Ungelöste Mordfälle

Der Fall Kalweit: Sex-Mord im Stadtgraben

Eine Amberger Fabrikarbeiterin wird im März 1980 vergewaltigt und getötet. War ein Soldat der US-Army der Mörder?

Amberg. Donnerstag, der 20. März 1980. Es ist winterlich-kalt, als Gertrud Kalweit auf dem Heimweg von der Arbeit ihrem Mörder begegnet sein muss.

Die 38-Jährige, die im Emaillierwerk der Gebrüder Baumann arbeitet, hat an diesem Abend die zweite Schicht. Bis kurz vor 23 Uhr steht die "Traudl" am Band und putzt Töpfe. Dann macht sie sich auf den Weg nach Hause. Jeden Tag nimmt sie die gleiche Route zu ihrer Wohnung am Kaiser-Wilhelm-Ring 6: Am Kreisverkehr verabschiedet sich die zweifache Mutter von ihrer Kollegin und geht weiter, vorbei am Nabburger Tor und den Fußweg oberhalb des unbeleuchteten Stadtgrabens entlang in Richtung Stadtbrille.

Kalweit Zeuge Georg Prechtl
Georg P. führte damals jeden Morgen seinen Dackel "Xoby von der Höllenhöhle" im Stadtgraben spazieren. Dabei fand er die Leiche von Getrud Kalweit. Foto: MZ-Archiv/Lehmann

Freitag, 21. März 1980, 6.50 Uhr. Hausmeister Georg P. ist mit Dackel "Xoby" unterwegs, wie jeden Morgen. Etwa 100 Meter südwestlich des Nabburger Tores beginnt der Hund plötzlich zu bellen. Der 54-Jährige sieht genauer hin: Hinter Ligustersträuchern vor der alten Stadtmauer liegt der übel zugerichtete Körper einer Frau, daneben ein blutverschmiertes, Handteller großes Stück Zement, und überall ist Blut. Schlüpfer und Strumpfhose der Toten sind heruntergerissen, Gesicht und Kopf bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Um ihren Hals ist ein Wollschal geschlungen, der offenbar fest zugezogen worden ist. Es ist die Leiche von Gertrud Kalweit. 

Georg P. leint seinen Hund an und läuft zum Polizeirevier im Amberger Rathaus. 

Der Fundort war auch der Tatort: Gertrud Kalweits Leiche liegt zwischen den Ligustersträuchen im Amberger Stadtgraben. Foto: MZ-Archiv/Polizei

Wie die Obduktion später ergeben wird, ist Gertrud Kalweits Mörder äußerst brutal vorgegangen: Die Toten weist schwere Kopf- und Gesichtsverletzungen auf, die von Schlägen mit dem gefundenen Zementstück herrühren. Außerdem ist sie mit ihrem Schal stranguliert worden. In der linken Brusthälfte zählen die Gerichtsmediziner 15 dünne, 13 Zentimeter lange Einstiche. Die Lunge ist durchstochen, mehrere Rippen gebrochen. Außerdem wurde Gertrud Kalweit vergewaltigt. An ihrer Kleidung finden sich Spermaspuren, an Hand derer sich die Blutgruppe des Täters feststellen lässt: AB. In welcher Reihenfolge der 38-Jährigen die schweren Verletzungen zugefügt worden sind, können die Experten nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Fest steht nur: Sie wurde erschlagen, erstochen und erwürgt. 

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Mit dieser Handflächen großen Zementstück, das neben dem Kopf der Toten lag, zertrümmerte der Täter den Schädel von Getrud Kalweit. Foto: MZ-Archiv

Rutsch- und Schleifspuren im gefrorenen Schnee deuten daraufhin, dass die Frau von ihrem Mörder vom oberen Alleeweg den Hang hinunter in den Stadtgraben geschleift worden ist. Möglicherweise war die 38-Jährige da schon bewusstlos. Am Fundort der Leiche selbst gibt es keine Anzeichen für einen Kampf. Kein einziger Zweig der umliegenden Büsche ist abgebrochen worden.

  • Kalweit Tatort
    Ermittler sichern die Spuren am Tatort im Amberger Stadtgraben. Foto: MZ-Archiv
  • Kalweit Staatsanwalt am Tatort
    Erster Staatsanwalt Dr. Michael Lengsfeld informierte sich am Tatort. Foto: MZ-Archiv
  • Kalweit Sarg
    Nach Abschluss der Spurensicherung wurde die Leiche abtransportiert. Foto: MZ-Archiv

Die Ermittlungen

Freitag, 25. November 2016: Die Ligusterbüsche sind verschwunden, heute findet sich eine Rasenfläche, wo vor fast 37 Jahren Gertrud Kalweits Leiche gefunden wurde. Nichts erinnert mehr an die brutale Tat. Und auch vom Mörder fehlt bis heute jede Spur. 

25 Ermittler sind damals im Einsatz. Die Kleinstadt ist in Aufruhr. Die Polizei überprüft polizeibekannte Gewalt- und Triebtäter, vernimmt insgesamt 606 Personen und geht jedem Hinweis nach. Der ungeklärte Fall füllt mittlerweile zahlreiche Aktenordner. Aber das einzige, was man mit Gewissheit über den Täter sagen kann, ist, dass er die Blutgruppe AB hat. Die ist selten, man findet sie bei weniger als fünf Prozent der Bevölkerung. Doch den Ermittlern hilft das trotzdem nicht weiter.

Dieses 360-Grad-Bild zeigt den Tatort heute und verortet einige historische Fotos.

"Overkill", aber keine Beziehungstat

Die Art und Weise, wie ein Täter sein Opfer umbringt, kann Aufschluss über das Tatmotiv und über das Profil des Mörders geben. Es ist seine Handschrift, die er am Tatort hinterlässt. Im Fall Gertrud Kalweit war die Vorgehensweise mehr als brutal: Sie wurde erschlagen, erwürgt und erstochen. Laut Gerichtsmedizin wäre wohl jede Attacke für sich genommen schon tödlich gewesen. Ermittler nennen das einen "Overkill". 

Eine "Übertötung" des Opfers spricht dafür, dass es sich um eine Beziehungstat handeln könnte. Eine Variante, die die Kriminalbeamten damals aber für eher unwahrscheinlich halten. Die 38-Jährige galt als unauffällige Frau, gewissenhaft und zuverlässig. Nach der Arbeit ging sie immer direkt nach Hause. Die Mutter zweier unehelicher Töchter hatte offenbar auch keine Männerbekanntschaften. Die Ermittler gingen daher nicht davon aus, dass die Fabrikarbeiterin ihren Mörder gekannt haben könnte. Eine Annahme, die Kriminalhauptkommissar Ernst Wager vom Polizeipräsidium Oberpfalz heute nicht mehr so eindeutig formulieren möchte: "Man kann nichts 100-prozentig ausschließen, solange der Täter noch nicht gefasst ist", sagt er über die Ermittlungen von damals. 

Das Vorgehen sei in solchen Fällen heute wie damals aber das gleiche: Die Kriminalbeamten stellen verschiedene Hypothesen über den oder die Täter auf und versuchen, diese durch Spuren am Tatort und Zeugenaussagen zu verifizieren –  oder zu widerlegen. 

Tatort, Spuren und mutmaßliche Zeugen: Wo passierte was? Klicken Sie sich in unserer Karte durch den Fall Kalweit.

Zwei wichtige Zeugen bleiben unauffindbar

Im Fall Kalweit gehen nur wenige Hinweise bei der Kripo ein. Zur Tatzeit, zwischen 23.08 und 23.10 Uhr, waren scheinbar nur noch wenige Fahrzeuge und Fußgänger unterwegs. 

Und das, obwohl bei der Firma "DEPRAG", deren Werksgelände gegenüber des Tatorts liegt, gegen 23 Uhr ein Schichtwechsel stattfand. Eigentlich hätten sich viele Arbeiter zur Tatzeit auf dem Heimweg befunden haben müssen. Im Josefshaus, das nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt liegt, fand am selben Abend außerdem ein Konzert von Klaus Doldinger's Passport statt. Die Besucher, von denen die letzten gegen 23 Uhr nach Hause gegangen sein sollen, werden von der Polizei über die Medien aufgefordert, etwaige Beobachtungen zu melden – ohne Ergebnis. 

In dieser Märznacht war es kalt. Die Beleuchtung im Stadtgraben wurde im Winter immer ausgeschaltet, der Spazierweg und der Tatort lagen also im Dunklen. Selbst eine Frau, die in einem Zimmer nur wenige Meter vom Leichenfundort entfernt saß, will nichts Ungewöhnliches wahrgenommen haben. Eine andere Anwohnerin gibt später an, etwa zur Tatzeit einen langgezogenen Schrei gehört zu haben. Sie habe sich nichts dabei gedacht, da sich öfter Mädchen mit ihren Liebhabern im Stadtgraben vergnügt hätten. 

Doch es gibt mindestens zwei Personen, die den Ermittlern vielleicht entscheidende Hinweise hätten liefern können.

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An dieser Stelle ist ein unbekannter Mann den Hang hinauf zum Kaiser-Ludwig-Ring geflüchtet. (Foto:Schellkopf)

Am Tag des Mordes, gegen 21.45 Uhr, macht ein Passant in Tatortnähe eine seltsame Beobachtung: Er ist mit seinem Hund im Stadtgraben unterwegs. In Höhe der Postamtsbaustelle (heutiges Postgebäude) nimmt das Tier Witterung auf. Plötzlich löst sich eine Gestalt aus der Dunkelheit, läuft die Böschung zum Kaiser-Ludwig-Ring hinauf und von dort in Richtung Nabburger Tor. In diesem Moment soll auf dem Gehweg eine Frau in gleicher Richtung unterwegs gewesen sein. Von ihr versprachen sich die Ermittler damals detailliertere Hinweise auf den Flüchtenden. Doch weder sie, noch der unbekannte Mann melden sich bei der Polizei. 

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An dieser Stelle ist ein unbekannter Mann von einem Fahrrad angefahren worden und wortlos weitergegangen. (Foto: Schellkopf)

Ähnlich verhält es sich mit einer Person, die in der Mordnacht gegen 23.25 Uhr unweit des Tatorts von einem Fahrrad angefahren worden ist. Der Radfahrer ist nach eigenen Angaben über den Fußgängerüberweg des Kurfürstenrings auf den Schloßgrabenweg in Richtung Nabburger Tor gefahren. Nach wenigen Metern stößt er mit einem entgegenkommenden Fußgänger zusammen und fällt vom Rad. Doch der Unbekannte verschwindet ohne ein Wort in die Dunkelheit in Richtung Hallenbad (heutiges Kurfürstenbad). Ein wichtiger Zeuge oder vielleicht sogar der Täter? Der Mann konnte nicht ausfindig gemacht werden.

War ein Soldat der US-Army der Mörder?

Die Ermittlungen konzentrieren sich schlussendlich auf das Verlängerungsstück einer sogenannten Gelenkknarre, dass die Kripo wenige Meter vom Tatort entfernt am Hang findet. Darauf ist "9204 MED. U.S.A." eingestanzt. Da das Werkzeug noch keinen Rost angesetzt hat, kann es nicht allzu lange dort gelegen haben. Ob die "Ratschn" jedoch überhaupt in Zusammenhang mit dem Mord steht? Ob Gertrud Kalweit etwa damit niedergeschlagen worden ist? Das kann nie zweifelsfrei geklärt werden. 

  • Kalweit Tatwaffe
    Diese sogenannte Gelenkknarre ("Ratschn") wurde in der Nähe des Tatorts gefunden. Foto: MZ-Archiv
  • Hang
    An diesem Hang fand die Polizei damals das Verlängerungsstück einer Gelenkknarre. (Foto: Schellkopf)

Die Aufschrift führt dazu, dass in die Ermittlungen Agenten der US-Militärpolizei Grafenwöhr eingeschaltet werden. In den Kasernen in Grafenwöhr, Amberg und Hohenfels werden Flugblätter verteilt, um Zeugen ausfindig zu machen. Offiziell betont die Polizei damals, dass es keine konkrete Anhaltspunkte dafür gebe, dass es sich bei dem Täter um einen US-Amerikaner handelt. Doch die Gerüchteküche in Amberg brodelt. Die einen wollen wissen, dass ein 19-jähriger GI festgenommen wurde, andere sprechen von einem deutschen Soldaten. Von einer Ausgangssperre in der Möhlkaserne, in der ein US-Aufklärungsschwadron stationiert ist, will man gehört haben. Befeuert werden die Gerüchte durch einen Bericht der BILD-Zeitung. "Erstunken und erlogen", wiegelt der damalige Kripo-Chef Georg Blank ab.

Fest steht, dass in der Nähe des Tatorts auch Teile eines Feuerzeugs gefunden wurden, die sich zu einem US-Soldaten zurückverfolgen lassen. Der Zeuge James W. macht schließlich eine interessante Aussage. Er will sich in der Tatnacht im Stadtgraben aufgehalten und an der Stadtmauer das Zischen einer Katze gehört haben. Als er zurückzischt, sagt eine Stimme mit Südstaaten-Akzent: "Leave me alone, I'm fucking". Im Gebüsch habe er schemenhaft Personen liegen sehen. Doch bei weiteren Vernehmungen verstrickt sich der GI derart in Widersprüche, dass die Ermittler seine Angaben für unglaubwürdig halten. Er selbst scheidet als Täter aber aus, er hat nicht die Blutgruppe AB. Kurze danach ist W. verschwunden: versetzt in die USA, heißt es. 

Jahre später lässt die Aussage des leitenden Ermittlers Johann Schreier darauf schließen, dass die Spur zum US-Militär wohl am heißesten war: In einer Sendung des TV-Pfarrers Fliege, in der auch Kalweits Tochter auftritt, bestätigt Schreier, dass die "Ratsche" auf einen englischsprachigen Täter hindeuten würde. Außerdem äußert er die Vermutung, dass der Mörder Deutschland schon längst verlassen habe.

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Kalweits Tochter spricht 2003 in der ARD-Talkshow "Fliege" über den Mord an ihrer Mutter. In der Sendung ist auch der Ermittler Johann Schreier zu Gast. (Foto: MZ-Archiv/Rothe)

Hoffen auf ein spätes Geständnis

Fast 37 Jahre sind seit dem brutalen Mord im Stadtgraben vergangen, geschlossen werden die Akten jedoch nicht. Mord verjährt nicht. Im Polizeipräsidium Oberpfalz hat man laut Kriminalhauptkommissar Ernst Wager die Hoffnung nicht aufgegeben, den Täter noch zur Rechenschaft ziehen zu können – auch wenn die Zeit für den Mörder läuft. 

Immerhin wurden an der Kleidung der Leiche Spermaspuren gefunden, mit denen der Täter dank DNA und moderner Kriminaltechnik vielleicht doch noch überführt werden könnte? Doch bei der Frage, ob das Spurenmaterial von damals heute überhaupt noch verwertbar ist, hält sich der Polizeibeamte bedeckt. Feststeht die Blutgruppe des Täters, aber eine Blutgruppe diene im besten Falls dazu, einen Täter auszuschließen. Eindeutig überführt werden kann er dadurch nicht, sagt Wager.

Kriminalhauptkommissar Ernst Wager erklärt im Video, ob der Fall Kalweit noch gelöst werden kann.

Die Ermittler setzen eher darauf, dass der Täter – falls er noch leben sollte – vielleicht irgendwann sein Gewissen erleichtern will. Oder, dass er sich jemandem anvertraut hat, der sich noch zu einer Zeugenaussage durchringt.

Hinweise zum Fall Kalweit

  • Auch wenn der Mord im Stadtgraben inzwischen schon fast drei Jahrzehnte zurückliegt, haben die Ermittler ihn noch nicht zu den Akten gelegt. Immer wieder wird an den sogenannten "Cold Cases" gearbeitet, Hinweise und Spuren neu asserviert und bewertet und DNA-Spuren verglichen. Denn: Mord verjährt nicht!
  • Für sachdienliche Hinweise, die zur Aufklärung der Tat führen, ist eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro ausgesetzt. 
  • Hinweise nimmt die Kriminalpolizei Amberg unter der Telefonnummer (09621) 8900 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. 

Text & Recherche: Nina Schellkopf & Mario Geisenhanslüke 
Grafiken, Videos und Visualisierungen: Inge Brunner, Nina Schellkopf und Mario Geisenhanslüke

Überblick

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Kapitel
Die Ermittlungen Mord war Overkill Zwei wichtige Zeugen War Täter US-Soldat? Spätes Geständnis
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