Künstliche Intelligenz

So smart ist das neue Home

In 20 Jahren wird jeder Haushalt etwa 1000 smarte Geräte nutzen, sagt Datenjournalist Marco Maas – und noch mehr Daten preisgeben.

Links, rechts, ein Stück weiter oben, noch ein bisschen den dritten Zahn von links unten und zack – fertig. Die Zähne sind sauber. Mithilfe einer smarten Zahnbürste stellt Marco Maas sicher, dass auch alle Zähne weiß bleiben. Die intelligente Bürste sagt an, wo Maas noch nacharbeiten muss. 22:39 Uhr: Die Zähne sind geputzt, Zeit ins Bett zu gehen. Dank der smarten Bettunterlage werden alle Lichter und die vernetzten Heizkörper im Haus automatisch ausgeschaltet, sobald Maas im Bett liegt. Praktisch.

Was für viele Menschen noch weit entfernt vom Alltag scheint, ist für Maas bereits Realität. Der Datenjournalist aus Hamburg hat über 100 Sensoren und smarte Geräte in seiner Wohnung installiert. Per Sprachsteuerung verknüpft er sie so, wie er will. Möchte er, dass automatisch Wasser gekocht wird, wenn er morgens aufsteht, könnte er das auf einfache Weise programmieren. Der Guten-Morgen-Kaffee oder Tee macht sich quasi von allein.

„Diese kleinen, smarten Geräte bringen einfach Lebenskomfort.“ Datenjournalist Marco Maas

„Ich habe schon deutlich mehr smarte Geräte als der durchschnittliche Bürger“, gibt Maas zu. „Weil es für mich auch ein journalistisches Experiment ist.“ Er schreibt alle Daten mit, die durch die vernetzten Geräte zustande kommen, weil er sie alle nachverfolgen will. Ein bisschen verrückt sei er, gesteht er und gibt zu, dass nicht alles sinnvoll ist und er die Spielerei mit den zahlreichen Geräten einfach liebe. Doch was ist nicht nur für einen Datenjournalisten interessant, sondern auch für einen Normalverbraucher im Alltag sinnvoll?

"Schalte alle elektrischen Geräte aus!"

„Licht, Heizung und smarte Steckdosen sind sinnvoll, weil man individuelle Regeln einstellen kann“, findet Maas. Auch Bewegungsmelder können den Alltag erleichtern. „Diese kleinen, smarten Geräte bringen einfach Lebenskomfort“, sagt Maas. Verlässt er beispielsweise sein Schlafzimmer und keine andere Person ist mehr im Raum, wird das Licht automatisch ausgeschaltet. Mithilfe von smarten Steckdosen kann er alle elektrischen Geräte über Nacht vom Strom trennen. Mit einem programmierten Ausruf – wie etwa „Schalte alle elektrischen Geräte aus“ – lässt sich über Nacht Strom sparen.

Smart Home Kuehlschrank Dpa

Vertrauen zur Maschine aufbauen

Maas ist durch sein journalistisches Experiment mit seinen smarten Geräten und der Sprachsteuerung bestens vertraut. Doch Gerrit Kahl, Forscher am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, sieht bei allem technischen Fortschritt noch eine Hürde: die fehlende Akzeptanz der Menschen, mit Geräten zu kommunizieren. „Es muss noch Vertrauen aufgebaut werden, bis die Mehrheit der Verbraucher Sprachassistenten im Alltag nutzt“, weiß er. Um dieses Vertrauen aufzubauen, empfiehlt er Zeit. Verbraucher sollten nicht auf einen Schlag mehrere smarte Geräte kaufen, sondern nacheinander. Anwendungen und Sprachsteuerungen in Ruhe testen, schlägt Kahl vor. So lasse sich die Angst vor Kontrollverlust abbauen.

Vertrauen zwischen Mensch und Maschine wünscht sich auch der Hersteller BSH Hausgeräte mit seinem digitalen Küchenassistenten Mykie. Per Sprachsteuerung soll der Küchenhelfer im Smart Home den Alltag erleichtern. „Mykie weiß beispielsweise sofort, was sich gerade im Kühlschrank befindet oder wie lange der Kuchen noch im Backofen bleiben sollte“, erklärt Pressesprecherin Eva Bauerschmidt.

Ihr ist bewusst, dass intelligente Geräte zunehmend im Alltag der Konsumenten zu finden sind. „Entscheidend ist für uns dabei aber, dass die Vernetzung der Geräte einen relevanten Mehrwert für den Nutzer hat“, sagt Bauerschmidt. Beispielsweise spare der Verbraucher durch die smarten Geräte Energie und Kosten. Um das zu gewährleisten, entwickelt BSH elektronische Geräte auch am Standort Regensburg. Rund 500 Menschen arbeiten hier.

Der smarte Helfer Mykie soll den Alltag erleichtern. Foto: dpa

Neben intelligenten Küchenhelfern oder den bereits jetzt im Alltag benutzten Staubsaugerrobotern gibt es noch weitere zahlreiche smarte Haushaltsgeräte. Das bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie misst dem Bereich Pflege und Gesundheit immer größere Bedeutung bei, wie Dr. Martin Wimbersky, der stellvertretende Pressesprecher, auf Anfrage unseres Medienhauses mitteilt.

 „Mit digitaler Hilfe können körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen bei einem selbstbestimmten Leben in den eigenen vier Wänden unterstützt werden“, sagt Wimbersky. Beispielsweise messen Wearables – tragbare Systeme – Körperfunktionen und melden entsprechende Unregelmäßigkeiten und Probleme.

Die Chancen, die das smarte, vernetzte Haus bietet, sind enorm groß. Doch je mehr digitale Geräte der Verbraucher nutzt, desto mehr persönliche Daten gibt er von sich preis. „Smarte Geräte erkennen zum Beispiel, wann der Nutzer welche Musik wie laut hört“, erklärt Maas. So komme der Anbieter viel stärker in das Privatleben der Verbraucher hinein. „Man kann dadurch gezieltere Werbung schalten“. Auf der einen Seite könne das positiv sein, denn das neue Album von Helene Fischer werde nicht einem Metallica-Hörer angeboten. Auf der anderen Seite steht, dass die Verbraucher eine Unmenge von Daten von sich selbst preisgeben. Maas sieht darin durchaus Gefahren.

In Zukunft werden mehr als 500 Geräte angreifbar sein, wenn es nach Maas geht.

Die Gefahr des Datenklaus

Auf Nachfrage entgegnet BSH-Pressesprecherin Bauerschmidt, dass Nutzer ihres Home Connect Systems „jederzeit transparenten Einblick in ihre Daten haben und selbst entscheiden, welche Nutzungsdaten sie weitergeben möchten oder nicht“. Daten werden laut Bauerschmidt nur dafür verwendet, den Mehrwert der Kunden weiter zu verbessern. „Datenschutz hat für uns höchste Priorität.“

„In 20 Jahren wird der durchschnittliche Haushalt etwa 1000 smarte Geräte im Haushalt haben." Datenjournalist Marco Maas

Doch die Gefahr des Datenklaus werden immer größer: Wenn es nach Maas geht, werden in Zukunft mehr als 500 Geräte im Haushalt angreifbar sein – vom Toaster bis zum Spiegel. Der Datenjournalist sieht vor allem smarte Steckdosenleisten auf dem Vormarsch. Der Trend ist klar: Es werden immer mehr intelligente Hilfen in unserem Haushalt vorhanden sein. „In zehn bis 15 Jahren werden 100 Geräte in jedem Haushalt sein“, sagt Maas. Steckdosen, Lichter, Rauchmelder, smarte Zahn- und Haarbürsten. Und es werden noch viel mehr werden, glaubt der Experte.

„In 20 Jahren wird der durchschnittliche Haushalt etwa 1000 smarte Geräte im Haushalt haben“, prophezeit Maas. Intelligente Kleidung werde am Ende des Tages anzeigen, wie viele Schritte der Träger gemacht und wie er sich bewegt hat. Per Sprachsteuerung oder Smartphone-App wird der Nutzer von überall nachschauen können, ob noch Milch im Kühlschrank ist. Mit Sensoren sollen Vermieter Schimmel in der Wohnung prüfen können. Und CO2-Sensoren können nachempfinden, wie viele Personen in einem Raum sind. „Ich schätze den Lebenskomfort größer als die Bedenken ein“, sagt Maas. Doch gerade die CO2-Sensoren seien unter dem Aspekt der Privatsphäre furchtbar. „Das ist sehr, sehr kritisch.“

Text: Bernhard Neumayer

Alle Fotos: dpa

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