Ungelöste Mordfälle

Der Fall C&C: Schießerei vor dem Großmarkt

Im Dezember 1971 sterben zwei Männer bei einem Überfall in Weiden. Trotz vieler Hinweise werden die "Ku-Klux-Klan-Gangster" nie gefasst.

Weiden. Es ist der 10. Dezember 1971, ein regnerischer Freitagabend. Um 23.20 Uhr schlendern vier Männer über den Parkplatz des Lebensmittel-Großmarktes „Cash Carry Alfred Meister“ an der Neustädter Straße in Weiden. Geschäftsführer Rudolf Bauer, der stellvertretende Marktleiter Ernst Kasseckert, der Auszubildende Lothar J. und der Angestellte Fritz K. hatten noch lange nach Ladenschluss für das anstehende Weihnachtsgeschäft vorgearbeitet. Um genau 23.14 Uhr steckten sie ihre Zeitkarten in die Stechuhr. Der Fünfte im Bunde – Georg S., ebenfalls einer der 40 Angestellten – indes hatte seinen Autoschlüssel vergessen und war zurück in den Supermarkt geeilt. Das sollte ihm das Leben retten.

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Im Jahr 1971 endete ein Überfall vor dem Weidener C&C-Großmarkt in einem Blutbad. Die Täter sind bis heute nicht gefasst. Foto: MZ-Archiv

Rudolf Bauer trägt auch an diesem Abend die Tageseinnahmen in einer schwarzen Aktentasche bei sich, um sie in den Nachttresor der Bayerischen Vereinsbank zu werfen. 60.341,67 Mark in Münzen, Scheinen und Schecks verteilen sich auf vier der so genannten Geldbomben. Auf eben diese haben es die beiden schwarz vermummten Täter abgesehen, die hinter einer Plakatwand hervorspringen, als Bauer und seine Kollegen den Parkplatz überqueren.

Die beiden Räuber, die wegen ihrer spitzen Kapuzen von der Presse „Ku-Klux-Klan-Gangster“ genannt werden, stürzen auf den Geschäftsführer zu und wollen ihm die Aktentasche entreißen. Doch der 36-Jährige wehrt sich heftig, schreit „Überfall“ und schlägt einen seiner Angreifer nieder. Dabei kullern die Geldbomben aus der Aktentasche. Dann eröffnet einer der beiden Angreifer das Feuer. Schüsse peitschen durch die Nacht.

Bauer, Kasseckert und K. werden getroffen. Während einer der Räuber die Geldbomben einsammelt und flüchtet, rennt der 18-jährige Lothar J. zu seinem Kleinwagen – einem Lloyd 600 – und greift sich seine Schreckschusspistole. Mit dieser schießt er auf die flüchtenden Gangster, verfolgt sie und bekommt einen rücklings am Maschendrahtzaun zu fassen. Doch dieser dreht sich um und schießt den jungen Mann aus nächster Nähe nieder. Dann sagt einer der Täter: „Geh', hau’n wir ab!“. Beide steigen in ihren Wagen, der in der Nähe parkt, und rasen mit aufheulendem Motor davon. Sie erbeuten drei der vier Geldbomben – insgesamt 26.097,03 Mark in Bar und 4133,83 in Form von Schecks.

Geschäftsführer Bauer überlebt nicht. Nach sechs Durchschüssen, einem Oberschenkel-Streifschuss und einem Steckschuss in der Schulter können die Ärzte nichts mehr für ihn tun. Er stirbt kurz nach der Einlieferung ins Krankenhaus. Kasseckert erleidet einen Bauchdurchschuss. Er wird am 11. Dezember 1971 um 0.30 Uhr für tot erklärt.

Der Tatort: Auf dem Parkplatz des ehemaligen C&C-Großmarktes kommt es zu einer Schießerei, bei der zwei Männer sterben.

Anflug Weiden Standbild

Die Ermittlungen

Montag, 19. Dezember 2016: Den C&C-Markt gibt es längst nicht mehr. Auf dem Gelände steht heute ein anderer Großmarkt. Auch die beiden "Ku-Klux-Klan-Gangster" sind noch immer wie vom Erdboden verschluckt. Und das, obwohl die Polizei nach der Schießerei in der gesamten Oberpfalz sowie in Mittel- und Oberfranken eine Großfahndung auslöste. 

Am Tatort findet die Polizei später 14 Geschosshülsen. Bewaffnet waren die Täter mit einer „Luger“ und einer Walter P38 – beide geladen mit 9mm-„Parabellum“-Geschossen, die dafür bekannt sind, schwerste Verletzungen hervorzurufen. Beschrieben werden beide als 1,75 bis 1,80 Meter groß und schlank. Wegen der Art und Weise des Überfalls geht die Polizei von zwei jungen Räubern aus, schätzt beide zum Zeitpunkt der Tat auf etwa 25 Jahre. Bekleidet waren sie mit einem Armee-Anorak und einem mittelgrauen Dufflecoat. Dieser soll später noch eine entscheidende wie mysteriöse Rolle in den Ermittlungen spielen.

Eine erste heiße Spur verfolgen die Ermittler der Sonderkommission recht schnell. Denn Zeugen haben einen „Volkswagen mit kleinen Fenster“ gesehen, der „in ganz gewöhnlicher Weise mit der Schnauze zum Kaufhaus hingerichtet“ unter einer Bahnunterführung gestanden haben soll. Unbeleuchtet. Die Polizei ist sich ziemlich sicher, dass es das Fluchtfahrzeug der Täter war. Doch die Spur führt ins Nichts. Auch das Aussetzen einer Belohnung in Höhe von 15.000 Mark bringt keine entscheidenden Fortschritte. Insgesamt gehen die Ermittler mehr als 1000 Hinweisen nach. 

Der 36 Jahre alte Rudolf Bauer wird bei der Schießerei in Weiden von zahlreichen Kugeln regelrecht durchsiebt. Foto: MZ-Archiv

Vermummte auf der Straße

Am Abend nach der Tat kommt es auf der Staatsstraße 2156 zwischen Trichenricht und Rottendorf zu einem merkwürdigen Vorfall. Ein junger Mann ist gegen 21 Uhr mit seinem Wagen auf dem Heimweg, als plötzlich zwei mit Kapuzen maskierte Männer auf der Fahrbahn auftauchen. Sie wollen ihn zum Anhalten zwingen – beide hatte einen "unerkennbaren Gegenstand" in der Hand. Doch der 27-jährige Sägewerksmitarbeiter rast weiter und alarmiert die Polizei.  Handelt es sich bei den beiden Vermummten möglicherweise um die flüchtigen "Ku-Klux-Klan-Gangster"? Doch die Männer bleiben unauffindbar.

Tatort, Spuren und Zeugenhinweise  wo passierte was? Klicken Sie sich in unserer Karte durch den Fall C&C.

Der mysteriöse Mantel

Fünf Wochen nach der Tat macht dann ein Spaziergänger in einem Waldstück an der B22 nördlich von Altenstadt einen interessanten Fund. Er entdeckt eine Aktentasche mit Papieren aus dem C&C-Markt und einen zusammengerollten, grauen Dufflecoat. Auf diesen Mantel konzentriert man sich auch, als der Fall später in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ thematisiert wird. Die Ermittler sind nämlich mit Hochdruck auf der Suche nach einem Bettler, der vielleicht wichtige Hinweise auf die Täter geben könnte.

Dieser war im November 1971 – rund einen Monat vor der Tat – in Altenstadt von Haus zu Haus gezogen und hatte Kleidung erbettelt. Er wollte vor allem eine Hose. Eine Frau W. schenkte ihm stattdessen allerdings einen Mantel. Als sie ihn nach seinem Namen und seiner Adresse fragte, weil sie möglicherweise noch eine Hose finden würde, antwortete er allerdings ausweichend und wurde danach nicht mehr gesehen.

Eben jenen Mantel hat aber offenbar einer der Räuber bei der Schießerei getragen. Das verrät den Ermittlern die kriminaltechnische Untersuchung, bei der Spuren der Mordopfer auf dem Mantel sowie Spuren des Mantels am Tatort gefunden werden. Auffällig an dem Mantel war, dass beide Ärmel nicht fachmännisch um rund fünf Zentimeter gekürzt und mit grauem Glencheck-Anzugsstoff repariert waren. Dass der Bettler an der Tat beteiligt war, gilt als unwahrscheinlich. Aber wie kam einer der Täter zu seinem Mantel? 

Der gesuchte Bettler wird als 1,65 bis 1,68 Meter groß und mittelalt beschrieben – sowie „mit schon schütterem Haar“. 

Nachdem der Fall bei "Aktenzeichen XY" im September 1972 ausgestrahlt worden ist, gehen 90 Anrufe ein. Doch auch darunter ist  keine heiße Spur. Bis heute tappen die Ermittler im Dunkeln. Und die Zeit spielt für die Mörder.

Dr. Wolfgang Voll, Leiter des Sachgebiets "Forensische DNA-Analytik" beim Landeskriminalamt (LKA) Bayern spricht im Interview über die größte Zäsur in der Kriminaltechnik und darüber, ob Fingerabdrücke heute überhaupt noch relevant sind.

Mit welcher forensischen Methode werden die meisten Täter überführt?

Das ist schwierig zu beantworten. Wenn es um Kapitalverbrechen geht, ist es sicherlich die DNA-Analyse zusammen mit der Daktyloskopie. Bei anderen Vergehen – zum Beispiel mit Betäubungsmitteln – spielen Fingerabdrücke, eben die sogenannte Daktyloskopie, immer noch eine größere Rolle. In den Neunziger Jahren war die Faserkunde noch von Bedeutung, die inzwischen in den Hintergrund getreten ist. Fasern haben halt nicht die gleiche Aussagekraft wie ein DNA-Treffer.

War die DNA-Analyse die größte Zäsur in der Kriminaltechnik?

Ja. Aber in Zukunft wird technisch noch viel mehr möglich sein. Es ist wieder ein Umbruch da, das spüre ich. Das Stichwort lautet Phänotypisierung: Wir können dann nicht gleich einen Steckbrief aus der Spur herauslesen, aber so Dinge wie Hautfarbe, Haarfarbe, Augenfarbe oder das Alter des Täters. Das wird in naher Zukunft möglich sein: also technisch möglich sein. Politisch ist das aber ja noch nicht reif.

Sind die Fingerabdrücke dann überhaupt noch relevant?

Die Fingerabdrücke sind genauso wichtig wie früher, weil sie einzigartig sind. Sie werden schon seit 1900 gesammelt, da gibt es eine riesige Datenbank, auf die wir zurückgreifen können. Außerdem ist die Technik relativ einfach und auch wesentlich kostengünstiger als eine DNA-Untersuchung. Ein weiterer entscheidender Vorteil: Es ist äußerst schwierig, einen Fingerabdruck an einem Tatort zu übertragen. Man weiß also immer, wie die Spur dahin gekommen ist: Der Täter muss den Gegenstand angefasst haben. Bei einer DNA-Spur ist das nicht so eindeutig.

Warum?

Bei der DNA kann immer noch in Frage gestellt werden, wie die Spur dorthin gekommen und wie lange sie schon da ist. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Spur nicht charakterisiert werden kann. Wenn also nicht festgestellt werden kann, ob es sich um eine Blut-, Speichel-, Spermaspur oder was auch immer handelt.

Sie sind schon seit mehr als 27 Jahren dabei. Wie haben sich denn Spurensuche und Forensik in dieser Zeit verändert?

Die heutigen Methoden kommen mit deutlich weniger Spurenmaterial aus. In den 90er-Jahren brauchten wir noch Blutspuren in der Größe eines 2-DM-Stückes, um sie analysieren zu können. Eine Sperma-Spur musste mindestens so groß wie ein Pfennig sein. Inzwischen gibt es keine Untergrenze mehr: Wenn der Fachmann am Tatort auch nur ansatzweise einen Blutwischer sieht, wird der gesichert.

Können Mordfälle, die schon Jahre zurückliegen, durch die moderne Kriminaltechnik also noch gelöst werden?

Theoretisch kann man die Asservate von damals noch einmal mit modernen Methoden untersuchen. Das Problem in solchen Fällen ist aber oft, dass über die Jahre schon mehrere Analysen durchgeführt worden sind. Dann ist nur noch wenig Spurenmaterial vorhanden. Allerdings hat man früher schon Leichen oder Kleidungsstücke mit Klebefolie abgeklebt, um Faserspuren sicherzustellen. Dabei wurden auch Hautschuppen gesichert. Und die werden in Bayern bei Altfällen seit 2001 sehr intensiv untersucht. Vor drei Jahren haben wir so einen Fall aufgeklärt, der knapp 30 Jahre alt war.

War die Spurensicherung früher schlechter?

Das kann man so nicht sagen. Franz Beckenbauer war früher der Kaiser, und heute würde er wahrscheinlich nicht einmal mehr in der Kreisliga spielen können. Zu der damaligen Zeit und mit dem damaligen Wissensstand war die Spurensicherung gut. Aber heute denkt man an mehr, ist viel vorsichtiger und geht viel umfassender an einen Tatort heran. Der Kollege heute muss an 1000 Sachen mehr denken, als das früher der Fall war.

Hinweise im C&C-Raubmord

  • Auch wenn der Raubmord von Weiden inzwischen schon Jahre zurückliegt, haben die Ermittler ihn noch nicht zu den Akten gelegt. Immer wieder wird an den sogenannten "Cold Cases" gearbeitet, Hinweise und Spuren neu asserviert und bewertet und DNA-Spuren verglichen. Denn: Mord verjährt nicht!
  • Hinweise nimmt die Kriminalpolizei Weiden unter der Telefonnummer (0961) 401-0 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. 

Text & Recherche: Nina Schellkopf & Mario Geisenhanslüke 
Grafiken, Videos und Visualisierungen: Inge Brunner, Nina Köstler & Mario Geisenhanslüke

Überblick

Alle ungelösten Mordfälle in Ostbayern, verortet auf einer Karte, sehen Sie hier:

Kapitel
Die Ermittlungen Zweiter Raubversuch Mysteriöser Mantel
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