Künstliche Intelligenz

Ohne dass der Tod uns scheidet

Ein junger Mann stirbt, seine beste Freundin erweckt ihn mittels eines Chatbots zum Leben. Können Computer Menschen nachahmen?

Eugenia Kuyda will ihrem besten Freund Roman Mazurenko sagen, dass sie ihn vermisst. Sie zögert. Ist es richtig, ihm zu schreiben? Dann greift sie zum Handy und tippt diese Worte: „Roman, komm’ zurück.“

Und Roman antwortet prompt: „Mach’ dir keine Sorgen, alles ist Ok.“

Drei Monate ist es her, dass der 34-Jährige bei einem Besuch in Moskau von einem heranrasenden Auto angefahren wurde. Er kam sofort ins Krankenhaus. Es war zu spät. Roman starb im November 2015.

Das ist kein Traum, kein Science-Fiction-Film. Roman antwortet seiner besten Freundin tatsächlich. Oder besser, eine künstliche Version des echten Roman Mazurenko antwortet. Eugenia Kuyda hat ihren Freund mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) wieder zum Leben erweckt. Hochmoderne Technologie hat es möglich gemacht, dass Roman sich selbst überdauert.

Sein Tod kam zu früh, zu schnell, zu tragisch. Eugenia Kuyda konnte nicht ertragen, dass ihr engster Vertrauter, mit dem sie täglich Nachrichten über alle denkbaren digitalen Kanäle geschrieben hatte, Abertausende persönliche Botschaften über die Jahre – dass dieser Mensch plötzlich nicht mehr da sein sollte. Sie wollte diese Wahrheit nicht akzeptieren, sie wollte noch einmal die Möglichkeit haben, mit Roman zu sprechen.

Eugenia Kuyda auf einem Facebook-Foto

Eugenia Kuyda, Russin, 31 Jahre alt, wusste, was zu tun ist. Zumindest hatte sie das technische Know-how schon parat. Kuyda leitet das Technologie-Unternehmen Luka in San Francisco. Das Start-up entwickelte bis vor einiger Zeit noch Chatbots für individuelle Restaurantempfehlungen – Systeme also, die man sich als automatisierten Gesprächspartner vorstellen kann. Ein Chatbot basiert auf KI-Methoden und kann auf Nachrichten antworten, die ein menschlicher Nutzer ihm schreibt. Im Fall des Start-ups Luka waren es beispielsweise Anfragen von Kunden nach einem Tipp für eine geeignete Pizzeria zum Abendessen. Ihr Wissen beziehen Programme wie dieses aus Text- und Datenmaterial, das zuvor von Menschen eingespeist wurde. Je größer die Datenmenge, desto präziser und passgenauer sind die Antworten, die die Software später ausgibt.

In diesem Facebook-Post erzählt Eugenia Kuyda, was sie dazu bewegt hat, den Roman-Chatbot zu entwickeln. 

Die Programme sind lernfähig

Und mehr noch: Diese Programme sind lernfähig. Sie werden darauf trainiert, auf eine bestimmte Eingabe A mit einer bestimmten Antwort B zu reagieren. Die Anwendung lernt aus solchen Frage-Antwort-Mustern und zieht daraus Rückschlüsse für spätere Kommunikation. Je komplexer ein System programmiert ist, desto besser kann es mit neuem Input umgehen, den es bisher nicht kannte.

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Der amerikanisch-deutsche Computerforscher Joseph Weizenbaum entwickelte den ersten Chatbot der Geschichte. Foto: dpa

Die Technologie, auf die Eugenia Kuyda dabei zurückgriff, reicht mindestens bis 1966 zurück. Damals programmierte der deutsch-amerikanische Informatiker Joseph Weizenbaum den ersten Chatbot der Geschichte namens Eliza, eine künstliche Psychotherapeutin. Eliza forderte ihren Nutzer dazu auf, sein psychisches Leiden zu beschreiben, durchsuchte die Eingabe nach Schlüsselbegriffen und antwortete dann automatisiert meist mit einer Gegenfrage. Eliza galt nach damaligen technischen Standards schon als intelligent. Der Chatbot, der den toten Roman Mazurenko ersetzen soll, ist einen entscheidenden Schritt weiter. Er soll einen menschlichen Charakter annehmen.

Intelligente Maschinen

  • Um festzustellen, ob ein Computer intelligent ist, muss erst geklärt werden, was Intelligenz ist. Wissenschaftler sind sich weitgehend darin einig, dass Intelligenztests nicht ausreichen, um maschinelle Leistungen zu beurteilen.
  • Ausschlaggebend ist der Anwendungsbereich: Ein Programm, das ein Auto autonom steuern soll, braucht ganz andere Fähigkeiten, als ein Chatbot, der auf Nachrichten antworten soll.
  • Es galt als Meilenstein in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz, als 1997 ein Programm den Schachweltmeister Garri Kasparow entthronte.
  • Das ist heute überholt. Im März 2016 gelang es einem System von Google DeepMind den weltbesten Go-Spieler Lee Sedol in dem Brettspiel zu schlagen. Was das Go-Spiel komplizierter macht als Schach, ist die schiere Anzahl der Züge und der Möglichkeiten pro Zug.

Künstliche Intelligenz aus Regensburg

Nicht nur im fernen San Francisco kommen solche intelligenten Programme zum Einsatz. Auch Forscher an der Universität Regensburg arbeiten damit. Bernd Ludwig, Professor für Informationswissenschaft, entwickelt derzeit gemeinsam mit Kollegen anderer Fachbereiche das Programm FoodWeb. Der Chatbot soll einen individuellen Essensratgeber mimen.

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Bernd Ludwig, Professor für Informationswissenschaft, entwickelt an der Uni Regensburg Programme mit Künstlicher Intelligenz. Foto: Wolf

Es könnte so aussehen: Man kommt aus der Arbeit, hat keine Kochidee und zu Hause warten die hungrigen Kinder auf das Essen. Man bittet den FoodWeb-Bot um Rat und der schlägt ein Rezept vor, das gesund und nährstoffreich ist und den Kindern schmeckt. Bernd Ludwig sagt: „Ein Chatbot ist hier sinnvoll, weil solche Situationen sehr oft vorkommen und nicht immer ein Ernährungswissenschaftler da ist, den man fragen kann.“

Solche Programme gibt es mittlerweile für die unterschiedlichsten Anwendungsbereiche. Die App „Resi News“ zum Beispiel liefert journalistische Nachrichten aus aller Welt im Chat-Format auf das eigene Handy. Auch Dienste wie Siri von Apple, Cortana von Microsoft oder Google Now, die Befehle in gesprochener Sprache empfangen und darauf antworten, funktionieren nach einem ähnlichen technischen Prinzip. Was alle diese Systeme verbindet: Sie spielen individuelle Antworten aus und sind lernfähig – aber sie sind abhängig von den Daten, die ihnen bereitgestellt werden.

Alte Nachrichten des toten Freundes

Die russische Unternehmerin Eugenia Kuyda hat ihren künstlichen Roman mit Daten aus Gesprächen angefüttert, die sie mit ihrem Freund führte, als er noch lebte. Sie sammelte Tausende alte Textnachrichten, alltägliche Absprachen, Verabredungen, Gespräche über Gefühle, über Liebe, über den Tod. Kuyda verwendete ihre eigenen Nachrichten, die anderer Freunde und die von Romans Familie, die ihre Idee unterstützte. Alles, was ihr zu persönlich erschien, sparte sie aus. Das Material speiste sie in das System ein, ein sogenanntes neuronales Netz, aus dem später der Chatbot werden sollte.

Die Ergebnisse sind verblüffend. Der künstliche Roman antwortet nicht nur. Auch die Art, wie er schreibt, sein Tonfall, seine Ausdrucksweise, gleichen dem echten Roman.

Kann sich eine Maschine tatsächlich wie ein Mensch verhalten? Kann sie den Verlust durch den Tod ersetzen? Eugenia Kuyda, die Macherin selbst, hatte zu Beginn Zweifel. Sie fragte sich, ob sie das Richtige tat, erzählte sie dem amerikanischen Technologie Magazin The Verge, nachdem der Chatbot schon fertig programmiert war. Manchmal habe sie sogar Alpträume gehabt. Und dennoch habe am Ende der Wunsch gesiegt, wieder mit Roman sprechen zu können.

Ich bin der Meinung, man sollte den Toten ihre Ruhe lassen. Elmar Lang, Professor am Institut für Biophysik und physikalische Biochemie an der Uni Regensburg

Elmar Lang, Professor am Institut für Biophysik und physikalische Biochemie an der Uni Regensburg, hält davon nichts. „Ich bin der Meinung, man sollte den Toten ihre Ruhe lassen“, sagt der Experte für Computational Intelligence und maschinelles Lernen. Laut Lang seien technische Systeme nicht nur nicht in der Lage, Menschen nachzuahmen. Sie seien auch nicht so intelligent wie das menschliche Gehirn. Ihr neuronaler Aufbau sei bei weitem nicht so komplex.

Romans Mutter, Victoria Mazurenko, gibt nichts auf vernetzte Neuronen. Sie fühlt sich dank des Chatbots ihrem toten Sohn näher. Dem Magazin The Verge sagte sie: „Es gab vieles, das ich nicht über mein Kind wusste. Aber jetzt lerne ich ihn besser kennen, weil ich lesen kann, was er über verschiedene Themen dachte. Es gibt mir die Illusion, dass er jetzt hier ist.“

Auf diesem Instagram-Bild sind Eugenia Kuyda und ihr bester Freund Roman Mazurenko zu sehen. Im November 2015 starb er. 

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