Angeklopft.

Heimat gibt es nur im Plural

Für die Serie „Angeklopft“ haben wir zwölf Touren in die Region unternommen. Entstanden sind zwölf Momentaufnahmen verschiedener Leben und Orte. Heimat haben wir überall entdeckt – in vielen verschiedenen Formen.

Heimat ist eine heiße Angelegenheit. Der Schmied Sepp aus Kastl zum Beispiel kommt ins Schwitzen, wenn er sich an dem Ort aufhält, der für ihn am engsten mit Heimat verknüpft ist: die Feuerstelle in seiner Schmiedewerkstatt. Obwohl der 82-Jährige den Betrieb im Landkreis Amberg-Sulzbach vor mehr als 20 Jahren an seinen Sohn übergeben hat, kommt er jeden Tag in die Werkstatt. In fünfter Generationen führt die Familie den Betrieb. Hier ist Tradition kein politischer Kampfbegriff, sondern Alltag.

In einer Zeit, in der das Handwerk um seine Existenz bangen muss; in der junge Leute in Scharen an Universitäten strömen und Handwerksbetriebe keinen Nachwuchs finden, kann Heimat bedeuten, altes Wissen zu bewahren und weiterzugeben. Für den Schmied Sepp ist der Beruf auch eine Berufung. Heimat ist für ihn der Ort, an dem er dafür sorgt, dass die Schmiedekunst nicht in Vergessenheit gerät.

„Der Beruf ist für mich das halbe Leben - oder das ganze.“ Schmied Sepp, Schmiedemeister aus Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach, heißt eigentlich Josef Mosner

Das ist eine von vielen möglichen Formen von Heimat. In den zurückliegenden zwölf Monaten haben die Leser viele Facetten von ihr kennengelernt. Für die Serie „Angeklopft. Besuche in Ostbayern“ habe ich spontane, unangekündigte Touren in die Region unternommen. Ich habe Menschen dort getroffen, wo sie leben und arbeiten, wo sie schwitzen und diskutieren.

Entstanden sind zwölf Momentaufnahmen verschiedener Leben in Ostbayern. Entstanden sind auch zwölf Geschichten über Heimat – auch wenn das gar nicht die Absicht der Serie war. Ich habe kaum danach gefragt, was Heimat für den Einzelnen bedeutet. Antworten habe ich trotzdem gefunden.

Auf dieser Karte finden Sie alle Orte der "Angeklopft"-Serie. Zu jedem Einzelnen gibt es eine Geschichte: Klicken Sie in der Karte einfach auf einen Ort, um zur zugehörigen Geschichte zu kommen. Alle Reportagen finden Sie auch am Ende dieses Essays unter "Alle Serienteile".

Eine heiße Angelegenheit

In einer Zeit, in der so hitzig wie nie zuvor über Zuwanderung und den Schutz des Eigenen vor dem Fremden gestritten wird; in der ein Heimatministerium eine gespaltene Gesellschaft wieder zusammenkitten will; in der Heimat nicht nur beim Schmied Sepp, sondern in der gesamten öffentlichen Debatte eine heiße Angelegenheit ist – in dieser Zeit hat „Angeklopft“ auch eine Erkenntnis gebracht: Heimaten gibt es nur im Plural.

Ein Minister für die Heimat? CSU-Chef Horst Seehofer war das neue Ressort wichtig, um „Polarisierung zu überwinden“. In der Redaktion der Mittelbayerischen entzweit es aber. Zwei Redakteurinnen liefern sich ein Streitgespräch.

Angeklopft Teil11 Sattelpeilnstein 24
Auf den ersten Blick ist Waltraud Zollner aus Sattelpeilnstein traditionelle Hausfrau. Auf den zweiten ist sie sehr viel mehr: Reisende, Mutter, Oma - und Fürsprecherin der Frauen. Foto: Jana Wolf

Eine davon gehört Waltraud Zollner aus Sattelpeilnstein im Landkreis Cham. Die 73-Jährige ist Hausfrau – und fordert mehr Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Sie hat ihren eigenen Beruf für Ehe und Kindererziehung hinten angestellt – und wünscht sich mehr Chancen für Frauen. Sie hat ihre Tochter weitgehend allein groß gezogen – und plädiert für bessere Betreuungsangebote.

In einer Zeit, in der Frauen Karriere machen können und es trotzdem zu wenige Kita-Plätze gibt; in der die Rollen zwischen Mann und Frau nicht mehr dem starren Regelwerk folgen müssen und Männer trotzdem noch Führungsetagen dominieren – in dieser Zeit kann Heimat auch ein Raum sein, um zu schimpfen. Waltraud Zollner hat sich in ihrem Leben in den Rahmen traditioneller Rollen gefügt. Ausdehnen will sie ihn trotzdem, auch heute noch, im Rentenalter. Heimat kann widersprüchlich sein. Heimat ist auch eine Reibungsfläche.

"Schön gemütlich geht es bei uns zu. Nicht so schnell wie bei den großen Spargelhöfen."
Spargelbauer Karl König aus Elsendorf im Landkreis Kelheim

Familie König hat sich auf ihrem Spargelhof in Elsendorf im Landkreis Kelheim ihr eigenes Reich geschaffen – viel Harmonie, wenig Reibung, so scheint es nach außen. Der Alltag wird vom Spargelanbau bestimmt. Während die großen Spargelbetriebe im Landkreis Kelheim bis zu 100 Hektar Fläche bewirtschaften, begnügen sich Königs mit 0,4 Hektar. Hier geben sie den Takt an und schaffen ein Klima von Gastfreundschaft und Herzlichkeit.

In einer Zeit, in der wirtschaftliches Dauerwachstum und Jahr-für-Jahr-Maximierungen das Ziel sind, kann Heimat bedeuten, dem eigenen Takt zu folgen. Familie König hat sich mit ihrem Spargelgeschäft nicht vom Markt verdrängen lassen, auch wenn der Erlös nicht mächtig ist. Heimat bedeutet auch, König auf dem eigenen Hof zu bleiben.

Heimat nimmt individuelle Gestalt an

Heimat nimmt die Gestalt an, die Menschen ihr geben. Sie ist eng mit der Besonderheit der eigenen Region verknüpft und kann trotzdem innerhalb einer Region verschiedene Ausprägungen haben. So gesehen ist Heimat ein neutraler Begriff, der individuell ausgestaltet wird.

So weit die Theorie. Denn natürlich bleibt der Heimatbegriff keineswegs immer neutral. Das zeigen aktuelle Debatten über Zuwanderung und Identität. Der Begriff wird von Rechtspopulisten und Nationalisten missbraucht, die vorgeben, ein Hoheitswissen darüber zu besitzen, wovor Heimat zu schützen und vor wem sie abzuriegeln sei. Umgekehrt wird der Begriff von Linken vorschnell in die Ecke des Rückwärtsgewandten gestellt. Es wird unterstellt, die Identifikation mit Heimat sei Ausdruck von Konservatismus und sogar Ausgrenzung. Beide Auslegungen, rechts wie links, sind Ausdruck politischer Instrumentalisierung.

Der Begriff „Heimat“ fällt der Propaganda zum Opfer – nicht nur in der Geschichte, auch heute noch.

Susanne Scharnowski, Literaturwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin, forscht zu Heimatvorstellungen in der Geschichte und Gegenwart. In einem Essay beschreibt sie, wie positive Begriffe wie „Zivilisation“, „Gerechtigkeit“ oder „Frieden“ seit dem Ersten Weltkrieg für politische Öffentlichkeitsarbeit herhalten mussten. Die Propaganda legt den Begriff in ihrem Sinne aus. Auch „Heimat“ fällt ihr zum Opfer – nicht nur in der Geschichte, auch heute noch. Das führt den Begriff weg von dem, was Heimat konkret ausmacht.

„In der Zeitung habe ich gelesen, dass Neustadt einen Fährmann sucht. Ich hab mich beworben und Glück gehabt.“ Victor Beisel, Fährmann an der Fähre in Eining im Landkreis Kelheim

Für Victor Beisel bedeutet Heimat, eine Aufgabe zu haben. Der 58-Jährige kam 1994 von Kasachstan nach Deutschland.Seine Aufgabe hat Beisel in Eining im Landkreis Kelheim gefunden. Seit vergangenem Jahr ist er in dem idyllischen Ort an der Donau Fährmann und bringt Ausflügler und Anwohner von einem Flussufer ans andere.Er hat Jahre hinter sich, in denen er verschiedene Jobs durch Stellenabbau verlor. Heute bietet Victor Beisel in Eining die einzige Möglichkeit weit und breit, über den Fluss zu kommen.

In einer Zeit, in der Zuwanderer nur schwer auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen und vor Integrationsproblemen stehen, kann Heimat bedeuten, sich nützlich machen zu können. Heimat bedeutet, gebraucht zu werden.

Ein Raum,um sich Chancen zu erarbeiten

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Arlinda Dugolli hat einen Hauptschulabschluss gemacht. Sie hat sich hochgekämpft - und heute studiert sie Medizinische Informatik in Regensburg. Foto: Jana Wolf

Arlinda Dugolli musste erst herausfinden, wie sie ihre Talente nutzen kann. Die 20-Jährige ist in der Humboldtstraße in Regensburg aufgewachsen, ihre Eltern stammen aus dem Kosovo. Der Straßenzug hat in Regensburg den Ruf als sozialer Brennpunkt – nicht gerade ein Umfeld, in dem die Talente junger Menschen gefördert werden.

Arlinda Dugolli wollte sich mit dem Hauptschulabschluss nicht zufriedengeben. Sie hat sich über die Mittlere Reife an die Fachober- und weiter an die Fachhochschule vorgekämpft. Heimat kann ein Raum sein, in dem man sich Chancen erarbeitet. Heimat kann das Gefühl sein, nach Hause zu kommen und sich dort nicht mehr beweisen zu müssen.

„Heimat“ ist wie ein großer Behälter

Heimat kann bedeuten, nicht fortzugehen. Sie kann erst durch den Verlust an Bedeutung gewinnen. Sie kann wiederentdeckt werden, nachdem man sie verlassen hat. Und man kann zu ihr zurückkehren. All diese Formen sind uns bei der „Angeklopft“-Serie begegnet.

Der Begriff „Heimat“ ist wie ein unendlich großer Behälter. Er umfasst Räume, Orte, Dinge, Verhältnisse, Menschen. Wehe dem, der denkt, es gäbe nur eine davon.

Die Serie

Angeklopft. Besuche in Ostbayern

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Die Serie

Ein Jahr lang erschien einmal pro Monat ein Teil von „Angeklopft. Besuche in Ostbayern“. Die Serie erzählt von unseren Lesern und den Menschen in unserer Region – authentisch und ganz nah dran. Denn es sind die Geschichten hinter den Schlagzeilen, die berühren, überraschen und uns zum Nachdenken bringen.

Alle Serienteile

Teil Juni: Familie König betreibt in Elsendorf den wohl kleinsten Spargelhof der Region. Frau König führt den Hofladen und hütet ein Geheimnis. Hier geht es zur Geschichte: "Der Spargel gibt den Takt an"

Teil Juli: Josef Mosner brennt für das Schmiedehandwerk. Mit seinem Eifer haucht er Kastl im Lauterachtal Leben ein – und das mit 82 Jahren. Hier geht es zur Geschichte: "Feuer und Flamme für Kastl"

Teil August: Lixenried liegt tief im Bayerwald kurz vor der tschechischen Grenze. Verschlafen ist das Leben in dem 600-Seelen-Ort trotzdem nicht. Die Bindung zum Verein ist innig und die Feste wild. Hier geht es zur Geschichte: "Lixenried und die Liebe"

Teil September: Die Geschwister Euringer arbeiten in Paulushofen im Familienbetrieb. Landwirtschaft, Metzgerei und Gasthof bedeuten für sie mehr als nur Arbeit. Hier geht es zur Geschichte: "Vom Stall bis auf den Teller"

Teil Oktober: Michael und Johann Ziereis haben Schwarzhofen einen Bildband gewidmet. Das liebevolle Porträt brachte sie zurück in den Heimatort. Hier geht es zur Geschichte: "Heimat zwischen Buchdeckeln"

Teil November: Michael Rosenbeck hütet einen Schatz - kistenweise goldene Kolben. Er weiß um deren Wert, sein Zwillingsbruder aber rümpft die Nase. Hier geht es zur Geschichte: "Der Mann mit dem Mais"

Teil Dezember: Mitten in Pavelsbach im Landkreis Neumarkt liegt ein Flugzeugwrack. Kaum einer in dem 900-Einwohner-Ort weiß, woher die Maschine kommt. So begann eine Spurensuche. Sie führte ins Flugzeuginnere – und bis nach Taiwan. Hier geht es zur Geschichte: "Die herrenlose Cessna"

Teil Januar: Der Kindergarten in Wald im Landkreis Cham hat eine Waldgruppe ins Leben gerufen. Die „Ameisen“ bauen Hütten und Schaukeln im Wald und lassen sich selbst vom Schnee und Matsch nicht abschrecken. Hier geht es zur Geschichte: "Feuertrunken im Schnee"

Teil Februar: Klosterwirt, Pöppelschneider, Neubeck – so heißen drei der schmuckvollen Lupburger Häuser. Ihre Eigennamen erzählen von alten Zeiten und hinter ihren Mauern finden sich wertvolle Schätze. Hier geht es zur Geschichte: "Namen voller Geheimnisse"

Teil März: Weil die Fähre in Eining nicht fährt, kommt MZ-Reporterin Jana Wolf nicht über den Fluss. Durch Zufall trifft sie den Fährmann und den Biergartenwirt. Sie erzählen offenherzig, was den Ort speziell und ihren Job einzigartig macht. Hier geht es zur Geschichte: "Glück am Donauufer"

Teil April: Auf den ersten Blick ist Waltraud Zollner aus Sattelpeilnstein traditionelle Hausfrau. Auf den zweiten ist sie sehr viel mehr: Auswandererin und Heimkehrerin – und beharrliche Fürsprecherin der Frauen. Hier geht es zur Geschichte: "Standfest im Wald"

Teil Mai: Die Humboldtstraße gilt als sozialer Brennpunkt. „Assiviertel“, sagen böse Zungen. Obwohl sich die Gegend zum Guten verändert hat, bleibt das Vorurteil haften. Das wissen diejenigen, die dort wohnen, am allerbesten. Hier geht es zur Geschichte: "In der Bronx von Regensburg"

Die Autorin

Für die Serie hat MZ-Redakteurin Jana Wolf ein Jahr lang Touren in der Region unternommen. Sie hatte keinen Rechercheplan oder vorgefertigte Fragen dabei, sondern ließ sich von dem leiten, was ihr vor Ort begegnet – spontan und ein bisschen wagemutig. Im Mai 2018, nach genau zwölf Touren, ist die Serie vorerst beendet. Spätestens jetzt ist klar: Die Menschen im MZ-Gebiet haben viel zu erzählen.

Text und digitale Gestaltung: Jana Wolf

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