Ungelöste Mordfälle

Der Fall Perlinger: Blutiger Mord an einem Geschäftsmann

Im Februar 1993 wird der Schuhhändler Karl Perlinger in seinem Laden in Furth im Wald erstochen. Warum, das ist bis heute ein Rätsel.

Es ist der 8. Februar 1993. Ein Montag. Der Winterschlussverkauf läuft. In der Grenzstadt Furth im Wald hat Schuhhändler Karl Perlinger die Auslage seines Geschäftes in der Bahnhofstraße entsprechend dekoriert. „Zugreifen“ steht über dem Wühltisch, den er mit Winterstiefeln befüllt und vor dem Laden aufgestellt hat.

Gegen 9.30 Uhr stöbert darin eine Kundin, als ihr ein Mann auffällt, der hastig das Geschäft verlässt. An seinem halbhohen Winterstiefel ist ein Stück Fellbesatz abgerissen. Der Unbekannte, etwa Mitte 40 und kräftig gebaut, überquert die Straße in der Nähe des Bahnhofs und drehte sich immer wieder um. Als sie weitergeht, verschwindet auch er. Eine seltsame Begegnung, der die Frau erst später Bedeutung beimisst. Als sie erfährt, dass nur wenige Meter weiter ein Mord geschehen ist. Karl Perlinger, dem 41-Jährige Inhaber des Schuhgeschäftes, wurde die Kehle durchgeschnitten.

Kurz vor 15 Uhr wird der Leichnam Karl Perlingers aus dem Haus getragen. (Foto: MZ-Archiv/Wutz)

Die Polizei hat 24 Jahre später die Hoffnung nicht begraben, dass das lückenhafte Puzzle der Gewalttat noch geschlossen werden kann. „Wir haben nicht viel am Tatort gefunden, nur ein paar tschechische Kronen“, sagt Theo Ziegler, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Tatwaffe fehlt. Auch ein belastbares Motiv haben die langwierigen Ermittlungen nie ans Licht gebracht. Es gibt nur diese Münzen, deren Spur nach Tschechien führt. Es könnte aber auch eine falsche Fährte sein.

Der anonyme Brief

Karl Perlinger, den sie in der Stadt „Charly“ nannten, galt als ein stiller Typ. Den Schuhladen hatte er von seinen Eltern übernommen. Er wohnte über dem Geschäft, war verheiratet, hatte zwei schulpflichtige Kinder. Gutbürgerliche Verhältnisse. Als kleinen Luxus gönnte sich der 41-Jährige einen auffälligen Wagen: einen grünen Mercedes 450 SLC, Baujahr 1978. Die familiäre Situation von Karl Perlinger sollte zwei Jahre nach der Tat noch eine wichtige Rolle spielen. Damals tauchte ein anonymes Schreiben auf. Der Verfasser nannte Hintergründe zum engen Umfeld des Opfers. Waren es wichtige Hinweise oder substanzlose Behauptungen? Die Polizei schweigt zum Inhalt und hofft noch immer, dass sich der Autor des Briefes melden könnte. Denn tatsächlich konnten Angaben aus dem Brief verifiziert werden. Doch es gibt keine Hinweise darauf, dass ein Zusammenhang mit der Tat bestehen könnte. „Letztlich sind wir hier nicht weitergekommen“, sagt die Polizei.

Warum also musste Karl Perlinger in seinem Laden sterben? Ein Mord am helllichten Tag, zur besten Geschäftszeit, spricht für ein skrupelloses Vorgehen des oder der Täter. Das gilt auch für die ungewöhnlichen Brutalität der Tat. Kriminalbiologe Mark Benecke schreibt, dass das Durchschneiden der Kehle „nicht oft“ als Tötungsmethode angewandt wird. Auch, weil die Opfer sehr schnell sehr viel Blut verlieren. Blut, das auch am Täter gefunden werden könnte.

Auch der Mörder von Karl Perlinger könnte auffällig blutbefleckt gewesen sein, als er den Laden verließ. Tatsächlich machte damals eine Zeugin eine Beobachtung im Tatzeitraum in der Bahnhofstraße, der die Polizei große Aufmerksamkeit schenkte. Die Frau beschrieb einen schlacksigen jungen Mann mit einem auffallend bleichen Gesicht, auf dessen Jacke sie dunkle Flecken, die sie für Blutflecken hielt, gesehen haben will. Das Alter des Mannes schätzte sie auf 18 bis 25 Jahre. Trotz der angefertigten Phantomfotos von diesem Mann, sowie jenem Mann, den eine andere Zeugin mit dem beschädigten Winterstiefel aus dem Geschäft kommen sah, gab es keine konkreten Hinweise auf Personen.

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Aufgrund von Zeugenaussagen wurden Phantombilder von zwei unbekannten Männern angefertigt. (Foto: MZ-Archiv/Polizei)
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Dieser Mann ist am Tattag 1993 gegen 9.30 Uhr aus dem Laden von Karl Perlinger gekommen. (Foto: MZ-Archiv/Polizei)

Mörder gab sich als Kunde aus

Dass die Tat nicht beobachtet wurde, hängt mir der Lage des Ladens zusammen. Er befand sich zwar in der belebten Hauptstraße der Stadt, der Eingang war aber nicht direkt zur Straße hin ausgerichtet, man betrat das Geschäft über einen Torbogen und einen Seiteneingang. Das Schaufenster zur Straße war hinter der Auslage mit dicken Vorhängen verhängt, weshalb man nicht ins Innere des Ladens sehen konnte.

Der "Fall Perlinger" war im Dezember 2010 auch Thema in der ZDF-Reihe "Aktenzeichen XY" (ab ca. Minute 06:17):

Dieser Umstand kam dem Mörder zugute. Vielleicht kannte er auch Perlingers Tagesablauf oder wusste, dass es bei Geschäftsöffnung meist ruhig im Laden war. Die Polizei konstruierte später, dass Perlinger am Morgen noch bei der Post und der Bank war. Um 9 Uhr sperrte er den Laden auf. Kurz darauf muss ihn sein Mörder betreten haben. Vermutlich gab er sich zunächst als Kunde aus. Er ließ sich Schuhe zeigen. Ein Kinderturnschuh und ein Herrenstiefel wurden später neben der Leiche gefunden. Der Täter schlug zu, als ihm Perlinger den Rücken zudrehte. Von hinten schnitt er seinem Opfer die Kehle durch. Eine Verletzung, die rasch zum Tod führt. Die Sauerstoffversorgung des Gehirns wird unterbrochen, durch den enormen Blutverlust versagen die Organe. Doch der Täter ließ noch nicht ab von Perlinger. Er stach weiter mit einem Messer oder einem spitzen Gegenstand zu. Es muss sich alles in wenigen Minuten abgespielt haben. Gegen 9.45 Uhr fand ein guter Bekannter, der in der Nachbarschaft einen Laden führte, das Opfer in einer riesigen Blutlache. Karl Perlinger war tot, der Täter verschwunden, die Mordwaffe unauffindbar.

Mysteriöser Hinweis

Kam der Mörder über die tschechische Grenze? Diese Spur verfolgte die Polizei intensiv. Denn neben den tschechischen Münzen am Tatort gab es weitere mysteriöse Vorfälle, die dafür sprechen könnten. Eine Woche nach dem Mord fragte ein Unbekannter einen Zollbeamten am Grenzübergang Eschlkam, ob der Fall des ermordeten Schuhhändlers schon aufgeklärt worden sei. Als dieser verneinte, meinte der Unbekannte: „Dann sollte die Polizei mal bei den Krankenschwestern in Domazlice nachforschen, da wird sie bestimmt fündig.“ Die Ermittlungen, die die Polizei daraufhin im Krankenhaus im 19 Kilometer von Furth im Wald entfernten Domaslizce aufnahm, förderten weitere Gerüchte zutage. Perlingers auffälliger Mercedes soll häufiger in dem Grenzort gesehen worden sein. Auch von einer Frau war die Rede, die er dort besucht haben soll. Doch die Polizei fand keine Bestätigung für diese Informationen. Als der Fall 2010 und 2016 noch einmal in Fernsehbeiträgen aufgerollt wurde, wurde nach dem unbekannten Mann, der den Tipp nach Domaslizce gab, gesucht. Doch er meldete sich ebensowenig wie der anonyme Briefeschreiber.

Tatort, Spuren und die letzten Aufenthaltsorte - wo passierte was? Klicken Sie sich in unserer Karte durch den Fall Perlinger.

Im Jahr 2009 begann die Polizei damit, den Fall noch einmal von Grund auf neu zu bewerten. Hoffnungen wurden dabei insbesondere in DNA-Spuren gesetzt. Am Gerichtsmedizinischen Institut in München wurde die Kleidung des Opfers, die tschechischen Münzen und Schuhspuren ausgewertet. Doch diese Ergebnisse führten nicht weiter.

Auch den Täter und sein Motiv nahmen die Ermittler noch einmal sehr genau unter die Lupe. „Ein Mensch, der es wohl gewohnt war, im weitesten Sinne mit Blut und Messer umzugehen“, sagte damals Franz Former, Leiter des Kommissariat Grenze, zu den gewonnenen Erkenntnissen. Dass Karl Perlinger gezielt ermordet wurde, davon geht auch die Staatsanwaltschaft aus. Ausgeschlossen wird allerdings, dass es dem oder den Tätern um Geld ging. Die Ladenkasse, in der sich um diese Uhrzeit nur wenige Mark Wechselgeld befunden haben, blieb unberührt. In dem Fall sind inzwischen 10.000 Euro Belohnung ausgesetzt. Die beiden wichtigsten Zeugen schweigen aber weiter.

Hinweise im Fall Perlinger

  • Auch wenn der Mord in Furth im Wald inzwischen schon fast 25 Jahre zurückliegt, haben die Ermittler ihn noch nicht zu den Akten gelegt. Immer wieder wird an den sogenannten "Cold Cases" gearbeitet, Hinweise und Spuren neu asserviert und bewertet und DNA-Spuren verglichen. Denn: Mord verjährt nicht!
  • Im Fall Perlinger ist immer noch eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro ausgesetzt. 
  • Hinweise nimmt die Kriminalpolizei Regensburg unter der Telefonnummer (0941) 506-0 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen.

Text & Recherche: Isolde Stöcker-Gietl, Nina Schellkopf & Mario Geisenhanslüke 
Grafiken, Videos und Visualisierungen: Inge Brunner, Nina Schellkopf und Mario Geisenhanslüke

Überblick

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Der anonyme Brief Als Kunde ausgegeben Mysteriöser Hinweis
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