15er-WG mit Jokerzimmer oder eigenes Tiny House?

In Burglengenfeld steht das erste Tiny Café der Oberpfalz. Und ein Architekt erklärt, wie das Stadtviertel der Zukunft aussehen könnte.

Ein bisschen fühlt sich der Besucher wie in einer Puppenstube. In Joachim Höflings Café „Zum Römer“ in Burglengenfeld riecht es nach neuen Holzmöbeln, es ist wohlig warm und vor allem – sehr klein. Auf elf Metern Länge und 2,80 bis drei Metern Breite hat der 64-Jährige sich einen Traum erfüllt und das erste Mini-Café der Region gebaut.

Drei Tische mit insgesamt 12 Plätzen und zwei Thekenplätze gibt es im 20 Quadratmeter großen Gastraum. Mini-Maße hat auch die Küche, aber sie ist voll ausgestattet: Eine Spülmaschine, ein Ofen, eine Kaffeemaschine und zwei Kochplatten mit Dunstabzugshaube – mit 38 Zentimetern Breite wohl die schlankste Version auf dem Markt. Die Platzverhältnisse bestimmen auch das gastronomische Angebot: Höfling wird neben Brotzeiten vor allem Flammkuchen servieren – die sind flach genug für den Mini-Ofen. Und natürlich sind auf engstem Raum auch alle rechtlichen Vorschriften eingehalten: Die für einen Fluchtweg vorgeschriebenen 90 Zentimeter sind genauso vorhanden wie eine Herren- und eine Damentoilette.

Höfling ist der Mini-Haus Pionier der Region. Vor zwei Jahren baute er ein Single-Haus in Burglengenfeld. Viele hielten es zuerst für eine Garage. Dazu kam ein Einfamilienhaus, in dem Höfling, seine Frau und seine zwei Söhne auf 86 Quadratmetern wohnen. Genug Platz für alle, sagt der gebürtige Franke. „Sie können hier so groß bauen, wie Sie wollen – aber das hier, das ist eine Herausforderung“, sagt er über sein Café. Und schließlich sei er einfach kein Typ für SUVs – oder eben große Häuser.

In diesem 360-Grad-Bild können Sie sich im Inneren des Tiny Cafés umschauen. Ziehen Sie den Bildausschnitt mit der Maus einfach in eine beliebige Richtung: 

Mini-Café in Burglengenfeld - Spherical Image - RICOH THETA

Der Trend wird zur Notwendigkeit

Das Konzept der Tiny Houses (engl. für „winzige Häuser“) kommt aus den USA. Die Wohnfläche beträgt normalerweise bis zu 46 Quadratmeter. Dahinter steht eine ganze Philosophie. Die Häuschen sollen dem Flächenverbrauch entgegenwirken, Energie sparen und mobil machen: Einer ihrer Vorteile ist, dass der Eigentümer sie auf einen Lkw-Anhänger laden und mitnehmen kann. Langsam schwappt dieser Trend auch nach Europa herüber.

In der Oberpfalz haben die Mini-Häuschen noch nicht so richtig Fuß gefasst. Ein Single- oder Tiny-House haben nur wenige Architekten und Baufirmen im Portfolio. Dazu gehört Michaela Holzner, Bauingenieurin und Geschäftsführerin von „Holzner Haus“ in Amberg. Sie hat für einen Kunden aus Hirschbach ein Single-Haus entworfen. Auch hier gibt es auf engstem Raum alles, was ein Haus ausmacht: Auf insgesamt 80 Quadratmetern bietet es neben Bad, Wohnraum, Küchennische und einem auf einer Empore gelegenen Schlafzimmer einen Wintergarten, im Keller befinden sich ein größerer Arbeitsraum und ein Gästezimmer.

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    So sieht das Café "Zum Römer" von außen aus. (Foto: Wolf)
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    Es muss nicht immer der größte Kaffeevollautomat sein... (Foto: Wolf)
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    Bei Joachim Höfling wird der Frankenwein in den traditionellen Römern serviert - daher auch der Name des Cafés. (Foto: Wolf)
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    Das Tiny Café von Joachim Höfling ist auf den ersten Blick leicht mit einem Wintergarten zu verwechseln. (Foto: Wolf)
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    Joachim Höfling hat sich sein Tiny Café zwischen zwei Minihäuser gebaut. (Foto: Wolf)

Die typischen Kunden für diese Art des Wohnens seien eher ältere Menschen, die ihre Ruhe haben möchten, erklärt Michaela Holzner. Für Singles seien Eigentumswohnungen attraktiver, denn die Kosten für Grundstück, Anschluss und Unterhalt fallen auch bei Mini-Häusern an. „Im Vergleich macht das die Tiny Houses relativ teuer“, erklärt Holzner. Und auf das Grundstück zu verzichten und sein Häuschen einfach mitzunehmen, ist in Europa etwas schwieriger als in den USA: Wo ein Tiny House stehen darf und wo nicht, ist genau definiert. Nach Auskunft der Stadt Regensburg darf ein Tiny House zwar grundsätzlich auch auf einem fremden Grundstück aufgestellt werden. Allerdings müssten auch hier die baurechtlichen Vorschriften beachtet werden, zum Beispiel müsse das Grundstück zum Wohnen geeignet sein. Und soll das Häuschen über eine längere Zeit dort stehen, wird eine Baugenehmigung erforderlich.

Dazu ist eine „Mobilie“ wohl auch nicht jedermanns Geschmack: „Dazu sind die Menschen in der Oberpfalz vielleicht auch zu bodenständig“, meint Michaela Holzner. In den Städten werden mobile und flexible Wohnformen allerdings immer beliebter. „Auf dem Land sind Mini-Häuser sicher noch kein Trend – in den Städten aber eine Notwendigkeit“, meint Joachim Höfling. Denn dort wird der Wohnraum immer knapper, die Mieten explodieren. Ein Einfamilienhaus ist in den Ballungsräumen für viele Normalverdiener und Familien unerschwinglich geworden. Alternative Wohnformen sollen einen Ausweg aus der Spirale von Wohnungsknappheit, horrenden Mietpreisen und fortschreitendem Flächenverbrauch bieten.

"Die Menschen in der Oberpfalz sind vielleicht noch zu bodenständig für mobile Wohnformen." Michaela Holzner (Foto: Holzner Haus)

Funktionsweise schlägt Ästhetik

Leon Verhovskij, der Sprecher der Bürgerbewegung Transition Regensburg, und seine Freundin Katharina Speiser sitzen in der „Wechselwelt“ in der Innenstadt auf bunten Sofas. Der kleine Laden ist voller Kleidung, Bücher und Spielzeug, das getauscht werden kann. Möglichst ressourcenschonend wollen sie leben – und zwar in allen Bereichen, erklärt Verhovskij. Dazu wird in einer Scheune auf dem Pürkelgut-Gelände gehämmert und gezimmert. Der Verein baut dort nach eigenen Entwürfen die ersten kleinen Häuser, die der Grundstock für eine Siedlung werden sollen.
Die künftigen Tiny House-Bewohner sollen eine Gemeinschaft bilden, die zusammen ihr Ideal vom möglichst energie- und klimaneutralen Leben verwirklicht. Dazu gehören geschlossene Kreisläufe mit Solarthermie, eigenem Feldbau und Kompost-Toiletten. Das Vorbild sind Ökosiedlungen, wie es sie bereits weltweit gibt.

Die Mini-Häuser mit ihrer kleinen Fläche und dem geringen Energieverbrauch passen wunderbar ins Konzept. Sie entstehen nach eigenen Entwürfen. „Man muss einfach bis ins Detail planen“, erklärt Verhovskij. Auf circa 22 Quadratmetern besteht sonst für ein Paar die Gefahr, sich auf die Füße zu treten. Daher planen er und Speiser zwei Räume, die durch Türen getrennt werden – nicht unbedingt Standard in den Tiny Houses. So kann jeder in Ruhe arbeiten. Um mehr Platz zu schaffen, kann das Bett weggeklappt werden. Ohne handwerkliches Geschick und innovative Lösungen geht auf kleinem Raum eben nichts.

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    Das Bett lässt sich während des Tages hochklappen. Foto: Transition Regensburg
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    In den Minihäusern muss alles platzsparend sein - natürlich auch die Küche. Foto: Transition Regensburg
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    Im Inneren des Modells "Karl" der Firma "Wohnwagon" hat sogar ein gemütlicher Ofen Platz. Foto: Wohnwagon
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    Heimelig und rustikal: Der "Almwagen Fanni" von "Wohnwagon" Foto: Wohnwagon
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    Das TinyHouse Village im Fichtelgebirge. Die Häuschen stehen auf einem Campingplatz. Foto: Transition Regensburg

Andreas Eckl, Vorsitzender des Architekturkreises Regensburg, denkt nicht, dass Tiny Houses den Wohnungsmangel und das Mietproblem in den Städten lösen können. Sie seien zwar ein „charmanter Beitrag“, könnten aber nicht die Zahl an Wohnungen liefern, die benötigt würden. Eckl sitzt im Besprechungszimmer seines Büros in der Regensburger Wöhrdstraße. Die Sonne scheint durch die Fenster der altehrwürdigen Villa, im großzügigen Garten stehen knorrige Apfelbäume. Sätze wie „die Zukunft liegt im Inhalt statt in der architektonischen Gestaltung“ überraschen aus dem Mund eines Mannes, der sich sein Büro in der Idylle eingerichtet hat. Aber natürlich plädiert Eckl nicht für hässliche Hochhaussiedlungen, wie sie etwa in den 1970ern aus dem Boden gestampft wurden. Betonwüsten, die gegen die Wohnungsknappheit helfen sollten und die oft genug zu sozialen Brennpunkten mutiert sind.

Was der Architekt meint, ist, dass der Wohnungsbau der Zukunft neuen Lebensmodellen und sich verändernden Bedürfnissen gerecht werden muss. Stadtviertel mit kurzen Wegen sollen entstehen, mit guter sozialer Mischung und öffentlichen Räumen, die „vernünftig gestaltet sind“.

Monofunktionale Einheiten endlos nebeneinander - so sollte ein Stadtviertel laut Architekt Andreas Eckl nicht aussehen. (Foto: Stolz)

Eine Lösung für die Zukunft könnten Genossenschaften bieten. Ein Beispiel für eine laut Eckl „wirkliche Vision von nachhaltigem Stadtbau“ ist die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich. Das Projekt bietet verschiedenste Wohnformen: Von der Single-WG mit 15 Zimmern, deren Bewohner sich Gemeinschaftsräume und Küche teilen, über Wohngemeinschaften für ältere Menschen und Sozialwohnungen bis zur Bibliothek und einer gemeinschaftlich genutzten, 2500 Quadratmeter großen Terrasse. Dazu kommen Läden, Büros und Begegnungsräume. Für zusätzliche Flexibilität sorgen sogenannte Jokerzimmer, die bei Bedarf für eine begrenzte Zeit dazu gemietet werden können. Ein Modell für die Zukunft, sagt Eckl. Siedlungen wie das Dörnberg-Viertel, das gerade in Regensburg entsteht, sind seiner Meinung nach dagegen wenig zukunftsweisend. Dort werde nur eine Klientel und eine Einkommensgruppe angesprochen. Man müsse aber die Stadt weiterbauen, nicht nur Wohngebiete.

Eckl gestikuliert viel und redet schnell, die Begeisterung über die neuen Konzepte ist ihm anzumerken. Er hat genaue Vorstellungen von einem idealen Stadtviertel: multifunktionale Wohnräume bieten die nötige Flexibilität, Generationen und Einkommensklassen sind bunt gemischt, der nächste Supermarkt ist nie weit, was die Verkehrsbelastung reduziert. Im Idealfall bleiben die Erdgeschossräume frei für Gewerbe. So entsteht nicht nur eine ausgewogene Mischung, auch spielende Kinder stören die Bewohner nicht. Durch Grünflächen und eine Mischung aus Geschäften, Cafés und Gastronomie bleibt das Viertel rund um die Uhr lebendig. „Wenn sich das Leben auf der Straße abspielt, gibt es immer soziale Kontrolle“, sagt Eckl. Auf diese Weise entstehen keine leeren Räume, die sich zu Angsträumen entwickeln – soziale Brennpunkte können so gar nicht erst entstehen. In diesem Punkt könnte Regensburg mutiger sein, meint Eckl.

Andreas Eckl, Architekt und Leiter des Architekturkreises Regensburg, erklärt, wie für ihn das ideale Stadtviertel aussieht: 

„Eine gemischte Stadtstruktur ist ein vernünftiges Ziel – in einem Gebäude funktioniert das aber nicht“, entgegnet Anton Sedlmeier, Leiter des Amts für Stadtentwicklung in Regensburg. Vor allem die Verknüpfung von Wohnen und Arbeiten berge Konfliktpotenzial: Über einem Büro zu leben sei meist kein Problem, bei Kindertagesstätten und Handwerksbetrieben sehe die Sache wegen des Lärms aber schon anders aus. Vor diesem Hintergrund sei eine gute Mischung zwar in einem Stadtviertel nötig, ein Gebäude selbst solle aber besser homogen gehalten werden.

Eckl rät zu einem Konzept, das Stadt, Zivilgesellschaft und privatwirtschaftliche Akteure gleichermaßen einbezieht. Das von der Transition-Bewegung geplante Ökodorf könnte ein erster Schritt zu alternativen Wohnformen in der Region sein. Ob Wohnen auf engstem Raum oder 15er-WG – um den gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen zu können, wird Flexibilität zu einem Muss.

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