Angeklopft Ostbayern Lixenried Jw 43

Angeklopft.

Lixenried und die Liebe

Der 600-Seelen-Ort liegt tief im Bayerwald kurz vor der tschechischen Grenze. Verschlafen ist das Leben dort trotzdem nicht. Die Bindung zum Verein ist innig und die Feste wild.

Vor Lixenried liegen ungemähte Wiesen und dichte Wälder, sonst nichts. Hinter Lixenried ist nicht mehr viel Bayern. Bis zur tschechischen Grenze sind es fünf Kilometer Luftlinie, dann ist Schluss. Durch Lixenried führt die Bergstraße von Ost nach West. Entlang dieser Achse spielen sich Leben und Liebe der 600 Menschen ab, die hier wohnen. Die Einwohnerzahl hat sich seit den 1950er Jahren nicht verändert. Es werden nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Verena Schmatz ist eine von denjenigen, die das Dorf jung halten. Die 27-Jährige gibt ordentlich Gas, als sie mit ihrem schwarzen Seat auf den Eisstockplatz am südlichen Dorfrand zufährt. Sie bremst ab, springt aus dem Auto, zückt ihr Handy. Verena Schmatz macht Fotos von den asphaltierten Eisstockbahnen für die Facebook-Seite des Vereins. Sie will den ESC Lixenried auf dem sozialen Netzwerk gut aussehen lassen. 107 Fans hat der Verein dort schon, immerhin jeder Sechste im Dorf. Schmatz lädt Gruppenbilder von Mitgliedern ins Netz, allesamt in Vereinsjacke. Ergebnislisten von Pokalspielen im Nachbardorf. Sogar ein Bekenntnis steht auf Facebook: „Stockschießen, die schönste Freizeitbeschäftigung der Welt!“

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Der Eisstockplatz am südlichen Dorfrand ist der Lieblingsplatz von Verena Schmatz - hier verbringt sie den Großteil ihrer Freizeit. Foto: Jana Wolf

Vor vier Jahren ist die 27-Jährige nach Lixenried gezogen. Im Eisstockverein ist sie allerdings schon, seit sie zehn ist. Ihr Opa war schon Mitglied, genauso wie ihre Eltern. Jeden Freitag um 19 Uhr geht sie trainieren. Aber auch an allen anderen Tagen in der Woche ist der Asphaltplatz mit dem angrenzenden Vereinheim der Treffpunkt für Freunde. Weggehen, in die Disko, ist nicht ihr Ding, sagt Verena Schmatz. Wenn sie die Wahl zwischen Mädelsabenden und der Eisstock-Gesellschaft hat, ist ihre Wahl eindeutig. Und wenn man sie fragt, was sie nach Lixenried gezogen hat, dann sagt sie: „Ich hab nicht weit zum Eisstockplatz runter.“ Verena Schmatz und der ESC – das ist Liebe. Von der anderen Liebe, der verflossenen, sagt sie erst einmal noch nichts.

Sein Motorrad hat sie beeindruckt

Marianne Kreitl macht keinen Hehl daraus, dass die romantische Liebe sie nach Lixenried gezogen hat. Ihren Mann Ludwig lernte sie beim Tanzabend in Gleißenberg kennen, erzählt die 80-Jährige. Ihr Heimatdorf liegt zweieinhalb Kilometer von Lixenried entfernt. Marianne Kreitl sitzt vor ihrem Haus am östlichen Ende der Lixenrieder Bergstraße, in der Nähe kräht ein Hahn. Von dort reicht sogar der Blick bis Gleißenberg. Vor 59 Jahren hat sie „hergeheiratet“, sagt sie. Damals, in den späten 1950ern, habe man innerhalb des Dorfes geheiratet – oder eben im nächsten. Wenn sich die frisch Verliebten sehen wollten, mussten sie zu Fuß gehen. An ein eigenes Auto oder gar ein Telefon war nicht zu denken. Zwei Autos gab es im ganzen Ort, ein Telefon im Wirtshaus. „Mein Mann hatte ein Motorrad, als wir uns kennengelernt haben“, sagt Marianne Kreitl und Stolz liegt in ihrer Stimme. „Heute sind wir ein Auslaufmodell.“

An das Haus der Familie Kreitl schließt sich direkt der alte Gemischtwarenladen an. In den Regalen stehen noch immer Produkte, obwohl der Edeka seit vielen Jahren geschlossen ist: Essiggurken, Bärenmarke-Kaffeesahne, Mildessa-Sauerkraut, Schulhefte. Heute dienen die 200 Quadratmeter Ladenfläche als privater Lagerraum für die Familie. 

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    Anlaufstelle im Ort: Der alte Edeka-Laden der Familie Kreitl ist zwar seit vielen Jahren geschlossen - das Dorfbild prägt er aber noch immer. Foto: Jana Wolf
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    Überbleibsel aus alten Zeiten: In den Regalen des Gemischtwarenladens stehen noch immer Lebensmittel - heute nur noch zum privaten Gebrauch. Foto: Jana Wolf
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    Chefin im Laden: Marianne Kreitl führte den Edeka über Jahrzehnte. Foto: Jana Wolf
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    Leben an der Bergstraße: Das Haus der Familie Kreitl liegt am westlichen Ende der Hauptstraße in Lixenried. Foto: Jana Wolf

Marianne Kreitl führte den Laden, während sich ihr Mann um die Landwirtschaft kümmerte. Freizeit gab es damals nicht, sagt die 80-Jährige, und auch das Vereinsleben spielte keine Rolle. Neben der Arbeit war für solche Faxen früher keine Zeit.

Die Arbeitszeit war allerdings mit Leben gefüllt. Die Frauen aus dem Dorf kamen nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Ratschen in den Dorfladen. Sie kannte jeden aus dem Ort, erzählt Marianne Kreitl. „Man hat an jedem Schicksal teilgenommen. Früher blieb nichts geheim.“ Heute sei alles viel unpersönlicher. Die Jungen seien nur mit sich beschäftigt – und mit ihren Laptops und Handys.

Er sucht den Freiraum und die Unabhängigkeit innerhalb der Dorfgrenzen.

Martin Christl kennt solche Geschichten von seiner Oma. „Die sagt immer, in Lixenried ist jeder mit jedem verwandt“, erzählt der 34-Jährige. Christls Familie lebt seit mehreren Generationen im Dorf. Auch er selbst ist in Lixenried geboren, dort aufgewachsen und lebt bis heute dort. Nur aus dem Elternhaus musste er weg. Dort zu wohnen, kommt für ihn nicht mehr in Frage, sagt Martin Christl. Er sucht den Freiraum und die Unabhängigkeit innerhalb der Dorfgrenzen. Und die findet er in der eigenen Wohnung.

Vor vier Jahren sind Martin Christl und Verena Schmatz zusammengezogen – damals frisch verliebt. Hinter dem Haus liegt die Terrasse im geschützten Innenhof. Hier sieht es keiner, wenn die Blumen schlapp die Köpfe hängen lassen, weil sie nicht gegossen werden. Hier rümpft keiner die Nase wegen der Sorglosigkeit der Jugend. Freiraum eben. Heute ist alles anders: Das Paar hat sich gerade getrennt. Ob Verena Schmatz nun in Lixenried bleibt, will sie nicht erzählen.

Rivalitäten zwischen Vereinen kennt Lixenried nicht

Wenn Martin Christl die Gesellschaft im Dorf sucht, dann findet er sie in den Vereinen. Eisstock, Feuerwehr, Bundesbierschutz – der 34-Jährige ist Mitglied in jedem Verein im Dorf, außer im Obst- und Gartenbauverein. Eine Mitgliedschaft schließt die andere nicht aus, sagt Martin Christl. Solche Rivalitäten kennt Lixenried nicht.

Beim Bundesbierschutz gehört Martin Christl zum 25-köpfigen Gründungsteam. Vor 20 Jahren ist in einer Bierlaune die Idee zu dem Stammtisch entstanden, aus dem ein Verein mit stolzen 135 Mitgliedern gewachsen ist. Der ungewöhnliche Vereinsname ist schnell erklärt: In Lixenried gilt das Bier eben als schützenswerte Sache. In den ersten Vereinsjahren durften nur gebürtige oder ortsansässige Lixenrieder beitreten. Heute sind alle willkommen. Der Liebe zum Vereinsleben sollen keine Grenzen gesteckt sein.

In diesem Facebook-Video schwärmen Lixenrieder für ihr Dorf und ihren Bundesbierschutz-Verein:

Die wildesten Feste am Rande Bayerns

Wie der Eisstockverein zeigt sich auch der Bundesbierschutz auf Facebook von seiner lebensfrohen Seite: In Dirndl, Lederhosen und mit Vereinsfahnen marschierte das ganze Dorf beim 20. Gründungsfest ins Festzelt ein. Nach dem Bieranstich blieb kein Krug leer, bis die Luftgitarre-Spieler zu Rockschlagern wie „We will rock you“ und „Rockin’ All Over The World“ loslegten. Fast so, als wollten die Lixenrieder beweisen, dass am Rande Bayerns die wildesten Feste gefeiert werden.

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Marianne Kreitl wirkt jugendlich verschmitzt, wenn sie von den Festen in ihrer Jugend erzählt. Foto: Jana Wolf

Marianne Kreitl hat mit den Umtrieben der Jungen nichts mehr zu tun. Auch das Motorrad, mit dem einst ihr Mann sie beeindruckte, gehört der Vergangenheit an. Ludwig Kreitl ist heute 87 Jahre als und an den Rollstuhl gebunden. Wenn Marianne Kreitl aber von der gemeinsamen Vergangenheit erzählt, von Sommerabenden, vom Tanz und der Gemeinschaft im Dorf, dann wirkt sie jugendlich verschmitzt. Es scheint so, als könnten die Erinnerungen in ihrem Kopf mit den Geschichten der Jungen, die auf Facebook zu sehen sind, allemal mithalten.

Die Serie

Angeklopft. Besuche in Ostbayern

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Die Serie

Einmal im Monat erscheint ein neuer Beitrag von „Angeklopft. Besuche in Ostbayern“. Die Serie erzählt von unseren Lesern und den Menschen in unserer Region – authentisch und ganz nah dran. Denn es sind die Geschichten hinter den Schlagzeilen, die berühren, überraschen und uns zum Nachdenken bringen.

Die Autorin

Für die neue Serie fährt MZ-Redakteurin Jana Wolf raus in die Region. Sie hat keinen Rechercheplan dabei, sondern lässt sich von dem leiten, was ihr vor Ort begegnet – spontan und ein bisschen wagemutig. Sie will die Menschen im MZ-Gebiet zum Reden bringen. Denn sie ist sicher: Sie haben viel zu erzählen.

Der nächste Serienteil

Einmal im Monat erscheint ein neuer Beitrag der Serie. Die nächste Tour für den Monat September führt MZ-Redakteurin Jana Wolf nach Paulushofen im Landkreis Eichstätt am Rande des MZ-Gebiets. Die Geschwister Monika (20) und Clemens Euringer (25) arbeiten im Gasthof, Hotel, in der Landwirtschaft und Metzgerei der Familie – und bringen frischen Wind in den Laden.

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