Künstliche Intelligenz

Die Hightech-Augen sehen alles

Dank Künstlicher Intelligenz haben Überwachungskameras fast alles im Blick. Die Internet-Späher sind einen Schritt weiter.

Der Casino-Cam entgeht nichts. Die Kamera liefert gestochen scharfe Live-Bilder in den Überwachungsraum. Der Mann am Monitor zoomt per Joystick Details heran. Jede Kleinigkeit auf dem Blackjack-Tisch erscheint in HD-Qualität. Der Security-Officer hat Spielkarten und Jetons exakt im Blick – und die Hände der Leute am Tisch. Ein Falschspieler würde schnell auffliegen.

Die Kamera ist nur ein Glied in der Kette. Im Hintergrund werten ausgeklügelte Algorithmen und Videoanalysen die Kamerabilder aus und liefern in Echtzeit Informationen an das Casino-Management. Moderne Casinos sind vollvernetzt. Alle wichtigen Funktionen wie Zugangskontrollsysteme, Spieltischüberwachung, Alarmanlagen oder Audio- und Videoübertragung sind integriert. Casinos sind jedoch nur eine von vielen Facetten des boomenden Geschäfts mit analysegestützter Sicherheitstechnik, die mittlerweile auch verstärkt zur Planung und Optimierung von Geschäftsprozessen verwendet wird.

Ki Und Hightech Augen 3
Moderne Casinos sind vollvernetzt: Zugangskontrollsysteme, Spieltischüberwachung, Alarmanlagen oder Audio- und Videoübertragung sind integriert. Foto: dpa

Georg Martin ist Marketingchef des Regensburger Unternehmens Dallmeier. Die Firma zählt zu den Marktführern für Videosicherheitssysteme. „Die Geschäfte laufen sehr gut“, sagt Martin im Gespräch mit unserem Medienhaus. „Wir hatten gerade zeitgleich Kunden aus Amerika, Australien und Island bei uns.“  Neben Spielcasinos zählen auch Kommunen zu den Kunden, die an Kamerasystemen zur Überwachung öffentlicher Plätze interessiert sind. Die Technik ist ebenso in Flughäfen installiert, auf Großparkplätzen für die Zugangskontrolle oder in Sportstadien – in Liverpool ebenso wie in der Regensburger Continental-Arena.

Technik „Made in Regensburg“ hat Fahndungserfolg

In Essen führten Kameras des Regensburger Unternehmens zu einem spektakulären Fahndungserfolg. Die Videoüberwachung verhinderte dort Anfang Januar einen Banküberfall. An einem U-Bahnhof im Zentrum wurde eine Kamera installiert, der wegen zahlreicher Drogendelikte als Angstraum gilt. „Früher standen die Drogendealer auf den U-Bahn-Treppen Spalier. Heute sind sie verschwunden“, sagt Martin. Überwachungstechnik „Made in Regensburg“ ist seit kurzem auch am Kölner Bahnhofsvorplatz und dem Berliner Breitscheidplatz im Einsatz.

Künstliche Intelligenz spielt bei der modernen Videoanalyse zunehmend eine wichtige Rolle, erläutert Martin. Aber nicht unbedingt automatisiert und als selbständig handelnde „Technikwesen“, sondern vielmehr als Assistenzsysteme für die Menschen. Sie liefern Handlungsempfehlungen, Vorwarnungen und Optimierungsvorschläge. Algorithmen können aus den Bildern Muster herauslesen und auffälliges Verhalten registrieren. Der Rechner erkennt „too much Motion“ – also außergewöhnlich viel Bewegung in einem Beobachtungszenario, sagt Martin. So könne das Programm melden, wenn irgendwo Panik ausbricht – etwa wenn Menschen sternförmig von einem Objekt weglaufen.

„Der Einsatz von Videokameras mit biometrischer Gesichtserkennung kann die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit anonym zu bewegen, gänzlich zerstören." Erklärung der Datenschutzbehörden von Bund und Ländern

Ein weiterer Aspekt ist die Gesichtserkennung anhand biometrischer Merkmale. Martin erklärt, warum hier die Künstliche Intelligenz noch am Anfang steht. „Zwei Menschen sitzen auf Stühlen. Wir schließen kurz die Augen. Wenn wir wieder hinschauen, sitzt der eine plötzlich rechts und der andere links. Jedes Kind weiß, dass die beiden die Plätze getauscht haben. Ein Computer schafft diese Transferleistung heute noch nicht“, sagt Martin. Der Rechner erkenne zwar die gleichen Gesichter wieder, aber der Plätzetausch als solcher erschließt sich der Software nicht. Die Rechner scheiterten an Dingen, die für Menschen einfach sind. Der Experte sagt: „Die große Stärke der smarten Maschinen liegt im Erkennen von Mustern, indem sie blitzschnell riesige Mengen an Daten erfassen, abgleichen und auswerten können.“

Datenschützer melden Bedenken gegen die Künstliche Intelligenz an: „Der Einsatz von Videokameras mit biometrischer Gesichtserkennung kann die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit anonym zu bewegen, gänzlich zerstören. Es ist kaum möglich, sich solcher Überwachung zu entziehen oder diese gar zu kontrollieren“, erklären die Datenschutzbehörden von Bund und Ländern. In Pilotprojekten werden solche Systeme derzeit erprobt. Anders als bei konventioneller Videoüberwachung könnten Passanten mit dieser Technik nicht nur beobachtet und herausgefiltert werden, sondern während der Überwachung anhand von Referenzbildern automatisiert identifiziert werden. Damit wird eine dauerhafte Kontrolle darüber möglich, wo sich konkrete Personen wann aufhalten oder bewegen und mit wem sie dabei Kontakt haben.

Wir können bei Bedarf die Gesichter verpixeln und haben dann auf den Livebildern eine anonyme Menschenmasse, wie etwa bei der Videoüberwachung in Fußballstadien. Georg Martin, Marketingchef des Regensburger Unternehmens Dallmeier

Zu Bedenken von Datenschützern erklärt Martin: „Wir können bei Bedarf die Gesichter verpixeln und haben dann auf den Livebildern eine anonyme Menschenmasse, wie etwa bei der Videoüberwachung in Fußballstadien.“ Erst bei Verdachtsfällen würden die Aufnahmen entpixelt. Und selbst dann fände eine Nutzung der Daten nur unter Anwesenheit der Polizei statt. Die Bilder seien manipulationssicher und gerichtsverwertbar.

Die Bespitzelung sozialer Netzwerke

Prof. Christoph Skornia von der OTH Regensburg befasst sich mit der Sicherheit von Computernetzwerken. Mit Sorge blickt er auf die Überwachung des Internets und die Bespitzelung sozialer Netzwerke „Die Snowden-Enthüllungen zeigten: Alles was machbar ist, wird vom Staat eingesetzt.“ Snowden hatte für die größte Enthüllung des Internetzeitalters gesorgt. 2013 übergab er Journalisten streng geheimes Material des US-Geheimdienstes NSA, darunter Informationen über das US-Programm „Prism“ zur globalen Überwachung des Internets. Der IT-Experte Skornia sagt: „Das Gleichgewicht zwischen Freiheit und Sicherheit hat sich verschoben. Eines stieß dabei vielen Leuten sauer auf: Alles lief im Verborgenen ab. Die Bevölkerung hat davon nichts mitgekriegt.“

Sind wir auf dem Weg zur totalen Überwachung?

Im Roman „The Circle“ schafft ein beherrschender Internet-Konzern die Möglichkeit, das Leben eines Menschen auf Schritt und Tritt aufzuzeichnen. Skornia hat ein anderes Ideal vor Augen. Der Sicherheitsexperte forscht an der OTH Regensburg an Lösungen, um Risiken im Vorfeld zu erkennen. „Das würde eine anlasslose Überwachung überflüssig machen“, sagt Skornia. Der Schlüssel dafür ist auch hier die Künstliche Intelligenz. „Wiederkehrende Muster können eine Hackerattacke verraten. Wir versuchen, die Aktivitäten bei einem Angriff auf Computernetzwerke zu erkennen.“ Wie wichtig ein solches Verfahren wäre, zeigt die durchschnittliche Zeit, die vergeht, bis ein Angriff erkannt wird: 99 Tage. Skornia verweist auf die jüngste Hackerattacke auf den Bundestag. „Sie wurde erst durch externe Tippgeber aufgedeckt.“

Wenn das nicht passiert, begeben wir uns auf die Ebene totalitärer Staaten, wo niemand weiß, wer wen kontrolliert. Prof. Dr. Christoph Skornia, Sicherheitsexperte forscht an der OTH Regensburg an Lösungen

Skornia sagt: „Wir beschreiten einen schmalen Grat. Denn Künstliche Intelligenz ermöglich die totale Überwachung. Daher muss man die Daten pseudonomisieren, bis ein konkreter Anlass zur Entschlüsselung eintritt.“ Die Depseudonomisierung müsse auf mehrere Schlüssel verteilt werden, zum Beispiel auf den Administrator und die Strafverfolgungsbehörden. Nur damit würde ein gesellschaftlicher Konsens hergestellt. „Wenn das nicht passiert, begeben wir uns auf die Ebene totalitärer Staaten, wo niemand weiß, wer wen kontrolliert.“

Mit Blick auf das Internet und Soziale Netzwerke sagt Skornia: „Dem Einzelnen ist meist gar nicht klar, wie viele Daten er eigentlich preisgibt.“ Doch anders als bei der Überwachung durch den Staat gelte hier die Selbstverantwortung der Bürger. „Große Unternehmen wie Google und Facebook sind daran interessiert, so viele Daten wie möglich über die eigene Plattform laufenzulassen. Das Geschäftsmodell basiert darauf, dass die Verbraucher mit ihren Daten die Dienstleistungen der Konzerne bezahlen.

Das Material, das sie erhalten, sagt sehr viel über den einzelnen Nutzer aus: Es verrät die politische Überzeugung, sexuelle Vorlieben und Informationen über seine Bonität Prof. Dr. Christoph Skornia, Sicherheitsexperte forscht an der OTH Regensburg an Lösungen

Mit den Daten lassen sich umfangreich Profile erstellen. Geldinstitute könnten etwa fragen: Warum soll ich dem einen Kredit geben, wenn zwei Drittel seiner Facebookfreunde ihre Raten nicht zurückzahlen? Ebenso könnten Versicherer bei bestimmten individuellen Risiken auf persönliche Tarife bestehen. Skornia: „Die Daten werden im Hintergrund erhoben. Eine breite Entrüstung bleibt aus, weil es keiner mitkriegt.“

Der Regensburger IT-Experte erläutert, warum die Technik schnell außer Kontrolle geraten könnte: „Künstliche Intelligenz kann schon jetzt selbstständig Entscheidungen treffen. Sie erkennt Anomalien, die dem Menschen verborgen bleiben.“ Mit Blick auf die Missbrauchsmöglichkeiten sagt Skornia: „Eine Konsequenz wäre, die neue Technik nicht zu konstruieren. Doch das hat in der Vergangenheit noch nie funktioniert, weshalb es nur um eine gute und richtige Nutzung dieser Technologien gehen kann.“

Teilen