250 0008 31417023 Kuenstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz

Guten Morgen, Kollege Roboter

Intelligente Maschinen erobern die Arbeitswelt. Wird die Digitalisierung zum größten Jobkiller aller Zeiten? Die Entwicklung wirft noch weitaus heiklere Fragen auf.

Schleichend hat sich Kollege Roboter in der Firma eingenistet. Einen festen Anstellungstag gab es nicht. Vielmehr machte er sich über die Jahre hinweg ganz allmählich breit – häppchenweise in Form von immer raffinierteren Computerprogrammen und neuen elektronischen Helfern. Für die Arbeitnehmer blieb das natürlich nicht folgenlos. Die einen hatten Pech, weil die smarten Maschinen ihre Jobs übernahmen. Für die anderen erwies es sich als Glück, weil für sie völlig neue und spannende High-Tech-Arbeitsplätze entstanden sind.

In den 90er-Jahren war noch eine ganze Abteilung damit beschäftigt, die Zeitungsseiten zu montieren. Heute erledigt das ein einzelner Mensch mit Mausklicks. Früher lief der Redakteur für eine große Recherche ins Archiv und wälzte dicke Aktenordner. Heute googelt er sich durch ein Informationsangebot, das selbst die weltberühmte Library of Congress in den Schatten stellt. Gleichzeitig ist der Redakteur voll vernetzt. Seine Artikel stellt er multimedial perfekt aufbereitet ins Internet. Daneben postet und twittert er, was das Zeug hält.

Fluch und Segen

Hier werden Fluch und Segen der neuen Technik sichtbar. Denn die Beispiele gelten in abgewandelter Form auch für andere Branchen. Ganze Berufe sind verschwunden oder vom Aussterben bedroht. Viele Jobs – einst gut bezahlt – gibt es nicht mehr. Gleichzeitig entstanden neue Unternehmen mit revolutionären Geschäftsmodellen – und mit ihnen hochqualifizierte Arbeitsplätze.

Eine mehr oder weniger humanoide Maschine

Die meisten verbinden mit dem Roboter eine mehr oder weniger humanoide Maschine, die in menschenleeren Fabrikhallen unermüdlich vor sich hinwerkelt, die nie krank wird und keinen Urlaub braucht. Doch ein maßgeblicher Teil der Digitalisierung vollzieht sich im Verborgenen. Unter dem Stichwort Künstliche Intelligenz sind smarte Automaten entstanden, die unsichtbar ihren Job machen – zum Beispiel im Internet, wo Computerprogramme unsere Vorlieben herausfiltern und versuchen, uns zu beeinflussen. Oder in Form von Algorithmen, die in mancher Hinsicht schneller und zuverlässiger arbeiten als Menschen. Die neue Technik wird zu einem gewaltigen Schub führen.

Wir stehen erst am Anfang der Revolution 4.0

Die Folgen werden gravierender sein, als die aller vorhergehenden großen technischen Innovationen zusammengenommen. Heute sind es die sozialen Netzwerke, die das Leben vieler Menschen tiefgreifend verändern. Morgen werden es kluge Roboter sein, mit denen wir zusammen arbeiten oder zusammenleben.

Hier stellen sich grundsätzliche Fragen, etwa ob der Roboter eher ein nützlicher Helfer sein wird, der Arbeiten übernimmt, die kein Mensch machen will – weil sie extrem anstrengend sind oder miserabel bezahlt. Im anderen Szenario entwickeln sich die smarten Maschinen dagegen zum größten Jobkiller aller Zeiten. Das hätte dramatische Konsequenzen für die Gesellschaft. Nicht nur, weil dann über kurz oder lang unser Steuer- und Sozialsystem kollabiert. Sondern auch, weil sich dann einem riesigen Heer von Bürgern die Frage nach einem Lebenssinn ohne Arbeit stellen wird.

Die Mensch-Maschine

Immer mehr Leute verwachsen förmlich mit ihrem Smartphone. Man kann es als Ausdruck der Symbiose von Mensch und Maschine betrachten und als neue Stufe der Evolution. Auch diese Entwicklung wirft heikle Fragen auf. Manche lassen sich sogar Chips einpflanzen für digitale Zugangskontrollen oder bargeldlose Bezahlsysteme. Der nächste Schritt sind synthetische Körperteile, die uns zu übermenschlichen Fähigkeiten verhelfen. Das ist keine ferne Zukunftsvision. So testet das US-Militär ein Exoskelett mit dem Namen Hulc, das Soldaten außergewöhnliche Kräfte verleihen soll. Wer jetzt die Stirn runzelt, sollte hier an mögliche zivile Anwendungen denken, die vielleicht einmal Menschen mit Handycap den Alltag erleichtern.

Für Furore in der Diskussion um künstliche Intelligenz sorgt der Star-Physiker Stephen Hawking. Die smarten Maschinen gefährdeten den Fortbestand der Zivilisation, warnt er. Hasta la vista, Menschheit, könnte man mit Blick auf den Hollywood-Klassiker Terminator ausrufen, wo Arnold Schwarzenegger kurzen Prozess macht. In dem Film wendet sich das Computersystem Skynet, das eigentlich die Welt sicherer machen sollte, gegen ihre Schöpfer und löscht unsere Städte aus.

Essay Jobkiller 6
Um die Zivilisation vor dem Untergang zu retten, hat der Terminator (Arnold Schwarzenegger) eine fast unmögliche Mission zu erfüllen: Der Killer-Cyborg muss vernichtet werden, damit der Aufstand der Maschinen verhindert wird. Foto: dpa

Software schlägt den Go-Meister

Der Knackpunkt: Die Computer werden irgendwann in den nächsten hundert Jahren mit ihrer Künstlichen Intelligenz den Menschen übertreffen, sagen Experten. Die Rechenleistung steigt exponentiell. Das heißt, die Computer werden auch komplexeste Probleme wesentlich schneller als Menschen lösen – mit einschneidenden Folgen.

Teilweise kann man das schon jetzt besichtigen. Kürzlich schlug die auf Künstlicher Intelligenz basierende Software Alpha Go einen der besten menschlichen Go-Spieler. Einen solchen Triumph der Maschine über den Menschen hatten viele Experten davor nicht für möglich gehalten, denn Go ist außerordentlich komplex. Das Spiel besitzt mehr Zugmöglichkeiten, als es Atome im Weltall gibt und erfordert Intuition.

Das Besondere an dem siegreichen Computerprogramm ist, dass es neuronale Netze simuliert, die sich an der Funktion des menschlichen Gehirns orientieren. Solche neuronalen Netze können lernen, vorausschauend zu planen. Eines wird man durch eine reine Steigerung der Rechenleistung aber nie erzeugen: menschliche Gefühle und ein Bewusstsein. Ein Dreijähriger kann intelligentere Dialoge führen als der Röhren-Computer Alexa – und sich dabei noch die Zähne putzen, spottet ein IT-Experte.

Computer als Lehrmeister

Für den unterlegenen Go-Meister wiederum gibt es einen Trost: Die Software beherrscht außer dem Brettspiel rein gar nichts. Andersherum gesagt: Derzeit kann die Software den Menschen nur in einem Spezialgebiet überflügeln. Dann aber richtig. Denn sie kann dort sogar zu seinem Lehrmeister werden.

Wenn Staaten oder Konzerne die Technik missbrauchen, wäre es nicht mehr weit zum gläsernen Bürger und zum Verbraucher, der sich völlig nackt macht.

Die Entscheidung, wie sich der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz auswirkt, liegt in der Hand der Menschen. Schon jetzt spielen superkluge Computer aber eine bedeutende Rolle bei der Bewältigung der riesigen Datenmengen, die wir permanent erzeugen. Wenn Staaten oder Konzerne die Technik missbrauchen, wäre es nicht mehr weit zum gläsernen Bürger und zum Verbraucher, der sich völlig nackt macht.

Chancen für die Medizin

Wenn die Weichen allerdings richtig gestellt werden, könnten neuronale Netzwerke dabei helfen, den Klimawandel besser zu verstehen oder Krankheiten zu überwinden. Gerade im Gesundheitsbereich sind die intelligenten Roboter möglicherweise sogar Heilsbringer, weil sie uns künftig hegen und pflegen und hegen. Und wenn eine Maschine den Go-Meister schlagen kann, wird sie uns vielleicht dabei helfen, den Krebs zu besiegen.

Können Maschinen tatsächlich schwere Krankheiten wie Krebs erkennen? Ja, sagen Experten. Regensburger Forscher wollen sie besser machen als Ärzte. Lesen Sie hier: "Computer stellen die Diagnose"!

Der Siegeszug des Kollegen Roboter ist mit Risiken, aber auch enormen Chancen verbunden. Mit Sicherheit wird er Jobs vernichten – wobei die Prognosen weit auseinandergehen. Manche Experten sprechen von zwei Millionen Arbeitsplätzen, die bis 2025 wegfallen könnten. Andere sehen langfristig jeden zweiten Job bedroht. Gleichzeitig aber wird die Künstliche Intelligenz Unternehmen helfen, die über Fachkräftemangel klagen. Und es werden völlig neue Geschäftsmodelle entstehen – mit Berufen, die es im Moment noch gar nicht gibt.

Der Siegeszug des Kollegen Roboter ist auch mit enormen Chancen verbunden.

Vielmehr noch werden die smarten Maschinen ungeahnte Möglichkeiten bieten, große Menschheitsprobleme zu lösen. Anstatt die Technik zu verteufeln, müssen Politik und Gesellschaft klären, wie wir sie einsetzen. Um es mit Stephen Hawkings Worten zu sagen: Wenn wir wüssten, dass in hundert Jahren die Außerirdischen bei und landen, würden wir uns schon heute darauf vorbereiten.

Mit Blick auf den Physiker Hawking lässt sich jedenfalls konstatieren, dass er bereits einer Art Symbiose mit einer smarten Maschine lebt. Aufgrund einer schweren Nervenerkrankung sitzt der Wissenschaftler im Rollstuhl und verlor die Fähigkeit zu sprechen. Kommunizieren kann er nur dank eines Sprachcomputers, den er über Bewegungen seiner Augen steuert. Ohne die moderne Technik könnte Hawking seinen Beruf längst nicht mehr ausüben.

Kein Feld der Technik wird so emotional diskutiert wie Künstliche Intelligenz. Dabei legt der Mensch den Spielraum der Maschinen fest. Lesen Sie hier den Essay "Bitte nicht den Kopf verlieren"!

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Der Autor

Als Science-Fiction-Fan ist Politikredakteur Stefan Stark nicht überrascht, dass einige Visionen aus Klassikern wie Minority Report, Blade Runner oder Star Trek heute real sind. Trotz der Begeisterung für Technik bleibt der Autor auf kritischer Distanz. Aus diesem Spannungsfeld entstand die Idee für unsere Serie.

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