Künstliche Intelligenz

Die digitalen Shopping-Helfer

Künstliche Intelligenz verändert die Einkaufswelt schon jetzt gravierend. Doch der große Wandel im Handel beginnt erst.

Im Science-Fiction-Film „Minority Report“ aus dem Jahr 2002 gibt es eine Szene, die eine kühne Vision von der Einkaufswelt der Zukunft entwirft. Als der Held Tom Cruise ein Shopping-Zentrum betritt, identifiziert ihn der Computer in einem Sekundenbruchteil per Iris-Scan. Überall ploppen digitale Werbeposter auf, von denen ihm digitale Verkäuferinnen entgegenzwinkern. Anhand der über ihn gespeicherten Kundendaten präsentieren sie mit Hilfe real aussehender Hologramme Produkte, die ihn interessieren könnten.

Ki Digitale Shoppinghelfer 16
Kühne Vision: Chief John Anderton, gespielt von Tom Cruise, wird in "Minority Report" innerhalb von Sekunden per Iris-Scan identifiziert, als er ein Shopping-Zentrum betritt. Foto: dpa

Der Regensburger Experte Thomas Waas sagt im Gespräch mit unserem Medienhaus: „Technisch wird so etwas bald möglich sein.“ Doch er glaubt nicht, dass die Ladenbetreiber ein allzu großes Interesse daran haben werden. „Warum sollte der Kunde dann noch in ein Kaufhaus gehen? Tom Cruise bewegt sich in dem Science-Fiction-Szenario in einer virtuellen Realität.“ Dafür bräuchte man keinen Laden mehr, sondern nur noch eine 3D-Brille, mittels der man vom heimischen Sofa aus durch Geschäfte bummelt.

Waas ist Dekan der Fakultät Informatik und Mathematik an der OTH Regensburg und befasst sich mit Künstlicher Intelligenz. Er verweist auf einen ganz realen Nachteil der virtuellen Shopping-Tour: „Der Kunde kann die Waren nicht in die Hand nehmen.“

Ki Digitale Shoppinghelfer 17
Thomas Waas: „Neuronale Netze geben Style-Empfehlungen ab.“

Was in den Ladengassen noch Zukunftsmusik ist, spielt sich im Internethandel schon längst selbstverständlich ab. Waas erläutert: „Die Online-Geschäfte arbeiten mit ausgeklügelten Vorschlagsmechanismen. Neuronale Netzwerke werden so trainiert, dass sie zum Beispiel Style-Empfehlungen abgeben.“ Der Kunde stellt dabei Fotos von sich zur Verfügung und der Computer macht Mode-Vorschläge.

Bezahlsysteme ohne Kassen

Der Kreditkartenanbieter Visa setzt auf künstliche Intelligenz für Bezahlsysteme. Diese sollen in Zukunft ganz ohne Kassen und Bargeld auskommen. Visa-Manager Jim McCarthy sagt: „Stellen Sie sich vor, Sie gehen in einen Supermarkt, packen alles, was Sie brauchen, in ihre Tasche und gehen einfach wieder raus.“ Der fällige Betrag wird am Ausgang einfach über das Smartphone vom Konto abgezogen. Damit wären dann Selbstzahlerkassen wie bei Real, Rewe oder Ikea, wo der Kunde die Arbeit der Kassiererin übernimmt, nur eine Übergangslösung.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in einen Supermarkt, packen alles, was Sie brauchen, in ihre Tasche und gehen einfach wieder raus. Visa-Manager Jim McCarthy

Computeralgorithmen ersetzen nicht nur menschliche Leistungen. Sie können manche unserer Wünsche erkennen, ehe sie uns bewusst werden. „Der Online-Händler Amazon setzt diese Technik bereits ein,“ sagt der Experte Waas. Bereits heute sind KI-Systeme omnipräsent. Jede Google-Suchanfrage und jede Empfehlung bei Amazon basiert auf ihnen. Die Algorithmen können aus den Daten weitreichende Schlussfolgerungen ziehen. Dann erhält man gezielt Anzeigen oder den Hinweis „Das könnte Sie auch interessieren.“ Der Regensburger Experte stellt fest: „Die Qualität der personalisierten Werbung wird immer besser. Der Kunde kann kaum noch unterscheiden, ob sie von einem Menschen oder einem Rechner stammt.

Die Qualität der personalisierten Werbung wird immer besser. Der Kunde kann kaum noch unterscheiden, ob sie von einem Menschen oder einem Rechner stammt.​ Regensburger Experte Thomas Waas

Die Computer werden immer leistungsfähiger. Prof. Waas erklärt: „In Teilbereichen sind sie dem Menschen bereits ebenbürtig oder sogar überlegen.“ Er nennt ein eindrucksvolles Beispiel: 2016 besiegte ein Super-Computer einen menschlichen Champion im Brettspiel Go – eine Leistung, die vor kurzem unmöglich schien. Waas erläutert: „Beim Go-Spiel gibt es mehr mögliche Züge als Atome im Weltall. Mithilfe neuronaler Netzwerke – dabei wird die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns nachgeahmt – machte der Rechner intuitive Züge.“ Der Regensburger Experte ist überzeugt: „Künstliche Intelligenz wird fundamentale Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben – so wie einst die Entwicklung des Internets.“

Fühlen und riechen können Roboter noch nicht

Der Sieg des Computers über den Go-Meister bedeutet aber längst nicht, dass superintelligente Beratungsroboter demnächst unsere Einkaufsstraßen kapern: Genauso wie in der virtuellen Welt hapert es auch hier an der Sensorik, sagt Waas. Deshalb kommt es darauf an, welches Produkt die intelligenten Maschinen verkaufen sollen. Bei Banken sind Beratungsterminals auf dem Vormarsch, in Fast-Food-Restaurants Bestellterminals. Doch was hier gut funktioniert, gestaltet sich etwa in einem Textiliengeschäft oder in einem Drogeriemarkt schwieriger: Denn einen Stoff mit den Händen befühlen oder ein Parfüm riechen, das beherrschen die Roboter noch nicht. Allerdings holen sie langsam auf. So versuchen Forscher, den Maschinen eine Art Tastsinn beizubringen.

Ki Digitale Shoppinghelfer 20
Mit dem digitalen Assistenten Bixby will Samsung eine eigene Künstliche Intelligenz in den Alltag bringen. Foto: dpa

Eines funktioniert jedoch bereits jetzt ziemlich gut: Die sprachliche Kommunikation. So läuft auf dem iPhone der Sprachassistent Siri. Auf-Samsung-Smartphones verrichtet die Software namens Bixby ähnliche Dienste. Damit lassen sich nicht nur die Handy-Funktionen sowie Apps bedienen. Der Assistent macht dem Nutzer aufgrund der Geolokalisierungsdaten alle möglichen Vorschläge für seine Aktivitäten, sobald er das Haus verlässt. Bixby schlägt dem Verbraucher Produkte vor, nachdem dieser bestimmte Objekte in Geschäften oder auf der Straße fotografiert hat. Mit Alexa, der sprachgesteuerten Computerröhre von Amazon, lassen sich Wikipedia-Einträge durchforsten oder Einkaufslisten befüllen. Man kann Musik vom PC oder Smartphone wiedergeben und auf den Befehl: „Alexa, nächstes Lied!“ schaltet die Sprachassistentin beim Streamingdienst einen Song weiter. Im Hintergrund hört Amazon natürlich mit und erweitert ständig unsere persönlichen Datenprofile.

Ein Geben und Nehmen mit intelligenten Computern

Prof. Christian Dach, Betriebswirt an der OTH Regensburg, sieht die Datensammelei nicht zwangsläufig negativ. „Ich bekomme dafür maßgeschneiderte Informationen. Gerade war ich auf einer Webseite, die ich vorher noch nie besucht habe und bekam dort Reklame zu sehen – für ein T-Shirt von Borussia Dortmund. Vorher hatte ich den Fußballverein gegoogelt. Personalisierte Werbung kann für den Einzelnen auch positiv sein.“ Der Regensburger Experte erklärt, dass dahinter große Player wie Google und Facebook stehen, die die Daten an werbetreibende Unternehmen verkaufen.

Wenn viele Autofahrer über Google Maps ihre Bewegungsdaten preisgeben, erhalten sie als Gegenleistung ein besseres Verkehrsleitsystem mit aktuellsten Stauinformationen. ​​Prof. Christian Dach, Betriebswirt an der OTH Regensburg

Prof. Dach nennt ein weiteres Beispiel, wie die Verbraucher profitieren können: „Wenn viele Autofahrer über Google Maps ihre Bewegungsdaten preisgeben, erhalten sie als Gegenleistung ein besseres Verkehrsleitsystem mit aktuellsten Stauinformationen. Die Daten-Frage basiert also auf gegenseitigem Geben und Nehmen.“

Die Sprachassistenten Siri, Alexa & Co. sind nach Dachs Einschätzung ein Weg für die Firmen, an noch mehr Daten heranzukommen. Mit dem Ziel, diese Software auch an Drittanbieter zu verkaufen, etwa für Infotainmentsysteme im Auto. „So kommen Amazon und Google auch an noch mehr Bewegungsdaten. Sie erfahren, bei welcher Temperatur ich mich wohlfühle und wissen spätestens dann alles über meinen Musikgeschmack.“

In fünf Jahren wird das Smartphone durch die Datenbrille ersetzt werden, die auch mit Sprachbefehlen gesteuert wird. ​​Prof. Christian Dach, Betriebswirt an der OTH Regensburg

Der Regensburger Experte wagt eine Prognose: „In fünf Jahren wird das Smartphone durch die Datenbrille ersetzt werden, die auch mit Sprachbefehlen gesteuert wird. Damit gehe ich durch die Stadt und bekomme zum Beispiel eingespielt, welche Angebote das Geschäft gegenüber gerade hat.“ Dach meint, diese Entwicklung könne sehr rasant geschehen und blickt zurück auf die Revolution, die 2007 mit der Einführung des iPhones in Gang gesetzt wurde. „Im Jahr 2009 war der einstige Handy-Riese Nokia noch der weltweite Platzhirsch. 2012 war Nokia vom Markt praktisch verschwunden.“

Wenn ich im Jahr 2022 über die Straße gehe, sagt mir die Datenbrille, wer mir gerade begegnet. Ich finde es bedenklich, wenn dadurch die bisherige Anonymität in der Masse verlorengeht. Prof. Christian Dach, Betriebswirt an der OTH Regensburg

Einen weiteren Aspekt der Datenbrille betrachtet Prof. Dach kritisch: Die Gesichtserkennung. „Wenn ich im Jahr 2022 über die Straße gehe, sagt mir die Datenbrille, wer mir gerade begegnet. Ich finde es bedenklich, wenn dadurch die bisherige Anonymität in der Masse verlorengeht. Jeder, der heute bereits bei der Google-Suche nach seinem Namen ein Bild von sich im Netz findet, wird damit leben müssen – das Internet vergisst leider nicht.“

Dach sieht ein enormes Potenzial in der künftigen Technik. „Bereits der Siegeszug des Smartphones war atemberaubend. Wer braucht heute noch einen Wecker, einen Scanner, einen Fotoapparat oder ein Navi,“ fragt er. „Wenn man diese Entwicklung auf die Datenbrille extrapoliert – und das ist keine Science Fiction – stehen wir vor einem neuen Quantensprung.“

Teilen