengekauert, die Augen geschlossen. 

Der Fundort: An einer Böschung neben der Staatstraße 2115 zwischen Osterhofen und Hengersberg wird die Leiche des kleinen Dominiks von einem Fahrradfahrer entdeckt.

Anflug Fundstelle Standbild

Die Obduktion bestätigt, dass der neugeborene Junge kurz nach der Geburt getötet worden ist. "Tod durch Abdeckung der Atemorgane", stellen die Gerichtsmediziner fest. Auch er wurde – wie die kleine Sabina – ohne fachmännische Hilfe zur Welt gebracht. Die Nabelschnur ist abgerissen. Fachleute gehen davon aus, dass der 3800 Gramm schwere Säugling mindestens 24 bis 48 Stunden gelebt haben muss. Die Menschen in der Umgebung sind schockiert. Nie hat es hier ein vergleichbares Verbrechen gegeben. Die Kripo macht sich mit Hochdruck auf die Suche nach der Mutter des Jungen, dem ein Kaplan später den Namen "Dominik" geben wird. 

Erster Anhaltspunkt ist der 100 mal 70 Zentimeter große Müllbeutel, in dem der Leichnam gefunden wurde. Anhand von Zeugenaussagen können die Ermittler rekonstruieren, dass der Sack vermutlich erst am Tag vor dem Auffinden an den Straßenrand gelegt oder über die Böschung geworfen worden sein muss. Sie finden einen einzelnen Fingerabdruck, der aber niemandem zugeordnet werden kann. Auch das türkisfarbene T-Shirt bringt nur wenig Hinweise: Es ist Größe 36/38, das Wäscheschild wurde herausgetrennt. Bei aufwendigen Untersuchungen finden die Kriminaltechniker Spuren von Cannabis. Auch in Dominiks Blut werden Reste von Amphetaminen gefunden. Möglicherweise hat seine Mutter in der Schwangerschaft Ecstasy genommen.

T-Shirt
Kripo-Chef Rduch mit dem türkisfarbenen T-Shirt, in dem das Baby eingewickelt war. Foto: MZ-Archiv/Kripo

Die Suche konzentriert sich daraufhin auf die Drogenszene. 1000 Frauen werden überprüft – auch in Österreich und Tschechien. Ärzte werden um Stellungnahme gebeten, Krankenhausaufzeichnungen ausgewertet. Eine Telefon-Hotline für anonyme Hinweise wird eingerichtet, die Belohnung auf 20.000 Mark erhöht. Alles ohne Erfolg. Der Fall Dominik konnte bis heute nicht geklärt werden. Das Einzige, was man über die Mutter des kleinen Jungen mit Sicherheit sagen kann, ist: Sie hat die seltene Blutgruppe B. 

"Inn die Köpfe kann man nicht hineinschauen"

Dr. Theresia Höynck, Professorin an der Universität Kassel mit dem Fachgebiet "Recht der Kindheit und der Jugend", spricht im MZ-Interview über die Zahl der Kindstötungen in Deutschland, das Umfeld dieser Mütter und darüber, ob Mütter, die ihre Babys töten, nach der Tat Schuldgefühle haben.

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Was geht in den Müttern vor, die ihr Neugeborenes während oder nach der Geburt töten?

In aller Regel ist der Hintergrund dieser Fälle eine verdrängte, in jedem Fall aber verheimlichte Schwangerschaft. Diese Mütter sind ungewollt schwanger, was sie vor ihrer Umwelt geheim halten. Die Frauen nehmen diese Schwangerschaft auch für sich gar nicht an und sind sich nicht bewusst, dass in ihrem Bauch ein Baby heranwächst. Sie werden von der Geburt fast immer überrascht und tun dann alles, um die Verdrängung oder die Verleugnung aufrechtzuerhalten. Wenn sie das Kind auf die Welt gebracht haben, nehmen sie gar keine emotionale Beziehung zu ihm auf, sondern töten es auf die am einfachsten durchzuführende  Art und Weise.

Sie haben in Ihrer Studie viele Fälle von Kindstötung untersucht: Was ist die häufigste Todesursache?

Das Baby unversorgt lassen, dann stirbt ein Neugeborenes relativ schnell. Oder ersticken. In der Regel sind es also relativ passive Tötungshandlungen.

Die Tötung des Säuglings erfolgt meist spontan. Nach der Tat stehen die Frauen dann aber vor dem Problem: Wohin mit dem toten Baby?

Natürlich kann man in die Köpfe der Frauen, die so eine Tat begehen, nicht hineinschauen. Aber aus allem, was wir den Akten und auch den Interviews, die wir geführt haben, entnehmen konnten, ist es in aller Regel eine hektisch-spontane Tat. In einer ganzen Reihe dieser Fälle gibt es keinerlei ernsthafte Verdeckungsbemühungen. Da wird das Kind zuhause in den nächstbesten Papierkorb gelegt. Wenn das tote Neugeborene in einem Fluss versenkt oder im Wald verscharrt wird, stellt sich natürlich die Frage, ob es sich hier möglicherweise um eine planvoll vorbereitete oder ausgeführte Tötung gehandelt hat. Aber in der Regel handeln die Mütter in Panik, sie suchen nach der schnellsten und einfachsten Lösung.

Oft will das Umfeld dieser Frauen nichts von der Schwangerschaft mitbekommen zu haben. Wie kann das sein?

Ja, man wundert sich, wozu die menschliche Verdrängung fähig ist. Aber niemand auf der Welt ist davor gefeit. Viele bekommen ja auch nicht mit, wenn jemand aus ihrem unmittelbaren Umfeld trinkt, seinen Job verliert oder seine Frau schlägt – auch in einem ansonsten eher unauffälligen sozialen Milieu. Von daher ist es auch nicht unmöglich, eine Schwangerschaft geheim zu halten. Manchmal ist die Gewichtszunahme nicht so stark oder fällt nicht besonders auf. Gar nicht selten werden die Frauen sogar gefragt, ob sie schwanger sind. Das wird dann abgestritten, und damit ist die Sache erledigt. Getreu dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung vor, dass Mütter, die ihre Kinder töten, meist jung, unverheiratet und mehr oder weniger mittellos sind. Stimmt dieser Eindruck?

Das stimmt definitiv nicht. Die betroffenen Mütter sind zwar im Durchschnitt etwas jünger als andere, kommen aber aus allen sozialen Schichten und die Täterschaft geht durch alle Altersgruppen. Es sind auch Frauen dabei, die schon Kinder haben, die sie gut versorgen. Alles ist „normal“. Und auf einmal tritt so eine Situation ein, eine Schwangerschaft wird verdrängt oder verleugnet und sie bringen ihr Neugeborenes um. Das gibt es, auch wenn man sich das nur schwer vorstellen kann.

Haben die Täterinnen nach ihrer Tat echte Schuldgefühle?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Frauen, die nicht nur die Schwangerschaft, sondern dann auch die Tat anschließend erfolgreich verdrängen. Wir haben für unsere Studie aber ja vor allem mit den Müttern gesprochen, die sich mit der Tötung ihres Kindes – beispielsweise in einer Therapie – auseinandergesetzt haben. Und die machen sich schreckliche Vorwürfe. Vor allem, weil sie sich oft auch nicht mehr erklären können, wie es soweit kommen konnte.

Wie viele Kindstötungen gibt es jährlich in Deutschland? 

Das Problem ist: In der Kriminalstatistik wird die Zahl der Neugeborenen-Tötungen nicht genau erhoben. Man kann von etwa 20 bis 35 Fällen im Jahr ausgehen. Diese Zahl ist über die vergangenen 15 Jahre relativ stabil geblieben. Es sind auf keinen Fall mehr geworden, eher weniger. Aber es gibt sicher eine nicht ganz marginale Dunkelziffer.

Es gibt bereits seit Jahren Babyklappen oder auch die Möglichkeit anonym zu entbinden. Lassen sich durch solche Angebote wenigstens ein paar Kindstötungen verhindern? 

Es gibt keine Zauberformel. Eine Babyklappe und eine anonyme Geburt setzen voraus, dass eine Frau sich mit ihrer Schwangerschaft auseinandersetzt hat und dann gezielt und rational handelt. Das ist bei vielen Müttern, die ihr Neugeborenes töten, aber nun einmal nicht der Fall. Die hoffen bis zum Schluss, dass sich ihr Problem einfach in Luft auflöst – auch wenn sie eigentlich wissen müssten, dass das nicht passieren wird. Von der Geburt werden diese Frauen dann mehr oder weniger überrascht. Ein rationales Handeln ist in so einer Situation kaum mehr möglich. Der Schlüssel wäre also vielleicht eher: Wie kann man verhindern, dass eine Mutter in diese Verdrängung oder Verleugnung der Schwangerschaft hineinrutscht?

Der Fall Maria

Grafenwöhr. Es ist der 26. März 2000, ein Sonntag. Der 62-jährige Josef S. blickt aus dem Schlafzimmerfenster auf die ruhige, gepflegte Römersbühlerstraße. Plötzlich fällt sein Blick auf einen Gullydeckel vor seiner Hofeinfahrt. Ihm fällt auf, dass er schief in seiner Verankerung sitzt. Kurzerhand geht S. hinaus und rückt den 35 Kilo schweren gußeisernen Deckel zurecht. Sein Blick fällt dabei auf eine Plastiktüte, die im Schmutzfang des Regenswassereinlaufes steckt. Sie ist blutverschmiert. Ein illegal entsorgter Tierkadaver, so mutmaßt der 62-Jährige. Erst am nächsten Morgen hebt er den Gullydeckel heraus und versucht, mit einer Greifzange den Plastikbeutel herauszufischen, damit ihn die Müllabfuhr an diesem Tag noch ordungsgemäß entsorgen kann. Josef S. zuckt zusammen. Aus der Tüte mit dem Wappen-Aufdruck "Altbayerische Kristall-Glasshütte Neustadt/WN" ragt ein Babyfuß. Es ist 8.15 Uhr. 

Der Fundort: In einem Straßengully in der Römersbühlerstraße in Grafenwöhr findet ein Anwohner die Leiche der kleinen Maria.

Anflug Grafenwoehr Standbild

Eine Notärztin kann wenig später nur noch den Tod des kleinen Mädchens feststellen. Der Säugling ist offensichtlich voll ausgetragen und lebensfähig. Spuren äußerer Gewalteinwirkung fehlen. Die Kripo geht deshalb davon aus, dass die Kleine, die der Pfarrer auf den Namen "Maria" taufen wird, durch Auskühlung oder Austrocknung, Nichtversorgung oder durch Ersticken ums Leben gekommen ist. Medizinisch lässt sich das nicht mehr eindeutig klären. Lebte das Baby noch, als es in den Gully gesteckt wurde? Auch diese Frage kann die Polizei nicht mit Sicherheit beantworten.

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In der Römersbühlerstraße in Grafenwöhr wird im März 2000 in einem Straßengully die Leiche eines neugeborenen Mädchens entdeckt. Foto: MZ-Archiv/Beer

Vermutlich wird der Säugling in der Nacht auf Sonntag in den Abflusskasten gelegt. Der Bereich rund um den Gully ist nachts hell erleuchtet, trotzdem hat niemand in der Wohnsiedlung etwas Verdächtiges bemerkt. "Die Fahndung nach der Mutter hat oberste Priorität", sagt Kriminalhauptkommissar Josef Seebauer damals. Spezialisten erstellen ein genetisches Muster der Kindsmutter. Dutzende Frauen müssen eine Speichelprobe abgeben. Keine davon passt zur DNA des kleinen Mädchens. Es wird vermutet, dass es sich bei der Mutter um eine sehr junge Frau handeln muss. Doch wäre sie in der Lage, einen 35 Kilo schweren Gullydeckel ohne Hilfe anzuheben – so kurz nachdem sie vermutlich alleine und ohne medizinische Betreuung ein Kind zur Welt gebracht hat? Auch vom Vater wird ein "recherchefähiges" Teilprofil erstellt. 

Gesetzeslage in Deutschland

  • Unter Kindstötung versteht man die Tötung eines Kindes meist durch ein Elternteil. Die Tötung eines Neugeborenen wird als Neonatizid bezeichnet.
  • Mit dem Paragraph 217 StGB ("Kindstötung") bestand bis 1998 ein gesetzlicher Sondertatbestand, der die Tötung eines Neugeborenen gegenüber anderen Tötungsdelikten privilegierte. Dieser galt allerdings nur, wenn eine Mutter ihr uneheliches Kind während oder kurz nach der Geburt umbrachte. 
  • Begründet wurde die Existenz des Sondertatbestands zum einen mit der zu erwartenden Notsituation (wirtschaftliche Notlage, Diskriminierung) der Mutter, die ein uneheliches Kind zur Welt bringt. Dieses Argument verlor aber mit dem Wertewandel innerhalb der Gesellschaft an Bedeutung. Zum anderen wurde die Privilegierung mit einem "affektiven Milderungsgrund" (psychische und physische Belastung durch die Geburt, Herabsetzung der Zurechnungsfähigkeit) begründet. 
  • 1998 wurde der Paragraph - auch mit Hinblick auf die Ungleichbehandlung ehelicher Mütter - durch das Sechste Gesetz zur Reform des Strafrechts ersatzlos gestrichen. 
  • Insoweit kommen inzwischen auch bei der vorsätzlichen Tötung des eigenen Kindes unmittelbar nach oder während der Geburt die Paragraphen 212 (Totschlag) oder 211 StGB (Mord) zur Anwendung. Dies hat eine deutliche Erhöhung des Strafrahmens zur Folge.  
  • Beim Tatbestand des Totschlags kann die Tat aufgrund der psychischen Ausnahmesituation der Mutter auch als minder schwerer Fall des Totschlags (§213 StGB) gewertet werden. Zudem ist nach Paragraph 21 StGB eine weitere Strafmilderung wegen verminderter Schuldfähigkeit möglich. 
  • Wertet das Gericht die Tat als Mord (Mordmerkmale: niedere Beweggründe, verwerfliche Begehungsweise, deliktische Zielsetzung), kann die Strafe nur über Anwendung des §21 StGB abgemildert werden. 
  • Totschlag verjährt nach 20 Jahre, in besonders schwerer Fällen erst nach 30 Jahren. Mord verjährt dagegen nie. 

Die Polizei hofft auf die Mithilfe der Öffentlichkeit, verteilt Flugblätter in fünf Sprachen. Im Mai wird der Fall bei der Sat.1-Sendung "Fahndungsakte" gezeigt. Doch alle eingehenden Hinweise führen ins Nichts. Bis heute ist nicht klar, wie und vor allem warum die kleine Maria sterben musste...

Hinweise zu den drei toten Säuglingen

  • Fall Sabina: Im Fall des toten Säuglings von Essing ist eine Belohung von 5000 Euro ausgesetzt. Hinweise nimmt die Kripo Landshut unter der Nummer (0871) 92522999 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. 
  • Fall Dominik: Im Fall des toten Säuglings von Osterhofen ist von Seiten des bayerischen Landeskriminalamts eine Belohnung von 10.000 Euro ausgesetzt. Auch die Stadt Osterhofen hatte damals eine Belohnung von 10.000 Mark in Aussicht gestellt. Hinweise nimmt die Kripo Deggendorf unter (0991) 38960 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. 
  • Fall Maria: Im Fall des toten Säuglings von Grafenwöhr ist eine Belohnung von 5000 Mark (umgerechnet ca. 2556 Euro) ausgesetzt. Hinweise nimmt die Kripo Weiden unter der Rufnummer (0961) 401201 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. 

Text & Recherche: Nina Schellkopf & Mario Geisenhanslüke 
Grafiken, Videos und Visualisierungen: Mario Geisenhanslüke & Inge Brunner

Überblick

Alle ungelösten Mordfälle in Ostbayern, verortet auf einer Karte mit jeweils dem Link zum Artikel, sehen Sie hier:

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Die Ermittlungen Versteckte Kamera Blaues Blut am Grab Der Massen-Gentest Der Fall Dominik Der Fall Maria
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