Angeklopft Elsendorf 20
Auf dem Hof werden die Stangen gewaschen und per Hand von rot-braunen Flecken befreit. Foto: Jana Wolf

Elsendorf

Der Spargel gibt den Takt an

Familie König betreibt in Elsendorf den wohl kleinsten Spargelhof der Region. Frau König führt den Hofladen und hütet ein Geheimnis.

Die Wärme lockte den Spargel dieses Jahr früh aus dem Boden. Die weißen Spitzen drückten sich Anfang April schon aus der sandigen Erde und spitzen neugierig nach draußen. Die grünen Stangen, die über der Erde wachsen, reckten sich mit ihren schuppigen Köpfen Richtung Sonne. Fast so, als wollten sie dem Frühling imponieren. Doch dann kam Mitte April die Kälte. Der Weiße zog den Kopf ein und wuchs kaum noch. Den Grünen erwischte es in seiner ganzen Pracht und er erfror. Jetzt liegen die Stangen braun und verrunzelt auf dem Feld in Elsendorf im südlichen Landkreis Kelheim herum. „Ich geh nicht aufs Feld. Ich müsste weinen, wenn ich das sehe“, sagt Elfriede König. Die 72-jährige Elsendorferin hat 40 Jahre Erfahrung im Spargelanbau. Sie weiß, dass das Wetter dem Spargel übel mitspielen kann. Aber mitanschauen kann sie es nicht.

Elfriede König und ihr Mann Karl betreiben den einzigen Spargelhof in Elsendorf – und wohl den kleinsten in der ganzen Region. Auf 0,4 Hektar Feld ziehen sie den Spargel groß, hegen und pflegen ihn in den schmalen, erhabenden Ackerbeeten, den sogenannten Bifängen. Wenn es kühl ist, deckt Karl König das Erdbett mit einer schwarzen Folie ab. Sie zieht die Wärme an. Wenn es dem Spargel zu warm wird, dreht er die weiße Seite der Folie nach oben. Sie hält die Wärme ab. Der 78-Jährige tut alles, um es seinen weißen und grünen Sprösslingen recht zu machen. Schließlich hängt von deren Gedeihen das eigene Geschäft ab.

  • Angeklopft Elsendorf 17
    Karl König deckt die Ackerbeete mit schwarzer Folie ab, die die Wärme anzieht. Darunter spitzten der weiße Spargel aus der Erde. Foto: Jana Wolf
  • Angeklopft Elsendorf 21
    Erntehelfer Gregor Kowalski sticht die reifen Stangen aus der Erde. Foto: Jana Wolf
  • Angeklopft Elsendorf 18
    Verkauft wird der Spargel direkt ab Hof, im kleinen Hofladen der Familie König. Foto: Jana Wolf
  • Angeklopft Elsendorf 24
    Gelbe Schilder weisen im Ort den Weg zum Spargelhof König, der am Ende einer kleinen Sackgasse liegt. Foto: Jana Wolf
  • Angeklopft Elsendorf 26
    Auf dem Hof im Haus neben den Großeltern lebt auch die beiden Enkelkinder Anna-Lena und Tobias, die Kinder des Sohnes Karl. Foto: Jana Wolf

Das Herzstück des Spargelhofes

Das Geschäft spielt sich im kleinen Hofladen ab, dem Herzstück des Hofes. Elfriede König hat den Laden fest im Griff. Wenn ein Auto knarzend über den Schotter in die Hofeinfahrt rollt, steht sie schon bereit. Sie lacht den Kunden entgegen und fängt offenherzig an zu erzählen: Von der schwierigen Ernte dieses Jahr und von ihren Söhnen Karl und Helmut, die auch in Elsendorf leben und der Stolz der Eltern sind, und vom neunjährigen Enkel Moritz, der Anfang Mai seine Erstkommunion feierte. Elfriede König erzählt ihren Kunden alles, was ihr auf dem Herzen liegt. Die Geschichten gehen der 72-Jährigen nie aus. Dann reicht sie den Spargel in Tüten verpackt über den Tresen. Es sind nicht nur Geschmack und Qualität, die die Kunden bis von Regensburg und sogar von München in den 2100-Einwohner-Ort locken. Es ist auch Elfriede Königs Herzenswärme, die anzieht, wie die Sonne den Spargel.

Auf unserer Karte sehen Sie, wo der 2100-Einwohner-Ort Elsendorf im Landkreis Kelheim genau liegt.

Dabei ist der Weg nicht der nächste. Der Spargelhof liegt am Ende der Glaserstraße, einer schmalen Sackgasse in Elsendorf. Gleich hinter dem Anwesen beginnen die Wiesen und der kleine Fluss Abens schlängelt sich durch die sattgrüne Landschaft. „Schön gemütlich geht es bei uns zu. Nicht so schnell wie bei den großen Spargelhöfen“, sagt Karl König und meint die Betriebe im Abensberger Anbaugebiet im Landkreis Kelheim. Während die Abensberger Höfe bis zu 100 Hektar Fläche bewirtschaften, sind es bei der Elsendorfer Familie gerade einmal 0,4 Hektar. Doch obwohl es bei Königs klein und beschaulich ist, hat die Gemütlichkeit doch einen schnellen Rhythmus. 

Schön gemütlich geht es bei uns zu. Nicht so schnell wie bei den großen Spargelhöfen. Spargelbauer Karl König

Mit flinken Handbewegungen schwingen Elfriede und Karl König scharfe Messerklingen über die Spargelstangen. Die Technik haben sie über Jahre verinnerlicht, jeder Schnitt sitzt perfekt ohne hinzusehen. Sie ziehen hauchdünne Streifen Schale vom Spargel ab. Der Kälteeinbruch hat rostige Flecken auf den weißen Stangen hinterlassen. Sie tun der Qualität zwar keinen Abbruch. Der Schönheit aber schon. Und die Spargelbauern wissen, dass das manchen Kunden nicht gefällt. Deswegen entfernen sie die rot-braunen Stellen. Wenn der Spargel geputzt ist, wird er in der Kühlmaschine bei ein bis zwei Grad Celsius schockgefroren, damit er frisch bleibt und nicht lila-blau anläuft. Waschen, putzen, kühlen, verkaufen – der Spargel hält das alte Ehepaar auf Trab.

Erst die Arbeit, dann der Kaffee

Selbst bei Familienfeiern gibt der Spargel den Takt an, so wie bei der Kommunion des Enkels Moritz Anfang Mai. Nach dem Gottesdienst ging es für die Großeltern direkt ans Spargelwaschen. Schließlich mussten die frischen Stangen verkaufsfertig gemacht werden. Bei Königs bleibt der Spargel nie lange liegen. Meistens wird er schon zehn Minuten, nachdem er aus der Erde kommt, verkauft, sagt Elfriede König und muss selbst über ihre großspurige Übertreibung lachen. Doch man sieht es ihr nach: Sie ist nicht eitel. Es ist ehrliche Begeisterung für das Spargelgeschäft. Bei der Kommunionsfeier gesellten sich Elfriede und Karl König erst nach getaner Arbeit zum Kaffee trinken wieder zur Familie. 

Im Video erzählen Karl und Elfriede König vom Spargelanbau und warum die Arbeit sie jung hält: 

Nur auf dem Feld erledigt das Ehepaar die Arbeit nicht mehr mit eigenen Händen. Es ist Gregor Kowalskis Revier. Der polnische Erntehelfer kommt jedes Jahr in der Spargelzeit von Anfang April bis 24. Juni zu Königs nach Elsendorf – und das seit fast zwei Jahrzehnten. Jeden Tag gehen in dem kleinen Hofladen rund 50 Kilogramm Spargel über den Tresen, die Kowalski aus der Erde sticht – an schlechten Tagen sind es nur rund zehn Kilo. 

Angeklopft Elsendorf 31
Erntehelfer Gregor Kowalski (l.) lebt während der Spargelsaison von Anfang April bis 24. Juni bei Familie König in Elsendorf. Foto: Jana Wolf

Während der Saisonsarbeit wohnt der 47-Jährige, den das Ehepaar König nur „unseren Polen“ nennt, im Haus der Familie. Nachmittags sitzt er mit der Familie zu Kaffee und Kuchen auf der Terrasse, abends gemeinsam mit Karl König vor dem Fernseher. Und mittags kocht Elfriede König für die ganze Familie – Spargel natürlich. Fragt man sie nach guten Rezepten, dann sprudelt es wieder aus ihr heraus. Sie erzählt von Spargelomelette mit Kräutern und gekochten Spargelspitzen. Von Spargelgemüse, das sie mit Sahne abschmeckt und dazu Würstl und frische Brezen serviert. Von Spargelsuppe mit Backerbsen und von verschiedenen Spargelaufläufen. Am Wochenende gibt es den Spargel mit dem feinen Backschicken aus der Elsendorfer Metzgerei Bösl, Bratkartoffeln und einer kräftigen Sauce Béarnaise.

Die Freude, wenn es allen schmeckt

Zum Essen kommen alle zusammen: Das Ehepaar und Erntehelfer Gregor und die Enkelkinder Anna-Lena und Tobias, die Kinder des Sohnes Karl, die auf dem Hof im Haus neben den Großeltern leben. „Es ist so schön mit anzuschauen, wenn es ihnen schmeckt“, sagt Elfriede König und ihre Augen werden ein bisschen glasig vor lauter Freude.

Es ist so schön mit anzuschauen, wenn es ihnen schmeckt. Spargelbäuerin Elfriede König

Dann lehnt sie sich nach vorne und wird zum ersten Mal ganz leise. Sie flüstert: „Wissen Sie was? Ich mag den Spargel gar nicht.“ Der Geschmack, dieser herbe mit dem säuerlichen Aroma, der ist nicht das ihre. Wenn es Suppe gibt, lässt sie die Spargelstücke nach unten sinken und schöpft nur den Sud oben ab, verrät sie. Am liebsten verzichtet sie ganz auf den Spargel. So bleibt am Ende mehr für die Familie und die Kunden übrig. Dann ist Elfriede König schon wieder in den Hofladen verschwunden. Ein Auto rollt heran.

​Die Serie

Angeklopft. Besuche in Ostbayern

Alle öffnen
Alle schließen

Die Serie

Einmal im Monat erscheint ein neuer Beitrag von „Angeklopft. Besuche in Ostbayern“. Die Serie erzählt von unseren Lesern und den Menschen in unserer Region – authentisch und ganz nah dran. Denn es sind die Geschichten hinter den Schlagzeilen, die berühren, überraschen und uns zum Nachdenken bringen.

Die Autorin

Für die neue Serie fährt MZ-Redakteurin Jana Wolf raus in die Region. Sie hat keinen Rechercheplan dabei, sondern lässt sich von dem leiten, was ihr vor Ort begegnet – spontan und ein bisschen wagemutig. Sie will die Menschen im MZ-Gebiet zum Reden bringen. Denn sie ist sicher: Sie haben viel zu erzählen.

Der nächste Serienteil

Die nächste Tour für den Monat Juli führt die MZ-Redakteurin Jana Wolf nach Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach. Sie trifft dort auf einen alten Schmied, der dem Ort mit seinem Feuereifer Leben einhaucht.

Teilen