Ungelöste Mordfälle

Der Fall Mirthes: Die Tote aus dem Brunnenschacht

Im Juni 1978 entdecken Kinder in Schwandorf die Leiche eines 15-jährigen Mädchens. Der Sexualmord gibt den Ermittlern bis heute Rätsel auf.

Schwandorf. Es ist der 9. Juni 1978, ein stark bewölkter Tag, als spielende Kinder in einem verwahrlosten Anwesen eine merkwürdige Entdeckung machen. 

Mirthes Fundort Brunnenschacht
Hier wurde die Leiche von Christa Mirthes entdeckt: ein trockener Brunnenschacht in der Klosterstraße 30. Das verfallene Anwesen steht heute nicht mehr. Foto: MZ-Archiv/Polizei

Das Gebäude in der Klosterstraße 30 ist ein Paradies für kleine Jungs. Ein echter Abenteuerspielplatz: Das baufällige Anwesen mit seinen acht Zimmern ist verlassen. Dort und im Keller findet sich allerlei interessantes Gerümpel und Müll. Gerne stöbern Thomas, 10, und sein ein Jahr älter Freund Ewald hier herum. Der Schacht eines ausgetrockneten Brunnens im Hinterhof hat es ihnen besonders angetan. Sie klettern hinein und stochern mit einer Stange herum, als sie plötzlich einen Arm entdecken, der aus dem Schutt herausragt. Sie vermuten eine alte Schaufensterpuppe unter dem Unrat. Nur der entsetzliche Gestank stört die Jungen. Sie werfen eine Matte und Müll in den Schacht und bedecken das Loch mit einer Tür. Zuhause erzählt Ewald seiner Mutter von der Entdeckung, dem Gestank und den Fliegen auf der vermeintlichen Puppe. Doch erst sein Bruder Günther wird stutzig. 

Freitag, 16. Juni 1978, 15:45 Uhr. Thomas und Ewald, diesmal zusammen mit Günther, machen sich erneut auf den Weg zu dem verlassenen Anwesen. Gemeinsam graben sie den Arm aus, den Thomas und Ewald eine Woche zuvor zugeschüttet hatten. Günther holt den Nachbarn Johann J. zur Hilfe. Als der Spenglermeister den beißenden Geruch wahrnimmt und sieht, was die Jungen dort im Brunnenschacht freigelegt haben, alarmiert er sofort die Polizei.

Die stark verweste Leiche der jungen Frau wurde zusammengekrümmt und nackt unter mehreren Schichten Müll und Bauschutt gefunden. Foto: MZ-Archiv
Mirthes Portraet
Vermutlich im April 1978 wurde Christa Mirthes ein letztes Mal gesehen. Foto: MZ-Archiv

Die Kinder hatten in dem Brunnenschacht die Leiche der 15-jährigen Christa Mirthes entdeckt. Ihr Körper war nackt und wies schwere Verletzungen auf. Sie wurde von ihrer Mutter noch am selben Tag anhand der gefundenen Kleidungsstücke und eines auffälligen Amuletts identifiziert. Die Leiche selbst kann den Angehörigen nicht gezeigt werden. Aber die Fingerabdrücke stimmen mit denen auf ihren Schulheften überein und die Zahnabdrücke sind identisch. Das junge Mädchen galt seit Januar 1978 als vermisst.

Wie die Obduktion später ergeben wird, wurde die Jugendliche Opfer eines bestialischen Sexualverbrechens. Ihr Mörder ist äußerst brutal vorgegangen: Kopf und Kiefer der 15-Jährigen wurden mit einem stumpfen Gegenstand zertrümmert. Es fanden sich außerdem mehrere Einschnitte an Brust, am rechten Oberarm und Unterleib sowie Einstiche am rechten Schlüsselbein. 

Dieses 360-Grad-Bild zeigt den Leichenfundort heute und verortet einige historische Fotos.

Die Ermittlungen

Dienstag, 20. Dezember 2016: Das baufällige Anwesen in der Klosterstraße 30 ist längst abgerissen worden. Dort, wo vor fast 40 Jahren die verstümmelte Leiche von Christa Mirthes lag, steht jetzt unter anderem ein Neubau. Der Mörder der 15-Jährigen ist bis heute auf freiem Fuß.

Noch am 16. Juni 1978 wird eine Sonderkommission mit mehr als einem Dutzend Beamten gebildet. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei Amberg laufen auf Hochtouren. Das verfallene Anwesen wird akribisch abgesucht, Bekannte und Verwandte der Toten werden befragt. Aber am Ende bleibt nur eine greifbare Erkenntnis: Der Täter muss von hier stammen. Ein Auswärtiger hätte wohl kaum von dem leerstehenden Haus in der Klosterstraße 30 gewusst. Viel mehr wird man über den Mörder – trotz intensiver Ermittlungen – in den 40 Jahren, die seit der Tat vergangen sind, nicht herausfinden.

Mirthes Schuhe
Bei der Toten wurden grüne Damenschuhe mit Plateusohle, rot-schwarze Frotteesocken, ein Kettchen mit Anhänger, in den "Peter" eingraviert war, und ein Gasfeuerzeug der Marke "Petit Electronic" gefunden. Foto: MZ-Archiv

In dem Brunnenschacht werden neben der Leiche die grünen Plateuschuhe des Mädchens gefunden, außerdem rot-schwarze Frotteesocken, ein Halskettchen, in das der Name "Peter" eingraviert ist, und ein Feuerzeug. Ihre schwarze Veloursjacke mit gelbem Teddyfutter entdecken die Ermittler unter einem nahegelegenen Schutthaufen. Doch die Fundstücke geben keinerlei Hinweis auf den Täter. Mirthes restliche Kleidung, wie beispielsweise eine schwarze Gabardinehose, sowie ihre Unterwäsche sind bis heute verschwunden. Auch die Tatwaffe wird nie gefunden. 

Bei der Jacke stellt sich später heraus, dass ein Metzgerlehrling, der mit der Reinigung des heruntergekommenen Hauses beauftragt war, sie im Haus gefunden und mit dem Schutt in den Hof geworfen hat. Die Polizei vermutet deshalb, dass die 15-Jährige mit ihrem Mörder in dem verfallenen Gebäude gewesen sein muss. Doch ist der Fundort der Leiche der Tatort? Darüber rätseln die Ermittler bis heute. 

Rätsel um den Tatort

Mirthes Untersuchung Tatort
Professor Dr. Gert Schaidt leitete die Untersuchungen an der Fundstelle der Leiche. Foto: MZ-Archiv/Beer

Das Haus, in dem vor der Tat vier Jahre lang niemand mehr gewohnt hat, wird genauestens untersucht. Vier Tage nach dem Fund der Leiche kommt Professor Dr. Gert Schaidt vom Institut für Rechtsmedizin in Erlangen nach Schwandorf. Mithilfe des Luminol-Verfahrens macht er sich auf die Suche nach Blutspuren. Drei Stunden lang besprühen der Professor und Kriminalbeamte in mühevoller Kleinstarbeit Raum für Raum des Anwesens mit Chemikalien. Das Ergebnis ist ernüchternd: Lediglich an zwei Stellen auf dem Fußboden sowie an einer Wand im ersten Stock und rund drei Meter neben dem Brunnenschacht zeigt das Reagenzmittel Wirkung. 

"Eine magere Ausbeute für eine derart blutige Angelegenheit." Rechtsmediziner Dr. Gert Schaidt

Dabei hatten sich die Ermittler vor allem im zweiten Obergeschoss, in dem die Jacke des Mädchens ursprünglich gefunden wurde, deutliche Spuren erhofft. Auch Experte Schaidt ist enttäuscht: "Eine magere Ausbeute für eine derart blutige Angelegenheit." Die wenigen gefundenen Spuren lassen sich am Ende zudem nicht eindeutig Christa Mirthes zuordnen. 

Damit ist klar, dass der Fundort der Leiche eigentlich nicht der Tatort sein kann. Auf der anderen Seite hätte der Mörder die Leiche des Mädchens aber durch die belebte Schwandorfer Altstadt schaffen müssen, um sie auf das verlassene Grundstück zu bringen.

Suche nach dem unbekannten Begleiter

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Die Fotomontage zeigt die männliche Person, mit der Christa Mirthes am 9. Februar 1978 gegen 18.30 Uhr in der Bahnhofsgaststätte in Schwandorf gesehen worden ist. Beschreibung; ca. 40 Jahre alt, etwa 180 cm groß, schlank, fettiges, dunkelblondes Haar, das bis in den Nacken reicht, sprach fränkischen Dialekt. Foto: MZ-Archiv

Auch eine Rekonstruktion der möglichen Tatzeit gelingt nicht. Die Gerichtsmediziner kommen nach der Obduktion zu dem Schluss, dass der Leichnam von Christa Mirthes vermutlich schon zwei Monate in dem Brunnenschacht gelegen haben muss. Zeugen wollen das Mädchen Ende April noch getroffen haben. 

Zahlreiche Hinweise gehen bei der Kriminalinspektion Amberg ein. Am 9. Februar wird die junge Frau in den Abendstunden im Bahnhofshotel in Begleitung eines unbekannten Mannes gesehen. Der etwa 40-Jährige mit dunklem, fettigen Haar und fränkischem Akzent hat laut Zeugenaussagen eine Reisetasche bei sich. Die Ermittler vermuten, dass die 15-Jährige mit ihm verreist sein könnte. Keiner weiß, wo sich das Mädchen in den darauffolgenden Wochen aufgehalten hat.

An einem warmen, sonnigen Nachmittag Ende April wird Mirthes schließlich in der Benzstraße – unweit ihres Elternhauses – noch einmal gesehen. Sie ist wieder in Begleitung eines Unbekannten. Den Zeugenbeschreibungen nach könnte es sich um den gleichen Mann gehandelt haben. Auf dem Schwandorfer Marktplatz trifft die 15-Jährige am 28. April einen Bekannten, lässt sich eine Zigarette geben und verschwindet dann in Richtung der Diskothek "Captain Cook". Auch zu diesem Zeitpunkt ist ein Unbekannter bei ihr. 

Zwei Schülerinnen wollen das Mädchen dann noch einmal zwei Tage später auf dem Weg zum "Elvis Club" gesehen haben. Ab dem 1. Mai verliert sich Christa Mirthes Spur dann endgültig. 

Leichenfundort, Spuren und die letzten Aufenthaltsorte – wo passierte was? Klicken Sie sich in unserer Karte durch den Fall Mirthes.

Ermittlungen im Rotlichtmilieu

Als die Leiche von Christa Mirthes gefunden wird, ist sie nackt. Die Gerichtsmediziner stellen Spuren bestialischer Gewalt fest. Der Täter hat sein Opfer nicht nur brutal erschlagen, sondern auch verstümmelt. Diese Tatsache lässt Rückschlüsse auf den Mörder und sein Motiv zu. So könnte im Fall Mirthes das Verstümmeln Teil des Auslebens von sexuellen, sadistischen Fantasien gewesen sein – zumal feststeht, dass das Mädchen einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen ist. 

Die 15-Jährige gilt in Schwandorf als Streunerin. Im Januar 1978 war sie das letzte Mal zuhause. Doch das kam öfter vor. Deswegen leitete die Polizei damals nur eine Routinefahndung ein. Schon mit 13 Jahren trinkt das Mädchen Alkohol und ist in den Kneipen, Clubs und Bars der Stadt unterwegs. Dort schließt sie auch Bekanntschaften zu Männern. Im September 1977 verlässt sie die elterliche Wohnung und heuert zusammen mit einer Freundin im Seehaus in Neubäu an. Die Polizei konzentriert sich deshalb bei ihren Ermittlungen schnell auf das Rotlichtmilieu der Kreisstadt und ihrer Umgebung – jedoch ohne Ergebnis.

Erst mehr als 20 Jahre später gibt es einen neuen, vielversprechenden Hinweis in dem mysteriösen Fall – aus dem Rotlichtmilieu: Im Gerichtsverfahren gegen den Nachtclub-Boss Josef V. wird der Mord an dem Mädchen überraschend zum Thema. Der damals 51-Jährige musste sich 1999 wegen Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten. 

Ein Kripobeamter macht während des Prozesses schließlich eine interessante Aussage: Der Mitangeklagte Markus D. habe bei seinen Vernehmungen vielsagende Andeutungen gemacht: Er wisse noch mehr über die erheblichen Straftaten sein Ex-Chef V. – auch über den Fall Mirthes. Dieses Insiderwissen will er aber nur im Tausch gegen eine neue Identität preisgeben. Die Ermittler lehnen das ab. Zu ihrer großen Verwunderung liefert D. trotzdem ein paar detaillierte Informationen über den ungeklärten Mord. Ohne Protokoll. 

Die Staatsanwaltschaft nimmt daraufhin die Ermittlungen wieder auf, führt erneut Vernehmungen durch. Einzelne Angaben von Markus D. sollen sich sogar bestätigt haben. Trotzdem wird die Akte nach 21 Jahren ein zweites Mal geschlossen.

Im Audiointerview spricht MZ-Redakteurin Elisabeth Hirzinger, die damals über den Mord berichtet hat und am Tatort war, über den Fall Mirthes.

Fernsehfahndung brachte keinen Erfolg

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Ein TV-Team von RTL II interviewt 2003 den damaligen Kripo-Chef Otto Luber am Fundort der Leiche für die Sendung "Ungelöste Mordfälle". Foto: MZ-Archiv

Im Jahr 2003 startet die Kripo einen weiteren Versuch, Christa Mirthes Mörder vielleicht doch noch zu finden. Der Fall wird zum Thema in der RTL-II-Serie "Ungeklärte Morde – Dem Täter auf der Spur". Ein Fernsehteam kommt nach Schwandorf, filmt die Originalschauplätze, führt Interviews mit Zeugen und Ermittlern und stellt verschiedene Szenen nach. Am 12. Mai wird die Folge schließlich ausgestrahlt. Die Hoffnung, dadurch neue Hinweise zu erhalten, zerschlägt sich jedoch schnell. Lediglich drei Hinweise gehen bei der Kripo Amberg ein – aus Lübeck, Bremen und Weiden: der eine zu einem Schmuckstück, das im Anwesen Klosterstraße 30 gefunden wurde, außerdem ein Hinweis auf eine ähnliche Straftat. Lediglich der letzte Anruf von einem Weidener, der den Mann auf dem gezeigten Phantombild erkannt haben will, wird weiterverfolgt – zum Täter führt er nicht. 

Christa Mirthes Mörder ist bis heute auf freiem Fuß.

Hinweise zum Fall Mirthes

  • Auch wenn der Mord an Christa Mirthes inzwischen schon fast vier Jahrzehnte zurückliegt, haben die Ermittler ihn noch nicht zu den Akten gelegt. Immer wieder wird an den sogenannten "Cold Cases" gearbeitet, Hinweise und Spuren neu asserviert und bewertet und DNA-Spuren verglichen. Denn: Mord verjährt nicht!
  • Im Fall Mirthes ist immer noch eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro ausgesetzt. 
  • Hinweise nimmt die Kriminalpolizei Amberg unter der Telefonnummer (09621) 8900 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen.

Text & Recherche: Nina Schellkopf & Mario Geisenhanslüke 
Grafiken, Videos und Visualisierungen: Inge Brunner, Nina Schellkopf und Mario Geisenhanslüke

Überblick

Alle ungelösten Mordfälle in Ostbayern, verortet auf einer Karte, sehen Sie hier:

Kapitel
Die Ermittlungen Rätsel um den Tatort Seltsamer Begleiter Spuren ins Milieu Fall Mirthes im TV
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