Reportage

Der Mut, es erstmal falsch zu machen

Beim Hackathon des Medienhauses Mittelbayerische ist zu sehen, was Kreativität im digitalen Zeitalter ausmacht.

Zweiunddreißig Stunden lang hat Manuel Schmidt jetzt nicht geschlafen. Schmidts Wangen sind rot, er spricht leise und in kurzen Sätzen. Schmidt sitzt vor seinem Notebook. Hinter ihm die großen Fenster im Konferenzraum des Medienhauses Mittelbayerische, vor ihm auf dem Bildschirm ein Website-Modell. Das Wort „Impossible“ ist darauf zu sehen, zu Deutsch unmöglich, mit Kreide auf einer Schultafel geschrieben. Darüber zwei Finger einer Hand, zu einer Schere geöffnet. Unmöglich? Gibt es nicht.

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Manuel Schmidt (rechts) hat für sein Projektteam die Nacht durchgearbeitet.

Es ist jetzt zehn Uhr Vormittag, am zweiten Tag des Hackathons des Mittelbayerischen Medienhauses. Ein Hackathon ist wohl am besten umschrieben als Ideenfabrik auf Zeit. Programmierer, Designer und andere kreative Menschen werden für ein paar Tage eingeladen. Ein paar von ihnen entwickeln Ideen für digitale Produkte oder Dienste, stellen sie vor – und bilden mit anderen Teilnehmern ein Team, das aus der Idee ein fertiges Produkt macht. Oder zumindest einen Prototypen, eine vorläufige Version. Das Ergebnis stellt jedes Team am Ende in einer Präsentation vor.

49 Teilnehmer, fünf Preise

Auf einen Blick

Was ist ein Hackathon?

Als Hackathon bezeichnet man eine Veranstaltung in der die Teilnehmer in Zusammenarbeit Soft- und Hardware entwickeln. Hackathon besteht aus den Worten „hacken“ und „Marathon“. Hacken bezieht sich hier auf die Computerprogrammierung und nicht die kriminelle Form des Eindringens in Computersysteme. Marathon beschreibt die Ausdauer, die bei den Teilnehmern nötig ist, um die teils mehrtägigen Veranstaltungen zu meistern.

Woher kommt das Wort?

Erstmals tauchte die Wortkreation „Hackathon“ im Umfeld von „OpenBSD“ (einem lizenzfreien Betriebsystem aus der Gruppe der Unix-Derivate) und „Sun Microsystems“ (Computer- und Softwarehersteller der Stanford Universiyty) im Jahr 1999 auf. Bei OpenBSD auf einer Entwicklerkonferenz, bei Sun innerhalb einer Java-One-Konferenz zu Palm V. Ab Mitte der 2000er nutzten die Softwareindustrie und viele private Kapitalgeber in den USA Hackathons zum Verfeinern bereits bestehender Software oder um neue Ideen für neue Software zu bekommen.

Haben Hackathons Erfolg?

Schon oft haben sich die Ideen aus Hackathons zu Startups weiterentwickelt. Wie 2010 auf dem Hackathon „Tech Crunch Disrupt“. Dort entstand die Chat-App „GroupMe“. Ein Jahr später hat es das Unternehmen „Skype“ für 85 Millionen Dollar aufgekauft.

Der Hackathon der Mittelbayerischen findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Am Donnerstagabend hat er begonnen, 49 Teilnehmer sind in diesem Jahr gekommen. Zum Abschluss, am Samstag, entscheidet eine Jury, welche Projekte sie am meisten überzeugt haben – und vergibt einen Hauptpreis, dotiert mit 2000 Euro, und vier Nebenpreise. Am Freitagabend haben insgesamt vierzehn Teilnehmer im Konferenzraum ihre Ideen vorgestellt, in etwa einminütigen Kurzpräsentationen. Neun Teams sind am Ende daraus entstanden. Und Schmidt, der Schlaflose, gehört zu einem davon.

Schmidt, der sonst als Netztechniker für eine Regensburger Software-Firma arbeitet, hat nach dem Hackathon-Auftakt nicht geschlafen, weil er einfach im Konferenzraum geblieben ist. Er hatte ein langes, intensives Date mit der Programmiersprache JavaScript. Bis zum Morgengrauen ist der 20-Jährige hier gesessen, vor weißen Zeilen Programmcode auf schwarzem Untergrund. Am Freitagvormittag sitzt Schmidt also immer noch an seinem Rechner, neben ihm seine beiden Teampartner. Die drei möchten für den MZ-Hackathon ein Online-Portal entwickeln. Das Portal soll es Unternehmen ermöglichen, Kosten und Zeitaufwand bestimmter Services im Voraus zu kennen, zumindest ungefähr – um nicht die Katze im Sack zu kaufen.

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    Dirk Zeiler vom nma stimmt ein. Foto: Lex
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    MZ-Chefredakteur Manfred Sauerer begrüßte die Teilnehmer. Foto: Lex
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    Sabela Garcia Cuesta vom nma berät die Teams. Foto: Lex
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    Bei der Arbeit Foto: Lex

Einen Tisch weiter sitzen Verena Schlott und Laura Schwarzbach. Nur ein paar Meter entfernt, aber in einer ein anderen Welt, zumindest auf ihren Computerbildschirmen. Die beiden arbeiten an einem Projekt für das Museum der Bayerischen Geschichte, das 2018 in Regensburg eröffnen wird und so digital sein will wie kein zweites Museum im Freistaat. Zumindest ist das am Freitagvormittag so.
Schlotts und Schwarzbachs Idee: Eine App, über die Museumsbesucher von virtuellen 3-D-Figuren real existierender Bayern durch die jüngere Geschichte des Freistaats geführt werden: Franz Beckenbauer etwa oder Franz Josef Strauß. Die App soll auf Wunsch der User entweder Augmented Reality bieten – also digitale Zusatzinfos zur realenWelt einblenden – oder Virtual Reality, über die Nutzer dank einer Datenbrille komplett in eine digitale Welt eintauchen. Wie hat es 1920 auf der Steinernen Brücke in Regensburg ausgesehen? Das soll man dank der App von „BavARia“ erleben können.

Ausprobieren und falsch machen

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Verena Schlott und Laura Schwarzbach basteln an der digitalen Zukunft eines Museums. Foto: Lex

Die Philosophie eines Hackathon ist recht einfach beschrieben: Trial and Error, ausprobieren und falsch machen. Die Entwickler sollen hier frei sein, Ideen auszuprobieren, sie wieder zu verwerfen und neu aufzubauen – ohne den Druck eines Kunden oder Vorgesetzten. Dirk Zeiler, CEO der Startup-Schmiede Next Media Accelerator und Mitglied des Hackathon-Organisationsteams, hat am Vorabend, bei der Begrüßung der Teilnehmer, diesen Satz an die Wand projiziert: Wenn Dir die erste Version Deines Produkts nicht peinlich ist, dann hast Du es zu spät auf den Markt gebracht.

Am Freitagnachmittag sind die meisten Hackathon-Teilnehmer schon über die erste Version heraus. 16.30 Uhr, das Stimmengewirr im Konferenzraum wird lauter. Ein Teilnehmer zeigt den anderen Mitgliedern seines Teams ein Tablet mit einem Entwurf seines Projekts, die anderen stellen Fragen, einer reibt sich die Augen, die Ringe um die Augen sind tief.
Verena Schlott und Laura Schwarzbach wollen ihren virtuellen Assistenen jetzt nicht mehr nur für ein Museum anbieten, sondern Museumsbetreibern allgemein. Manuel Schmidt hat mit seinem Team inzwischen einen Namen für das Erfahrungs-Portal gefunden: OffAir soll es heißen, eine Mischform aus Offer, Angebot, und fair. Um Mitternacht will er dann schlafen gehen, vielleicht. Dann soll der erste Prototyp fertig sein.

Ein Video vom ersten Tag des #mzhack17 sehen Sie hier:

Wir begleiten den #mzhack17 im NewsBlog:

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