Angeklopft Teil 10 Eining 27

Angeklopft.

Glück am Donauufer

Weil die Fähre in Eining nicht fährt, kommt MZ-Reporterin Jana Wolf nicht über den Fluss. Durch Zufall trifft sie den Fährmann und den Biergartenwirt. Sie erzählen offenherzig, was den Ort speziell und ihren Job einzigartig macht.

Das Navigationssystem führt den ortsunkundigen Fahrer manchmal an sonderbare Orte. In enge Gässchen in der Regensburger Altstadt zum Beispiel, durch die nicht einmal der schlankste Wagen passt. Oder zum Schloss Neuschwanstein, wo man doch eigentlich nach Augsburg will – so sorgte kürzlich eine Touristin für Schlagzeilen. Oder aber das Navi führt MZ-Reporter mitten in die Idylle. So kam es: Auf dem Weg nach Hienheim an der Fähranlegestelle in Eining im Landkreis Kelheim gestrandet, fährt die Fähre nicht. Keine Brücke weit und breit. Die Fähre nimmt erst ab Karfreitag nach der Winterpause wieder den Betrieb auf. Aus dem Ärger über die Navi-Technik aber wird schnell eine glückliche Begegnung.

Victor Beisel hat sich eine große Schneeschaufel geschnappt und schippt den Winter von der Fähre. Mit seiner neongelben Arbeitsjacke und orangen Hose leuchtet der Fährmann schon aus der Ferne. Kommt man näher, strahlt er über das ganze Gesicht.

„Hoffentlich wird der Sommer schön, dann kommen viele Gäste“, sagt er – mitten im winterlichen März. Victor Beisel, Fährmann an der Fähre in Eining

Die Kälte kann ihm nichts anhaben

Victor Beisel lacht viel und laut und mit dem ganzen Körper. Gut eineinhalb Wochen hat er noch, bis er Ausflügler und Anwohner wieder trocken ans andere Donauufer transportieren wird. Von Temperaturen, die zum Wandern, Rad- oder Motorfahren einladen, ist nicht viel zu spüren. Die Kälte aber kann Victor Beisel nichts anhaben. Er stammt aus dem Norden Kasachstans, nahe der sibirischen Grenze. Nur der Wind, der kann dem Fährmann was. „Ab einem Wind mit 15 bis 20 Meter pro Sekunde kann ich nicht mehr fahren“, sagt er. Das Seil, an dem sein Gefährt über den Fluss geführt wird, könnte sich verheddern und zum Kentern führen. Außerdem würde die Strömung zu stark.

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1994 kam Victor Beisel mit seiner Frau und seinem Sohn nach Deutschland. Acht Jahre arbeitete er in Sachsen als Arbeiter im Tiefbau. Nachdem er die Stelle wegen Jobkürzungen verlor, schulte er zum Tischler um, fand in Ostdeutschland aber keinen Job und zog mit seiner Familie nach Bayern – von Neustadt in Sachsen nach Neustadt an der Donau. Nach weiteren acht Jahren als Leiharbeiter bei BMW mit knappem Lohn fiel seine Anstellung der Finanzkrise zum Opfer. Es folgte eine dreijährige Befristung bei einem Automobilzulieferer – tja, und dann?

„In der Zeitung habe ich gelesen, dass Neustadt einen Fährmann sucht“, sagt der 58-Jährige. „Ich hab mich beworben und Glück gehabt.“ Ein lautes, offenes Lachen. Seit vergangenem Jahr ist Victor Beisel nun bei der Stadt Neustadt angestellt und tut zwischen März und Oktober an der Donau seine Dienste. Den Winter über arbeitet er im Bauhof. „Es gefällt mir. Im Sommer hat man hier Sonne, Wasser, frische Luft. Was will man mehr?“, sagt er. „Herrlich!“

In diesem 360-Grad-Bild können Sie sich am Donauufer in Eining umschauen. Ziehen Sie den Bildausschnitt mit der Maus einfach in eine beliebige Richtung: 

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Das beste Radler in ganz Bayern

Und dann gibt es noch einen anderen Grund, der die Arbeit hier so gut erträglich macht: das beste Radler in ganz Bayern. Schenkt man Victor Beisel Glauben, gibt es das nämlich im Biergarten „An der Fähre“ bei Wirt Werner Draxler. Der kommt aus dem Schankbereich nach draußen in den Schnee, ganz in Schwarz gekleidet, legt die Stirn in Falten und mustert den unangekündigten Besucher mit einer gewissen Skepsis. 

Dass jemand über den Fluss will und vor verschlossener Fährschranke steht, das kommt öfter vor. Draxler schmunzelt, mal wieder ein Irrfahrer vor der Tür. Seltener ist, dass ein Besucher auf ein spontanes Gespräch hier bleibt, obwohl Fähre und Biergarten noch geschlossen haben. Auch der Wirt nimmt erst am Karfreitag wieder den Betrieb auf. 

Werner Draxler bittet schon jetzt freundlich herein. Im Inneren​​: alles über und über in Bayern-Farben.

Die Tischdecken weiß-blau kariert, die weißen Tischlichter stecken in blauem Dekosand, Lampions und Fähnchen an der Decke farblich passend. Selbst die Speisekarte an der Essensausgabe: blau auf weiß.

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    Herr unter freiem Himmel: Werner Draxler hat den Biergarten 2016 übernommen. Foto: Jana Wolf
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    Idyll in weiß-blau: Der Biergarten „An der Fähre in Eining“ erwartet hungrige Ausflügler oder wartende Fährgäste mit bayerischer Kost. Foto: Jana Wolf
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    Die Plätze direkt am Fluss sind die begehrtesten, sagt der Wirt. Foto: Jana Wolf
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    Rauschende Feste: Im vergangenen Sommer ließen es sich Hunderte Hochzeitsgäste im Biergarten an der Donau gut gehen. Foto: Draxler

Werner Draxler hat den Biergarten 2016 übernommen. Bis dahin stand er 15 Jahre als Aushilfe hinter der Theke. Jetzt ist er der Herr im Haus, besser: der Herr unter freiem Himmel. 400 bis 500 Gäste haben Platz im Biergarten, wenn Draxler alle Biertische aufbaut. „Es ist öfter voll besetzt“, sagt der 62-Jährige. Auch er fiebert auf die warme Jahreszeit hin. „Im Sommer, wenn alles schön grün ist und die Bäume blühen, dann ist das schon super hier“, sagt er und wieder entwischt ihm ein Schmunzeln. „Die Leute wollen alle am Wasser sitzen.“

Das Wasser kann aber auch garstig sein. Wenn der Fluss unaufhaltsam über die Ufer steigt und dem Wirt nichts anderes mehr bleibt als so schnell wie möglich Bänke, Tische und Geräte in Sicherheit zu bringen. Am 20. Januar war es zuletzt so weit, gut einen Meter hoch stand die Donau an der Theke. Es gibt diese kritische Marke: Wenn in Ingolstadt die Donau bei 3,60 Meter steht, bleiben Werner Draxler vier Stunden Zeit. Dann kommt die Flut.

In Video erzählen Wirt Werner Draxler und Fährmann Victor Beisel, was diesen Ort für sie besonders macht: 

Herzensprojekt für den Ruhestand

Der unkontrollierbaren Naturgewalt zum Trotz: „An der Fähre“ ist Draxlers Herzensprojekt für den Ruhestand. Ein Jahr hat er noch in seinem eigentlichen Beruf – er arbeitet für die Spenglerei Duscher in Neustadt auf dem Bau. Bisher ist er tagsüber als Dachdecker und Installateur unterwegs, nach Feierabend schlüpft er in die Rolle des Wirts. Doch nächstes Jahr ist damit Schluss und er kann sich voll und ganz dem Biergarten und seinen Gästen widmen.

Am Karfreitag zum Beispiel, dann gibt es frische Forellen im Biergarten. Der überdachte Bereich mit den Heizpilzen könnte schon voll werden, meint Draxler. 90 bis 100 Leute haben hier Platz. Der Wirt ist gewappnet.

Auf dieser Karte sehen Sie, wo genau Eining liegt. Wenn Sie herauszoomen und den Kartenausschnitt vergrößern, sehen Sie alle Orte der Serie. Zu jedem Einzelnen gibt es eine Angeklopft-Geschichte, die Sie ganz am Ende des Textes unter "Alle Serienteile" finden.

Neben gebratenen Forellen tischt er Saiblinge, Bratwürste, Sulzen oder Käse auf – eine lange Liste mit bayerischer Kost erwartet hungrige Ausflügler oder wartende Fährgäste. Und dann gibt es auch die rauschenden Feste, wie eine Hochzeit im vergangenen Sommer. Ein paar Hundert Hochzeitsgäste haben es sich unter sattgrünen Bäumen am Donauufer gut gehen lassen. Die Deko dazu: alles in weiß-pink. Die Tischdecken, die Blümchen auf den Bierbänken, die Lampions unter dem Zeltdach.

Die Kehrseite von solchen rauschenden Festen bekommt manchmal der Fährmann zu spüren. Denn ähnlich gefährlich wie Wind und Gewitter können auf der Fähre die Bierfreunde sein. „Bei den Besoffenen muss man auch gut aufpassen“, sagt Victor Beisel. „Aber so ist das Leben. Der Gast hat immer recht.“ Er lacht laut und ausgelassen. Und schaut hinüber ans andere Ufer, Richtung Hienheim. Gern hätte er den verirrten Besucher hinüberkutschiert. Im Sommer dann. Wie gut, dass es Navis gibt.

Die Serie

Angeklopft. Besuche in Ostbayern

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Die Serie

Einmal im Monat erscheint ein neuer Beitrag von „Angeklopft. Besuche in Ostbayern“. Die Serie erzählt von unseren Lesern und den Menschen in unserer Region – authentisch und ganz nah dran. Denn es sind die Geschichten hinter den Schlagzeilen, die berühren, überraschen und uns zum Nachdenken bringen.

Alle Serienteile

Teil Juni: Familie König betreibt in Elsendorf den wohl kleinsten Spargelhof der Region. Frau König führt den Hofladen und hütet ein Geheimnis. Hier geht es zur Geschichte: "Der Spargel gibt den Takt an"

Teil Juli: Josef Mosner brennt für das Schmiedehandwerk. Mit seinem Eifer haucht er Kastl im Lauterachtal Leben ein – und das mit 82 Jahren. Hier geht es zur Geschichte: "Feuer und Flamme für Kastl"

Teil August: Lixenried liegt tief im Bayerwald kurz vor der tschechischen Grenze. Verschlafen ist das Leben in dem 600-Seelen-Ort trotzdem nicht. Die Bindung zum Verein ist innig und die Feste wild. Hier geht es zur Geschichte: "Lixenried und die Liebe"

Teil September: Die Geschwister Euringer arbeiten in Paulushofen im Familienbetrieb. Landwirtschaft, Metzgerei und Gasthof bedeuten für sie mehr als nur Arbeit. Hier geht es zur Geschichte: "Vom Stall bis auf den Teller"

Teil Oktober: Michael und Johann Ziereis haben Schwarzhofen einen Bildband gewidmet. Das liebevolle Porträt brachte sie zurück in den Heimatort. Hier geht es zur Geschichte: "Heimat zwischen Buchdeckeln"

Teil November: Michael Rosenbeck hütet einen Schatz - kistenweise goldene Kolben. Er weiß um deren Wert, sein Zwillingsbruder aber rümpft die Nase. Hier geht es zur Geschichte: "Der Mann mit dem Mais"

Teil Dezember: Mitten in Pavelsbach im Landkreis Neumarkt liegt ein Flugzeugwrack. Kaum einer in dem 900-Einwohner-Ort weiß, woher die Maschine kommt. So begann eine Spurensuche. Sie führte ins Flugzeuginnere – und bis nach Taiwan. Hier geht es zur Geschichte: "Die herrenlose Cessna"

Teil Januar: Der Kindergarten in Wald im Landkreis Cham hat eine Waldgruppe ins Leben gerufen. Die „Ameisen“ bauen Hütten und Schaukeln im Wald und lassen sich selbst vom Schnee und Matsch nicht abschrecken. Hier geht es zur Geschichte: "Feuertrunken im Schnee"

Teil Februar: Klosterwirt, Pöppelschneider, Neubeck – so heißen drei der schmuckvollen Lupburger Häuser. Ihre Eigennamen erzählen von alten Zeiten und hinter ihren Mauern finden sich wertvolle Schätze. Hier geht es zur Geschichte: "Namen voller Geheimnisse"

Die Autorin

Für die  Serie fährt MZ-Redakteurin Jana Wolf raus in die Region. Sie hat keinen Rechercheplan oder vorgefertigte Fragen dabei, sondern lässt sich von dem leiten, was ihr vor Ort begegnet – spontan und ein bisschen wagemutig. Sie will die Menschen im MZ-Gebiet zum Reden bringen. Denn sie ist sicher: Sie haben viel zu erzählen.

Bilder und digitale Gestaltung: Jana Wolf

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